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Cecilia A. Essau, Judith Conradt: Aggression bei Kindern und Jugendlichen

Cover Cecilia A. Essau, Judith Conradt: Aggression bei Kindern und Jugendlichen. UTB (Stuttgart) 2004. 280 Seiten. ISBN 978-3-8252-2602-2. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.

Reihe: UTB M (Medium-Format).
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Einführung in die Themenstellung

Die grundlegende Fähigkeit und Bereitschaft zum Einhalten sozialer Regeln und Distanzen ist eine Basisvariable menschlichen Zusammenlebens. Die Auseinandersetzung mit regelwidrigem Sozialverhalten ist in unserer Gesellschaft nicht nur Erziehungspersonen, Polizei und Justiz überantwortet, sondern auch dem System der Psychiatrie und Psychotherapie, insbesondere für Kinder- und Jugendliche. Regelwidriges Sozialverhalten eines Kindes oder Jugendlichen bildet den häufigsten Anlass zur Kontaktaufnahme mit entsprechenden Behandlungsstellen. In bestimmten Fällen wird dabei die Diagnose einer Störung des Sozialverhaltens vergeben. Gefordert wird für diese Diagnose gemäß dem International Code of Disease ICD-10 eine wiederholte oder sehr schwere Verletzung sozialer Normen, die nicht Folge anderer psychischer Störungen sein darf. Aggressives Problemverhalten kann als unspezifisches Symptom zahlreicher psychischer Störungen und Belastungszustände auftreten, oft ist die erhöhte Aggressionsbereitschaft als Ausdruck sozio-emotionaler Überforderung zu verstehen und zu behandeln. Als Störungen des Sozialverhaltens im Sinn des ICD-10 sind nur jene Formen aggressiven Problemverhaltens zu diagnostizieren, die durch ein "sich , wiederholendes und anhaltendes Muster dissozialen, aggressiven und aufsässigen Verhaltens" charakterisiert sind.

Entstehungshintergrund des Buches

Die Veröffentlichung bildet eine Reihe mit den beiden Büchern "Depression bei Kindern und Jugendlichen" (vgl. die Rezension) und "Angst bei Kindern und Jugendlichen" (vgl. die Rezension), die von Cecilia Essau im gleichen Verlag erschienen sind. Allerdings scheint der Titel des vorliegenden Buches etwas unglücklich gewählt, da die Ausführungen vorwiegend auf Störungen des Sozialverhaltens im Sinne des ICD zentriert sind, und andere Formen aggressiven Problemverhaltens eher am Rande berücksichtigt werden.

Die beiden Autorinnen des Buches sind Psychologinnen. Cecilia A. Essau lehrt als Professorin Entwicklungspsychopathologie in London, Judith Conradt ist als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Münster tätig, dort arbeitete sie unter anderem zusammen mit Essau an einer Vergleichsstudie zu gestörtem Sozialverhalten.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist wie die beiden vorangegangenen Bände in drei große Abschnitte gegliedert,

  • Merkmale der Störung
  • Theorien und Risikofaktoren
  • Psychologische Intervention und Prävention.

Der erste Abschnitt "Merkmale der Aggression, Störung des Sozialverhaltens, Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten" ist der umfangreichste und nimmt etwa die Hälfte des Buches ein. Eingangs erfolgt eine Abgrenzung verschiedener Typen aggressiven Verhaltens. Die dabei gewählte Definition von Aggression als "ein Verhalten, hinter dem die Absicht steht, einer anderen Person Schaden zuzufügen oder ein Objekt zu zerstören", legt den Gegenstandsbereich des Buches auf Formen antisozialen, feindlichen Sozialverhaltens fest; expressive Formen von "Überforderungsaggression" werden durch die Definition nicht erfasst.

Die weiteren Darlegungen des sehr materialreichen Einführungskapitels gehen ein auf

  • Typische Auftrittsformen antisozialen Verhaltens,
  • Kriterien der diagnostischen Beurteilung,
  • Auftrittshäufigkeiten in der Bevölkerung,
  • Häufige komorbid auftretende psychische Störungen,
  • Typische Störungsverläufe und Verlaufsprädiktoren.

Der zweite Abschnitt des Buches referiert in sehr knapper Form wichtige Erklärungsansätze zum antisozialen Verhalten; am ausführlichsten wird dabei auf die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung von Crick & Dodge eingegangen. Auch die Auseinandersetzung mit vorliegenden Befunden zu der Frage, welche Faktoren das Auftrittsrisiko störungswertigen Sozialverhaltens vermutlich erhöhen, erfolgt in sehr gedrängter Form, deckt aber ein breites Spektrum möglicher Risikofaktoren ab.

Im dritten Abschnitt "Psychologische Intervention und Prävention" wird kurz auf die Behandlungsmethode des Kontingenz-Management eingegangen, die auf dem Prinzip des operanten Lernens aufbaut. Ausführlicher dargestellt werden familienbezogene Ansätze, die auf kognitive, operante und modellbezogene Lernprozesse abzielen. Das Kapitel geht daneben auf Ansätze zum Training sozialer Kompetenzen ein und unterscheidet verschiedene Komponenten dieser komplexen kognitiv-sozio-emotionalen Fähigkeit. Als Beispiel eines deutschsprachigen Behandlungsprogramms wird das "Training mit aggressiven Kindern" von Petermann & Petermann kurz vorgestellt. Bei der Beschreibung vorliegender Präventionsansätze wird ebenfalls auf ein deutschsprachiges Programm eingegangen, dargestellt wird das Gewaltpräventionsprogramm "Faustlos" von Cierpka.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch trägt viel Information zum antisozialen Problemverhalten im Kindes und Jugendalter zusammen und kann Studenten, aber auch Praktikern in Pädagogik, Psychologie und Psychiatrie als Einführung in die Problematik dienen. Gewonnen hätte das Buch durch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit typischen Erlebensstrukturen dissozialer Jugendlicher. Für Praktiker wäre eine stärkere Einbeziehung deutschsprachiger Studien und Behandlungsprogramme wünschenswert gewesen.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 19.04.2005 zu: Cecilia A. Essau, Judith Conradt: Aggression bei Kindern und Jugendlichen. UTB (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-8252-2602-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1831.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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