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Sarah Zierul: Billig.Billiger.Banane

Cover Sarah Zierul: Billig.Billiger.Banane. Wie unsere Supermärkte die Welt verramschen. oekom Verlag (München) 2015. 256 Seiten. ISBN 978-3-86581-709-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Bananen sind vor allem für deutsche Konsumenten und damit für die Discounter, die inzwischen fast 90 Prozent des Lebensmittelmarkts beherrschen, eine wichtige Südfrucht. Den Supermärkten gelten sie als „Eck- oder Leitartikel“ im Sortiment, wobei Aussehen und Preis bestimmend sind. Der Unterbietungswettbewerb der Oligopole verhindert eine Anhebung sozialer und ökologischer Standards auf den Plantagen. Die Autorin hat verschiedene Stationen der Lieferkette aufgesucht und als Journalistin dort recherchiert. Sie hat Arbeiter und Plantagenmanager, Importeure und Großhändler, Wissenschaftler/innen und Gewerkschaftler/innen, Branchenkenner und Mitarbeiter von Umweltorganisationen zwei Jahre lang begleitet.

Autorin

Sarah Zierul ist eine Wissenschaftsjournalistin und Dokumentarfilmerin, die bereits mehrere Preise für ihre Arbeit verbuchen kann, wie der Klappentext verrät.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau ist nicht von einer inhaltlichen Systematik geleitet. Mit wechselnden Schauplätzen und Gesprächspartnern und -partnerinnen werden teilweise die gleichen Themenaspekte an verschiedenen Stellen aufgegriffen. Die Vf. beginnt ihre Erkundungen in Supermärkten mit der Frage nach dem Preis für Bananen (B.), informiert sich dann im Hafen von Antwerpen, einer wichtigen Station der Lieferkette, nach Herkunftsländern, Transport und Lagerung und sieht sich später auf einer Plantage in Costa Rica um, wo sie die dortigen Arbeitsbedingungen und die Folgen des Anbaus für die Umwelt zum ersten Mal anschneidet. Costa Rica ist für sie offenbar eine bevorzugte Untersuchungsregion gewesen. Das Kapitel „Hundert Jahre Ausbeutung“ mit einem historischen Rückblick auf die Produktion von B. in den sprichwörtlichen „Bananenrepubliken“ unterbricht die Berichte von Besuchen und Gesprächen über die aktuelle Situation. Im Folgenden soll der Inhalt stärker nach systematischen Gesichtspunkten skizziert werden.

Der Leser, die Leserin erfährt, dass Lateinamerika nach wie vor die Hauptexportregion für B. ist und dass drei Konzerne den Markt beherrschen, nämlich Dole Food Company, Del Monte Foods und Chiquita, hervorgegangen aus der berüchtigten United Fruit Company. Die Größenordnung der drei bewegt sich zwischen 20.000 und 46.000 Angestellten und einem Umsatz zwischen 3,1 und 4,2 Mrd. Dollar Umsatz. Die Importe gehen vor allem in die USA und nach Europa, speziell nach Deutschland, wo die Discounter und Supermarktketten die Qualitätsmaßstäbe und den Preis für B. bestimmen. Die EU-Kommission hat, wie die Vf. berichtet, diesen Qualitätsmaßstäben in einer Bananenverordnung das amtliche Siegel verliehen. Dort wird zum Beispiel die Länge vorgeschrieben. Soziale und ökologische Standards für Produktion und Transport sucht man dagegen vergebens.

Dabei sind die Arbeitsbedingungen auf vielen Plantagen nach den Erfahrungen der Vf. nach wie vor äußerst schlecht (unbezahlte Überstunden, keine Sozialabgaben, keine Arbeitnehmervertretung), wenn auch bei weitem nicht mehr so schlimm wie in der Vergangenheit, als Arbeiter z.B. mit dem Truck-System doppelt ausgebeutet wurden. Problematisch sei die Arbeitssituation vor allem auf den unkontrollierten Plantagen, so Zierul. Ein generelles Problem ist aber die Gesundheitsgefährdung der Arbeiter/innen und ihrer Familien durch den großzügigen Einsatz von Pestiziden. Pestizide, Kunstdünger und Plastik führen auch zu einer grandiosen Umweltverschmutzung, vor allem zur Vergiftung von Gewässern, wie die Vf. an Beispielen zeigt.

Sie registriert aber auch Fortschritte, unter anderem in Gesprächen mit Vertretern der Rainforest Alliance, die nach Vereinbarung mit Betrieben ökologische, aber auch soziale Standards (z.B. Schutzkleidung) überwachen (78ff.). Die gegebenenfalls verliehenen Zertifikate sollen einen Anreiz für die Einhaltung entsprechender Standards bilden. Die Vf. hat auch zwei Plantagen mit nachhaltiger B.-Produktion aufgesucht, eine, betrieben von einem deutschen Emigranten, und eine, die einer Privathochschule angehört. Der höhere Aufwand und die Kostenintensität rechtfertigen für sie einen höheren Preis.

Das Problem ist „die enorme Nachfragemacht“ der Discounter und Supermarktketten (117), die als Oligopole auf dem Lebensmittelmarkt den Anbietern die Preise diktieren können. Auch Bio-B. werden inzwischen zu Dumping-Preisen gehandelt (128), was Bio für die Produzenten unwirtschaftlich macht. Von dem Preis für ein Kilo B. beanspruchen die Discounter ein Drittel für sich. Der Arbeitslohn schlägt mit höchstens drei bis vier Prozent zu Buche (176). Auch hier zeigt die Vf. wieder Alternativen auf mit der Vorstellung eine niederländische Kette, die ausschließlich Fairtrade-B. in ihrem Angebot hat.

„Das Desinteresse der Politik“ (181ff.) hat die Vf. enttäuscht. Hatte sie schon Schwierigkeiten, Gesprächspartner zu finden, so waren deren Antworten ausweichend. Eine EU-Richtlinie, die für Konzerne lediglich eine Auskunftspflicht über soziale und ökologische Standards vorsieht, wurde ohne Zustimmung von deutscher Seite verabschiedet. Die von den Discountern auf ihren Websites hervorgehobene Unternehmensverantwortung dient weitgehend nur der Imagepflege. Am meisten verspricht sich Zierul anscheinend noch von der gemeinsamen Initiative verschiedener NGOs und Gewerkschaften gegen „Supermarktmacht“ oder von dem World Banana Forum bei der FAO der UNO (199).

Im Übrigen setzt sie, wenn auch nicht ohne Skepsis, auf die Macht und Vernunft der Verbraucher, weshalb sie am Schluss als „Einkaufsratgeber“ einen Überblick über Bio- und Fairtrade-Siegel mit Erläuterungen gibt.

Diskussion

Die Vf. leuchtet mit ihrer journalistischen Arbeit das ganze Problemfeld von Bananenproduktion und -handel sehr gut aus, gibt u.a. Einblick in das System des deutschen Discount- und Supermarkt-Handels. Sie zeigt Missstände schonungslos auf, verfällt aber nie in die Rolle der Eiferin. Da sie ihre Gesprächspartner/innen ernst nimmt und auch Bemühungen um soziale und ökologische Verbesserungen anerkennt, gewinnt ihr Report umso mehr Überzeugungskraft.

Fazit

Ein wichtiger Beitrag zu den Themen Globalisierung, Nachhaltigkeit und Lebensmittelhandel, lesenswert für Studierende und Lehrende einschlägiger Fachrichtungen, z.B. auch der Ökotrophologie, sowie für Aktive in der Umweltschutzbewegung und in Gewerkschaften.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 07.03.2015 zu: Sarah Zierul: Billig.Billiger.Banane. Wie unsere Supermärkte die Welt verramschen. oekom Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-86581-709-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18312.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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