socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Horst Biermann (Hrsg.): Inklusion im Beruf

Cover Horst Biermann (Hrsg.): Inklusion im Beruf. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 216 Seiten. ISBN 978-3-17-025211-0. D: 32,99 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 39,90 sFr.

Inklusion in Schule und Gesellschaft, Bd. 3.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das hier zu rezensierende Buch ist Band 3 einer 12-bändigen Buchreihe „Inklusion in Schule und Gesellschaft“, herausgegeben von Erhard Fischer, Ulrich Heimlich, Joachim Kahlert und Reinhard Lelgemann. Hintergrund ist die seit 2009 in Deutschland verbindliche UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK), durch die Inklusion auch „zu einem neuen Leitbild in der Behindertenhilfe“ wurde (so die Herausgeber). Dabei wird Inklusion als Weg gesehen, „Heterogenität als ‚normal‘ zu betrachten“ (so der Herausgeber dieses Buches Horst Biermann, S. 12). „Inklusion im Beruf muss im Vergleich zur schulischen Inklusion eine Vielzahl von weiteren Kontextfaktoren einbeziehen“ (13), die in diesem Buch entfaltet werden.

Herausgeber und weitere Autoren

  • Prof. i. R. Dr. phil. habil Horst Biermann war von 1992 bis 2013 Lehrstuhlinhaber Berufspädagogik und berufliche Rehabilitation an der Technischen Universität (TU) Dortmund sowie (auch davor und danach) vielfach u. a. in China im Rahmen der Berufsbildung tätig (bis zum 21.01.2015).
  • Prof. Dr.-Ing Christian Bühler: Lehrstuhl für Rehabilitationstechnologie an der TU Dortmund sowie u. a. Mitglied des Inklusionsbeirats des Landes NRW.
  • Prof. i. R. Dr. phil. habil Richard Huisinga: Universität Siegen, Arbeitsbereich Beruf- und Wirtschaftspädagogik.
  • Dipl.-Soz. Dennis Klinkhammer: freiberufliche Tätigkeiten auf dem Gebiet der Sozial- und Rehabilitationswissenschaften sowie u. a. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeit und Berufliche Rehabilitation der Universität Köln.
  • Prof. rer. nat. Dr. phil. habil Dipl.-Psychologin Mathilde Niehaus: Lehrstuhl für Arbeit und Berufliche Rehabilitation der Universität Köln.
  • Prof. i. R. Dr. phil. Dipl.-Kfm. Dipl.-Hdl. Wolfgang Seyd: Universität Hamburg und 1994-96 GH-Universität Kassel sowie u. a. Geschäftsführer der Berufsbildungswerke Bremen und Hamburg.

Aufbau

Der Band enthält folgende Beiträge:

  1. Horst Biermann: Berufliche Teilhabe – Anspruch und Realität (17 ff.)
  2. Richard Huisinga: Berufsbezogene Lehr- und Lernprozesse unter Inklusionsanspruch (57 ff.)
  3. Christian Bühler: Universelles Design des Lernens und Arbeitens (118 ff.)
  4. Wolfgang Seyd: Ziele, Prozesse und Strukturen beruflicher Rehabilitation – Situationsaufriss und Perspektivbetrachtung (139 ff.)
  5. Dennis Klinkhammer / Mathilde Niehaus: Betriebliche Inklusion auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt (180 ff.)

Inhalt

Nach einem einleitenden Überblick über den Inhalt dieses Buches (12 ff.) gibt Biermann in seinem Beitrag (Titel s. o.) einführend einen umfassenden Überblick über internationale und nationale Entwicklungen: international über das seit Anfang des 20. Jahrhunderts sich entwickelnde weltweite Netzwerk der Rehabilitation, die UNESCO-Salamanca-Erklärung, die UNBRK sowie weitere europäische Initiativen; national über den langen Weg zum Sozialgesetzbuch u. a. durch das Netz von Berufsbildungswerken und aktuelle Implementierungen des Inklusionsgebots. Im zweiten Abschnitt werden „Segmentierte Ausbildungs- und Arbeitsmärkte“ bearbeitet (28 ff.): der deutsche Sonderweg in der beruflichen Bildung mit der Heterogenität als systemstiftendes Prinzip der beruflichen Bildung sowie der Wandel der Wirtschaftssektoren und der Qualifikationsstruktur mit der Folge, dass „die ausbildungsbegleitende Berufsschule zunehmend abwertend charakterisiert und als ‚Restschule‘ bezeichnet (wird)“ (37). Die Vision der Inklusion in Arbeit und Beschäftigung kommentiert er abschließend auch ideologiekritisch (81 ff.) und schlussfolgert: „Offensichtlich verhindern normative Orientierung und theoretische Defizite bei der Konzeptionierung, Steuerung und Evaluierung von Teilhabeprozessen eine inklusive Berufsbildung und Beschäftigung – verkehren, ideologiekritisch betrachtet, ihr positives Postulat auf gesellschaftliche Teilhabe durch barrierefreie Erwerbsarbeit ins Gegenteil“ (50).

Huisinga kommt in seinem Beitrag einleitend in einer breiten Analyse zu dem Schluss, dass vorzugsweise ein Bildungsmoratorium den Weg für eine „breite Inklusion der sogenannten Benachteiligten in einer Jugendschule“ bereitet, „welche zugleich Klassen neun und zehn der Sekundarstufe I einschließt und Anschlussfähigkeit an Fachschulstrukturen ermöglicht“ (63). Es folgen eine sozialwissenschaftliche Interpretation der Inklusion als eine „analytische Kategorie von Vergesellschaftung“ (66) sowie eine „Entzauberung des Berufs“, dass Arbeit noch beruflich organisiert sei, weil diese heute „rechtlichen, technischen und vor allem ökonomischen Maximen folgt“ (67). Dies wird aspektreich diskutiert. Ebenso dann folgend die kompensatorische Erziehung und die Theorien zur kognitiven Entwicklung (77 ff.) mit der Schlussfolgerung: „Ausbildung und mit ihr die Lehr- und Lernprozesse müssen neu vergesellschaftet werden“ (97). Aktuelle Empfehlungen zur Sicherung von Lehr- und Lernprozessen mit Ausbildungsbezug unter Inklusionsanspruch werden abschließend vorgestellt (100 ff.).

Aktuelle internationale Begriffe und Konzepte zur Befähigung zum Arbeiten mit Computersystemen diskutiert Bühler unter dem Thema „Universelles Design des Lernens und Arbeitens“ (118 ff.). Er geht also über die UNBRK hinaus und stellt sie in den historischen und internationalen Kontext. Insider erkennen, dass in Deutschland die Entwicklung der Lerngestaltung in diese Richtung bereits in den 1970er Jahren begann!

Ausführlich wird von Seyd ein Einblick über das System beruflicher Rehabilitation (Ziele - Prozesse – Strukturen) gegeben (139 ff.) – auch im historischen Rückblick (143 ff.) und hinsichtlich notwendiger Kontrolle (147 ff.). Nach Darlegung der Rechtsgrundlagen (161 ff.) wird die didaktische Situation in den Bildungseinrichtungen diskutiert (167 ff.).

Das Autorenteam des 5. Beitrages (s. o.) bestimmt einführend die Zielgruppen der jungen Menschen mit anerkanntem sonderpädagogischen Förderbedarf vor Eintritt in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, von denen 2011/12 ca. 25 % an allgemeinen Schulen integrativ beschult wurden (181). Wegen des demographischen Wandels ist ihre Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt zur Sicherung des zukünftigen Fachkräftepotentials dringend erforderlich. Differenziert werden dazu die Bedingungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt dargestellt (188 ff.) sowie Barrieren und Förderungsmöglichkeiten erläutert und Handlungsempfehlungen gegeben (212 ff.).

Diskussion

  1. Ist Biermanns ideologiekritische Betrachtung (S. 50 – oben zitiert) zutreffend, dass normative Orientierung und theoretische Defizite das positive Postulat der Inklusion auf gesellschaftliche Teilhabe Behinderter durch barrierefreie Erwerbsarbeit ins Gegenteil verkehren?
  2. Die Analyse der didaktischen Situation in den Berufsbildungs- und Berufsförderungswerken führt Seyd zu der Feststellung, dass sie hinsichtlich ihrer Reformen „durchaus modellhafte Züge auch für Aus- und Fortbildungseinrichtungen außerhalb von Spezialeinrichtungen tragen dürften“ (167). Der Rezensent stimmt dem aus berufspädagogischer Sicht voll zu. Ist dieser Meinung auch aus allgemein erziehungswissenschaftlicher Sicht sowie für die Berufsvorbereitung auch in den sogenannten allgemeinbildenden Schulen zuzustimmen?
  3. Aus der Fülle des aufbereiteten und analysierten Zahlenmaterials durch das Autorenteam des 5. Beitrages (s. o.) sei nur auf ein Ergebnis verwiesen (205 f.).: Seit 2007 hat die Arbeitslosigkeit von Menschen ohne Behinderung deutlicher abgenommen als die von Menschen mit Behinderung (was auch altersgruppenbezogen differenziert wird und somit vor allem für die über 55 Jahre alten Behinderten gilt). Als Ursache für die sich daraus ergebenden „Herausforderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt gelten oftmals mangelnde Kenntnisse über das tatsächliche Leistungspotential von Menschen mit Behinderung“ (213). Wie könnte die pauschale Forderung der Autoren nach einer gezielten Aufklärungs- und Vermittlungsarbeit konkretisiert werden?

Fazit

Inklusion als auch ein neues Leitbild in der Behindertenhilfe führt – auch im Kontext des sich daraus ergebenden staatlichen sozialrechtlichen Wandels – zu neuen Herausforderungen an Betriebe sowie an allgemeinbildende und berufsbildende Schulen. Wie sieht der Anspruch der Berechtigten und die Realität in den Betrieben und in den Schulen bei der Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse aus? Welche Institutionen und Organisationsformen fördern die berufliche Rehabilitation? Welche Veränderungen sind in Betrieben und Schulen notwendig? Welchen Stellenwert haben die berufsbildenden Bildungsgänge – auch mit Hochschulabschluss oder anstelle eines Hochschulabschlusses an allgemeinbildenden Schulen -? Diese und viele andere Fragen zu dem breiten differenzierten Themenspektrum werden in diesem Buch bearbeitet. Eine interessante, nachdenkenswerte und anregende Lektüre erwartet die Lesenden.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


Alle 51 Rezensionen von Klaus Halfpap anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 12.02.2015 zu: Horst Biermann (Hrsg.): Inklusion im Beruf. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-025211-0. Inklusion in Schule und Gesellschaft, Bd. 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18313.php, Datum des Zugriffs 25.05.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung