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Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters

Cover Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters. Eine Erkenntnistheorie der Journalistik. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. 336 Seiten. ISBN 978-3-8497-0066-9. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
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„Irritation ist wertvoll“

Mit der dem Soziologen, Gesellschafts- und Systemtheoretiker Niklas Luhmann zugeschriebenen Paraphrase soll auf ein Buch hingewiesen werden, das der an der Universität Tübingen lehrende Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erstmals 2006 vorgelegt hat (www.socialnet.de/rezensionen/3975.php) und jetzt, fast ein Jahrzehnt später, in einer Neuauflage herausbringt. Es fließen ein die Auseinandersetzungen, Erfahrungen und Forschungsergebnisse zum Konstruktivismus, die auch in socialnet besprochen wurden ( u. a.: www.socialnet.de/rezensionen/13302.php, www.socialnet.de/rezensionen/13980.php, www.socialnet.de/rezensionen/14641.php). Es geht um die Fragen, in welcher Weise konstruktivistische Überlegungen und (didaktische) Konzepte die Journalistenausbildung in den Hochschulen bestimmen, und um die Nachschau danach, ob „der Konstruktivismus überhaupt nützlich sein kann…, ob und in welcher Intensität epistemologische Überlegungen überhaupt und ganz generell praktisches Handeln kontrollieren können und sollten“. Pörksen schlägt „eine Typologie der möglichen Beziehungen und Zusammenhänge zwischen Epistemologie und alltäglicher Praxis" vor; und er plädiert dafür, „Konstruktivismus und Journalistik in ein Anregungsverhältnis zu setzen“. Gewissermaßen als Schlüssel dazu sieht der Autor das Phänomen der „Irritation“, das er mit dem Konzept des „diskursiven Konstruktivismus“ benennt und als Chance ausweist, Beobachtungsvarianten einzuführen, die „einer naiven Wissenschafts- und Faktengläubigkeit die Grundlage“ entziehen, und das generelle, journalistische „Interesse an Differenzen und das prinzipielle Votum für Pluralität“ zu stärken vermag.

Entstehungshintergrund und Autor

Die Frage, wie Realität entsteht, lässt sich ja in vielfacher Weise stellen (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php). Im Konstruktivismus wird erkenntnistheoretisch die Frage danach gestellt, wie Wissen zustande kommt, und es wird angezweifelt, ob menschliches Wissen und (Lebens-)Wirklichkeit übereinstimmen müssen. Es geht also darum, „sich dem Problem der Erkenntnis in irgendeiner Weise (kursiv) und mit Bezug auf irgendeine Entität (kursiv) zu stellen und … zu versuchen, es zu lösen“. Die konzeptionellen und methodischen Zugänge zu dieser (Wahrheits-) Suche werden wissenschaftlich in den verschiedenen Fachdisziplinen unterschiedlich angegangen: philosophisch, psychologisch, kybernetisch, biologisch und wissenssoziologisch. Immer geht es darum, die Denkprozesse und Handlungsvorgänge erkenntnistheoretisch und lebensweltlich in einer Einheit zusammen zu führen.

Für den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen stellt sich die Frage, wie wirklich Medienwirklichkeit ist; und er sieht in der Nachfrage, nach welchen gesellschaftlichen Regeln, Instrumenten, Ideologien und Machtpositionen Wirklichkeit konstruiert wird, eine besondere Herausforderung (auch und vor allem) für die Journalismus-Ausbildung, aber auch für Didaktiker, Pädagogen und in der Ausbildung Tätige.

Aufbau und Inhalt

Die alte pädagogische Weisheit, allzu oft vergessen, verdrängt und manipuliert, dass Lernen nicht erzeugt, sondern nur ermöglicht werden kann, hat der Konstruktivismus wieder aus der Versenkung hervorgeholt. Es ist deshalb im pädagogischen Diskurs sinnvoll und nützlich, die Grundzüge einer konstruktivistischen Didaktik und Pädagogik darzustellen und die Wende von der „Instruktions“- hin zur „Inspirationsdidaktik“ zu vollziehen.

Pörksen gliedert sein Buch, neben der Einleitung, in der er grundlegende Fragen zu seinem „diskursiven Konstruktivismus“ formuliert und die Basisepistemologie begründet, nach der er für sein Fach (und darüber hinaus) die didaktischen und curricularen Prämissen als „ein Element des Offenen und … nicht letztlich Bestimmbaren“ formuliert, in drei Teile, denen er jeweils Kapitel zuordnet.

Im ersten Teil, „Grundlagen“, werden als „Prämissen und Postulate“ die unterschiedlichen Positionen und theoretischen Konzepte in der Journalistik thematisiert, die unterschiedlichen, philosophischen, psychologischen, kybernetischen, biologischen und wissenssoziologischen Begründungszusammenhänge diskutiert, auf die Kritiken reagiert und die Problemlagen verdeutlicht. Um die aktuelle Situation und Spannungsfelder zu verdeutlichen, wie sie sich in der universitären Journalistenausbildung zeigen, analysiert der Autor die universitären Studienangebote und Profilierungstendenzen. Er plädiert dabei für „Employability“, also für ein (Aus-)Bildungsziel, das „eine strategische Ausrichtung an möglichst universal einsetzbaren Kernkompetenzen des Qualitätsjournalismus, die intermediale Mobilität erlauben“.

Im zweiten Teil werden Lernziele genannt, die an den (gewohnten) Grundfesten wissenschaftlichen Denkens und Tuns rütteln. Es geht um die Frage, wie wissenschaftliche Wahrheitsfindung von Pseudo-, Gewohnheits-, Gefälligkeits- und Auftragsarbeiten abgegrenzt werden kann. Dieses im Wissenschaftsdiskurs und in der -kritik in vielfältiger Weise diskutierte Dilemma (Yehuda Elkana / Hannes Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert. Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php) sieht der Autor besonders im Journalismus. Als mögliche Lösungsansätze benennt er die in der konstruktivistischen Theorie geübte Praxis, beobachtungsabhängige und beobachtungsunabhängige Erkenntnis- und Wissenschaftskonzepte einander gegenüber zu stellen und damit sich wenigstens sicher sein zu können, „dass man vermutlich nie sicher wissen kann“, aber dessen sich nicht versichern könne. Dies erfordere eine sprachkritische Sensibilisierung. Diese Chance breitet der Autor als (sprach-)konstruktivistische Perspektive in zahlreichen Beispielen aus. Er legt dazu für einen „Sprachrelativismus im Journalismus“ einen Systematisierungsvorschlag vor, was ja einfach ausgedrückt nichts anderes bedeutet als sich mit der Wirklichkeit zu befassen und auseinander zu setzen und sich zu bemühen, der Wahrheit anzunähern. Bei diesem Bemühen kommt es darauf an, sich einer journalistischen Ethik zu verpflichten, die nicht auf dem Markt der Möglichkeiten zu finden ist und von niemandem angedient werden darf, sondern auf einer Verantwortungsethik beruhen muss.

Im dritten Teil werden die für einen diskursiven Konstruktivismus notwendigen Lern- und Verhaltensformen dargestellt. Es bedarf der Sensibilisierung für Autonomie und der Unterscheidung von Bedeutsamkeit und Trivialität, gewissermaßen als Geburtshelfer für Lebensbeobachtung. Das erfordert nicht nur Menschenkenntnis, sondern auch Empathie und Kommunikationsfähigkeit, die sich in den Varianten des Zuhörens und der Kompetenz zum Dialog ausdrücken. Denn die Wirklichkeit der Journalistik ist bestimmt, wie vermutlich jede Beobachtungs- und Kommunikationssituation, von Irritationen, die sich aus den wechselseitigen Bezügen von Theorie und Praxis ergeben und bei Beobachtungsprozessen allzu leicht in die Falle tappen, bloßes Irritieren reiche schon aus, um journalistisch etwas zu Papier, zu Wort oder zum Ausdruck zu bringen. Der Autor schlägt deshalb einen „Brückenbegriff“ vor, den er „informierende Irritation“ nennt und als „externe Anregungen, die von einem Beobachter als systemintern informativ bzw. relevant klassifiziert werden“ bezeichnet. Zur Verdeutlichung verweist er auf Heinz von Foersters Parabel vom blinden Fleck hin: Auf einem Blatt Papier befinden sich gegenüberliegend ein schwarzer Stern und ein schwarzer, gleichgroßer Punkt. Der Betrachter schließt das linke Auge und fixiert den schwarzen Stern. Er dreht das Blatt Papier so lange auf der Sehachse, bis der schwarze Punkt unsichtbar geworden ist. Das Experiment dient als Hinweis darauf, dass auch der Beobachter aus seiner Position heraus blinde Flecke schafft, die Wirklichkeiten verändern.

Fazit

Es sind die in den unterschiedlichen, natürlich entstandenen und gemachten, in gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen vorhandenen Gewissheiten und Irritationen, die insbesondere die beobachtenden, beschreibenden und berichterstattenden Funktionen des Journalismus kennzeichnen. Der Autor erleichtert es dem Leser seiner komplexen Ausführungen zur Formulierung einer Erkenntnistheorie der Journalistik, indem er zum Schluss des Buches seine in den drei Teilen aufgeschlüsselten, konstruktivistischen Ausführungen in Thesenform zusammenfasst.

Die Veröffentlichung richtet sich an Studierende und Lehrende der Medien- und Kommunikationswissenschaft, an Journalisten und Ausbilder, sowie an Didaktiker und in pädagogischen Zusammenhängen Tätige.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.03.2015 zu: Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters. Eine Erkenntnistheorie der Journalistik. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. ISBN 978-3-8497-0066-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18326.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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