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Margherita Zander: Laut gegen Armut - leise für Resilienz

Cover Margherita Zander: Laut gegen Armut - leise für Resilienz. Was gegen Kinderarmut hilft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2981-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Entstehungshintergrund und Themen

Der vorliegende Sammelband von Margherita Zander ist veröffentlicht im Zusammenhang mit der Beendigung der Lehrtätigkeit dieser Armuts- und Resilienzforscherin an der Fachhochschule Münster. Der Band erörtert und analysiert mit nahezu 30 Beiträgen der Autorin, die Themen Armut und Gesellschaft sowie insbesondere Kinderarmut und Resilienz. Den Beiträgen von 1997 – 2014 liegen Vorträge, Interviews sowie bereits veröffentlichte Aufsätze, z.T. in überarbeiteter Form, zugrunde. Die Interviews wurden durchgeführt in den Medien Arte, scobel, Info_Dienst zur Resilienz und der Zeitschrift Cicero.

Aufbau

Die Gliederung umfasst fünf Kapitel:

  1. Kinderarmut als gesellschaftliches Problem.
  2. Subjektive Auswirkungen und Bewältigung von Armut.
  3. Von der Theorie zur Praxis – Handlungsperspektiven für die Soziale Arbeit.
  4. Resilienzförderung – Ein neuer Weg?
  5. Anforderungen an die Politik.

Das Buch erstreckt sich über die letzten 20 Arbeitsjahre der engagierten Forscherin, Praxisentwicklerin und lauten politischen Akteurin. Überschneidungen in den Beiträgen sind auch aus diesem Grund unvermeidlich. Deshalb soll im Folgenden aus jedem Kapitel ein Beitrag näher dargestellt werden, sodass ein hinreichender Einblick in das Themenspektrum ermöglicht wird.

Inhalt

Der erste Beitrag im ersten Kapitel mit dem Titel „Was sind menschliche Lebensbedingungen für Kinder und Familien in unserem Land?“ (Vortrag auf dem 27. ev. Kirchentag in Leipzig 1997) beschäftigt sich mit der damals stark anwachsenden Kinder- und Familienarmut. Die Kinderarmut beginnt bei den Erwachsenen und ist bedingt durch Erwerbslosigkeit und im unterschiedliche Maße begleitet durch Alleinerziehung, Trennung/Scheidung und hohe Kinderzahl. Grundlegend für diese Situation ist die soziale Ungleichheit in Deutschland. Kinder, die in Armut aufwachsen befinden sich in risikobehafteten Sozialisationsbedingungen, die sich zunächst im Familienkontext realisieren. Sichtbar wird die Armut z.B. in unzureichenden Ernährungsgepflogenheiten, der Wohnungsenge, der Kleidung und bei den Freizeitaktivitäten. Dagegen setzt Zander die UN-Konvention der Kinderrechte, die Forderung nach einer Politik der Armutsvermeidung, die Forderung an eine Stadtpolitik, die eine räumliche Polarisierung nach reich und arm verhindert, die Forderung nach gesellschaftlicher Unterstützung und Solidarität sowie politische Gestaltungskraft mit positiven Visionen.

Im zweiten Kapitel befindet sich der Beitrag „Armut als Entwicklungsrisiko – eine kindheitssoziologische Annäherung an die Resilienzforschung (2007)“. Hier ist der Hintergrund ein Vortrag auf der Sektionstagung „Soziologie der Kindheit“. Zander beschäftigt sich in diesem Vortrag mit differierenden Forschungsrichtungen: neue soziologische Kindheitsforschung, Kinderarmutsforschung und Resilienzforschung. Die jeweiligen Theorie- und Forschungsdefizite der genannten Wissenschaftssektoren werden herausgearbeitet und verglichen. Für die Soziologie der Kindheit wird z.B. der ausgeprägte Blickwinkel auf die junge Generationsgruppe als nicht optimal gewertet, weil die Teilgruppe der armen Kinder dadurch nicht hinreichend zur Geltung kommt. Letztlich wird ein interdisziplinärer Dialog vorgeschlagen „ohne Abgrenzungsneurosen und Eitelkeiten“ (S.131) in den jeweiligen Disziplinen. Zanders fachlich-theoretische Position ist dem Wohl des Kindes verpflichtet.

Im dritten Kapitel wird der Artikel „Kinderarmut im Stadtteil – zwei Saarbrücker Modellprojekte (2006)“ vorgestellt, der sich mit sozial und kulturell prekären Sozialräumen beschäftigt. Fünfzig Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, die Wohnverhältnisse sind beengt sowie Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für Kinder sehr eingeschränkt. Ziel der dort eingerichteten Projekte ist die „Bekämpfung der Auswirkungen von Kinderarmut“. Die vorhandene Gemeinwesenarbeit leistet Unterstützung durch Arbeitsschwerpunkte wie die Organisation von Nachbarschaften, Bürgerbeteiligung und niederschwellige Sozialberatung. Die Projekte sind ausgerichtet an der Lebenswelt der Kinder und der sich dort ergebenden Lebenslage einschließlich der hier aufzuspürenden Ressourcen. Zielgruppen sind Kinder unterschiedlichen Alters in den auf sie zugeschnittenen Projekten. So gibt es für die Gruppen z.B. Hausaufgabenhilfe, Spiel- und Freizeitaktivitäten, Begleitung beim Schulübergang. Die Dokumentation der Projektverläufe zeigt, wie die Teilnahme von Kindern und ihren Eltern an den Angeboten steigt und wie die Vernetzung der professionellen Akteure die Soziale Arbeit fördert. Für Zander stellt auch diese soziale Stadtteilarbeit einen Aspekt der Resilienzförderung dar.

Einen zentralen Stellenwert im 4. Kapitel hat der Aufsatz „Arme Kinder stark machen – Erkenntnisse aus der Resilienzforschung (2010 – 2012)“. Hier wird das Schutzfaktorenkonzept der Resilienztheorie vorgestellt und die positiven Faktoren bezogen auf das Kind, die Familie und das soziale Umfeld erörtert. Unter bestimmten Bedingungen entwickelt sich Resilienz als „seelische Widerstandskraft, mit deren Hilfe Menschen außergewöhnlichste Belastungen, Lebenskrisen und Traumata (…) nahezu unbeschadet überwinden“ (S. 194). Ein bedeutender Schutzfaktor ist die sichere Bindung an eine Bezugsperson wie auch die Vermeidung von Risikofaktoren. Dies gilt selbst für Hoch-Risiko-Kinder. Auf dem Hintergrund der US-amerikanischen Resilienzforschung nennt Zander sechs Bereiche, die Resilienz z.B. in der Schule fördern:

  • „eine sichere Bindung herstellen,
  • die schulische Leistungsfähigkeit stärken,
  • Kontakte zu Gleichaltrigen und Freundschaften ermöglichen
  • besondere Fähigkeiten und Neigungen ausbauen,
  • soziale Kompetenzen und Problemlösefähigkeit fördern
  • positive Werte und Selbstvertrauen festigen“ (S. 201).

Sodann untersucht Zander entsprechende Förderungsmöglichkeiten der sechs Bereiche in Kindertagesstätten, in der Sozialpädagogischen Familienhilfe, in stadtteilorientierten Angeboten der Sozialen Arbeit (Sozialraum) sowie in allgemeinbildenden Schulen, Ganztagsschulen und der Schulsozialarbeit.

Der letzte Beitrag im letzten Kapitel ist zugleich der aktuellste: „Warum bewegt sich so wenig? (2014)“. Zunächst stellt die Autorin fest, dass 80 Prozent der deutschen Bevölkerung Kinderarmut als gravierendes Problem ansehen. Dieses Problembewusstsein findet allerdings in der Politik der Bundesrepublik kaum einen Niederschlag. Auf diesem Hintergrund werden vier Vorschläge zur Bekämpfung der Kinderarmut unterbreitet:

  • Materielle Grundversorgung der Kinder,
  • Chancengleichheit im Bildungssystem und Ganztagsbetreuung erweitern,
  • Erwerbstätigkeit von Eltern erleichtern u.a. existenzsichernde Löhne garantieren,
  • Präventionsketten in Kommunen und quartiersbezogene Maßnahmen wirksam einsetzen.

Kindergrundsicherung, Reform des Bildungs- und Teilhabepaketes, um die Chancengleichheit zu verbessern, Neuregelung der Zuwendung von Elterngeld und Schaffung von Präventionsketten in kommunalen Zusammenhängen stellen einige Empfehlungen dar, die Zander erörtert. Scharf kritisiert sie positive Umformulierungen wie z.B. im 4. Armuts- und Reichtumsberichts (2013) der damaligen Bundesregierung: „Übermalen der Wirklichkeit durch Schwärzen von Zahlen (…) erfüllt den Tatbestand einer bewussten Täuschung der Öffentlichkeit“ (S. 283).

Diskussion

Margherita Zander legt einen beeindruckenden und facettenreichen Sammelband zur Armutsforschung und Armutsbekämpfung vor. Für die Soziale Arbeit und angrenzende sozial- und politikwissenschaftliche Sektoren ist der Band und die dort enthaltene Bilanz von grundlegender Bedeutung. Herausgehoben ist der Handlungsansatz der Resilienzförderung in Verbindung mit (lokalen) Präventionsketten als nachhaltige Präventionsstrategie. Die Forschungsbilanz sollte im Sinne Zanders aber auch anders gelesen werden: Als ein Skandal in der deutschen Gesellschaft! Schade, dass nicht Jugendarmut, mittlerweile genau so ernst zu nehmen wie Kinderarmut, mehr Platz in dem Buch gefunden hat.

Fazit

Ein Grundlagenbuch für Lehrende und Studierende in der Sozialen Arbeit, in der Sozialpädagogik sowie in den angrenzenden Gesellschaftswissenschaften.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 16.03.2015 zu: Margherita Zander: Laut gegen Armut - leise für Resilienz. Was gegen Kinderarmut hilft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2981-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18329.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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