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Hans-Christian Kossak: Prüfungsangst - Beraten aus sieben Perspektiven

Cover Hans-Christian Kossak: Prüfungsangst - Beraten aus sieben Perspektiven. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. 96 Seiten. ISBN 978-3-8497-0058-4. D: 9,95 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 14,90 sFr.
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Thema

Angst vor Prüfungen verzerrt die Leistungsmessung in in diversen Testungskontexten systematisch. Als psychisches Phänomen und Basisemotion hat Angst zudem eine evidente psychologische wie existenzielle Relevanz. Sie zu vermeiden ist jedoch, gerade weil sie so fundamental für das menschliche Erleben ist, eine entscheidende Herausforderung, insbesondere für Pädagogen. Um Lehrern zu ermöglichen, Schülern die Bewältigung von Prüfungsangst und das Verständnis des eigenen psychischen Erlebens zu erleichtern, legt Kossak mit dem vorliegenden „Spickzettel für Lehrer“ eine kompakte Sammlung an unterschiedlichen Perspektiven auf die Prüfungsangst vor. Sein Ansatz ist dabei die praxisnahe Präsentation der zentralen Konzepte zur Angst aus der kognitiv-behavioralen Psychotherapie.

Autor

Hans-Christian Kossak ist Spezialist für Hypnotherapie und promovierter Psychologe. Er war bis zur Pensionierung als Leiter der katholischen Beratungsstelle für Erziehungs- und Familienfragen in Bochum tätig und ist Gründer der Kinderhilfeambulanz ebenda.

Entstehungshintergrund

Bei den sog. Spickzetteln für Lehrer aus dem Carl-Auer Verlag handelt es sich um eine Reihe von Ratgebern für Pädagogen, die kompetenten Umgang mit Problemen des Schulalltags thematisiert. Seit 2013 sind bisher elf Arbeiten erschienen, wobei die Reihe mit momentan zwei Vorankündigungen künftig fortgesetzt wird. Es handelt sich dabei um kleinformatige und kurze Ausgaben, die schlaglichtartig einzelne Facetten ressourcenorientiert darzustellen suchen, etwa Kommunikation (Hergenhan, Anton, 2014: Keine Beleidigungen mehr!), psychische Störungen (Reinicke, Claudia A., 2015: Mit ADHS und Freude durch den Schulalltag) oder Emotionsregulation (Warkus, Gabriele, 2014: Lehren in Balance).

Aufbau

Der Text ist in zwei Teile gegliedert, wobei sich der wesentliche, zweite Teil einer systematischen Darstellung der Prüfungsangst widmet:

  1. Physiologie
  2. Emotionen
  3. Motorik und Ausdrucksverhalten
  4. Kognition
  5. Motivation
  6. Attribution und Angst
  7. Innenbilder – Imagination

Der Aufbau hält sich damit an klassische allgemeinpsychologische Kategorien. Sein Ansatz ist die Vermittlung und Verflechtung unterschiedlicher Perspektiven auf die Prüfungsangst, die „systemisch wirksam, also ganzheitlich zu sehen und in der Beratungspraxis ebenso ganzheitlich einzusetzen“ (S. 27) sind. Um die praktische Beratungsperspektive in den Vordergrund zu stellen, sind jedem Abschnitt hervorhebende Lernkästen ergänzt, die Beispiele oder Zusammenfassungen enthalten.

Inhalt

Der erste Abschnitt zu Physiologie, Neuropsychologie und Neurobiologie führt in die grundlegenden Kenntnisse zu den anatomischen Grundlagen der Angst ein. Dazu gehören vegetative Reaktionen wie Herzklopfen und Erbleichen, aber in erster Linie die neuroanatomisch verursachenden Strukturen des Nervensystems. Um dieses Wissen praktisch nutzbar zu machen, zeigt Kossak auf, wie sich mit der Prüfungsangst auf mehreren körperlichen Ebenen in Abhängigkeit von der Verursachung umgehen lassen könne, etwa eine Stressreduktion, die die vegetativen Reaktionen mindern soll, oder Konzentrationsstrategien, die eine Minderung des neuronalen Erregungsniveaus anstreben.

Im zweiten Abschnitt zu den Emotionen hebt der Autor hervor, dass Emotionen nicht mit dem Emotionsausdruck, anhand dessen sich Emotionen nur indirekt erschließen lassen können, zu verwechseln seien. Die Aufgabe der Emotionsregulation sei dementsprechend nicht ausschließlich, den Angstausdruck zu unterdrücken, sondern dessen Ursache zu beeinflussen.

Mit dem dritten Abschnitt zu Motorik und Ausdrucksverhalten wird die unmittelbare Verhaltensebene adressiert, allerdings im Geiste der kognitiv-behavioralen Therapie in klarem Bezug auf die anderen Facetten der Angst. Wesentlich sei für den praktischen Umgang mit der Prüfungsangst, unangemessenem Ausdrucksverhalten wie Unterwerfung oder Aggression vorzubeugen.

Somit stehe das motorische Ausdrucksverhalten in maßgeblichem Bezug zur Kognition, die im vierten Abschnitt thematisiert wird. Kognitionen als „mentale Prozesse und Strukturen“ (S. 65) seien durch Prüfungsangst in Form von Denkstörungen beeinflusst, die zur Ausprägung von maladaptiven kognitiven Schemata, wie katastrophisierenden Gedanken oder tautologischen Grübeleien, führten. Gegen sie sei es vorteilhaft, Strategien zu etablieren, die die Konzentration auf die Prüfung erleichterten und die Prüfungsangst minderten. In der Praxis seien dabei insbesondere alltägliche Anpassungen, wie Sport als Motivations- und Konzentrationstraining oder motivierende Selbstgespräche, hilfreich. Darüber hinaus sei die kognitive Komponente der Prüfungsangst allerdings auch als soziale Phobie beansprucht, der „Angst vor Negativbewertungen“ (S. 74). Um die Resilienz der Psyche des Prüflings zu fördern, biete es sich also an, kognitive Umstrukturierungen beratend zu begünstigen, die die Gefahren der Prüfungsangst bewusst machen und an ihrer Statt stabilisierende Bewertungen und Handlungen unterstützen sollen. Dabei bediene sich ein Beratungslehrer etwa der Technik des sokratischen Dialogs, um die etablierten kognitiven Schemata infrage zu stellen.

Die Motivation ist Gegenstand des fünften Abschnitts. Auch wenn sie „in hohem Maße mit Attribution und Emotion verbunden“ (S. 89) sei, zeige sich, dass auf sie Bezug zu nehmen insbesondere Misserfolgsvermeidung oder Flucht- und Vermeidungswünsche zu erklären vermag. Dabei sei es entscheidend, dass die Prüfungsangst abhängig vom Attributionsstil (erfolgs- vs. misserfolgsmotiviert) des Prüflings auf unterschiedliche Weise zu erklären sei. Das praktische Potenzial zur Vermeidung der Prüfungsangst liege hierbei in der Förderung der Lernmotivation und der positiven Selbstattribuierung, also das Aktivieren früherer Erfolgserlebnisse als motivationalem Bezugsrahmen.

Im sechsten Abschnitt zur Attribution geht Kossak auf die Rolle der „Zuschreibung von Ursachen, Gründen und Erklärungen“ (S. 99) für die Prüfungsangst ein. Hierunter könne die reduzierte Selbstsicherheit oder der subjektive Kontrollmangel verstanden werden. Das klassische Konzept zur Erklärung problematischer Attribution sei dabei die sog. erlernte Hilflosigkeit, der z. B. dadurch entgegenzuwirken sei, dass psychoedukativ durch die Lehrkraft über die Gefahren sowie Nutzen von abergläubischem Verhalten aufgeklärt werde.

Der letzte Abschnitt wendet sich der Bedeutung der Imaginationen zu. Dabei handele es sich um bildhafte anschauliche Vorstellungen, die Einfluss auf das Verhalten der jeweiligen Person ausüben, obwohl es sich nicht um faktische Wahrnehmungen handele. Ihr Nutzen liege darin, dass durch die Imagination von bestimmten Bildern Stress und Angst abgebaut werden können. Zugleich weist Kossak allerdings auf ihre Limitation hin, die darin bestehe, dass bei klaren Widerständen oder psychologisch relevanten Störungen von diesem Verfahren abzuraten sei.

Diskussion

Es ist der Anspruch der Lehrerfortbildung, an dem sich der vorliegende Band zu messen hat. Sein Inhalt, die zentralen Konzepte der kognitiv-behavioralen Psychotherapie, sind kanonisch und in dieser gerafften Fassung wenig kontrovers, wenngleich die Komprimierung einen Verlust an kritischem Potenzial und gelegentliche Ungenauigkeiten bedeutet. So lässt sich der Autor gelegentlich zu Generalisierungen hinreißen, die ohne Weiteres nicht unbedenklich sind, etwa: „Bei Stress blockiert die Amygdala höhere kognitive Funktionen“ (S. 31), „[d]as nonverbale Ausdrucksverhalten ist somit das älteste Kommunikationssytem des Menschen“ (S. 59), „[d]ie darin [Ego-Shooter; der Rezensent] ablaufenden Handlungen werden subjektiv als real erlebt“ (S. 112). Der Anspruch, psychologische Laien zu adressieren, verlangt auch hier die Einhaltung wissenschaftlicher Präzision, um unkritischen Umgang mit Inhalten vorzubeugen.

Das gewählte Format eines sieben-dimensionalen Zugangs zur Prüfungsangst ist hingegen ansprechend und funktional, insofern als die wiederholte Zuwendung zum selben Gegenstand eine sukzessive Öffnung gegenüber dem Konzept und der psychologischen Methodik erlaubt. Die Ungleichgewichtung der Dimensionen lässt die Validität weniger als die Notwendigkeit der sieben Facetten allerdings wieder fragwürdig werden. So widmet der Autor der Physiologie und der Kognition jeweils 24 Seiten, der Imagination und den Emotionen allerdings jeweils nur fünf. Ein hinreichender Grund für diesen Unterschied bietet sich indessen nicht an, und weil der Autor die Verzahnung der einzelnen Abschnitte beständig betont, drängt sich der Eindruck einer arbiträren Verteilung der Schwerpunkte auf. Dies schlägt sich z. B. darin nieder, dass die Abschnitte zu Motivation (5.) und Attribution (6.) beide ausführlich das Konzept der Attribution ansprechen.

Stilistisch ist der Arbeit die Einsteigerfreundlichkeit zu Gute zu halten. Der Text ist praxisnah verfasst, enthält keine überdehnten Passagen und ist mit zahlreichen zusätzlichen Materialien und Zusammenfassungen versehen. Den Schulalltag betrachtet der Autor, womöglich seiner Fachfremde wegen, allerdings eher von außen, wobei er das Kind im Allgemeinen eher als das Milieu der Schule vor Augen zu haben scheint. Die Ratschläge des Autoren erscheinen deswegen vorwiegend therapeutisch funktional als an den Sozialkontext angepasst pragmatisch. Das Buch bietet somit eher Anreize für die Individualberatung als Perspektiven zur Gestaltung des Unterrichts aufzuzeigen. Dies entspricht allerdings auch dem eigenen Anliegen, „besonders Beratungslehrern Methoden an die Hand zu geben“ (S. 11).

Im Wesentlichen bietet der Band dem Stil der Reihe „Spickzettel für Lehrer“ entsprechend ein Potpourri an praktischen Hilfsmitteln, ängstlichen Prüflingen zu helfen. Dabei bleibt die klare Orientierung an der Trennung von Beratung und Therapie deutlich erhalten, sodass dem Lehrer im Einzelfall auch die Verantwortung einer Übermittlung an die professionelle psychologische Psychotherapie aufgezeigt ist. Die Betonung der Vielfalt an Facetten von psychischen Problemen beugt einem naiven oder schematischen Umgang mit dem Einzelfall vor und die anschauliche Darstellung bleibt anschlussfähig für anrainende pädagogische, sozialpädagogische oder psychologische Konzepte.

Fazit

Um Beratungslehrern den Umgang mit Prüfungsangst in der Schule zu erleichtern, stellt Kossak im vorliegenden Band einsteigerfreundlich sieben Facetten der Angst aus der kognitiv-behavioralen Psychotherapie vor. Dank praxisnaher Beispiele und diverser Materialien gelingt ihm dabei, dem pädagogischen Lehreralltag aus der psychologischen Psychotherapie eine helfende Hand zu reichen. Sein Blick auf den ängstlichen Prüfling bleibt zuletzt allerdings wesentlich durch die schulexterne Einzeltherapie geprägt, sodass die Anbindung an das Milieu Schule ausbleibt. Dennoch empfiehlt sich die Lektüre, um psychologischen Laien ein differenzierteres Verständnis des Phänomens der Angst in Prüfungskontexten zu vermitteln.


Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 23.09.2015 zu: Hans-Christian Kossak: Prüfungsangst - Beraten aus sieben Perspektiven. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. ISBN 978-3-8497-0058-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18343.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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