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Thomas Retzmann, Tilmann Grammes (Hrsg.): Wirtschafts- und Unternehmensethik

Cover Thomas Retzmann, Tilmann Grammes (Hrsg.): Wirtschafts- und Unternehmensethik. 15 Unterrichtsbausteine für die ökonomische und gesellschaftspolitische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 309 Seiten. ISBN 978-3-89974-940-3. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Moralische Urteilsbildung erfordert eine detaillierte Kenntnis der Fakten und Handlungszusammenhänge. „Der Markt macht, was er will!?“ – diese Einschätzung stützt sich spätestens seit der globalisierten Markt- und Finanzkrisen-Situation zu einem auf die eher resignativen, oder besser (ohn)mächtigen Empfindungen eines „Es-ist-wie-es-ist“, was zum Ausdruck kommt in der Auffassung; „Geld hat immer recht“ (Jos Schnurer, Ist Geld die Quelle allen Übels – oder hat Geld immer recht?, www.socialnet.de/materialien/168.php, 22.11.13); zum anderen artikuliert sie sich in der Perspektive, dass ein bisschen weniger Markt(macht) schon alles richten würde. Als die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 ihren Bericht „Our Common Future“ vorlegte und darin forderte, bei der Betrachtung der ökonomischen Prozesse zu unterscheiden zwischen Entwicklung und Wirtschaftswachstum zu unterscheiden, und dem „business as usual“ und dem „throughput growth“, dem „Durchflusswachstum“ das Bewusstsein einer „sustainable development“, einer „tragfähigen Entwicklung“ also entgegenzusetzen, da war das ja nicht der Beginn einer Aufforderung zum Perspektivenwechsel im menschlichen Sein- und Haben-Denken und Handeln. Im ersten Bericht an den Club of Rome wurde bereits eindringlich darauf hingewiesen, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien und, das wiederholt die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 eindeutig mit der Aufforderung: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweit. Auflage, Bonn 1997, S. 18).

Entstehungshintergrund

Um einen lokal und global wirksamen, individuellen und kollektiven Bewusstseins- und Mentalitätswechsel vollziehen zu können, bedarf es der Erkenntnis: „Intelligentes, integratives und nachhaltiges Wachstum kommt nicht von allein; es setzt bestimmte Instrumente voraus“ (Mariana Mazzucato, Das Kapital des Staates, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17630.php). Nach der Theorie der sozialen Systeme (Niklas Luhmann) ist Markt mehr als die (urwüchsige) Regelung von Angebot und Nachfrage, nämlich als „innere Umwelt“ zu verstehen, was ja nichts anderes bedeutet als sich auf den Weg zu machen, um die (Markt-)Mechanismen erkennen und durchschauen zu können. „Nur wer die Grundstrukturen der Wirtschaft versteht, kennt die Grammatik der Gesellschaft“. Mit dieser Erkenntnis wird verdeutlicht, dass ökonomische Bildung eine Grundvoraussetzung dafür ist, human leben zu können (Reinhold Hedtke, Konzepte ökonomischer Bildung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11329.php ). Damit sind wir schon bei dem Dilemma, dass sich die entwickelten, kapitalistischen und neoliberalen Mächte scheinbar nicht mehr bändigen und dem Grundsatz unterordnen lassen, dass die Wirtschaft dem Menschen diene und nicht umgekehrt (Reiner Diederich / Gerhard Löhlein, Hrsg., Entfesselte Wirtschaft – gefesselte Demokratie, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/16733.php). Eine schulische Auseinandersetzung mit Fragen der ökonomischen Bedeutung im Leben der Menschen wird immer wieder gefordert; die Zu(Unter-)Ordnung in die überwiegend fächerbezogene Lernorganisation in den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen freilich führt dazu, dass die notwendigen, fächerübergreifenden Aspekte entweder nur scheibchenweise oder gar nicht wirksam werden können.

Autorenteam

Der Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen, Thomas Retzmann, und der Erziehungswissenschaftler von der Universität Hamburg, Tilmann Grammes, wollen diese Defizite aufbrechen mit dem Blick auf die „Ethik in der Wirtschaft“. Indem sie sich dabei an der Forderung nach einer „globalen Ethik“ orientieren, wie sie sich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte artikuliert, und „Wirtschaftsethik“ in den Zusammenhang von „drei korrespondierenden demokratiepädagogischen Ebenen … Demokratie als Lebensform, als Gesellschaftsform und als Staatsform (stellen)“, machen sie deutlich, dass ethisches Denken und Handeln in ökonomischen Zusammenhängen „sowohl nach der Rationalität der Alltagspolitiken von Konsumentscheidungen wie nach innerbetrieblichen Regelungen und zivilgesellschaftlichen Regimen“ fragen muss. Auf der Grundlage der drei wesentlichen ethischen Prinzipien – Ordnungsethik (auf der Makroebene), Unternehmensethik (auf der Mesoebene) und Individualethik (auf der Mikroebene) – legen sie 15 Unterrichtsbausteine für ökonomische und gesellschaftspolitische Bildung vor, mit denen sie sich insbesondere an Lehrkräfte der Fächer Wirtschaft und Politik an allgemeinbildenden und beruflichen gymnasialen Oberstufen wenden, sie aber auch öffnen für die Sekundarstufe I. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik und der in Essen ansässigen Deutschen Stiftung für Warenlehre haben die Herausgeber des Sammelbandes das Projekt „ethos“ durchgeführt, dabei Unterrichtsmaterialien entwickelt und in verschiedenen Schulformen der SII und der BBS erprobt. Anhand von konkreten, aktuellen Beispielen sollen die Schülerinnen und Schüler handlungsorientiert lernen und als Verbraucher, Erwerbstätige und Wirtschaftsbürger „ihre moralische Urteils- und Handlungskompetenz im Bereich der Wirtschaft ( ) verbessern“.

Aufbau und Inhalt

Neben der theoretischen und didaktischen Begründung zur „Wirtschaftsethik in der ökonomischen und gesellschaftspolitischen Bildung“ durch Thomas Retzmann und Tilmann Grammes, bei der die curriculare Reflexion über „Wirtschaftslernen“ insbesondere auf vier Lernprinzipien aufbaut: Kontextualität, Historizität, Komplexität, Kontroversität, und für die Schülerarbeit ebenfalls vier Optionen bereit stellt: Akteurs-, Adressaten-, Beobachtungs- und Bürgerperspektive, werden 15 Unterrichtseinheiten als exemplarische Beispiele bereitgestellt, mit dem Ziel, die Themen und curricularen Zugänge in der je konkreten Unterrichtssituation zu variieren, bzw. die Lehrkräfte auch in die Lage zu versetzen, eigene Lernbausteine zur Wirtschafts- und Unternehmensethik zu entwickeln; z. B. eignet sich die „ethos“-Konzeption ausgezeichnet dazu, die Arbeit in Schülerfirmen (Nicole Göler von Ravensburg, Schülergenossenschaft. Pädagogische Potentiale genossenschaftlich organisierter Schülerfirmen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17400.php).

Der Didaktiker für Sozialwissenschaften von der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Tim Engartner, legt die Unterrichtseinheit „Umwelt- und Sozialsiegel“ vor und fragt: „Wie informativ und glaubwürdig sind sie?“. Er nimmt sich dabei die Situation vor, dass sich zwar das Bewusstsein eines Teils der Bevölkerung entwickelt habe, dass „Nachhaltigkeit“ auch im Konsumbereich notwendig und wichtig sei, aber die Informations- und Motivationsmöglichkeiten, nicht nur nachhaltig zu denken, sondern auch zu leben, erhebliche Defizite und Irrleitungen aufweisen. Lernschritte, wie Qualitätshin- und -aufweise als aussagekräftige Informationen erkannt werden und ggf. Täuschungen identifiziert werden können, werden in neun Arbeitsblättern mit Lernaufträgen zur Verfügung gestellt.

Der Diplom-Ökonom und Studienrat von der Kaufmännischen Schule in Göppingen, Siegfried Kaiser, stellt mit dem Unterrichtsvorschlag „Ethisches Investment“ vor und fragt nach den Kriterien, die von den Dow Jones Nachhaltigkeits-Indizes als Aktienanlagen vorgegeben werden und als Entscheidung für Rendite und Moral gelten können. Damit spricht er den Bereich des Finanzkapitals an und versetzt die Schülerinnen und Schüler in die Lage, als „mündige Anleger“ qualifizierte Entscheidungen treffen zu können. Dieses nicht leichte Unterrichtsthema wird dadurch gangbarer, dass der Autor die Lernauseinandersetzungen der Schülerinnen und Schüler mit der Skizze zum Unterrichtsverlauf anschiebt und mit sieben Arbeitsblättern begleitet.

Der Diplom-Kaufmann und Studienrat am Ludwig-Erhard-Berufskolleg in Bonn, Markus Niederastroth, thematisiert einen Nerv der Zeit: „Cold Calling – Belästigung durch unerwünschte Telefonwerbung“. Die Thematik ist eingeordnet in Fragen nach dem bürgerschaftlichen Engagement zur Sicherung der individuellen Freiheit. Gegen die so genannte „Kaltaquise“ sind Verbraucher nicht wehrlos. Mit dem Unterrichtsvorschlag werden Informationen über erlaubte und unerlaubte Telefonwerbung diskutiert, im Unterrichtsverlauf werden anhand von konkreten Beispielen, z. B. mit „Undercover“ von Günter Wallraff, Konfliktsituationen gespielt und moderiert (Fishbowl), und mit fünf Arbeitsblättern begleitet.

Der Dipl.- Handelslehrer und Studienrat an der Kaufmännischen Schule 1 in Stuttgart, Mark Oliver Meßmer, fasst das heikle Thema „Versicherungsbetrug“ an und fragt, ob es sich in der individuellen und gesellschaftlichen Betrachtung als „Volkssport ohne Nebenwirkungen“ handele. Er konfrontiert die Lernenden mit alltäglichen und wohlfeilen Argumenten und setzt sie in die Lage, ihre eigene wirtschaftsmoralische Urteilsfähigkeit und -bereitschaft zu überprüfen. Mit zwei Fallbeispielen zeigt er Ursachen und Wirkungen auf und gibt den Schülerinnen und Schülern mit zehn Arbeitsblättern und entsprechenden Arbeitsaufträgen die Chance, die eigene Position mit den moralischen und gesellschaftlichen Normen und Verhaltensvorstellungen zu vergleichen.

Der Sozialökonom von der Akademie für Europäische Geistesgeschichte in Bernkastel-Kues, Thomas Faust, bringt die Unterrichtseinheit „Whistleblowing“ ein und fragt: „Verrat oder verantwortliches Handeln?“. Durch die mediale Aufmerksamkeit gliedert sich die Bereitschaft von Insidern, Missstände in Unternehmen und Institutionen aufzudecken, in die Spannweite von Zivilcourage und Illoyalität, die sich im öffentlichen Diskurs wiederum einordnen in die Zuschreibungen als Held oder Verräter. Im Unterrichtsverlauf wird dieser Zwiespalt aufgezeigt, diskutiert und die Zugänge geübt, wie die Kompetenz bewusst gemacht und eingeübt werden kann, Konflikte perspektivisch und ethisch beurteilen zu können. Mit der Methode von Rollenspielen (vgl. dazu auch: Alexander Mühlen, Rollenspiele für Internationales Verhandeln, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18194.php) werden die Schülerinnen und Schüler zum handlungsorientierten Lernen angeregt.

Franziska Birke von der Pädagogischen Hochschule in Freiburg fragt mit ihrer Unterrichtseinheit „Corporate Social Responsibility“, ob Unternehmen Umwelt- und Sozialstandards gewährleisten sollen, welche Gründe dafür und dagegen sprechen. Es ist die Auseinandersetzung um die gängige, ordoliberale Parole: „Soviel Markt wie möglich, soviel Staat wie nötig“, die auf der einen Seite die „unternehmerische Freiheit“ hochhält und andererseits egoistisches, ausbeuterisches und kapitalistisches Handeln als Ziel für Gewinnmaximierung nicht nur in Kauf nimmt, sondern geradezu für „Konsumentenzufriedenheit“ postuliert. Mit fünf Arbeitsblättern und Lernaufträgen wird die Diskrepanz verdeutlicht und die verschiedenen Positionen im „Sakeholderdialog“ und den staatlichen Eingriffen diskutiert.

Thomas Faust bringt eine weitere Unterrichtseinheit ein: „Compliance-Management“. Er fragt, ob die regel- und normengerechte Einhaltung von gesetzlichen und selbst auferlegten Bestimmungen für Unternehmensführung ein Patentrezept gegen Korruption darstellt. Es ist das einerseits national und international geächtete, wirtschaftliche Handeln, sich ökonomische Vorteile durch Bestechung zu erlangen, und andererseits, wie die jährlich etwa durch Transparency International veröffentliche Skala der Korruptionsfälle verdeutlicht, zur Praxis von wirtschaftlicher Produktion gehört, das Aufmerksamkeit und Aufklärung erforderlich macht. Die Schülerinnen und Schüler werden mit Informationsmaterialien über konkrete Korruptionsfälle versorgt und mit einem Planspiel motiviert, sich mit der skandalösen (alltäglichen) Situation auseinander zu setzen.

Mark Oliver Meßmer steuert ebenfalls einen weiteren Projektvorschlag bei: „Ombudsmann-Verfahren“, als ein außergerichtliches Konzept bei Konfliktfällen zwischen Unternehmen und Kunden. Die Situation, dass in der Wirtschaft in vermehrtem Maße Ombudsleute und Schiedsstellen eingesetzt werden, um Streitfälle mit Verbrauchern „gütlich“ zu regeln, führt (gefühlt und tatsächlich) zur Unzufriedenheit in den Beziehungen zwischen Produzent/Anbieter und Konsument. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten anhand einer (Versicherungs-)Fallschilderung die rechtlichen, institutionellen Grundlagen für Ombuds-Verfahren und vollziehen mit acht Arbeitsvorlagen in einem „Konferenzspiel“ die Schritte im Ombudsfall nach.

Markus Niederastroth thematisiert die Arbeit des Deutschen Werberats und fragt, ob die Einrichtung des 1972 vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft eingerichteten Konfliktregler zwischen Beschwerdeführern aus der Bevölkerung und werbenden Unternehmen als eine Erfolgsstory für die Ethik in der Werbung bezeichnet werden könne. Es ist der chargierende Bereich von Selbstverpflichtung, -kontrolle und gesellschaftlich-ethischem Anspruch, der Konflikte schafft, Übertretungen ermöglicht, aber auch die Partizipation der Verbraucher herausfordert. Mit den bereitgestellten Informations- und Lernmaterialien sollen die Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt werden, „die volkswirtschaftliche Vorteilhaftigkeit, die betriebswirtschaftlichen Funktionen sowie juristische und standesrechtliche Grenzen des Werbens kennen(lernen)“. Mit Dialogen und einem Rollenspiel werden Pro und Contra kommuniziert.

Der Baden-Württembergische Schulrat Werner Nagel zeigt mit einer wirtschaftsethischen Standardsituation „Soziale Dilemmata“ auf, wenn er Eigennutz im Widerspruch zum Gemeinwohl bringt. Als Fallbeispiel wählt er das Dilemma zwischen Eigennutz („Wenn jeder nur an sich selbst denkt!“) und dem sozialen Anspruch („Wenn keiner tut, was alle wollen!“). „Der Unterrichtsvorschlag provoziert die Notwendigkeit, mit anderen zu interagieren, auch wenn deren Ziele bzw. Verhalten von den eigenen Vorstellungen abweichen“. Damit sollen Frustrationstoleranz bewusst gemacht und Entscheidungskompetenz gefördert werden. Mit simulierten Experimenten, die in zehn Arbeitsanregungen vorgegeben werden, gewinnen die Schülerinnen und Schüler Einsichten in legitimes eigennütziges Streben und die Notwendigkeiten für gemeinwohlorientiertes Denken und Handeln.

Der Sozialwissenschaftler von der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg, Dirk Loerwald, fragt mit seinem Thema „Produkt- und Markenpiraterie“ nach den Auswirkungen für die Marktwirtschaft. Er nimmt damit die durchaus gängige Praxis auf, dass (auch) Schülerinnen und Schüler nachgemachte Markenprodukte im Internet oder im Urlaub „oft zu einem Spottpreis“ erwerben. Die enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden, die durch Produkt- und Markenpiraterie weltweit zu verzeichnen sind, erfordern Information und Aufklärung. In der Unterrichtseinheit soll dies durch „Praxispartnerschaften“ geschehen, etwa durch Kontakte und Besuche beim Zoll, der für Einfuhr- und Ausfuhrabfertigung zuständig ist; oder durch Informationen bei Firmen, die durch Plagiate geschädigt werden. In Solingen z. B. gibt es das Museum „Plagiarius“, in dem rund 250 originale Produkte nachgemachten Erzeugnissen gegenübergestellt werden.

Der an der Lüneburger Leuphana-Universität tätige Politikwissenschaftler Christian Meyer-Heidemann und der Studienrat am Gymnasium Schloss Plön, Arne Rogg-Pietz, thematisieren „Patente für lebenswichtige Medikamente“ und fragen: „Lebensretter oder Todesurteil für Erkrankte?“. Es geht um die global-ethische Frage, inwieweit ökonomische Interessen die Fragen nach „Global Health“ (Oliver Razum, u.a., Global Health. Gesundheit und Gerechtigkeit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18229.php) und Gerechtigkeit tangieren. Es werden, neben der Analyse über die aktuelle Situation auf dem globalen Medikamentenmarkt, Alternativen für humanes Handeln angeboten.

Dirk Loerwald greift ein weiteres Thema auf: „Der Markt für illegale Drogen“ und fragt nach „Drogen als Ware und der Staat als Drogenhändler?“. Es geht um die Auseinandersetzung, ob eine humane, realistische Aufklärung über Drogenanbau, -handel und -konsum den Drogenkonsum eindämmen können, oder ob sich, nach der Wirtschaftslogik, jedes (Markt-)Angebot seine Nachfrage schafft: „Am Beispiel einer ökonomischen Analyse des Drogenmarktes können Schülerinnen und Schüler grundlegende Kenntnisse über die Funktionsweise von Märkten festigen und anwenden“. Mit neun Arbeitsblättern werden Für und Wider des Drogenkonsums diskutiert.

Christian Meyer-Heidemann greift ein weiteres, globales Thema auf: „Die Kampagne für ‚Saubere‘ Kleidung“; und er fragt nach Ansätzen und Forderungen für Sozialstandards in der Textilproduktion. Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, einen selbstkritischen Blick in den eigenen Kleiderschrank zu werfen und sich mit der Frage – „Der Preis stimmt – aber für wen eigentlich?“ – mit dem Dilemma von Nachfragemacht und Ausbeutung bei der Produktion und dem Verkauf von Textilien auseinander zu setzen. Am Beispiel der Konzernpolitik von „kik“ werden die kapitalistischen und neoliberalen Interessen der Kapitaleigner verdeutlicht.

Mark Oliver Meßmer beschließt mit der fünfzehnten Unterrichtseinheit „Anbieter im CSR-Test“) den Sammelband. Die von der Stiftung Warentest als „Corporate Social Responsibility“ getesteten Produkte werden danach hinterfragt, ob sich die Verbraucher, die die Testergebnisse wahrnehmen, für mehr als den Preis und die Qualität interessieren. Eine Bildung für nachhaltiges Wirtschaften. ist darauf angewiesen, dass sich eine Verbraucher- und Konsumenten-Sensibilisierung entwickelt, die inhumane, ausbeuterische und sogar gesundheitsgefährdende Praktiken aufdeckt und in der Kette von Produktion, Veredelung und Vermarktung die ökonomischen Schlupflöcher erkennt und abzustellen hilft. Ob bei der Textilverarbeitung oder beim Kaffeekonsum, es bedarf der Aufmerksamkeit, wie CSR wirkt und zu verbessern ist.

Fazit

Das wirtschafts- und unternehmensethische, fachdidaktische Projekt „ethos“ wurde 2012 mit dem vom Kölner Institut für Wirtschaft ausgelobten „Max-Weber-Preis für Wirtschaftsethik“ in der Kategorie Schul-/Lehrbuch ausgezeichnet. In der Begründung dafür wird ausgeführt, dass „Orientierungswissen über die Wirtschaft und ihre Handlungsmöglichkeiten in modernen Gesellschaften ( ) hier wie überall dringend vonnöten (ist)“. Die Autorinnen und Autoren legen mit den 15 exemplarischen Bausteinen eine differenzierte Auswahl von Themen zur wirtschaftsethischen Auseinandersetzung für den schulischen Unterricht vor. Im Sinne des Beutelsbacher Konsenses zeigen die vorgelegten Unterrichtseinheiten jedoch eine allzu starke Zurückhaltung insbesondere beim Prinzip der Kontroversität: So gehört in ein wirtschaftsethisches Konzept selbstverständlich gleichgewichtig die Berücksichtigung der Kritik an der kapitalistischen und neoliberalen Wirklichkeit, wie sie in der politischen Bildung und Gesellschaftspolitik in vielfältiger Weise zum Ausdruck kommt und auch im socialnet-Rezensionsdienst angemessen Berücksichtigung findet.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.02.2015 zu: Thomas Retzmann, Tilmann Grammes (Hrsg.): Wirtschafts- und Unternehmensethik. 15 Unterrichtsbausteine für die ökonomische und gesellschaftspolitische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-940-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18354.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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