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Cyrilla van der Donk, Bas van Lanen u.a.: Praxisforschung im Sozial- und Gesundheitswesen

Cover Cyrilla van der Donk, Bas van Lanen, Michael T. Wright: Praxisforschung im Sozial- und Gesundheitswesen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. 343 Seiten. ISBN 978-3-456-85350-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Während Praxisforschung in anderen Ländern längst etabliert ist, gewinnt der Forschungszweig in Deutschland erst seit einigen Jahren an vermehrter Aufmerksamkeit. Die zunehmende Akademisierung von Gesundheits- und Sozialberufen und nicht zuletzt die immer lauter werdenden Rufe nach Evidenz und Wirksamkeit führen die Dringlichkeit einer aus der Praxis geleiteten Forschung vor Augen. Der Autor der deutschen Ausgabe Michael T. Wright konstatiert einen Mangel an deutschsprachiger Literatur zur Praxisforschung und möchte mit dem vorliegenden Werk bestehende Lücken schließen und sowohl PraktikerInnen als auch Studierende ansprechen.

AutorInnen

  • Cyrilla van der Donk forscht und lehrt Pädagogik an der niederländischen Hochschule Arnhem/Nijmegen. Darüber hinaus berät sie seit einigen Jahren PraktikerInnen in Praxisforschungsprojekten.
  • Bas van Lanen arbeitet im Bildungsmanagement, forscht und publiziert zur Praxisforschung.
  • Michael T. Wright ist Professor für empirische Sozialforschung an der Katholischen Hochschule Berlin und verfügt über langjährige Praxis- und Forschungserfahrung im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Werk beruht auf einer Übersetzung des niederländischen Buches „Praktijkonderzoek in zorg en welzijn“ von Cyrilla van der Donk und Bas van Lanen aus dem Jahr 2011. Die deutsche Übersetzung unter Federführung von Michael T. Wright wurde an die Besonderheiten des deutschen Wissenschaftssystems angepasst, erweitert und um aktuelle deutschsprachige Literaturangaben ergänzt. Übersetzt wurde das Werk von Annette Löffelholz.

Aufbau

Das Arbeitsbuch möchte als Leitfaden bei der Vorbereitung und Durchführung von Praxisforschungsprojekten dienen.

Nach zwei einführenden Kapiteln ist das Buch chronologisch anhand der Kernaktivitäten einer Praxisuntersuchung gegliedert.

Die Kapitel sind seitlich farblich markiert, wodurch ein schnelles und zielgerichtetes Nachschlagen ermöglicht wird. Ein Sachregister rundet die Gestaltung ab.

Regelmäßig finden sich Praxisbeispiele aus einer Vielzahl an Sozial- und Gesundheitsberufen.

Jedes Kapitel endet mit Übungsbeispielen, die entweder alleine oder mit KollegInnen und KommilitonInnen bearbeitet werden können.

Komplexe theoretische Inhalte werden in einer Fülle an Tabellen, Schaubildern und Checklisten visuell aufgearbeitet. Vergeblich sucht man hingegen nach einer Vorstellung der AutorInnen.

Inhalt

In der Einleitung folgt zunächst eine Positionsbestimmung von Praxisforschung. Die AutorInnen stellen die eigene Definition vor (S. 26) und vergleichen diese mit divergierenden Ansätzen. Ausgehend von der deutsch-platonischen Wissenschaftstradition wird die scharfe Trennung zwischen Praxis und Wissenschaft hierzulande thematisiert und mit angloamerikanisch-aristotelischen Traditionen verglichen. Vorbehalte gegenüber Praxisforschungsansätzen können dadurch eingeordnet und kritisch hinterfragt werden. Die AutorInnen betonen den kontextabhängigen Charakter von Praxisforschung, dessen Erkenntnisgewinn zunächst dem Lernprozess der forschenden Fachkraft und der jeweiligen Institution dient (Stichwort: Praxisbasierte Evidenz). Praxisforschung kann und möchte keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Dennoch sehen die AutorInnen in der Veröffentlichung der gewonnen Erkenntnisse die Möglichkeit, einen Beitrag zur Professionalisierung von Berufsständen und der Theoriebildung zu leisten (S. 33). Unter Punkt 1.3. werden Leitlinien zu Validität und Zuverlässigkeit unter den besonderen Bedingungen der Praxisforschung vorgestellt. Punkt 1.4 ruft gängige Untersuchungsformen empirischer Sozialforschung in Erinnerung.

Das zweite Kapitel Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitswesen als Forschungskontext widmet sich Verzerrungen (Drop-Out, soziale Erwünschtheit) und weiteren Einflüssen, die gehäuft in der Praxisforschung auftreten. Zahlreiche Rahmenbedingungen für Forschungsprojekte (wie Räumlichkeiten und Zeitbudget) werden aufgelistet und erleichtern die Planung bei einem konkreten Untersuchungsvorhaben. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf mögliche Interessenskonflikte gelegt.

Mit dem dritten Kapitel Orientieren beginnt der eigentliche Zyklus der Praxisforschung. Zunächst werden mögliche Anlässe für Praxisuntersuchungen vorgestellt. Im Anschluss werden fünf gängige Techniken (z.B. Brainstorming und Reflektionsberichte) skizziert, die bei der Suche nach einem geeigneten Untersuchungsgegenstand eingesetzt werden können. Ist ein erster Ansatz gefunden, liefern die AutorInnen acht Techniken, die die weitere Sondierung des Praxisproblems erleichtern. Das Kapitel endet mit der 5xW+A-Methode nach deren Durchführung eine schriftliche Beschreibung des Praxisproblems formuliert werden kann.

Im vierten Kapitel folgt das Ausrichten des Praxisproblems. Sehr viel Wert wird auf eine reflektierte Suche nach einem Untersuchungsziel gelegt. Erneut werden anhand von Leitlinien und Beispielen unterschiedliche Fragetechniken vorgestellt und systematische Arbeitsschritte zur Wahl stimmiger Untersuchungs- und Teilfragen, als auch deren Eingrenzung, vorgegeben. Ist eine schlüssig formulierte Untersuchungsfrage gefunden, widmet sich das Kapitel der Literatursuche. Neben den klassischen Printquellen werden auch digitale Quellen berücksichtigt. Dabei werden vergleichsweise mutig auch Web 2.0. Angebote wie Facebook, Twitter oder LinkedIn zur Informationsbeschaffung bzw. Orientierung im Feld erwähnt, wenngleich postwendend der Hinweis auf fehlende redaktionelle Überarbeitung folgt.

Der nächste Arbeitsschritt des Planens beginnt mit einem Überblick über vier klassische Methoden der Datenerhebung (Literatur-Review, Beobachtung, Befragung und Besuche), die anschließend von jüngeren Methoden, wie beispielsweise dem Storytelling und Community-Mapping, ergänzt werden. Es folgen Tipps zur Gestaltung des zeitlichen Rahmens und der Gliederung eines Untersuchungsplans. Das sechste Kapitel Erheben stellt schließlich die Entwicklung eines Instrumentariums und Leitlinien zur Datenerhebung innerhalb der vier besagten Methoden vor.

Anschließend folgt im siebten Kapitel Analysieren und Schlussfolgerungen ziehen eine systematische Übersicht über grundlegende Analysemöglichkeiten. Die Ausführungen bleiben dabei auf recht einfachem Niveau. Auf aktuelle weiterführende Literatur wird jedoch mehrfach hingewiesen.

Das achte Kapitel Entwerfen beschreibt die zwei Phasen eines Innovationszyklus. Möchten als ein Ergebnis der Praxisuntersuchung Konzepte entwickelt bzw. angepasst werden, dient der Innovationszyklus dem systematischen Vorgehen.

Im letzten Kapitel Berichten und Präsentieren wird der Praxisforschungszyklus beendet. Neben generellen Fragen (Wem möchte ich meine Ergebnisse vorstellen? Wie möchte ich das tun?) wird der Aufbau eines Untersuchungsberichts vorgestellt. Auch Zitierregeln und Tipps zur Formulierung und Visualisierung von Inhalten werden erteilt. Abgerundet wird das Kapitel durch eine Fülle an teils innovativen Präsentationsformen (S. 326-327).

Diskussion

Michael T. Wright leistet mit der Übersetzung des niederländischen Originals einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung des Praxisforschungsansatzes in Deutschland. Das Werk lässt sich mit wenig Vorwissen gut lesen. Auch PraktikerInnen, deren Studium schon längere Zeit zurückliegt, werden sich bei der Lektüre schnell an alte Wissensbestände zurückerinnern. Die Inhalte werden stets anhand von Praxisbeispielen und Übungen vertieft, was den Lesefluss und das Verständnis deutlich erleichtert. Die niederschwellige Konzeption des Arbeitsbuches kann stellenweise jedoch auch ermüdend werden. Beispielsweise vermitteln die AutorInnen Zitationsregeln und grundlegende Überlegungen zu Präsentationsmöglichkeiten (S. 322 -326) auf einem Niveau, welches von der angesprochenen Zielgruppe ohne weiteres bereits vorausgesetzt werden kann. Andererseits wird genau an diesen Stellen die Intention der AutorInnen deutlich, Forschende akribisch Schritt für Schritt durch den Prozess zu leiten. Hervorzuheben ist auch die liebevolle und insbesondere praxistaugliche Gestaltung des Werkes. Einzig und allein das fehlende Autorenverzeichnis gilt es zu bemängeln.

Fazit

Praxisforschung hat Potential. Das vorliegende Werk kann PraktikerInnen darin bestärken sich an eigene Praxisuntersuchungen zu wagen. Auch Studierende erhalten mit dem Werk einen verlässlichen Partner bei Forschungsprojekten während praktischen Studienphasen, sodass dieses Einzug in jede Hochschulbibliothek und in die Institutionen des Gesundheits- und Sozialwesen finden sollte.


Rezensent
Johannes Steinle
M.A. Angewandte Gesundheitswissenschaft
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Zitiervorschlag
Johannes Steinle. Rezension vom 04.03.2015 zu: Cyrilla van der Donk, Bas van Lanen, Michael T. Wright: Praxisforschung im Sozial- und Gesundheitswesen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. ISBN 978-3-456-85350-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18360.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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