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Jens Flassbeck: Ich will mein Leben zurück

Cover Jens Flassbeck: Ich will mein Leben zurück. Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken ; Hilfe aus eigener Kraft. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. 153 Seiten. ISBN 978-3-608-86045-0. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Die Frage ob es so etwas wie Co-Abhängigkeit gibt und wenn ja, was sich hinter dem Begriff verbirgt, wird seit langem kritisch diskutiert. Inzwischen gibt es neuere Konzepte, die ihr Hauptaugenmerk auf das Leid der Angehörigen richten und versuchen empirisch prüfbare Kriterien zu etablieren (Dear et al., 2005). Die zwei wichtigsten Ansätze sehen Co-Abhängigkeit entweder als Persönlichkeitsstörung (Cermak, 1998) oder als verhaltensbezogene Suchterkrankung (Flassbeck, 2010). Ein wissenschaftlich fundiertes, spezifisches psychotherapeutisches Behandlungsprogramm existiert nach derzeitigem Kenntnisstand nicht. (Deutschsprachige) Ratgeber und online-Seiten für Betroffene basieren auf einem anderen, als den beiden genannten oder einem auf den Suchtkranken zentrierten Verständnis von Co-Abhängigkeit bzw. richten sich spezifisch an (erwachsene) Kinder suchtkranker Eltern (Woititz, 1990). Jens Flassbeck (2014) hat nun vor Kurzem den Ratgeber „Ich will mein Leben zurück!“ zur „Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken“ veröffentlicht.

Flassbeck vertritt eine explizit angehörigen-zentrierte Sichtweise, d.h. der Angehörige soll nicht nur behandelt werden, um den Therapieerfolg des Süchtigen zu erhöhen, sondern das Leiden und der Hilfebedarf des Angehörigen werden unabhängig davon in den Mittelpunkt gerückt. Er setzt Co-Abhängigkeit in Bezug zu Abhängigkeitserkrankungen: Nur Personen, die eine enge, wie auch immer gestaltete Beziehung zu einem Suchtkranken haben, sind gefährdet co-abhängig zu reagieren. Co-Abhängigkeit wird anhand von konkreten verhaltensmäßigen, emotionalen und kognitiven Reaktionsmustern definiert, die bei Angehörigen von Suchtkranken häufiger auftreten. Diese typischen Erlebens- und Verhaltensweisen beschreibt er als eine normale, hilfreiche Reaktion im Umgang mit einem komplexen, nicht alltäglichen, noch dazu anhaltenden Ausnahmezustand. Umfang und Ausmaß können sich jedoch soweit steigern, dass der Angehörige sich co-abhängig verstrickt und schließlich krank wird.

Aufbau und Inhalt

In insgesamt neun Kapiteln werden die Angehörigen Suchtkranker zumeist behutsam, hin und wieder aufrüttelnd, bei allem aber äußerst wertschätzend und ganz exklusiv auf sie bezogen durch die Thematik Co-Abhängigkeit und ihre Auswege geführt.

Nach dem einleitenden und definierenden Kapitel folgt im zweiten Kapitel eine anschauliche Darstellung der Formen und Schweregrade von Co-Abhängigkeit. Dies wird an zahlreichen, sehr anschaulichen Fallbeispielen belegt, die dem betroffenen Leser ein ihm ähnliches Modell auf Augenhöhe vorstellen.

Im dritten Kapitel finden sich verschiedene Einschätzungen und Merkmallisten mit Aussagen zu Auffälligkeiten, Belastungen und Problemen, mit Hilfe derer sich Betroffene selbst einschätzen und dies dann beurteilen können. Da die Fragen nicht empirisch abgesichert und kaum auf ihre psychometrische Qualität hin geprüft wurden, kann kein kritischer Wert für Auffälligkeiten angegeben werden und so lassen sich die Fragen nicht im professionellen Bereich zu diagnostischen Zwecken nutzen. Diesen Anspruch erhebt Flassbeck jedoch auch noch nicht.

Das vierte Kapitel beinhaltet die Darstellung möglicher Ursachen, mit deutlich psychoedukativem Charakter. Es ist auf Einsicht aber auch auf die Erzeugung von Ambivalenz bezüglich des eigenen Verhaltens ausgerichtet und informiert den Leser auch über weitere Bedingungen und Zusammenhänge von Angehörigenproblemen.

Der wichtigste Teil des Ratgebers in den Kapiteln fünf und sechs dient der Vermittlung von Selbsthilfestrategien und dem Ausbau von hilfreichen Kompetenzen und Ressourcen. Hier finden sich viele praktische Übungen und Aktionen. Flassbeck leitet bspw. sehr anschaulich dysfunktionale Kognitionen, ihre Auswirkungen auf Erleben, Fühlen und Handeln sowie ihre Herkunft aus Verboten und Geboten der Kindheit und Jugend her. Um auf Veränderungen hinzuarbeiten nutzt Flassbeck viele Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie, der Gesprächstherapie sowie Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen.

Im Therapieteil wird viel Raum für erwachsene Kinder von suchtkranken Eltern verwendet. Dies ist in Anteil und Darstellung sehr angemessen, da es sich hierbei oft um eine noch extremere Situation handelt. Es werden Erklärungen dafür und vier zusätzliche Anregungen geboten, die in selbst zu erarbeitende Strategien münden und letztlich Lösungen aufzeigen.

Zum Abschluss des Ratgebers werden schließlich weitere professionelle Hilfesysteme und Helfer und ihre Nutzen und Grenzen dargestellt.

Diskussion

Das Buch richtet sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich an unmittelbare Angehörige Suchtkranker, wie Partner, Kinder, Eltern etc. aber auch an professionelle, individuelle und institutionelle Helfer. Unterstützt werden sollen mit dem Ratgeber all Jene, deren Hilfeverhalten aus der Balance geraten ist und die sich in vielerlei Hinsicht stark belastet fühlen. Flassbeck hat seine Zielgruppe sehr gut im Blick, er versucht die Betroffenen dort abzuholen, wo sie tatsächlich stehen und ermuntert sie einen Schritt weiter aus ihrer stillen Kammer herauszukommen.

Sehr entlastend wirkt für Betroffene das mehrfach erläuterte Risiko für Suchthelfer, sich co-abhängig zu verstricken. Dies zeigt den Therapeuten nicht auf einer höheren Ebene in unfehlbarer Position, sondern als ebenso mitfühlenden und besonders prosozial handelnden Mitmenschen, welcher dem Risiko genauso ausgesetzt ist und ihm anheim fallen kann. Folglich wird die fürsorgliche Haltung Co-abhängiger als grundsätzlich sehr positive Eigenschaft gewertschätzt, die das Zusammenleben mit Ihnen sehr angenehm machen kann. An manchen Stellen wird nicht ganz klar ob es einen Unterschied im Verhalten Angehöriger zu suchtkranken Partnern oder zu Partnern mit anderen psychischen Störungen gibt. Flassbeck erklärt jedoch weiter, dass sich insbesondere für einen Suchtkranken, der die Kontrolle verloren hat und von den Gedanken an seine Droge beherrscht wird, durch die fürsorgliche, empathische Haltung ein Potential bietet, dass sich (aus)-zu-nutzen lohnt.

Fazit

Da sich in der Debatte um das Konzept der Co-Abhängigkeit bezüglich einer einheitlichen Definition und damit auch einem spezifischen Behandlungsansatz noch immer kein Konsens finden lässt, ist auch der Markt an Ratgeberliteratur nach wie vor unübersichtlich. Flassbeck legt mit seinem neuen Ratgeber einen auf umfangreichen praktischen Erfahrungen beruhenden, für Angehörige von Suchtkranken konzipierten Leitfaden zur Selbsterkenntnis und Selbsthilfe vor. Das wissenschaftliche Fundament für Flassbecks allgemeines Konzept von Co-Abhängigkeit bedarf zwar noch einer Evaluation, aber seine Anregungen und Empfehlungen für Betroffene in diesem Ratgeber hat er aus etablierten, wissenschaftlich fundierten therapeutischen Stragien abgeleitet und in jahrelanger, praktischer Erfahrung in der Therapie von Suchtkranken und ihren Angehörigen spezifisch auf diese Zielgruppe übertragen. Alles in allem handelt es sich bei Flassbecks Buch um einen durchdachten, wertschätzenden und für viele Betroffene sicher sehr hilfreichen Ratgeber zur Selbsthilfe, den man guten Gewissens Betroffenen empfehlen kann.

Literatur

  • Cermak, T. L. (1998). Diagnosing and treating co-dependence: A guide for professionals who work with chemical dependents, their spouses and children. Center City, Minnesota: Hazelden.
  • Dear, G. E, Roberts, C. M. & Lange, L. (2005). Defining codependency: A thematic analysis of published definitions. In S. P. Shohov, Advances in psychology research, Vol. 34 (S. 189-205). New York: Nova Science.
  • Flassbeck, J. (2010). Co-Abhängigkeit: Diagnose, Ursachen und Therapie für Angehörige von Suchtkranken. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Flassbeck, J. (2014). Ich will mein Leben zurück! Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Woititz, J.G. (1990). Um die Kindheit betrogen: Hoffnung und Heilung für erwachsene Kinder von Suchtkranken. München: Kösel.

Rezensentin
Dr. Yvonne Paelecke-Habermann
Homepage www.i1.psychologie.uni-wuerzburg.de/int/mitarbeiter ...
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Zitiervorschlag
Yvonne Paelecke-Habermann. Rezension vom 13.02.2015 zu: Jens Flassbeck: Ich will mein Leben zurück. Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken ; Hilfe aus eigener Kraft. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-608-86045-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18362.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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