socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Berthold Dietz, Bernhard Frevel u.a.: Sozialpolitik kompakt

Cover Berthold Dietz, Bernhard Frevel, Katrin Toens: Sozialpolitik kompakt. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. 3., überarbeitete Auflage. 242 Seiten. ISBN 978-3-658-06368-9. 18,99 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autoren und Autorin

  • Berthold Dietz ist Sozialwissenschaftler und Professor für Soziologie und Sozialpolitik an der Evangelischen Hochschule Freiburg.
  • Bernhard Frevel ist Sozialwissenschaftler und Professor für Sozialwissenschaft an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW.
  • Katrin Toens ist Politikwissenschaftlerin und Professorin für Politikwissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Entstehungshintergrund

Die Erstauflage des Buches – mit den Autoren Frevel und Dietz – erschien 2004. Es wurde in socialnet 12/04 besprochen – und dem geneigten Leser wird deshalb auch zunächst die Lektüre jener Rezension empfohlen (vgl. die Rezension). Ihm und dem (damaligen und jetzigen) Rezensenten bleiben so unnötige Wiederholungen erspart.

Aufbau und Inhalt

Das Inhaltsverzeichnis der Neuauflage ist weitgehend identisch mit demjenigen der Erstauflage:

  1. Geschichte und Entwicklungsbedingen der Sozialpolitik in Deutschland
  2. Grundlagen und Grundfragen der Sozialpolitik
  3. Akteure der Sozialpolitik
  4. Soziale Probleme und Zielgruppen der Sozialpolitik
  5. Reformbedarf und Reformen in der Sozialpolitik
  6. Sozialpolitik und Europäische Integration
  7. Strukturen der Sozialpolitik im internationalen Vergleich

Auch der Seiten-Umfang der Neuauflage hat sich nicht wesentlich verändert. Eine kleinere Schrift bewirkt indes einen (überschaubaren) quantitativen Zuwachs, der vor allem dem Historischen Teil zugute kommt.

Diskussion

Wenn ein Buch innerhalb eines Jahrzehnts die dritte Auflage erreicht, kann man mit Fug und Recht von einem gelungenen Werk, einem verlegerischen Erfolg sprechen. Offensichtlich haben die Autoren einem breiten Käufer- und Leser-Interesse entsprochen, nämlich dem nach einer übersichtlichen, verständlichen, leicht lesbaren Einführung in die deutsche Sozialpolitik. Die auf eine allzu detaillierte Darstellung der Sozialgesetzgebung ebenso verzichtet wie auf eine halbwegs anspruchsvolle Erläuterung ihrer verfassungsrechtlichen Grundlagen (hier wirken die Autoren, allesamt im weitesten Sinn Sozialwissenschaftler, auch etwas überfordert).

Der Ziel-Leser des Verlags könnte etwa ein Sozialpädagogik-Student mit Sozialpolitik im Nebenfach sein, der sich fachliche Grundkenntnisse aneignen möchte. Dazu muss er weder die Geheimnisse der Rentenformel entschlüsseln (wie eine Altersrente zustande kommt, verraten die Autoren auch in der Neuauflage nicht) noch muss er den Unterschied von Versicherungspflicht und Pflichtversicherung kennen (die Verfasser kennen ihn auch nicht).

Dieses Konzept scheint aufgegangen zu sein. Dennoch sei Kritik erlaubt. Zugegeben: es ist ein schmaler Grat, der Allgemeinverständlichkeit und Verzicht auf unnötige Details von Oberflächlichkeit und Es-sich-allzu-einfach-Machen trennt. Die richtige Balance haben die Autoren jedenfalls nicht immer gefunden. Um bei den genannten Beispielen zu bleiben: die Informationen zur Rentengesetzgebung sind einfach zu dürftig, auch die Ausführungen zur Sozialstaatlichkeit eher mangelhaft. So wird beispielsweise Artikel 28 GG (sozialer Rechtsstaat) als eine der verfassungsrechtlichen Grundlagen unserer Sozialstaatlichkeit überhaupt nicht erwähnt, genau so wenig wie Artikel 79 III („Ewigkeitsgarantie“ des Sozialstaats).

Einige der in der Rezension der Erstauflage beanstandeten Passagen fehlen dankenswerterweise in der jetzigen Auflage, so das unpassende „Catenaccio“- Bild für die Prinzipien der sozialen Sicherung. Andere, ebenso um Anschaulichkeit bemühte, aber völlig missglückte Passagen sind indes dazugekommen. Die Historie der Sozialpolitik von der Weimarer Republik zurück zu ihren Anfängen, so wird beispielsweise behauptet, lasse sich leicht merken als „der Weg der B´s“: das sei der Weg „entlang des Solidaritätsbegriffs von Brauns und Bismarck über die Bergknappen und die Berufszünfte zurück zur Barmherzigkeit“.

Abgesehen davon, das der (durchaus verdienstvolle) Theologe und deutsche Arbeitsminister von 1920 bis 1928 Heinrich Brauns erstmals als Lichtgestalt der deutschen Sozialpolitik auftaucht: hier offenbart sich ein grundsätzlich problematisches Verständnis von Sozialpolitik. Sicherlich gehören zu ihr auch Fürsorge und Versorgung. Aber ihr Kernbereich, das, was sie im Grunde ausmacht, ist die Sozialversicherung. Und für diese mag es seit Bismarcks Zeiten alle möglichen Motive gegeben haben: paternalistisches Obrigkeitsdenken etwa, immer auch politisches Kalkül. Etwas zu wollen ist jedoch das eine, was herauskommt das andere. Und bewirkt hat die Sozialpolitik die Integration des Vierten Standes in Staat und Gesellschaft. Das ist ihr Markenzeichen. An die Stelle des willkürlichen Almosens (man lese dazu Georg Simmel) traten Rechte, und zwar solche, die auf eigener Vorleistung beruhen. Das ist das genaue Gegenteil von Barmherzigkeit.

„Für die dritte Auflage“, so wird auf der Umschlagrückseite behauptet, „wurde der Text umfassend aktualisiert“. Auch das darf bezweifelt werden, viele Angaben sind keineswegs auf dem letzten (oder auch nur vorletzten) Stand. So wird zum Beispiel an einer Stelle behauptet, es gebe „heute“ hierzulande 67.000 Menschen über 95 Jahre. Allerdings betrug deren Zahl bereits im Jahre 2011 laut Mikrozensus 93.000 und es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Zahl „heute“ die 100000-Grenze überschritten hat.

Fazit

Das Buch gibt einen brauchbaren Überblick über die Sozialpolitik in Deutschland und streift auch die sozialpolitischen Probleme, die die europäische Staatengemeinschaft prägen. Es ist verständlich geschrieben und überfordert den Leser nicht. Gelegentlich unterfordert es ihn.


Rezensent
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 29 Rezensionen von Walter Wangler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 01.09.2015 zu: Berthold Dietz, Bernhard Frevel, Katrin Toens: Sozialpolitik kompakt. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-658-06368-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18370.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung