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Dieter Sinhart-Pallin, Mechthild Ralla: Handbuch zum Philosophieren mit Kindern

Cover Dieter Sinhart-Pallin, Mechthild Ralla: Handbuch zum Philosophieren mit Kindern. Kindergarten, Grundschule, freie Einrichtungen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-8340-1454-2. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Philosophieren ist Orientierung des Denkens

Es wäre verwunderlich und vermessen – denn es wäre nicht Philosophie – würde man sich zur Frage: „Was ist Philosophie?“, auf eine allgemeinverbindliche Antwort einigen können. Es ist die intellektuelle Herausforderung, daran weder zu verzweifeln, noch in Primitivität zu verfallen. Eine mögliche, vielfach akzeptierte Antwort, ist uralt. Sie stammt vom antiken, griechischen Philosophien Aristoteles und lautet: Philosophie ist Liebe zur Weisheit, und damit Grundlage für die Suche nach Wahrheit. Weil nämlich der anthrôpos, der Mensch, als ein mit Vernunft ausgestattetes Lebewesen, in der Lage ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und nach einem guten, gelingenden Leben strebt. Damit aber sind wir wieder am Anfang unseres Fragens. Denn die Antwort: „Die Wahrheit ist die Wahrheit“ sagt zwar alles, aber sie lässt auch allen Interpretationen Raum. Der französische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger André Gide (1869 – 1951) hat sich aus dem Dilemma damit herausgeholfen, dass er feststellte: „Die Wahrheit gedeiht nur in einer bestimmten Vegetation und Temperatur. Sobald man sie erhitzt, wird sie fanatisch, sobald man sie unterkühlt, zynisch“. Und der Verteidiger der Toleranz, Voltaire (1694 – 1778), mahnte: „Alles, was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, sollst du auch sagen“ (vgl. dazu: Werner Köhne, Philosophie goes life – Die neue philosophische Szene, Hörfunksendung, Deutschlandfunk, 4.1.2015, 20.05 Uhr). Damit verwies Voltaire auf die Individualität und Begrenztheit des Philosophierens: „Es wäre Dummheit zu meinen, man könne alle Menschen dazu bringen, über Metaphysisches gleich zu denken. Eher könnte man das gesamte Universum mit Waffengewalt unterwerfen, als die Gedanken der Einwohner eines einzigen Dorfes“. Er hat zwar nicht mehr erlebt, wie sehr seine Gedanken das Menschheitsbewusstsein bestimmt haben, aber sie sind wenige Jahre nach seinem Tod zur Grundlage der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 geworden.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Was gibt es nicht alles für Zuschreibungen, wenn wir über Philosophieren nachdenken. Da ist der einsame Denker in seinem Studierstübchen, der sich einsam und verzweifelt durchgräbt zu den Urgründen des Daseins; da erscheint das Bild des selbstvergessenen, antiken Astronomen Thales von Milet (um 624 – 547 v. Chr.), der so intensiv zu den Sternen schaute, dass er das naheliegende Hindernis übersah und in den Brunnen fiel; da ist der zerstreute Professor, der ohne einen hilfreichen Lebenspraktiker vergisst, sich zu ernähren und vernünftig zu kleiden; und da ist der neue Boom, mit dem Menschen entdecken, dass die philosophische Frage „Wer bin ich?“ sehr wohl etwas mit der eigenen, gelingenden Existenz zu tun hat. Philosophie wird dadurch zur Lebens- und Überlebenswissenschaft; und die Theorie zur Praxis (Claus Baumann / Jan Müller / Ruwen Stricker, Hrsg., Philosophie der Praxis und die Praxis der Philosophie, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16849.php; sowie: Jos Schnurer, Wer philosophiert – lebt!28.01.2014, www.socialnet.de/materialien/174.php). Damit öffnet sich eine für viele Menschen bisher verschlossene Tür, hinter der ein Signal aufleuchtet: „Jeder Mensch ist ein Philosoph!“, und die Entdeckung, dass philosophieren gelernt werden kann. Da werden plötzlich Welten erkennbar, in denen die „Kritik der reinen Vernunft“ (Immanuel Kant, 1781) mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ (Peter Sloterdijk, 1983) konfrontiert wird; da kommen Zumutungen auf den Büchermarkt, wie Jostein Gaarders „Sofies Welt“ (1991) und Donata Elschenbroichs „Weltwissen der Siebenjährigen“ (2001), sogar publikumswirksame Ratgeber fürs Philosophieren; und es werden Philo-Events, Kinder-Universitäten, Stadtführungen wie z. B. „Philosophy goes life“ angeboten und seit 2013 alljährlich die phil.COLOGNE durchgeführt, ein Treffen zeitgenössischer Philosophen, mit ausdrücklich publikumswirksamen Veranstaltungen.

Für die weiterführenden Schulen der Sekundarstufen I und II sind Bildungsherausforderungen zu existentiellen und ethischen Fragen natürlich Bestandteil des fächerbezogenen und -übergreifenden Lernens. In einigen Bundesländern in der Bundesrepublik steht sogar das Fach „Philosophie“ auf dem Lehrplan. Für Kindergärten und Grundschulen liegen bisher nur wenige Anregungen vor. Die Lehrerin für den Primar- und Sekundarbereich, Lehrbeauftragte für Philosophie und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und Gründungsmitglied der Kommission „Philosophieren mit Kindern“ im Fachverband Philosophie e.V., Mechthild Ralla, und der Pädagoge, Mitarbeiter einer Kieler Fachschule für Sozialpädagogik und Leiter eines Philosophischen Gesprächskreises in einem Kindergarten, Dieter Sinhart-Pallin, legen mit dem Handbuch „Philosophieren mit Kindern“ einen wichtigen Baustein vor, mit dem ein ganzheitliches Gebäude zur Orientierung des Denkens von Kindern in der Welt errichtet werden kann. Das Autorenteam fokussiert dabei ihre Aufmerksamkeit auf die Phase der Vorbereitung und des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule. Sie erinnern daran, dass Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas immer wieder mit existentiellen, philosophischen, ethischen und religiösen Fragen von Kindern konfrontiert werden. Wie sie professionell und empathisch darauf reagieren, aber auch wie sie dazu motivieren können, das vermittelt das Handbuch mit theoriegebundenen, praxisorientierten Beispielen.

Aufbau und Inhalt

Mechthild Ralla und Dieter Sinhart-Pallin gliedern das Handbuch in fünf Kapitel. Im ersten Teil diskutiert Sinhart-Pallin „Grundlagen für das Philosophieren mit Kindern“, indem er den theoretischen Fragen nachgeht, was in diesem Sinne Philosophieren eigentlich heißt, wie sich die Aufgaben historisch und aktuell begründen lassen und welche Bedeutung sie für die körperliche und seelische Entwicklung des Kindes haben: „Philosophieren heißt dann, das, was man denkt, in einen genauen Ausdruck, in eine präzise Formulierung zu überführen und mittelbar zu machen“.

In den weiteren Kapiteln thematisieren Autorin und Autor Fragen zur „Didaktik des Philosophierens mit Kindern“. Dass Bildung und Erziehung von Kindern als unmittelbar verbundene Entwicklungsaufgaben ganz früh und von allen Verantwortlichen intensiv und gemeinsam wahrgenommen werden sollen, dürfte mittlerweile gesellschaftliches Gemeingut geworden sein, wiewohl Analysen und Bestandsaufnahmen noch eine Reihe von Defizite aufweisen (vgl. z. B. dazu: Diemut König, Die pädagogische Konstruktion von Elternautorität, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18097.php; Yvonne Blöcker, u.a., Hrsg., Kinder und Demokratie, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17953.php; Timm Albers, Das Bilderbuch-Buch. Kreativität und Emotionen in der Kita fördern, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18028.php). Die didaktischen und methodischen Kompetenzen von ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen müssen geschult und eingeübt werden, sowohl in der Aus-, wie in der Weiterbildung. Die philosophische Unterrichtsmethode „Sokratisches Gespräch“ wird erläutert und als Vorschlag eingebracht. Als didaktisches Gerüst werden die vier Kantischen Fragen – Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? – anhand von Beispielen und Themenvorschlägen konkretisiert, und das Autorenteam informiert über Erfahrungen in konkreten Bildungssituationen und bringen Empfehlungen für die Aus- und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften ein.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis zur Thematik bietet die Möglichkeit, den Bildungsauftrag „Philosophieren mit Kindern“ in den umfassenden, professionellen und institutionellen Rahmen einzugliedern. Dabei ist auch erfreulicherweise zu registrieren, dass neben den theoretischen Diskussionen auch Praktiker Lernmaterialien anbieten, die konkret in der frühen Erziehungs- und Bildungsarbeit eingesetzt werden können (z. B.: Kristin Calvert, 48 Bildkarten zum Philosophieren mit Kindern, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/18376.php).

Fazit

Das „Handbuch zum Philosophieren mit Kindern“ ergänzt und befördert die erfreulicherweise stärkere Aufmerksamkeit, die ethische, soziale, moralische, kognitive und emotionale Bildung von jungen Menschen bereits im Kindergarten und in der Grundschule bewusst und professionell zu leisten. Dass dabei bei den Erwachsenen ein Perspektivenwechsel gefordert ist, die als Lebenskompetenz verstanden werden kann, nämlich „selbst eine Haltung der Nachdenklichkeit einzunehmen, die Fragen, Erklärungen und Gründe der Kinder ernst zu nehmen, sich nicht als überlegene Wissende, sondern als Dialogpartner in ein Gespräch einzubringen“, sollte sowieso zur Haltung des Educans zum Educandus gehören, egal, welches Alter das Kind hat. So wird Philosophieren zur Lebenskunst!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.02.2015 zu: Dieter Sinhart-Pallin, Mechthild Ralla: Handbuch zum Philosophieren mit Kindern. Kindergarten, Grundschule, freie Einrichtungen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8340-1454-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18377.php, Datum des Zugriffs 01.03.2021.


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