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Johannes Hennies, Michael Ritter (Hrsg.): Deutschunterricht in der Inklusion

Cover Johannes Hennies, Michael Ritter (Hrsg.): Deutschunterricht in der Inklusion. Auf dem Weg zu einer inklusiven Deutschdidaktik. Fillibach bei Klett (Stuttgart) 2014. 251 Seiten. ISBN 978-3-12-688064-0. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 36,40 sFr.
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Thema

Spätestens seit 2009, der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention, bereitet sich das deutsche Bildungssystem auf das anspruchvolle Ziel der Inklusion vor. Nach diversen Vorläuferkonzeptionen im Kontext der Integrationspädagogik in den 1980er und 1990er Jahren, die vor allem bildungs- bzw. erziehungswissenschaftlich verortet waren, steht ein weiterer Paradigmenwechsel für alle Unterrichtsfächer und Schulstrukturen bevor. Wenn Inklusion und damit das Leben und Lernen in Form von Chancengleichheit und Abbau von Diskriminierungen wegen Behinderung Realität werden sollen, stehen explizit die einzelnen Unterrichtsfächer und die damit verknüpften Fachdidaktiken vor einem enormen Anpassungs- und Veränderungsdruck – mit allen dadurch evozierten Chancen und Risiken. Insofern liefert der Sammelband einen systematischen Zugang zu einer „inklusiven Fachdidaktik Deutsch“, in der Heterogenität als konstitutives Merkmal von Deutschunterricht verstanden und konsequent durchdacht wird.

Herausgeber

Prof. Dr. Johannes Hennies (Jahrgang 1976) hat an der Universität Hamburg die Fächer Gebärdensprachen und Erziehungswissenschaft studiert. Er wurde an der Humboldt-Universität (Berlin) im Fach Rehabilitationswissenschaften promoviert. Seit Februar 2015 lehrt und forscht er als Professor für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

Prof. Dr. Michael Ritter ist nach mehreren Stationen als Junior- und Vertretungsprofessor seit 2015 als Hochschullehrer für Grundschuldidaktik Deutsch/Ästhetische Bildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig. Nach einem Studium des Lehramts für Grundschule ebendort in den Fächern Deutsch, Mathematik und Musik promovierte er 2008 mit einer Studie zu „Wege ins Schreiben. Eine Studie zur Schreibdidaktik in der Grundschule“. Forschungsfelder sind u. a. Kreatives Schreiben in heterogenen Lerngruppen und Inklusive Deutschdidaktik.

Entstehungshintergrund

Hervorgegangen ist der Sammelband aus einer Tagung zum Thema Deutschunterricht und Inklusion im Herbst 2013 an der Universität Bielefeld mit dem Titel „Blickpunkt: Inklusive Deutschdidaktik“. Die Tagung verfolgte das Ziel, „den aktuellen, durchaus kontroversen Entwicklungsstand des Faches“ (S. 9) aus der Perspektive eines inklusiven Paradigmenwechsels zu analysieren.

Aufbau und Inhalt

In einer prägnanten Einführung gehen die Herausgeber Johannes Hennies und Michael Ritter auf die aktuelle gesellschaftliche Debatte über die Inklusion ein. Sie betonen die Relevanz des Fachunterrichts bzw. des Lerngegenstands für ein Gelingen der Intention, „dass alle Kinder ihren Voraussetzungen entsprechend in einer Gruppe gemeinsam lernen können“ (S. 8). Dabei sei die Deutschdidaktik bereits auf einem guten Weg, da individuelle Förderung und heterogene Lerngruppe längst relevante Faktoren bei der Planung und Durchführung von Deutschunterricht in der Vergangenheit gewesen seien. Jedoch ergeben sich durch die Inklusion „ganz andere Herausforderungen für einen gemeinsamen Unterricht“ (S. 10): Für jeden Bereich des Deutschunterrichts müsse diskutiert und ausgehandelt werden, wie er als Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler verstanden werden könne.

Im Folgenden werden für vier Bereiche von Expertinnen und Experten aus den diversen Teildisziplinen der Fachdidaktik Deutsch und aus angrenzenden Wissenschaftsdomänen sechzehn Beiträge zu

  1. „Konzeptionelle Überlegungen“,
  2. „Mündlichkeit und Schriftlichkeit“,
  3. „Schreibdidaktik“ sowie
  4. „Lese- und Literaturdidaktik“

vorgelegt.

Der erste Komplex, die „Konzeptionellen Überlegungen“, kreisen in drei Beiträgen vorrangig um grundlegende Fragen einer inklusiven Deutschdidaktik. Exemplarisch am Einsatz von Bildern und Bilderbüchern zeigt Natascha Naujok die Funktion von Bildungssprache und resultierende Konzepte für das mündliche und schriftliche Erzählen. In ihrem Beitrag geht sie auf die zentrale Herausforderung ein, „Brücken von einer Fach- und Standardisierungsorientierung hin zu einer Inklusions- und Individualisierungsorientierung“ (S. 31) zu bauen. Horst Bartnitzky prüft in einem Überblicksaufsatz die Potenziale vorliegender Konzepte für die Inklusion in der Grundschule. Zentral ist für ihn der Aspekt der „Teilhabe“ im Sinne „aktive Beteiligung am Lernprozess“ (S. 35). Auch Bartnitzky sieht in der Kompetenzorientierung ein wesentliches Hindernis für Inklusion: „Die Kompetenzstufen und Tests sind aber auch deshalb der Inklusion abträglich, weil sie ein falsches Modell für die Einschätzung von Leistungen und ihrer Förderung geben.“ (S. 44) Den Fokus auf die Sekundarstufe I legt Matthias Hölzner, indem er gemeinsame Lernsituationen und Lerngegenstände unter Rückgriff auf klassische Konzepte integrativer Didaktik als conditio sine qua non erfolgreicher Inklusion postuliert. Besonders hervorzuheben sind die best practices-Beispiele des Gymnasiums „Alfred Krupp Schule“ (Essen): Kooperative Lernsituationen, subsidiäre Lernarrangements und kommunikative Settings werden detailliert beschrieben und aufgezeigt, wie Freiarbeitssequenzen und Wochenplanarbeit zu einer Öffnung des Unterrichts und zu einer „Balance zwischen Individualität und Gemeinsamkeit“ (S. 56) beitragen können.

Der zweite Abschnitt behandelt die Bereiche „Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ im inklusiven Deutschunterricht. Vier Beiträge von fünf Autorinnen und Autoren geben Einblick in die aktuelle Diskussion. Wiederum den Bereich der Bildungssprache nimmt Nadine Rönicke in den Blick, dieses Mal mit Bezug auf empirische Forschungsergebnisse zur medial mündlichen konzeptionellen Schriftlichkeit. Sie stellt ein Lernarrangement vor, „in welchem (…) ein Erzählrahmen den Ausgangspunkt für eigenes medial mündliches Erzählen der Kinder bildet.“ (S. 65) Die ersten Ergebnisse scheinen vielversprechend: „Die Vorbilderzählung der erwachsenen Erzählerin bietet (…) implizite Impulse, die zu einer deutlichen Verstärkung der distanzsprachlichen Vertextungs- und Markierungsprozesse führen“ (S. 70). Fortgeführt wird dieses Ergebnis im Beitrag von Timm Christensen, der Übergangsprozesse zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Kontext des Schriftspracherwerbsprozesses von Kindern thematisiert. Friederike Kern und Amrei Walkenhorst bereichern die Perspektive durch den Fokus auf mehrsprachige Lerngruppen. Sie berücksichtigen besonders potenziell problematische Wahrnehmungsdomänen im Bereich der Phonologie und zeigen Folgen für die Orthographie bzw. den Orthographieerwerb auf. Abschließend thematisiert Nazli Hodaie das Exempel Übergangsklassen an einer bayerischen Grundschule im Sinne von Vorbereitungsklassen für eingewanderte Kinder. Ihr Plädoyer nach Auswertung diverser Lehrerinterviews weist in Richtung Verbesserung institutioneller Rahmenbedingungen.

Im dritten Abschnitt des Sammelbandes finden sich fünf Aufsätze zur „Schreibdidaktik“: Sascha Zielinsi widmet sich den Ansatzpunkten eines inklusiven Schreibkompetenzbegriffs mit den Teildimensionen Zielsetzungskompetenz, inhaltliche Kompetenz, Strukturierungskompetenz und Formulierungskompetenz. Franziska Warnecke betrachtet Formen und Methoden des kreativen Schreibens im inklusiven Kontext am Beispiel einer Grundschulklasse. Isabel Forstman geht gleichfalls auf ein konkretes Praxisbeispiel ein: Im Rahmen einer Qualifizierungsarbeit wurde der Lerngegenstand „Briefe schreiben“ in einer jahrgangsgemischten Lerngruppe mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf erarbeitet. Miriam Geldmacher fokussiert gleichfalls das Schreiben in einer stark leistungsheterogenen Klasse und zeigt anhand des Bilderbuchs „Rotkäppchen“ Unterrichtsbeispiele für die Sekundarstufe I auf. Schließlich stellt Beate Leßmann die Konzeption der „Schreibzeit“ in einer 3. Klasse vor. Daraus leitet sie „Kompetenzen im Rahmen einer Didaktik der Potenzialität“ (S. 179) ab. Ihr Fazit: „Als genuin inklusiv wird (…) jener Unterricht bezeichnet, bei dem die individuellen Potenziale und der gemeinsame Kern im Kontext der Gruppe so aufeinander bezogen werden, dass sich individuelle und klassenspezifische Kompetenzen (…) optimal entwickeln können.“ (S. 180)

Den vierten Abschnitt bilden fünf Beiträge zur Lese- und Literaturdidaktik. Auf der Grundlage einer Projektidee zum „ABC der Tiere“ skizziert Felix Mathern Elemente eines inklusionskonformen Fachunterrichts, der die entwicklungslogische Didaktik hinreichend berücksichtigt. Angelika Thäle und Judith Riegert plädieren in ihrem Aufsatz zur „Bedeutung von Textzugängen“ am Beispiel des Romans „Tschick“ für alternative Konzeptionen, die mehrere Teilaspekte des literarischen Lernens wie „sich auf die Unabschließbarkeit des Sinnbildungsprozesses einlassen“ (S. 197) besonders hervorheben. Sie referieren Beispiele zu den Aspekten „Sprachliche Vereinfachung“, „Veranschaulichungen“, „Elementarisierung“ und „Szenische Verfahren“. Wiebke Dannecker strebt eine Klärung des Inklusionsbegriffs „aus literaturdidaktischer Perspektive“ (S. 209) an, basierend auf der Erkenntnis, „dass eine Individualisierung von Lernangeboten quasi zwingend geboten ist.“ (S. 210) Am Beispiel der Novelle „Kleider machen Leute“ arbeitet sie verschiedene Möglichkeiten zur Individualisierung und Binnendifferenzierung aus, u. a. durch den Einsatz von Lerntagebüchern, Arbeitsplänen und Zusatzangeboten, und stellt erste Ergebnisse einer empirischen Prüfung dar. Jeanette Hoffmann und Natascha Naujok zeigen in ihrem Beitrag „Bilder(bücher) – Vieldeutige Medien und ihre Aneignung in heterogenen Lerngruppen“ am Bilderbuch „Stimmen im Park“ Ansätze eines produktionsorientierten Umgangs. Ferner referieren sie auch am Beispiel des Märchens „Hänsel und Gretel“, „inwiefern literarästhetisch und psychologisch komplexe Bilderbuchlektüren mit symbolischem Überschuss für die Arbeit in heterogenen Lerngruppen geeignet sind“ (S. 235). Auch das Feld Theater wird in diesem Abschnitt des Sammelbandes angesprochen, wozu Carola Weber-Peeters ein inklusives Theaterprojekt vorstellt, das Studierende der Heilerziehungspflege mit einer Gruppe von behinderten und nicht-behinderten Jugendlichen durchgeführt haben. Ein interessantes Ergebnis des Projekts lautet aus ihrer Sicht: „Ohne den hohen Personalaufwand wären viele individualisierte Angebote nicht möglich gewesen.“ (S. 246)

Diskussion

Die Zeichen an der metaphorischen Wand sind deutlich: Es bahnt sich am Horizont der Deutschdidaktik als Folge der Inklusion eine Fortentwicklung an, die teils kritisch, teils ablehnend mit dem bisherigen Mainstream, der Kompetenzorientierung, umgeht: Als Folge der internationalen Vergleichsstudien – Stichwort: PISA – hat sich für gerade für das Schulfach Deutsch seit 2004 in allen Schul- und Altersformen eine gewisse Normierung und Standardisierung eingestellt. Dies war und ist politisch gewollt gewesen, aber in Teilen auch didaktisch sinnvoll und legitimiert. Der Sammelband deutet hingegen den Weg in eine andere Zukunft: Einerseits akzeptieren die Herausgeber Hennies und Ritter einführend den Status quo der aktuell spürbaren Standardisierungs- und Normierungstendenzen, „die Schulerfolg und Schulversagen an klar definierten und für alle Kinder gleichermaßen gültigen Bildungsstandards festmachen“ (S. 12). Anderseits kontrastieren sie Kompetenzorientierung mit Inklusion und dem Fazit, dass die absolute Fokussierung von individuellen Lernprozessen, „insbesondere einer Vorstellung von Schulerfolg als individuell bestimmbares Lernziel“ (S. 12f.), mit dem bisherigen Stand der Unterrichtsgestaltung und der fachdidaktischen Konzeptionen kaum in Übereinklang zu bringen ist. Der Vorzug des Sammelbandes ist dabei, nicht kritikasterartig all jene Bereiche aufzulisten, die nicht inklusionsgemäß sind, sondern konkrete Beispiele und Ansatzpunkte für einen konstruktiven Umgang mit Inklusion und Heterogenität anzuführen.

Fazit

In ihrer Einführung haben Hennies und Ritter bereits dargelegt, welcher Leitidee der Sammelband und die zuvor veranstaltete Bielefelder Tagung verpflichtet gewesen sind: Es gehe ihnen keineswegs um „fertige Lösungsansätze“ (S. 16) bei der gemeinsamen Beschulung von behinderten und nicht-behinderten Schülerinnen und Schülern, vielmehr gelte es Vorschläge und Argumente auszutauschen in einem ergebnisoffenen Prozess, der mit dem Begriff Inklusion verbunden ist. Die große Stärke des Bandes liegt sicherlich in der Pluralität der Ansätze und Konzeptionen, die gewiss „viel Zündstoff für weiterführende Erörterungen“ (S. 16) liefern wird. Der Schwerpunkt der Beiträge verweist auf die Primarstufe, aber auch Fachdidaktiker und Lehrkräfte der Sekundarstufe können aus den Darlegungen relevante Erkenntnisse und Einsichten ziehen.


Rezensent
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 02.06.2015 zu: Johannes Hennies, Michael Ritter (Hrsg.): Deutschunterricht in der Inklusion. Auf dem Weg zu einer inklusiven Deutschdidaktik. Fillibach bei Klett (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-12-688064-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18379.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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