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Christa Kaletsch, Stefan Rech: Heterogenität im Klassenzimmer

Cover Christa Kaletsch, Stefan Rech: Heterogenität im Klassenzimmer. Methoden, Beispiele und Übungen zur Menschenrechtsbildung. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2015. 208 Seiten. ISBN 978-3-95414-041-1. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Thema

Die Heterogenität der Schülerschaft hat nicht nur migrationsbedingt, sondern auch aufgrund der größeren Aufmerksamkeit für Minderheitenpositionen zugenommen. Das bringt höhere Anforderungen an Lehrer/innen mit sich, so die Prämisse der beiden Vf. Sie möchten in dieser Situation mit methodischen Empfehlungen und Reflexion fördernden Übungen an Fallbeispielen eine Hilfestellung geben. Der Methodenteil ist eingebettet in theoretische Überlegungen größeren Umfangs

Autor/inn/en

Christa Kaletsch verweist auf jahrelange Erfahrungen als Trainerin, Beraterin und Programmentwicklerin, z.B. für konstruktive Konfliktbearbeitung/Mediation. Stefan Rech, Kulturanthropologe, hat in denselben Praxisfeldern Jahre lang Erfahrungen gesammelt.

Aufbau und Inhalt

Die Vf. geben in einem ersten Teil „kurze theoretische Einführungen“ zum Stellenwert des Kulturbegriffs in der „(Trans)Migrationsgesellschaft“, zur „Rahmung von Demokratie- und Menschenrechtsbildung“ und zur „Schule in der pluralen Wirklichkeit“. Im Hauptteil oder „Hauptkapitel“ bereiten sie mit theoretischen Überlegungen pädagogisch-prinzipieller Art auf die Übungen vor, die sie im Methodenteil erläutern. Es geht dabei um jeweils vier Themen, nämlich um „Dialog und Aushandlungsprozesse“, um „Partizipation und Menschenrechte“, um „Identität und Menschenrechte“ und um „Gewalt(freiheit)“ und eine diskriminierungskritische Perspektive.

Die Vf. orientieren sich, wie einige Überschriften bereits verraten, an Ansätzen einer Menschenrechtspädagogik. Sie verweisen auch darauf, dass sie sich bei ihrem Bildungsbegriff an den capability-approach (Martha Nussbaum, Amartya Sen) anlehnen (24). Heterogenität fassen sie absolut weit, obwohl sie sich in ihren Beispielen am häufigsten auf den Umgang mit kulturellen Differenzen bzw. Differenzkonstruktionen beziehen. Implizit leitend sind hier sozialkonstruktivistische Auffassungen, was an den Autorinnen und Autoren deutlich wird, die bevorzugt herangezogen werden (Ulrike Hormel, Albert Scherr, Mark Terkessidis, Paul Mecheril). Den Vf. ist es wichtig, auf die diskursive Herstellung von Fremdbildern aufmerksam zu machen. Denn es ist für sie „zentral, dass Lehrende diskurssensibel mit ihrer Sprache und Verhaltenspraxis umgehen“ und lernen „die eigenen Verstrickungen in Rassismus“ wahrzunehmen (20), was einen unangemessenen pädagogischen Gestus gegenüber den Lernenden ausschließt. Die Vf. sprechen vorzugsweise von „Lernbegleiterinnen“ und „-begleitern“ statt von Lehrerinnen und Lehrern. Diese sind aufgefordert, die Lernenden oder „Adressaten“ zum Beispiel „dazu einzuladen, Einblicke in Themen- und Fragestellungen zu nehmen, die sie bisher noch nicht berücksichtigt oder wahrgenommen hatten“ (72). Nicht von ungefähr wird auf die Konstruktivistische Didaktik Bezug genommen. Die pädagogische Aufgabe sehen die Vf. darin, „Reflexionsräume“ zu schaffen und anzubieten, was ebenso für Trainings gilt, in denen Lehrerinnen und Lehrer selbst die Adressaten sind. Die im Methodenteil erläuterten Übungen wie „Dilemma-Dialog“ oder „Identitätszwiebel“ sollen Anstöße zur Selbstreflexion, auch zur Überprüfung der eigenen gesellschaftlichen Positionierungen bieten. Ziel ist eine fragende, offene Haltung (40). Für eine konstruktive Konfliktbearbeitung setzen die Vf. auf die „transformative Mediation“ (Leo Montada, 43f).

Die beiden Vf. sind sich dabei darüber im Klaren, dass eine solche Pädagogik im bestehenden System auf Schwierigkeiten stößt und dass die Rahmenbedingungen zum Teil erst hergestellt werden müssen. Sie verweisen schon im ersten Teil auf die Selektivität unseres Schulsystems (23) und die Lehrpläne und Schulbücher, in denen man die soziale Heterogenität nicht in ihrer vollen Breite repräsentiert findet. In dieser Hinsicht halten sie es für notwendig, „Narrative und Bebilderungen“ zu überprüfen, besonders in gesellschaftskundlichen Fächern oder im Geschichtsunterricht (95). Dass darüber hinaus ohne eine Neuorientierung der jeweiligen Schule eine Neuorientierung der pädagogischen Arbeit der einzelnen Lehrperson erschwert ist, ist ihnen ebenfalls bewusst. Ihre programmatische Forderung ist eine „kinderrechtsorientierte Schule“ (66), wie sie überhaupt mehrfach die Verwirklichung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen einfordern. Stellenweise wird auf die generell problematischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verwiesen (115), auf die „Dominanzkultur“ (116) und strukturelle Machtasymmetrien (50). Dieses Bedingungsgefüge lässt sich jedoch ihrer Überzeugung nach im pädagogischen Raum lockern, wenn die Beteiligten es durch Reflexion entkräften.

Dazu sollen die im Methodenteil (58 Seiten) vorgestellten Übungen in meist spielerischen Settings Anstöße geben. Die Schilderung der jeweiligen Übung (Thema/Ziele, Material- u. Zeitbedarf, Ablauf/Phasen) wird durch geeignete Fallbeispiele ergänzt. Da diese anscheinend aus der Trainingspraxis entnommen sind, sind sie in der Regel realistisch.

Fazit

Auch wer die pädagogischen Auffassungen der Vf. nicht in jedem Punkt teilt, erhält einen breiten Fundus an direkt einsetzbaren Übungen und methodischen Anregungen. Mit Gewinn wird sie freilich nur der oder die anwenden können, der zumindest mit der pädagogischen Grundorientierung sympathisiert. Die Adressat/inn/en sind primär Lehrende in der Sekundarstufe I, aber auch in der Lehreraus- und -weiterbildung Tätige. Selbstverständlich ist das Buch auch für Studierende in der pädagogischen Ausbildung von Nutzen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 12.03.2015 zu: Christa Kaletsch, Stefan Rech: Heterogenität im Klassenzimmer. Methoden, Beispiele und Übungen zur Menschenrechtsbildung. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2015. ISBN 978-3-95414-041-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18381.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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