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Ralf Biermann, Johannes Fromme u.a. (Hrsg.): Partizipative Medienkulturen

Cover Ralf Biermann, Johannes Fromme, Dan Verständig (Hrsg.): Partizipative Medienkulturen. Positionen und Untersuchungen zu veränderten Formen öffentlicher Teilhabe. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-01793-4.

Medienbildung und Gesellschaft ; Bd. 25.
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Thema

Der Band setzt sich kritisch mit der Annahme auseinander, dass das Internet das Potenzial hätte, Beteiligungsmöglichkeiten und Formen öffentlicher Teilhabe von Menschen in einem partizipativeren bzw. demokratischeren Sinne verändern zu können. So verfolgen die Herausgeber das Ziel, eine Sammlung theoretisch fundierter Diskurspositionen auf das Thema „Partizipative Medienkulturen“ aus unterschiedlichen Disziplinen vorzulegen. Unter dem Begriff der „Partizipative Medienkulturen“ verstehen sie aktuelle Phänomene von Formen veränderter (medialer) Teilhabe. Darüber hinaus wird von verschiedenen Autoren und Autorinnen grundsätzlich hinterfragt, was unter dem Partizipationsbegriff im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs verstanden wird bzw. verstanden werden kann.

Herausgeber

Die Herausgeber Ralf Biermann, Johannes Fromme und Dan Verständig arbeiten am Institut für Erziehungswissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Ralf Biermann (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich für Medien- und Erwachsenenbildung) forscht u.a. zum Lehren und Lernen mit neuen Medien in Bildungskontexten. Johannes Fromme (Professor für Medien- und Erwachsenenbildung) arbeitet schwerpunktmäßig an Analysen von Mediatisierungs- und Digitalisierungsprozessen im Hinblick auf ihre Sozialisations- und Bildungsrelevanz. Dan Verständig (wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik) beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Partizipation und Bildung im Social Web.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge des Sammelbandes basieren auf Vorträgen des Magdeburger Theorieforums im Juli 2012. Das Theorieforum wurde zum gleichnamigen Thema „Partizipative Medienkulturen“ durchgeführt.

Aufbau

Der Sammelband „Partizipative Medienkulturen“ ist in zwei Teile a je sechs Beiträge gegliedert.

  1. Im ersten Teil des Bandes werden theoretisch grundlegende Beiträge, so die Herausgeber, zu medialer und politischer Partizipation dargelegt.
  2. Der zweite Teil des Bandes beinhaltet fachspezifische Zugänge zu partizipativen Medienkulturen. Der Umfang der Beiträge umfasst zwischen 16 und 27 Seiten.

Der Umfang der Beiträge umfasst zwischen 16 und 27 Seiten.

Zu Teil 1

Der erste Beitrag von Heinz Moser beschäftigt sich mit der Veränderung politischer Teilnahme und Partizipation im Kontext digitaler Netzwerke bzw. sozialer Medien. Moser interessiert sich für die partizipative Nutzung entsprechender Medien im Sinne eines „aktualitätsbezogenen Bürgers, der lebensweltliche Thematiken vermittels der digitalen Medien an die Öffentlichkeit tragen kann“ (S. 21). Auf Basis empirischer Forschungsergebnisse und der Betrachtung der ökonomischen Verflechtungen von sozialen Medien hinterfragt Moser u.a., inwiefern entsprechende Medien überhaupt geeignet sind, politische Prozesse voranzutreiben. Als Perspektive für eine pädagogische Arbeit schlägt Moser das Konzept des „Digital Citizenship“ vor.

Mit der Veränderung von politischer Partizipation beschäftigt sich auch der zweite Beitrag von Jeffrey Wimmer. Wimmer macht darauf aufmerksam, dass verschiedene Begriffsdimensionen von Partizipation in heutigen Gesellschaften aus der Perspektive der Mediatisierungsforschung nicht ohne Medien gedacht werden können. Partizipation durch Medien wird dabei auf die diversen Möglichkeiten zur „Teilhabe an öffentlichen Debatten“ (S. 53) bezogen. In welchem (ernüchternden) Verhältnis die Beteiligung an Onlinekampagnen und die Teilnahme an darauf bezogene realweltliche Kontexte stehen, wird am Fallbeispiel der KONY 2012 Kampagne illustriert.

Christian Swertz diskutiert die derzeit zu beobachtende inflationäre Verwendung des Partizipationsbegriffs. Er sieht die Gefahr, dass der Begriff seinen „medien- und gesellschaftskritischem Gehalt und damit an Relevanz für die Medienpädagogik“ (S. 69) zu verlieren droht. In Auseinandersetzung mit einer unterrichtsmethodischen, ökonomischen und politischen Perspektive begibt sich der Autor auf Suche nach einem medien- und gesellschaftskritischen Partizipationsbegriff. Allerdings kommt Swertz auf Basis seiner exemplarisch ausgewählten Zugänge zu dem Schluss, dass eine aus medienpädagogischer Perspektive „sinnvolle Verwendung des Partizipationsbegriffs“ (S. 83) nicht identifiziert werden konnte.

In den drei weiteren Beiträgen werden sehr unterschiedliche Facetten von medialer und politischer Partizipation diskutiert. Jakob Dörre und Gerhard Bukow widmen ihren Beitrag explizit der Frage „Ermöglichen neue Medien, die aktiv auf Partizipation „designed“ worden sind, auch die Beförderung partizipativer Demokratieformen?“ (S. 89). Die technische Aggregation von Meinung sowie die Abstimmung über aggregierte Meinungen werden als Problembereiche in diesem Beitrag in den Fokus gerückt. Auf Basis eines Forschungsprojektes präsentieren und diskutieren Corinne Büching, Julia Walter-Herrmann und Heidi Schelhowe verschiedene Lernszenarien zur Entwicklung relevanter Fähigkeiten zur Teilhabe an einer partizipativen Kultur. Die Autorinnen orientieren sich am Konzept von Henry Jenkins und argumentieren für eine Erweiterung des Konzeptes um „technologische Kompetenzen“ (S. 130). Den ersten Teil abschließend, skizziert Thorsten Lorenz die „Vor- und Frühgeschichte medialer Partizipations- und Inklusionsdiskurse“ aus einer vorwiegend medienhistorischen Perspektive.

Zu Teil 2

Im zweiten Teil des Bandes „Bereichsspezifische Zugänge zu partizipativen Medienkulturen“ werden zunächst exemplarische Medienkulturen und aktuelle Praktiken in den Blick genommen. Der Teil beginnt mit dem Beitrag „Un/heimliche Botschaften: Strategien des Leaking – Gerüchte im Netz“ von Katrin Bruns. Sie geht der Frage nach, inwiefern aktuelle Praktiken des „Sharings“ zum Entstehen von Gerüchten beitragen und nimmt dafür u.a. die Plattform WikiLeaks in den Blick. Markus Deinmann stellt im zweiten Beitrag die Frage, inwiefern Open Education als partizipative Medienkultur verstanden werden kann. Dafür werden von Deimann insbesondere MOOCs analysiert. Als Analyserahmen werden Überlegungen der Bildungstheorie herangezogen. Im dritten Beitrag wird das Computerspiel-Modding von Benjamin Beil betrachtet. Der Fokus des Beitrages liegt auf der Analyse von Modding-Tools wie z.B. Leveleditoren.

Die weiteren drei Beiträge haben jeweils einen Bezug zu (medien)pädagogischen Fragestellungen und Handlungsfeldern. Der Beitrag von Kristina und Marten Jonas skizziert pädagogisch konzeptionelle Überlegungen zur Entwicklung von Computerspielen in formellen Bildungskontexten. Mit dem entwickelten Konzept wird das Ziel verfolgt, Kenntnisse und Kompetenzen zu vermitteln, welche aus der Perspektive von und für die Teilhabe an der Wissensgesellschaft erforderlich sind. Konzeptionelle pädagogische Überlegungen – jedoch auf einer gänzlich anderen Abstraktionsebene – werden auch im Beitrag von Kerstin Mayrberger vorgelegt. Ziel des Beitrages ist es, einen ersten Modellvorschlag zur Entwicklung einer partizipativen Mediendidaktik zu entwickeln. Dem Beitrag liegt die Annahme zugrunde, dass Partizipation als zentrales erziehungswissenschaftliches Strukturelement verstanden werden kann. Mit dem Fokus auf „Peer-Education“ widmen sich auch Tobias Hölterhof und Mandy Schiefner-Rohs einer pädagogischen Thematik. Peer-Education wird dabei als Konzept zur „Ermöglichung von Medienbildung“ (S. 284) skizziert. Die „gestaltende Mitwirkung“ am Internet sowie am eigenen Bildungsprozess wird hier als Partizipation verstanden Um die Veränderung von Teilhabe jedoch angemessen erfassen zu können, werden sowohl pädagogische als auch existenzphilosophische Überlegungen angestellt.

Diskussion

Gemessen an der Zielstellung der Herausgeber, theoretisch fundierte Beiträge aus verschiedenen Disziplinen zu versammeln und dabei die „Mannigfaltigkeit“ unterschiedlicher Diskurspositionen auf das Thema „Partizipative Medienkulturen“ zu wahren, kann der vorliegende Sammelband als gelungen betrachtet werden. So erhalten im Rahmen des Bandes verschiedene disziplinäre Perspektiven – u.a. die Philosophie, Erziehungswissenschaft sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft – die Möglichkeit, ihren jeweiligen Zugang zu „partizipativen Medienkulturen“ sowie den damit einhergehenden Partizipationsbegriff sichtbar zu machen. Darüber hinaus werden vielfältige Einblicke in neue Phänomene und Praktiken – vom „Spielen“ von EditorGames bis hin zu Formen des Leaking – gegeben.

Mit der Wahrung der „Mannigfaltigkeit“ der Diskurspositionen wird zudem sichtbar, wie unterschiedlich der Partizipationsbegriff in den jeweiligen Beiträgen – implizit oder explizit – verstanden wird. Zugleich bleibt durchaus offen, auf Basis welcher Kriterien die Zuordnung zu den zwei Teilen des Sammelbandes „Grundlegende Beiträge zu medialer und politischer Partizipation“ und „Bereichsspezifische Zugänge zu partizipativen Medienkulturen“ erfolgte. So erscheint der Theoriebegriff bzw. der Abstraktionsgrad der Beiträge in beiden Teilen des Sammelbandes durchaus unterschiedlich. Dies wird beispielsweise im Vergleich von konzeptionellen Überlegungen zur Entwicklung eines didaktisches Modells (Mayrberger) und der Konzeption einer spezifischen Projektmethode für den Schulunterricht (Jonas und Jonas) sichtbar.

Fazit

Für Menschen, die sich für das komplexe Themenfeld der (sozialen, kulturellen und/oder politischen) Partizipation im Kontext des rasanten technologischen und medialen Wandels interessieren, bietet der vorliegende Sammelband fundierte theoretische Beiträge aus verschiedenen Disziplinen sowie Analysen exemplarischer Phänomene, welche unter dem Begriff „partizipativer Medienkulturen“ gefasst werden können. Lesenswert erscheint das Buch vor diesem Hintergrund insbesondere für Studierende und Wissenschaftler der Erziehungswissenschaft, der Sozial- und Politikwissenschaft sowie der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Zudem bietet der vorliegende Sammelband vielfältige Anregungen und Überlegungen für eine (praktische und theoretische) Auseinandersetzung mit pädagogischen Handlungsfeldern im Kontext neuer Phänomene und Herausforderungen.


Rezensent
Franco Rau
M.Ed., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Allgemeine Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik an der TU Darmstadt
Homepage www.medienbildung.tu-darmstadt.de
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Zitiervorschlag
Franco Rau. Rezension vom 27.05.2015 zu: Ralf Biermann, Johannes Fromme, Dan Verständig (Hrsg.): Partizipative Medienkulturen. Positionen und Untersuchungen zu veränderten Formen öffentlicher Teilhabe. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-01793-4. Medienbildung und Gesellschaft ; Bd. 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18390.php, Datum des Zugriffs 17.02.2019.


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