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Michael Urban, Peter Cloos u.a.: Prozessorientierte Verfahren der Bildungs­dokumentation in inklusiven Settings

Cover Michael Urban, Peter Cloos, Kapriel Meser, Annette Richter, Marc Schulz: Prozessorientierte Verfahren der Bildungsdokumentation in inklusiven Settings. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 364 Seiten. ISBN 978-3-8474-0184-1. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 58,90 sFr.

Weitere AutorInnen: Jenny Velten, Rolf Werning, Vanessa Objartel, Sören Thoms.
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Thema

Der Bereich der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung samt der dazugehörigen Institutionen und ihrer MitarbeiterInnen befindet sich seit einigen Jahren in einem grundlegenden Wandlungsprozess, als dessen Ziel sich die Qualitätssteigerung der hier stattfindenden Tätigkeiten bezeichnen lässt. Der Kita-Streik im Jahr 2015 kann als Ausdruck dessen gelesen werden, wie bei beinahe gleichbleibenden Rahmenbedingungen die Anforderungen/Erwartungen an die Mitglieder der hier tätigen Berufsgruppen in die Höhe gestiegen sind.

Als ein wesentliches Merkmal, das die geforderte Qualitätssteigerung zum Ausdruck bringen soll, lässt sich die Anwendung von Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren deuten, wie sie u.a. in den Bildungsplänen der einzelnen Bundesländer empfohlen oder vorgeschrieben wird, um die individuelle Förderung einzelner Kinder zu verbessern. Hier schließt das vorliegende Buch an, indem es auf der Grundlage erhobener Forschungsergebnisse diskutiert, ob solche Verfahren dazu geeignet sind, bestimmte Anforderungen im Kontext der genannten Qualitätssteigerung umzusetzen. Thematisiert werden dabei vor allem die Gestaltung von Kooperationen zwischen pädagogischen Fachkräften, Grundschullehrkräften und Eltern während des Übergangs Kita-Grundschule und die Umsetzung einer ressourcenorientierten Pädagogik, welche auf Etikettierungen verzichtet, um „pädagogische Settings inklusiv zu gestalten“ (S. S. 343). Im Fokus stehen dabei primär zwei prozessorientierte Verfahren der Bildungsdokumentation: Bildungs- und Lerngeschichten (BuLG) sowie Individuelle Entwicklungspläne (IEP).

AutorInnen

Ein besonderes Merkmal dieses Buches ist die interdisziplinäre Zusammensetzung des AutorInnen-Teams, welche eine mehrperspektivische Bearbeitung des Themas ermöglicht hat. Die Leitung des diesem Buch zugrundeliegenden Projektes hatten

  • Michael Urban, Professor für Erziehung und Bildung im Kontext sozialer Marginalisierung an der Goethe-Universität in Frankfurt a.M.,
  • Peter Cloos, Professor für die Pädagogik der frühen Kindheit an der Stiftung Universität Hildesheim,
  • Marc Schulz, Professor für Soziologie der frühen Kindheit und Familie an der TH Köln sowie
  • Rolf Werning, Professor für Sonderpädagogik an der Leibniz Universität Hannover.

ProjektmitarbeiterInnen und Verfasser/innen der meisten Hauptkapitel dieses Buches (vgl. S. 10) waren Kapriel Meser, Vanessa Objartel, Annette Richter, Sören Thoms sowie Jenny Velten, welche als wissenschaftliche MitarbeiterInnen an verschiedenen Hochschulen arbeiten.

Entstehungshintergrund

Der hier vorgestellten Veröffentlichung liegt das gleichnamiges Forschungsprojekt „Prozessorientierte Verfahren der Bildungsdokumentation in inklusiven Settings. Potenziale zur Gestaltung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule für Kinder mit Gefährdungen in der kognitiven, in der sprachlichen oder in der emotionalen und sozialen Entwicklung“ zugrunde, welches gefördert durch das BMBF, den ESF sowie die EU von Oktober 2011 bis Ende 2014 durchgeführt wurde.

Aufbau und Inhalt

Aufgeteilt in neun Kapitel stellt das Buch auf knapp 350 Seiten zu Beginn den Forschungsstand zum Thema sowie das eigene methodische Vorgehen im Projekt dar und zeigt im Hauptteil die sich daraus ergebenden wesentlichen Ergebnisse und Erkenntnisse auf. Nach einer knappen Einleitung folgt das

2. Kapitel: Forschungskontexte: Bildungsdokumentation, Transition und Inklusion. Ausgehend davon, dass Beobachtungs- sowie Diagnoseverfahren im frühpädagogischen Diskurs als immer wichtiger behandelt werden, zeigen die AutorInnen auf, dass prozessorientierte im Vergleich zu normorientierten Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren „ein großes Potential für die Verbindung von Beobachtung und pädagogischen Förderansätzen auf[-weisen]“ (S. 13). Am Beispiel von Bildungs- und Lerngeschichten sowie Individuellen Entwicklungsplänen wird aber zudem deutlich, dass diesen Verfahren eine empirische Fundierung fehlt (vgl. S. 15). Abschließend wird auf die Bedeutung prozessorientierter Verfahren für die Gestaltung des Übergangs Kita-Grundschule, die Zusammenarbeit mit Eltern und deren aktuelle Relevanz im Kontext von Behinderung und Inklusion eingegangen.

3. Kapitel: Projektbeschreibung und -methodik. Für wissenschaftliche/forschungsinteressierte LeserInnen wird in diesem Kapitel nachvollziehbar dargestellt, wie das gesamte Projekt, beginnend beim Ausformulieren forschungsleitender Fragestellungen über den Zugang zum Feld bis zur Auswahl der Kinder sowie den Erhebungs- und Auswertungsmethoden, aufgebaut wurde. Lehrreich ist dabei z.B. das Kapitel zum Feldzugang (vgl. S. 24 ff.), da neben der Darstellung bundesländerspezifischer Besonderheiten auch die Stolpersteine in Form von „vielfältige[n], oft skeptische[n] bis ablehnende[n] Reaktionen“ aufseiten von Trägern und Kita-Teams bezüglich einer Zusammenarbeit mit dem Forschungsteam behandelt werden. Bezüglich der Methodik zeigt sich ein vielschichtiges, qualitativ-rekonstruktives Vorgehen u.a. bestehend aus teilnehmenden Beobachtungen, Interviews, Gruppendiskussionen und Dokumentenanalysen, auf deren Besonderheiten ebenfalls kurz eingegangen wird.

4. Kapitel: Fallbeschreibungen. In diesem Kapitel werden „zunächst in vier kindbezogenen Fallrekonstruktionen unterschiedliche Verfahren der Bildungsdokumentation vorgestellt und verglichen“ (S. 10). LeserInnen erhalten hier einen sehr tiefgreifenden Einblick in das Vorgehen des Forschungsvorhabens. Analysiert werden sowohl die angewandten Verfahren innerhalb von Kitas als auch daran anschließende Gespräche, Gruppendiskussionen oder Interviews mit PädagogInnen, LehrerInnen und/oder Eltern. Anschließend erfolgt eine „vergleichende Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei der Nutzung“ (S. 206) dieser Verfahren. Hier zeigt sich z.B., dass die Ergebnisse in Gesprächen zwischen PädagogInnen der Kitas und LehrerInnen nicht direkt genutzt werden und eine Weitergabe an LehrerInnen komplett ausbleibt. Zur Gestaltung von Team- und Elterngesprächen werden die Ergebnisse hingegen verwendet, wenn auch in unterschiedlichen Formen. Interessant ist zudem, dass durch prozessorientierte Verfahren, wie intendiert, der Blick auf die Stärken der Kinder ausgerichtet wird, dabei Entwicklungsgefährdungen aber nicht ausgeblendet, sondern in Teamgesprächen explizit angesprochen werden. Beides erfolgt jedoch, „ohne dass zwischen diesen differenten Foki vermittelt wird“ (S. 216). Abschließend wird darauf geschaut, welchen Nutzen die untersuchten Verfahren hinsichtlich der Gestaltung des Übergangs Kita-Grundschule haben.

5. Zentrale Begriffe der Verfahren. Hier wird genauer geprüft, welches implizite Verständnis von „Entwicklung“, „Bildung“, „Lernen“ und „Förderung“ den untersuchten Verfahren zugrunde liegt. Dies wird von den AutorInnen als wichtig erachtet, da das jeweilige „Begriffsverständnis den pädagogischen Blick präjustiert“ (S. 226). Das Kapitel endet mit einem sehr spannenden Vergleich von IEP und BuLG hinsichtlich ihres Aufbaus und Inhaltes, der Planung von im Anschluss stattfindender Zielsetzung und Förderung sowie des Potentials zur Gestaltung des Übergangs Kita-Grundschule. Kindertagesstätten könnten diese Ergebnisse u.a dazu nutzen, einen differenzierten Blick auf Beobachtungsverfahren zu werfen und anhand der erforschten Kategorien eine Auswahl für eines der Verfahren zu treffen.

6. Differenzerzeugung und -bearbeitung im Übergang vom Elementar- zum Primarbereich. Im sechsten Kapitel wird der Frage nachgegangen, „wie ErzieherInnen und Lehrkräfte aktiv an der Erzeugung und Aufrechterhaltung von Differenzen im Übergang beteiligt sind“ (S. 266). Dabei geht es nicht um Differenzkategorien, die dazu genutzt werden, Kinder zu unterscheiden, sondern um die wechselseitige Konstruktion von Unterscheidungen durch die Mitglieder beider Professionen hinsichtlich ihrer selbst. Dabei wird u.a. aufgezeigt, welche Vorannahmen MitarbeiterInnen aus Kindertagesstätten über LehrerInnen teilen und wie sie z.B. durch eine aktive Konstruktion von LehrerInnen als auf Statusunterschiede fokussiert, sich selbst als „halbwertige Pädagogen“ (S. 277) hervorbringen. Ob Ergebnisse aus Bildungsdokumentationen in Kooperationsgespräche einfließen, hängt dann davon ab, ob und wie diese Differenzen bearbeitet werden.

7. Die Bedeutung der Eltern in den Verfahren der Bildungsdokumentation. Anschließend wird der Fokus darauf gelenkt, wie Eltern im Prozess der Übergangsgestaltung mit Verfahren der Bildungsdokumentation durch ErzieherInnen adressiert und in diesen eingebunden werden. Die AutorInnen arbeiten heraus, dass Eltern in diesem Prozess von ErzieherInnen sowohl auf sich selbst als auch auf die Kinder als Druck ausübend betrachtet und hervorgebracht werden. Im Weiteren werden vier Formen dargestellt, wie Eltern adressiert, d.h. welche Rollen ihnen innerhalb der Gestaltung des Übergangsprozesses zugeschrieben werden und wie sich diese Formen darauf auswirken, auf welche Weise Eltern einbezogen werden. Die Konsequenzen der genannten Konstruktionen für die Kooperation von Kindertagesstätte und Grundschule bilden den Abschluss des Kapitels.

8. Umgang mit Inklusion und Heterogenität im Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Bevor das Buch damit endet, auf Grundlage der herausgearbeiteten Ergebnisse „Herausforderungen an eine inklusive Bildungsforschung der frühen Kindheit zu formulieren“ (343), wird der Frage nachgegangen, ob und wie die Verfahren dazu geeignet sind, ein ressourcenorientiertes und nicht etikettierendes Bild vom Kind zu entwerfen (vgl. S. 317). Dass dies generell möglich ist, erstaunt erst mal weniger. Frappierend ist hingegen das Ergebnis, dass auch hier (organisationale) Beschreibungen nicht zwangsläufig mit den (organisationalen) Handlungen übereinstimmen: „Die Beschreibung kindlicher Interessen, Fähigkeiten, Kompetenzen und Stärken innerhalb der elementarpädagogischen Einrichtungen“, so die AutorInnen, „ist nicht per se gleichzusetzen mit einer Ressourcenorientierung. Vielmehr werden die genannten Faktoren dann zu Ressourcen für die pädagogische Arbeit, wenn sie als Ansatzpunkt für Fördermaßnahmen Bestandteil eines Förderprozesses werden“ (S. 337). Eine Erkenntnis, die bereits von Chris Argyris und Donald Schön in ihrem Buch „Die lernende Organisation“ mit der Differenz von Theories-espoused und Theories-in-use dargestellt wurde, bisher aber nur wenig Einfluss in die Pädagogik gefunden hat und – wie dieses Kapitel zeigt – zum Thema Inklusion als wichtige Unterscheidung zu berücksichtigen wäre.

Fazit

Das Buch „Prozessorientierte Verfahren der Bildungsdokumentation in inklusiven Settings“ stellt einen wichtigen Beitrag im Diskurs um frühkindliche Bildung dar. Als Ergebnis eines aufwändig und interdisziplinär vollzogenen Forschungsprojektes bietet es einen vielschichtigen und entsprechend fundierten Blick auf das aktuelle Thema der Bildungsdokumentation und hier speziell ihre Anwendung im Übergang von der Kindertagesstätte zur Grundschule sowie ihr Potential zur Gestaltung von Kooperationen zwischen ErzieherInnen, LehrerInnen und Eltern und inklusiver Lagen einzelner Kinder. Die jeweiligen Kapitel sind so aufgebaut, dass sie unabhängig voneinander gelesen werden können und durch prägnante Kurzzusammenfassungen am Ende einen schnellen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse bieten. Diese haben zum Teil ein nicht geringes Irritationspotential und bieten somit eine gute Gelegenheit zur kritischen Beleuchtung eigener und organisationaler Weltbilder (z.B. über LehrerInnen oder Eltern), die durch die Lektüre des Buches auch als Konstruktionsleistungen mit Strukturwert begriffen werden können (Niklas Luhmann hätte in diesem Zusammenhang evtl. von Erwartungserwartungen gesprochen) und einen nicht geringen Einfluss auf die Gestaltung von Übergängen haben. Davon ausgehend kann das Buch als Anlass für in Zeiten von Inklusion notwendig gewordene Wandlungsprozesse genutzt werden, da diesbezügliche Hindernisse in Form eben jener Weltbilder aufgezeigt werden können. Diese als konstruiert zu verstehen bietet dann die Gelegenheit der Dekonstruktion und Neukonstruktion solcher Weltbilder, die mehr inklusive Handlungsspielräume ermöglichen. Das Buch adressiert durch den gewählten Aufbau und die genutzte Sprache jedoch hauptsächlich wissenschaftlich interessierte LeserInnen, weshalb die Möglichkeit des hier aufgezeigten Effektes auf direktem Wege als eher gering eingestuft wird. Ein Transfer der Ergebnisse in eine für die Praxis anschlussfähige Sprache wäre daher wünschenswert.


Rezensent
Stephan Ullrich
Heilpädagoge (B.A.), Systemischer Berater [Schwerpunkt Organisationen] (M.A.), Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Hannover, Fakultät V, im Projekt „Inklusive Beratung und Begleitung“, http://f5.hs-hannover.de/personen/mitarbeiterinnen/ullrich-stephan-wm/index.html
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Zitiervorschlag
Stephan Ullrich. Rezension vom 18.02.2016 zu: Michael Urban, Peter Cloos, Kapriel Meser, Annette Richter, Marc Schulz: Prozessorientierte Verfahren der Bildungsdokumentation in inklusiven Settings. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0184-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18395.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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