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Ralf Bohnsack, Bettina Fritzsche u.a. (Hrsg.): Dokumentarische Video- und Filminterpretation

Rezensiert von Dipl. SA/SP Tobias Falke, 25.02.2016

Cover Ralf Bohnsack, Bettina Fritzsche u.a. (Hrsg.): Dokumentarische Video- und Filminterpretation ISBN 978-3-8474-0683-9

Ralf Bohnsack, Bettina Fritzsche, Monika Wagner-Willi (Hrsg.): Dokumentarische Video- und Filminterpretation. Methodologie und Forschungspraxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 2., 2. durchgesehene Auflage. 498 Seiten. ISBN 978-3-8474-0683-9. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Das Buch „Dokumentarische Video-und Filminterpretation: Methodologie und Forschungspraxis“ ist eine Sammlung von Beiträgen verschiedener AutorInnen, die aktuelle methodologische und methodische Entwicklungen diskutiert und an verschieden Gegenstandsbereiche konkretisiert, in denen Videos und Filme als Datengrundlage dienen. Neben Anwendungsbeispielen aus der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Bildungsforschung, insbesondere der Unterrichtsforschung, werden auch Analysen von Filmen, Fernsehshows und Werbekampagnen dargestellt.

HerausgeberInnen

  • Dr. rer. soc., Dr. phil. habil. Ralf Bohnsack, Professor a.D. der Freien Universität Berlin;
  • Dr. phil. Bettina Fritzsche, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt qualitative Forschungsmethoden, Pädagogische Hochschule Freiburg;
  • Dr. phil. Monika Wagner-Willi, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Pädagogischen Hochschule, Fachhochschule Nordwestschweiz

Aufbau und Einleitung

Der Band, beginnend mit einer Einleitung aller drei HerausgeberInnen, unterteilt sich in vier Kapitel.

  1. Das erste Kapitel mit dem Titel „Elementarbereich, Primarbereich und Familie“zeigt Anwendungsbeispiele aus dem im Titel benannten Bereichen auf.
  2. Das zweite Kapitel, betitelt mit „Unterricht und Schule“beleuchtet einen Gegenstandsbereich, zu dem in den letzten Jahren besonders häufig ein Zugang mit Hilfe von Videos gesucht wurde.
  3. Das dritte Kapitel enthält Beiträge aus dem Themenkomplex „Öffentliche Medien und Protest im öffentlichen Raum“.
  4. Im abschließenden vierten Kapitel „Transkriptionssysteme“ stellen zwei Beiträge das Verhältnis von Videotranskriptionen zum Fallmaterial dar, vorgestellt wird in diesem Rahmen die vom Autor selbst entwickelte Software-Transkriptionssoftware.

In der Einleitung wird von der Herausgebern des Sammelbandes ein geschichtlicher und inhaltlicher Abriss über die Entwicklung der dokumentarischen Video- und Filminterpretation gegeben. Darin werden Abgrenzungen der dokumentarischen Videoanalyse im Unterschied zu einer Videografie in Ergänzung zur Gesprächsanalyse aufgezeigt. Darauf folgend werden Videografien und Filme als Eigenprodukte der Erforschten und als Erhebungsinstrumente der Forschenden beschrieben. Differenzierungen bei den Bildproduzierenden in abgebildete und abbildende Produzenten werden aufgezeigt und methodische Probleme dargestellt. Im Anschluss daran werden die Unterschiede zwischen Produkt- und Rezeptionsanalyse erläutert und dargestellt, um im nächsten Absatz auf die Polysemie, Mehrdimensionalität und komparativ Analyse einzugehen. Wesentlich für die dokumentarische Methode ist neben der methodischen Kontrolle der Vergleichshorizonte und des Kontextwisssens, aber auch der Wechsel von der Ikonografie zur Ikonologie. Thematisiert werden auch die Gestaltungsleistungen der abbildenden Bildproduzenten und deren Einfluss auf die Darstellung des Untersuchungsgegenstandes. Neben den unterschiedlichen Systemebenen der dokumentarischen Videoanalyse werden auch generelle Prinzipien der dokumentarischen Film -und Videoanalyse aufgezeigt.

Zu Teil 1 „Elementarbereich, Primarbereich und Familie“

Der erste Teil umfasst vier Interpretationen von Videografien, die zu Forschungszwecken erstellt wurden und sich dem thematischen Komplex „Elementarbereich, Primarbereich und Familie“ verorten lassen.

Iris Nentwig-Gesemann und Katharina Nicolai stellen in ihrem Beitrag die Rekonstruktion typischer Muster der Interaktionsorganisation im Krippenalltag vor. Im Rahmen der frühpädagogischen Forschung geht es den beiden Autorinnen um die Bewertung der Beziehungs- und Interaktionsqualität, d.h. sie fragen danach, ob die Kinder als gleichwertige Interaktionspartner geachtet werden und ob es den Erwachsenen, in der asymmetrischen pädagogischen Beziehung gelingt, auf ihre Handlungsmacht zu verzichten. Als Gegenstand der Analyse wird eine Wickelsituation betrachtet. Wie die Autoren darstellen, wurde zunächst auf der Grundlage eines inhaltlichen thematischen Verlaufs eine Unterteilung in Ober- und Unterthemen vorgenommen, wobei auch Passagen zur sequenzanalytischen Feininterpretation ausgewählt wurden. In einem ersten Schritt wurden diesen Passagen einer reflektierenden Interpretation unterzogen, die eine ausführliche Analyse der Interaktionsorganistaion, welche auch kooperierende Handlungen umfasst, mit einschloss. Auf dieser Datenbasis gelingt es den Autorinnen, inkludierende von exkludierenden Interaktionsmodi im frühpädagogischen Bereich zu unterscheiden und zu charakterisieren.

Gerald Blaschke beschäftigt sich in seinem Artikel mit dem Übergang vom Elementar- in den Primärbereich, der eine Videointerpretation von sogenannten „Schnupperstunden“, d.h. den Unterrichtsbesuchen der Kindergartenkinder in ihrer künftigen Schule, vollzieht. In seinen Ausführungen bezieht er sich auf eine Studie, in deren Rahmen er eine Typologie der Praktiken der Gestaltung von Schnupperstunden entwickelt hat. Der Artikel stellt auf der Grundlage mehrerer exemplarischer Interpretationen die Charakteristika der beiden von ihm herausgearbeiteten Typen, der „bruchorientierte“ und der „passagenorientierte“ dar. Dazu wurden zur Interpretation der Videodaten thematische Verläufe erstellt und besonders dichte Szenen detailliert in ihrem Verlauf interpretiert. Im Fazit diskutiert der Autor den produktiven und methodisch kontrollierten Zugang zum modus operandi des Unterrichtshandels der LehrerInnen.

Juliane Lamprecht betrachtet in ihrem Artikel ebenso das Themenfeld Kooperation zwischen Elementar- oder Primarbereich, wobei die Videoaufnahmen, die hier Gegenstand der Analyse sind, im Rahmen einer Evaluationsstudie entstanden. Diese begleitete mehrere Tandems, die sich aus ErziehernInnen und LehrerInnen zusammensetzt. Videografiert wurde hier die erste Begegnung des Tandems mit der Evaluatorin, bei der die Evaluatorin die geplante Vorgehensweise und Methode vorstellt. In der Analyse der Aufnahmen wurde besonders auf die performativen Aspekte von multiprofessionellen Kooperationsbeziehungen und die körperlichen und verbalen Aufführungen eines professionellen Wissens, das jeweils unterschiedlichen professionellen Ordnungen entstammt. Die Videoanalysen haben aufgezeigt wie unterschiedlich die Beteiligten in ihren körperlich-gestischem Bezugnahmen auf die Evaluatorin reagieren. Die dokumentarische Interpretation vermag zu verdeutlichen wie bei der Zusammenarbeit von ErzieherInnen und LehrerInnen organisationsübergreifende Konstellationen entstehen können, die wiederum auf unterschiedliche professionelle Haltungen der verschiedenen Tandemgruppen verweisen.

Magret Xyländer stellt sich der Herausforderung, einen videografischen Zugang zum Gegenstandsbereich Familie zu finden, in dem Sie selbst Familienvideos erstellt. In ihren Untersuchungen nutzt sie einen für den rekonstruktiven Ansatz der dokumentarischen Methode exemplarischen, gegenstandssensiblen Vorgehensweisen in ihrer Untersuchung zu familialen Bildungsorientierungen im Kontext abendlicher Ritualisierungspraktiken. So ist das Material für die Forschung im Forschungsprozess selbst entstanden, aufgenommen nicht von der Forscherin selbst, sondern von Familienmitgliedern. Xyländers formale Analyse der Fotogramme und der anschließenden sequenziellen Videoanalyse bezieht daher auch sämtliche Arbeitsschritte mit ein, die sich für die Analyse von Videos als Alltagsprodukte des Erforschten als gewinnbringend erwiesen haben.

Zu Teil 2 „Unterricht und Schule“

„Unterricht und Schule“ bilden einen Gegenstandsbereich, zu dem in den letzten Jahren besonders häufig ein Zugang mit Hilfe von Videos gesucht wurde. Nachfolgend werden unterschiedliche Verfahrensweisen vorgestellt, welche sich alle der dokumentarischen Methode hinzuordnen lassen.

Bettina Fritzsche und Monika Wagner-Willi setzen sich in ihrem Beitrag mit der methodischen Herausforderung von zu Forschungszwecken selbst erstellten Unterrichtsvideos auseinander und präsentiert Verfahrensweise, die einerseits die Bilddimension bzw. die Simultanstruktur als ein zentrales Charakteristikum audiovisueller Daten und die sequenzielle Prozessstruktur der unterrichtlichen Interaktionsprozess berücksichtigt. Die vorgestellten Arbeitsschritte verbinden eine komparativ angelegte Fotogrammanalyse mit eine Feinanalyse der im Video dokumentierten interaktiven Prozesse des Unterrichts.

Tanja Sturm untersucht im Kontext eines inklusionspädagogischen Gegenstandsbezugs wie Differenzen im inklusiven Unterricht hergestellt und bearbeitet werden können und in welcher Relation diese zur Teilhabe an bzw. Behinderung von Bildungsprozessen stehen. Methodisch wird der Weg über den Handlungsverlauf, die komparative Fotogrammanalyse und die sequentielle Interpretation, wobei diese Arbeitsschritte stark miteinander verschränkt sind. Der Beitrag von Sturm zeigt die Ergiebigkeit der Unterscheidung zwischen kommunikativ-generalisiertem Wissen und konjunktiv-habituellem Wissen anderseits für die mikroanalytische Betrachtung und Reflexion von Praktiken bzw. von eingesetzten Lehrmaterial in inklusiven Unterrichtssettings.

Mathias Martens, Dorthe Petersen und Barbara Asbrand haben den Anspruch, ein unterrichtstheoretisch fundiertes Verfahren der videobasierten dokumentarischen Unterrichtsforschung vorzulegen. Durch die unterrichtliche Interaktionen ergebende gesteigerte Komplexität des Datenmaterials. Um der spezifischen Sequenzialität der Unterrichtsinteraktion gerecht zu werden, erweitern sie den Ansatz der Gesprächsanalyse zu einer sequenziellen Interaktionsanalyse, welche die korporierte Interaktion mit berücksichtigt. Ziel der Autoren ist es eine Interaktionsordnung, welche sprachliche Äußerungen, korporierte Ausdrucksformen und die Interaktion von Dingen berücksichtigt, herauszuarbeiten.

Sabine G. Richter zielt in ihrem Beitrag auf die Rekonstruktion der Praxis des Klassenmanagements und den damit verbundenen institutionellen Rollenerwartungen und habitueller Formen der konjunktiven Verständigung von SchülerInnen und Lehrpersonen. Richter ergänzt den ersten Schritt der Interpretation der Videos durch eine einleitende szenische Beschreibung in Form eines Verbal- und Handlungsprotokolls. Dieses ist darauf gerichtet, sprachliche und körperlich vermittelte Äußerungen in ihrer Abfolge und Simultanität bzw. Überlappung darzustellen, um deren interaktive Bezogenheit zu erschließen. Sie rekonstruiert hierbei zentrale Differenzen des habituellen Handelns von Lehrpersonen und die Bedeutung ihrer nonverbalen Verständigung und Gestaltung von Beziehungen mit den SchülerInnen über Blicke, Gesten oder Parasprachliches.

Ralf Bohnsack und Juliane Lamprecht beziehen sich in ihrem Beitrag auf einen außerunterrichtlichen Gegenstandsbereich der Schulforschung, der die dokumentarische Videointerpretation am Beispiel eines videografierten bewegungsintensiven Spiels von Peers mit Stelzen in einer Pausensituation auf dem Schulhof demonstriert. Um das simultane Zusammenspiel der korporierten Praktiken in ihrer räumlichen Positionierung zueinander Rechnung zu tragen, kommt ihrer Rekonstruktion eine besondere, die Sequenzanalyse erweiternde Bedeutung zu. Der Beitrag stellt im ersten Schritt eine formulierende Interpretation auf der Ebene operativer Handlungen dar, um im zweiten Schritt eine Feininterpretation mit Fokussierung auf ausgewählte Passagen zu vollziehen. Der Beitrag zeigt auf wie sich SchülerInnen in dem Peerspiel ihre persönliche Identität durch den Modus der Aneignung der Artefakte und Territorien zum Ausdruck bringen.

Astrid Baltruschat stellt das methodisch-methodologische Problem der videografischen Konstruktion des Untersuchungsgegenstandes in Zentrum des Erkenntnisinteresses. Mit Hilfe von zwei Videosequenzen der TIMSS-Studie arbeitet der Beitrag die den Videografien zu Grunde liegende Konstruktion von Unterricht heraus. Im ersten Schritt wird die Analyse der formalen Komposition eines Fotogramms vollzogen, diesem Arbeitsschritt folgt sequenzielle Interpretation. Die komparativ angelegte Sequenzanalyse untersucht die Relationen der verbalen Äußerungen der an der Unterrichtsinteraktion Beteiligten, zu den im Kamerabild eingefangenen Gegenständen (Tafel, Projektsionsbild) und Personen (Lehrer, SchülerInnen). Durch die Sequenzanalyse können nicht nur durch Kameraeinstellungen und -schwenks erzeugte Brüche und Ausblendungen wesentliche Aspekte und Bestandteile interaktiver Prozesse herausgearbeitet werden, sondern auch substanzielle Homologien zu den Ergebnissen der Fotogrammanalyse aufgezeigt werden.

Zu Teil 3 „Öffentliche Medien und Protest im öffentlichen Raum“

Der dritte Teil des Bandes enthält Beiträge die dem Themenkomplex „Öffentliche Medien und Protest im öffentlichen Raum“ zugeordnet werden können.

Alexander Geimer und Ralf Bohnsack analysieren in ihrem einleitenden Beitrag, in welchem methodischen Verhältnis die Analyse von Produkten öffentlicher Medien zur Analyse ihrer Rezeption steht. Die Autoren diskutieren die „Interaktion von Medium und Rezipient“ in der Medienforschung und den Cultural Studies. Als problematisch wird angesehen, dass der Unterschied zwischen der Rezeptionsweisen der ZuschauerInnen und den Interpretationen der Forschenden unbestimmt bleibt. Im Rahmen des Aufsatzes erörtern die Autoren Herausforderungen der Verbindung einer Produktanalyse mit einer Rezeptionsanalyse.

Manel Hell vergleicht eine Präventionskampagne mit einem Fernsehwerbesport mit dem Ziel herauszuarbeiten mit welchen gestalterischen Mitteln versucht wird, die Zielgruppe zu erreichen. Die Autorin analysiert zuerst das Video der Präventionskampagne und anschließend den Werbespot, wobei die Filme in Hauptsequenzen unterteilt und auf dieser Basis jeweils die begründete Auswahl eines Fotogramms vornimmt. Anschließend werden beide Fotogramme einer formulierenden, ikonografischen und ikonologisch-ikonisch Interpretation unterzogen. In der abschließenden komparativen Analyse der Videos auf Grundlage der beiden Fotogramme zeigt die Autorin auf, dass in der Alkoholwerbung der Appell zum Verzehr des alkoholischen Produkts deutlich vermittelt werde, wohingegen es der Präventionskampagne nicht gelingt, die zentrale Botschaft auf der visuellen Ebene zu transportieren.

Stefan Hampl beschäftigt sich mit der Rekonstruktion von Montage und Farbkontrasten und unternimmt in seinem Beitrag die exemplarische dokumentarische Interpretation eines Musikvideos. Nach Hampl sind Musikvideos charakterisiert durch rasante Schnittfolgen, verschachtelte Sequenzen sowie ein elaborierte Farbkonzept, weshalb er die Rekonstruktion von Farbkontrasten als vielversprechenden Schlüssel für ein Verständnis des Dokumentsinns von Musikvideos erachtet. Die für die Analyse ausgewählten ersten 40 Sekunden des populären Videos „Araba“ des Popstars Mustafa Sandal stellt der Autor im Programm Moviscript als Bildtranskript dar und nimmt dann eine zunächst vor-ikonografische und dann eine ikonische Interpretation der Sequenzen vor. Im nächsten Schritt erfolgt eine begründete Auswahl von drei Fotogrammen, die jeweils einer formulierenden und reflektierenden Interpretation unterzogen werden. Daraufhin untersucht Hampl die Relation der Fotogramme im Rahmen der Montage, wobei er zunächst Einstellungswechsel und Montage und Farbkontraste und Montagemuster interpretiert. Als Ergebnis arbeitet er eine Übergegensätzlichkeit heraus, die aus einem Spiel von Authentizität und Inszenierung besteht.

Julia Ringies stellt ihre Forschungsarbeit unter die Fragestellung, wie weibliche Angehörige von Minderheiten in ehemals kolonisierten Staaten in den Dokumentarfilmen westlicher FilmemacherInnen dargestellt werden. Untersuchungsgegenstand sind zwei britische Produktionen über die sogenannten „devadasi-Frauen“ (d.h. indische Tempeldienerinnen). Die dokumentarische Videointerpretation sieht sie dabei als besonders ertragreich, um die impliziten Wissenstrukturen der abbildenden BildproduzentInnen herauszuarbeiten, die sie aus einer durch die Postcolonial Studies informierten Perspektive als Bestandteil eines hegemonialen „colonial gaze“ interpretiert. Als Gegenstand der Untersuchung werden die Eingangssequenz und ein Interview ausgewählt. Nachdem mit dem Programm „MoviScript“ Videotranskriptionen angefertigt wurden, erfolgt eine mehrstufige Analyse.

Michael Neubers Beitrag zur „Choreografie des Protesthandelns“ beschäftigt sich mit Videoaufzeichnungen von politischen Protest im öffentlichen Raum. Dem Körper als Medium expressiven Handelns wird eine besondere Rolle zugesprochen. Neubers verbindet eine sequenzielle, die Choreografie fokussierende dokumentarische Videointerpretation mit der Interpretation der „Körperbilder“ der in den Protest involvierten Akteure und analysiert die Elemente und Formen der expressiven Darstellung des Körpers. Abschließend führt er die Arbeitsschritte in einer reflektierenden Gesamtinterpretation zusammen, welche die verschiedenen Formen der provokativen Grenzüberschreitung, der der Darstellung des Körpers und der durch die Mehrdeutigkeit der kollektiven körperlichen Artikulation von Protest erzeugten polizeilichen Handlungsdilemmata deutlich werden lässt.

Zu Teil 4. „Transkriptionssysteme“

Stefan Hampl erörtert in seinem Beitrag zur Videotranskription das Verhältnis von Videotranskriptionen zum Fallmaterial und stellt das von ihm selbst entwickelte Software-Transkriptionssystem MoViQ („Movies and Videos in Qualitative Research“) vor. Die Software stellt die Möglichkeit zur Verfügung, die bildhafte Ebene durch Bildmaterial und die sprachliche Ebene in verschriftlichter Form darzustellen. Daneben werden anhand eines Fallbeispiels Möglichkeiten aufgezeigt wie die Software für eine Abbildungsfunktion zur Auswahl intensiv zu interpretierender Sequenzen und Fotogramme genutzt werden kann. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion von Problemen der Anonymisierung der abgebildeten Akteure.

Diskussion und Fazit

Mit der Herausgabe des Sammelbandes ist es gelungen, aktuelle methodologische und methodische Entwicklungen der dokumentarischen Video- und Filminterpretation zu diskutieren und an verschiedenen Gegenstandbereichen zu beschreiben. Einleitend wir kurz die Entwicklung der Video- und Filminterpretation nachgezeichnet, wobei auch Abgrenzungen zur Textinterpretation diskutiert werden. Passend als Einführung in den Themenkomplex werden die zwei Arten von Filmen und Videos unterschieden, zum einen die Aufnahmen, die in jeweiligen kulturellen Lebenszusammenhänge produziert werden, dem gegenüber stehen Filme aus dem öffentlichen Bereich, den sogenannten Massenmedien.

Eine gelungene Auswahl an Anwendungsbeispielen aus der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Bildungsforschung und insbesondere der Unterrichtsforschung geben dem Leser Inspiration oder Sicherheit im Forschungsprozess. Aber auch Analysen von Filmen, Fernsehshows und Werbekampagnen werden exemplarisch nachvollziehbar dargestellt. Sehr hilfreich für die Forschungspraxis sind die Erörterungen zur Videotranskription, im Rahmen dessen das Verhältnis von Videotranskriptionen zum Fallmaterial diskutiert wird. Ebenso sinnvoll für einen solchen Sammelband ist die Vorstellung eines, von einem Forscher selbst entwickeltes Software-Transkriptionssystem.

Der Band behandelt gut rezipierbare Beiträge zu Anwendungsbeispielen der Video- und Filminterpretation – die ein differenziertes Bild eines insgesamt noch unübersichtlichen Forschungsfeldes ergeben. Der vorliegende Sammelband eignet sich als gelungenes Überblickswerk für alle Leserinnen und Leser, somit lohnt sich der Erwerb des Buches als kompaktes Kompendium. Für genauere Informationen zur Dokumentarische Video-und Filminterpretation sind allerdings weitere Werke zu Rate zu ziehen.

Rezension von
Dipl. SA/SP Tobias Falke
Medienwissenschaftler (M.A.). Projektkoordinator E-Learning/Hochschuldidaktik
Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 3 Rezensionen von Tobias Falke.

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Zitiervorschlag
Tobias Falke. Rezension vom 25.02.2016 zu: Ralf Bohnsack, Bettina Fritzsche, Monika Wagner-Willi (Hrsg.): Dokumentarische Video- und Filminterpretation. Methodologie und Forschungspraxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 2., 2. durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-8474-0683-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18396.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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