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Günter Rosenhagen: Sozialpädagogik und Psychodrama

Rezensiert von Dr. Birgit Szczyrba, 30.06.2002

Günter Rosenhagen: Sozialpädagogik und Psychodrama. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2001. 146 Seiten. ISBN 978-3-631-37604-1. 27,60 EUR.
Europäische Hochschulschriften Reihe 11, Band 821.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Einführung

Rosenhagen untersucht in seiner Dissertation die "Kompatibilität" des Psychodramas mit der Sozialpädagogik. Das wohl bekannte Theoriedilemma der Sozialpädagogik ist für ihn Anlass nachzuweisen, dass die Sozialpädagogik in einer geisteswissenschaftlich fundierten Rekonstruktion als Teildisziplin der Pädagogik sehr wohl einen eigenständigen wissenschaftlichen Existenzgrund aufweist. Sodann stellt er die Frage, ob das in der Sozialpädagogik vielfach angewendete Psychodrama eine notwendige theoretische Komponente oder einfach eine nützliche - wenn auch nicht zwingende - Bereicherung der Sozialpädagogik ist.

Der Autor

Der Autor ist Diplom-Sozialpädagoge und wissenschaftlich an der Universität Lüneburg tätig. Sein Schwerpunkt sind die Gesundheitswissenschaften, insbesondere die Suchtforschung.

Aufbau und Inhalte

Der erste Teil des Buches befasst sich mit Rekonstruktion der geisteswissenschaftlichen Sozialpädagogik. Rosenhagen schildert die Arbeit Pestalozzis, in der nachweislich zum ersten Mal eine Verbindung zwischen Erziehung und materieller Hilfe in der Fürsorge Gestalt annahm. LeserInnen wandern mit Pestalozzi durch Höhen und Tiefen seiner Arbeit, erleiden Rückschläge und machen Erfahrungen, die PädagogInnen auch heute nicht erspart bleiben – beispielsweise das Scheitern an Geldfragen. Pestalozzi begründete die Sozialpädagogik, indem er die Aufgabe der öffentlichen Fürsorge nicht mehr allein unter dem Nutzenaspekt für die Gemeinschaft sah, sondern indem er die Bedürftigen in den Mittelpunkt stellte. Er entwickelte mit seiner Anthropologie eine Sicht des Menschen, die erklärt, dass zunächst die elementaren Bedürfnisse des Menschen nach Nahrung, Kleidung und nach Gemeinschaft erfüllt sein müssen. Erst dann kann die Selbstsucht einen nicht destruktiven Kanal finden, der den Menschen letztlich zum sittlichen Zustand führt: Handeln in sittlichen Ernstsituationen, Übung in Selbstüberwindung und Erwerb von Fähigkeiten zum Leben in Gemeinschaft. Petalozzi begründete so methodisches pädagogisches Handeln.

Während des 19. Jahrhunderts geschah nach Ansicht des Autoren nichts, was die Sozialpädagogik als eigenständiges Fach weiter gebracht hätte. Erst in der reformpädagogischen Bewegung der Weimarer Republik wurden Pestalozzis Weg weisende Arbeiten wieder aufgenommen – durch H. Nohl.

Rosenhagen rekonstruiert sehr sorgfältig die Wurzeln der Sozialpädagogik als eigenständig begründbare Wissenschaft und schließt in Teil II mit der Frage an, ob Morenos Werk da erstens kompatibel ist und zweitens überhaupt gebraucht wird, um die Sozialpädagogik zur Wissenschaft zu erklären.

Kommentar

Während andere Disziplinen mittlerweile bei der Erkenntnis angelangt sind, dass Abgrenzung und Selbstbehauptung in einer zersplitternden Welt kontraproduktiv sind, bemüht sich dieses Buch für die Sozialpädagogik um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von anderen Wissenschaften. Rosenhagens Buch ist ein Dokument der fast trotzigen Selbstvergewisserung einer Disziplin, die traditionell in einem Theoriedilemma steckt: Ist sie nun eigenständig existenzberechtigt oder nicht? Rosenhagen beantwortet hier beflissen Fragen und bearbeitet Probleme, die sich ihm streng genommen gar nicht stellen. Ein weiteres Vorhaben von Rosenhagen in diesem Buch: ausgerechnet den Beweis führen zu wollen, die Sozialpädagogik brauche das Werk Morenos nicht, um als eigenständige Wissenschaft zu gelten. Natürlich braucht die Sozialpädagogik kein Psychodrama! Aber sie kann in einer theoretisch fundierten Praxis dazu gewinnen. Das Psychodrama in Theorie und Praxis ist ein Verfahren der Beziehungsarbeit mit theoretischer, ethischer und philosophischer Grundlegung. Wird es in sozialpädagogischen Settings (mit F. Buer: Formaten) angewendet, ist es nach sozialpädagogischen Prämissen zu operationalisieren. Psychodrama kann niemals zur Sozialpädagogik oder Therapie werden. Es kann nur psychodramatisch orientierte Sozialpädagogik geben, weil es in der Sozialpädagogik nach ihren wissenschaftlichen Prämissen Formate wie Gruppenarbeit, Beratung u.a. beispielsweise mit dem Verfahren Psychodrama durchzuführen gilt.

Grundsätzlich: Psychodrama als Verfahren – selbstverständlich mit allen theoretischen Hintergründen – passt zu allen Disziplinen, deren praktische Ausgestaltung sich in Beziehungsarbeit äußert. In Formaten der Beziehungsarbeit gilt es das Psychodrama nach je professionellen Gesichtspunkten zu modifizieren. Nur weil man auch ohne Psychodrama theoretisch und philosophisch geleitet Beziehungsarbeit leisten kann, ist eine übergeordnete Disziplin noch nicht von ihrem Kampf um wissenschaftliche Anerkennung befreit.

Fazit

Rosenhagens Buch ist die Schilderung der Entstehung und Weiterentwicklung der Sozialpädagogik vom 18. Jahrhundert bis heute in interessanter und angesichts der Geschichtlichkeit des Themas kurzweiliger Weise. Die wichtigsten Protagonisten auf diesem Weg der Sozialpädagogik, Pestalozzi und Nohl, werden ausführlich behandelt.

Dann macht sich Rosenhagen an eine selbst gestellte Aufgabe, die ein wenig verwirrt: Er beweist, dass die Sozialpädagogik das Psychodrama nicht braucht, um als eigenständige Wissenschaft zu gelten. Er wirft damit Disziplinen, ihre theoretische und praktische Ausgestaltung sowie Formate und Verfahren der pädagogischen und beraterischen Beziehungsarbeit in einen Topf.

Insgesamt ist das Buch jedoch eine interessante und gut lesbare Arbeit zur Entstehung der Sozialpädagogik als Wissenschaft und kann alle Zielgruppen bedienen, die sich mit diesem Thema theoretisch und praktisch beschäftigen.

Rezension von
Dr. Birgit Szczyrba
Sozial-und Erziehungswissenschaftlerin, Psychodrama-Leiterin (DFP/DAGG), Leiterin der Hochschuldidaktik in der Qualitätsoffensive Exzellente Lehre der Technische Hochschule Köln, Sprecherin des Netzwerks Wissenschaftscoaching
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Es gibt 24 Rezensionen von Birgit Szczyrba.


Zitiervorschlag
Birgit Szczyrba. Rezension vom 30.06.2002 zu: Günter Rosenhagen: Sozialpädagogik und Psychodrama. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2001. ISBN 978-3-631-37604-1. Europäische Hochschulschriften Reihe 11, Band 821. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/184.php, Datum des Zugriffs 25.07.2024.


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