Johann Behrens, Gero Langer: Evidence-based nursing.
Rezensiert von Prof. Dr. Michael Isfort, 19.10.2004
Johann Behrens, Gero Langer: Evidence-based nursing. Vertrauensbildende Entzauberung der "Wissenschaft". Qualitative und quantitative Methoden bei täglichen Pflegeentscheidungen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2004. 262 Seiten. ISBN 978-3-456-83623-2. 26,95 EUR. CH: 46,90 sFr.
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Hintergrund und Thema des Buches
In Zeiten, in denen das gute alte Argument ausgedient hat und sich Veränderungen nur studiengestützt in die Wege leiten lassen, hat in den Gesundheitsbereichen ein neues Zauberwort die Runde gemacht: Evidence-based. Mit der zunehmenden Flut an Untersuchungen, bedarf es in den therapeutischen Berufen einer Richtungsgebung und Einschätzung bezüglich der Qualität von Studien, um deren Bedeutung zu bewerten.
Vielfach werden mit der (aus der Medizin stammenden) Evidenzbasierung allerdings vor allem die Designs klinischer (randomisierter und kontrollierter) Studien in Verbindung gebracht und als Königsweg der Erkenntnis beschrieben. In der Pflege werden jedoch nicht alle Fragen über derartige Studiendesigns zu klären sein. Zudem sind die Möglichkeiten der Pflegewissenschaftler hierzulande, gerade was teuere und aufwändige Studien angeht, sehr begrenzt. Behrens und Langer gehen Fragen nach - sie spüren Schwachstellen des klassischen Verständnisses der höchsten Evidenz auf und stellen gleichrangig daneben andere Modelle und Vorstellungen.
Zu den Autoren
Prof. Dr. Behrens ist Direktor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, an der auch das deutsche Zentrum für Evidence-based Nursing angesiedelt ist, das von Diplom Pflege- und Gesundheitswissenschaftler Gero Langer koordiniert wird. Beide sind in der Forschungslandschaft der Pflege in Deutschland durch zahlreiche Veröffentlichungen bekannt.
Aufbau und Inhalt des Buches
Das Buch ist grob in zwei Teile unterteilt.
Zunächst wird eine Art "Grundkurs" zum Thema Wissenschaft angeboten. Dabei gehen die Autoren Fragen nach, wie sie auch in Seminaren und Weiterbildungen von Teilnehmern gestellt werden (könnten). Sprachlich einfach und behutsam wird der Leser an die Hand genommen und in das Feld der Wissenschaft und in die Grundgedanken der Evidenzbasierung geführt. Dabei vermitteln Behrens und Langer einfühlsam und dennoch kritisch, dass Wissenschaft wohl keine endgültige Wahrheit produzieren wird, aber dennoch kein Weg an der systematischen Ermittlung vorbeiführt. Besonderer Fokus ist dabei die Fragestellung, ob durch eine Evidenzbasierung wirklich alle Fragen geklärt werden können und welche Alternativen es zu den häufig klassischen Ansätzen von klinischen Studien gibt. Dabei zeichnen Behrens und Langer nach, dass die Grenzen zwischen den wissenschaftlichen Forschungsmethoden fließend verlaufen und dass es jenseits der Wissenschaft Wissensbestände gibt, die ebenfalls zu berücksichtigen sind, will man in sozialen Kontexten vernünftig arbeiten.
Im zweiten Teil des Buches dann orientieren sie sich im Aufbau an den Schritten der EBN-Methode selbst und beleuchten die zentralen Aspekte der einzelnen Schritte. Dabei gehen sie den Problemen der Aufdeckung wirklich relevanter Fragestellungen nach und geben einen Überblick über die Methoden und die wichtigen Fundorte von Literaturstellen. Ein besonderer und sehr detaillierter Bereich ist die kritische Beurteilung von Studien. Neben der Beschreibung verschiedener Studiendesigns und deren Anwendungsmöglichkeiten, werden hier auch Methoden und Forschungsprogramme der qualitativen Sozialforschung aufgenommen und hinsichtlich ihrer Kriterien und Beiträge diskutiert. Damit gehen Behrens und Langer neue Wege und integrieren die qualitativen Forschungsbereiche. Sie diskutieren, inwieweit hier von Evidenz gesprochen werden kann und ob qualitativ orientierte Forschungsprogramme überhaupt anderen Kriterien unterliegen. Gleichsam wird beschrieben, dass es quantitatives Denken ohne Theoriebildung und qualitativen Interpretationsprozessen nicht geben kann. Im weiteren Verlauf wird dann darauf eingegangen, wie es überhaupt gelingen kann, mittels wissenschaftlichem Wissen die Praxis zu verändern.
Implementationswege werden aufgezeigt, Einblicke in zentrale Erkenntnisse der Organisationslehre gegeben und mit Wahnvorstellungen und Wunschträumen bezüglich der Machbarkeit der direkten Verzahnung aufgeräumt. Ein Kapitel über die Bedeutung des Evidence-based Nursing im Rahmen von Qualitätsentwicklung und Qualitätserzeugung rundet das Buch ab.
Zielgruppen
Das Buch ist in der Sprache prägnant aber dennoch fast erzählerisch. Die Autoren bemühen sich, zu viele Fachbegriffe zu vermeiden. Es gelingt freilich nicht immer und die Begriffe umfassend zu erläutern, hätte einen zweiten Band mit erläuternden Texten nach sich gezogen. Das Buch orientiert sich im Aufbau an Fragen, wie sie wirklich gestellt werden und somit scheint es ein Buch zu sein, das sich an Praktiker gleichsam richtet, wie an Lehrende und Studierende. Dennoch ist das Thema selbst wohl eher eines, das sich primär im Rahmen von Weiterbildungen oder Studiengängen thematisieren lässt.
Fazit
Der Titel ist sorgsam und schön gewählt. Es geht tatsächlich um eine vertrauenbildende Entzauberung eines "Allheilmittels". Mit kritischem Wohlwollen beschreiben die zwei Wissenschaftler die Lücken und Gräben, die ein einseitiges Verwissenschaftlichen der Pflegepraxis mit sich bringen würde. Behrens und Langer gelingt es, in bildhafter und verständlicher Sprache ein komplexes Thema zu entwirren und zu entzaubern. Hervorragend ist die Idee, sich dabei an gestellten Fragen zu orientieren und diese systematisch zu beantworten zu versuchen. Der Leser hat so das Gefühl, in einem Seminarraum zu sitzen und er wird Fragen entdecken, die sich ihm aufdrängen, die aber zum Glück auf der nächsten Seite von jemand anderem gestellt werden. So kann er sich entspannt zurücklehnen und muss nicht damit rechnen, an die Tafel zu müssen. Der Vorteil dieses Seminars liegt auf der Hand: man kann es so oft wiederholen, wie man möchte - ein Sitzenbleiben ist nahezu ausgeschlossen.
Rezension von
Prof. Dr. Michael Isfort
Dipl. Pflegewiss.
Katholische Hochschule (KatHO) NRW, Köln
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