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Jule Böhmer: Biliteralität

Rezensiert von Dr. Olga Frik, 07.10.2015

Cover Jule Böhmer: Biliteralität ISBN 978-3-8309-3187-4

Jule Böhmer: Biliteralität. Eine Studie zu literaten Strukturen in Sprachproben von Jugendlichen im Deutschen und im Russischen. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2015. 239 Seiten. ISBN 978-3-8309-3187-4. D: 37,90 EUR, A: 39,00 EUR, CH: 50,90 sFr.
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Thema und Überblick

Es gibt immer mehr Hamburger Schüler mit Migrationshintergrund. Die Schülerschaft in der zweitgrößten Stadt Deutschlands ist dementsprechend sprachlich sehr heterogen.

Die vorliegende interdisziplinär angelegte erziehungswissenschaftlich-linguistische Studie untersucht die sprachlichen Fähigkeiten bilingualer Jugendlicher im Deutschen und Russischen im Bereich literater Strukturen. Im Fokus dieser empirischen Studie stehen bilingual aufwachsende Jugendliche. Die Gruppe der deutsch-russisch bilingualen Schülerinnen und Schüler wurde ausgewählt, weil diese einen bedeutsamen Anteil an den Schülern mit Migrationshintergrund in Hamburg bzw. Deutschland haben. Im Rahmen der Studie wurde eine Gruppe bilingualer Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Sprachstandsdiagnoseinstrumenten im Deutschen und Russischen getestet, die die Rezeption und Produktion literater Strukturen erfordern. Anschließend wurden die Sprachdaten mithilfe qualitativer und quantitativer Methoden ausgewählt und interpretiert.

Während der Fokus zahlreicher Studien zu Zweisprachigkeit auf oraten Strukturen (sprachliche Register mit Strukturen der Mündlichkeit) lag, stehen hier literate Strukturen (sprachliche Register mit schriftsprachlichen Strukturen) im Mittelpunkt. Es wird untersucht, inwieweit bilinguale Jugendliche über biliterale Fähigkeiten verfügen, also literate Strukturen in zwei Sprachen rezipieren und produzieren können. Hierfür wurden Sprachdaten im Deutschen und Russischen mit qualitativen und quantitativen Analyseverfahren ausgewertet. Der rezeptive und produktive Umgang mit sprachlichen Registern, denen literate Strukturen immanent sind, hat insofern große Bedeutung, da er eine Grundlage für Bildungserfolg darstellt und somit über gesellschaftliche Teilhabe entscheidet.

Autorin

Jule Böhmer, Dr. phil., hat Russisch und Geographie auf Lehramt in Dresden, Tomsk und Hamburg studiert. Von 2008 bis 2012 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Interkulturelle und International Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Seitdem arbeitet sie als Lehrerin in Hamburg. Ihr Forschungsinteresse liegt auf Biliteralität und Herkunftssprachen in Theorie und Praxis.

Aufbau und Inhalte

Die vorliegende Studie greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung der sprachlichen Fähigkeiten bilingualer Jugendlicher im Deutschen und Russischen im Bereich literater Strukturen von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in elf Teile:

Im ersten Teil „Einleitung“ wird die Untersuchungsperspektive der Studie erläutert und in die Forschungslandschaft eingeordnet.

Im zweiten Teil „Kontextinformationen“ gibt die Autorin eine kurze Charakteristik der russischen Sprache.

Im dritten Teil „Theoretische Grundlagen der Sprachkontaktforschung“ geht es um die theoretische Basis des Arbeit. Die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit basieren auf den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Teildisziplinen Mehrsprachigkeits-, Biliteralitäts- und Sprachkontaktforschung. In diesem Teile werden die Forschungsfragen für die empirische Untersuchung formuliert. Neben der Untersuchung der Ausprägung der rezeptiven und produktiven sprachlichen Fähigkeiten im Umgang mit literaten Strukten im Deutschen und Russischen, stehen die Fragen nach den interlingualen Zusammenhängen der sprachlichen Fähigkeiten und nach dem Einfluss der Sprachen auf unterschiedlichen sprachlichen Bereichen im Fokus der Untersuchung (vgl. S.18).

Im vierten Kapitel „Stichprobenbeschreibung“ gibt es eine ausführliche Stichprobenbeschreibung. Hierfür werden auch die Daten zum soziolinguistischen Hintergrund der Probanden herangezogen, die mithilfe eines Fragebogens gewonnen wurden. Neben der Selbsteinschätzung der Sprachkenntnisse im Deutschen und Russischen werden Informationen zur Sprachdominanz und Kontaktintensität sowie zur affektiven Bindung an das Russische gegeben.

In den Kapiteln fünf bis neun („Anwendung skribaler Fähigkeiten“, „Sprachverwendung im Bereich Wortschatz“, „Sprachverwendung im Bereich Lesen“, „Sprachverwendung im Bereich schriftliche Sprachproduktion“, „Sprachverwendung im Bereich mündlicher Sprachproduktion“) werden die Auswertungen für die unterschiedlichen Sprachstandsdiagnoseinstrumente dargestellt. Jedes Auswertungskapitel wird mit einer Beschreibung des jeweiligen Instruments eingeleitet, es folgt eine Übersicht über die jeweilige Datengrundlage und das eingesetzte Analyseverfahren. Abschließend werden die Ergebnisse präsentiert und in den Forschungsstand eingeordnet.

Imletzten Analysekapitel „Zusammenführung der Ergebnisse“ werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengeführt. Die Autorin ermittelte zunächst, welche intra- und interlingualen Zusammenhänge in der Sprachverwendung in den unterschiedlichen getesteten Domänen bestehen. Anschließend identifizierte sie mithilfe einer Clusteranalyse unterschiedliche bilinguale Sprechertypen. Abschließend untersuchte Böhmer, in welchem Zusammenhang gute sprachliche Fähigkeiten im Deutschen und Russischen mit dem soziolinguistischen Hintergrund steht.

Im letzten Kapitel gibt es das Fazit und den Ausblick. Böhmer setzt sich kritisch Auseinandersetzung mit den inhaltlichen und methodischen Ergebnissen der Arbeit auseinander. Außerdem erfolgt eine kritische Reflexion der gegenwärtig gebräuchlichen Terminologie, und es werden Vorschläge zu ihrer Weiterentwicklung unterbreitet.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für Vertreter der Sprachwissenschaften, Soziologie, Ethnologie, sowie Migrationsforschung und -beratung. Darüber hinaus sollte es Bildungsverantwortliche vieler Ebenen und Institutionen und ebenso Praktiker in entsprechenden jugendrelevanten Arbeitsfeldern ansprechen.

Fazit

Im Fokus der empirischen Studie stehen bilingual aufwachsende Jugendliche. Die vorliegende erziehungswissenschaftlich-linguistische Studie untersucht deren sprachlichen Fähigkeiten im Deutschen und Russischen im Bereich literater Strukturen.

Die Biliteralitätsforschung an sich ist ein sehr junges Forschungsfeld. Mit ihrer Studie liefert die Autorin einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von Biliteralität. Die Ergebnisse der Studie sind auch für die gesellschaftliche Diskussion über die Ursachen für den mangelnden Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund wichtig.

Mein persönlicher Eindruck zum vorliegenden Buch ist sehr positiv. Der Aufbau des Buches ist gut gegliedert und strukturiert, was einen angenehmen Eindruck beim Lesen vermittelt.

Rezension von
Dr. Olga Frik
Sibirisches Institut für Business und Informationstechnologien / Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Es gibt 41 Rezensionen von Olga Frik.

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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 07.10.2015 zu: Jule Böhmer: Biliteralität. Eine Studie zu literaten Strukturen in Sprachproben von Jugendlichen im Deutschen und im Russischen. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3187-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18403.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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