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Klaus Klemm, Jutta Roitsch (Hrsg.): Hauptsache Bildung

Rezensiert von Prof. Dr. Dirk Plickat, 16.12.2015

Cover Klaus Klemm, Jutta Roitsch (Hrsg.): Hauptsache Bildung ISBN 978-3-8309-3210-9

Klaus Klemm, Jutta Roitsch (Hrsg.): Hauptsache Bildung. Wissenschaft, Politik, Medien und Gewerkschaften nach PISA. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2015. 174 Seiten. ISBN 978-3-8309-3210-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Gegenstand des Buchs ist die Bildungsberichterstattung nach PISA.

Herausgeber und Herausgeberin

Klaus Klemm steht mit seinem Wirken seit Jahrzehnten als eine der Leitfiguren seriöser Bildungsberichterstattung, in der Hintergründe und Fragen der Reichweite vorliegender Befunde verständlich und in bilanzierender Form für Fachkreise und interessierte Öffentlichkeit aufbereitet werden. Eine seiner besonderen Leistungen dürfte wohl darin liegen, Kultuspolitik einen kritisch nachfragenden Spiegel vorzuhalten, die in ihren Verlautbarungen noch zu oft auf Zahlengläubigkeit und popularisierende Chiffren setzt. Keinesfalls selten lassen seine Beiträge die Legitimationen kultuspolitischen Handelns, denn dies ist eine der Kernfunktionen ihrer Stellungnahmen, wie brüchige, dogmatische Fortschreibungen des Gewohnten erscheinen. Sein Name weckt hohe Erwartungen.

Jutta Roitsch wirkt seit Jahrzehnten als renommierte Journalistin für eine fundierte öffentliche Auseinandersetzung mit Bildungspolitik. In den Dekaden zwischen den „heißen“ Debatten um die „großen“ Reformpläne und dem Einsetzen der Welle groß angelegter, auch international vergleichender Studien zur Leistungsfähigkeit von Bildungssystemen setzte sie sich in der Frankfurter Rundschau kontinuierlich für die Demokratisierung von Bildungspolitik ein. Gerade auch ihr Wirken dürfte erheblich dazu beigetragen haben, ein öffentliches Klima zu schaffen, in dem Fragen zum Stellenwert und zu den Mechanismen der Logiken kultuspolitischen Handelns über Fachkreise hinaus thematisiert werden.

Entstehungshintergrund

Die Schrift ist als Festschrift für Karl-Heinz Reith ausgewiesen; eine ehrende akademische Tradition, die in diesem Fall das dreißigjährige Wirken eines bekannten dpa-Journalisten aus der Bildungs- Gewerkschafts- und Medienpolitik würdigt. Granden aktivieren ihre Netzwerke, mobilisieren Ikonen aus Wissenschaft, Politik, Medien und Gewerkschaften – und bieten weit mehr als eine Hagiographie. Statt eines Denkmals werden aus unterschiedlichen Perspektiven facettenreiche Einblicke in die wohl zu oft unterschätzte Komplexität von Prozessen der Kommunikation über die Entwicklung des Bildungssystems nach PISA geboten. Bereits die Entstehung und der Rahmen dieser Publikation signalisieren eine zentrale Aussage: In demokratischen Gestaltungsprozessen für komplexe Systeme mit zahlreichen Akteuren mit vielschichtigen, differenten Interessen und steigendem Bedarf der Interessenkommunikationen sind schnelle „Lösungen“ Illusion. Forderungen, nach PISA endlich mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, sind letztlich Ausdruck des Verhaftens an vordemokratischen Denkmustern. Wissenschaft, Politik, Medien und Gewerkschaften, die Bildung wollen, haben eben nicht zur Aufgabe, von den Unbequemlichkeiten zu entlasten, die mit Bildung verbunden sind: Dem diskursiven Austausch, dem eigenen Nachdenken und dem Ziehen von demokratischen Konsequenzen.

Aufbau und Inhalt

Ebenso vielschichtig wie das Zusammenwirken der Akteure in den Debatten um Bildungsentwicklung ist auch die Ausrichtung der Publikation.

In der Einleitung wird zunächst der Blick zurück gerichtet. PISA als Internationaler Leistungsvergleich konfrontierte mit lange ausgeblendeten Fragen und Problemen. Bildungsfragen gewannen wieder an Bedeutung, Inhalt und Dynamik – und die beteiligten Akteure mussten lernen, sich Bedeutungszuwächsen zu stellen. Fragen der Steuerung komplexer Systeme, Probleme um Teilhabe und Exklusionsrisiken sowie die Herausforderungen einer fundierten und zugleich verständlichen öffentlichen Kommunikation galt es in Lernprozessen aufzugreifen, für die in der Bundesrepublik auf keine Kulturtradition zurückgegriffen werden konnte.

Klaus Jürgen Tillmann bietet im ersten Beitrag „Der ‚PISA-Schock‘ im Spiegel der Presse. Eine empirische Analyse regionaler und überregionaler Printmedien“ ausgewählte Leitthemen exemplifizierend einen strukturierten und verdichteten Rückblick zu anhaltend offenen Legitimationsanforderungen an deutsche Kultuspolitik.

Martin Baethge stellt heraus, dass der „Bildungsjournalismus – unverzichtbarer Begleiter eines demokratischen Bildungsmonitoring“ ist. Mit Aussageführungen, die im Spannungsbogen fortlaufend mit zusätzlichen Spitzen bohrend aufklären, wird verhandelnd ausgewiesen, dass Bildungsbilanzen eben keine Verschlusssache mehr sind, dass sich ein Wandel von kultuspolitischen zu bildungspolitischen Denkmustern auch in ministeriellen Ebenen abzeichnet und wohl besonders auch als Folge bildungsjournalistischen Monitorings Evidenzbasierung Standardanforderung heutiger bildungspolitischer Legitimationen ist.

Die eigentliche Ausrichtung der Publikation eröffnet sich durch den Beitrag von Klaus Klemm. In „Bildungsforschung und Bildungspolitik: Eine schwierige Beziehung“ werden von ihm die Kernprobleme und zentralen Herausforderungen demokratischen Bildungsdialoges zwischen Politik und Öffentlichkeit kurz, prägnant und leicht nachvollziehbar ausgewiesen (Klärung, Legitimation, Zeit und Kommunikation). Statt Fortschreibungen altbekannter Schelte mit wechselseitigen Vorhaltungen wird auf die unterschiedlichen Systemlogiken verwiesen und konstruktiv eine neue Form des Bildungsrates als Forum des aufklärenden Austausches und der demokratischen Gestaltung vorgeschlagen.

Hans-Günter Rolff verweist in „Schulentwicklung – ein medialer Underdog“ phänomenologisch auf die Folgen der weitgehenden medialen Ausblendungen konkreter Realisierungsbemühungen. Für Geduld und Mühe fehlen Marketingstrategien in Politik und Medien. Wenn sich Kolleginnen und Kollegen der pädagogischen Praxis des Bildungswesens allein gelassen sehen, ist dies ursächlich auch durch eine mit (noch?) strukturell bedingten Exklusionsrisiken Kommunikationsmechanik zu erklären.

Mit „Und sie bewegt sich doch! Kleines Resilienz-Training für Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker“ ist der Beitrag von Doris Ahnen und Vera Reiß überschrieben. Recht unterhaltsam wird skizziert, was es bedeutet, wenn Politikerinnen und Politiker am Widerstand lernen – eben die Mühen systemtheoretisches Denken handlungsorientiert in Realbegegnungen demokratisch-konfrontativer Settings zu üben.

In „‚Jäger der Peripherie‘ – Agendasetting von Bildungsjournalisten“ knüpfen Kai Gehring und Udo van Lengen an das Wirken von Karl-Heinz Reith an, illustrieren die Widersprüchlichkeiten des (bildungs-)politischen Journalismus und umreißen vor diesem Hintergrund ausgewählte Phasen des Klimawandels hin zu neuen Unberechenbarkeiten in der aktuellen Medienszene.

Richard Meng nutzt „Das Glashaus der Unzufriedenen“ für provokante Fragen nach Gehalt und Gestaltungsräumen von Bildungspolitik im Rahmen einer Medienlandschaft, die ihr historisches Gedächtnis ebenso verloren zu haben scheint wie die Bereitschaft, ein Denken in Zukunftshorizonten durch Aufklärung unterstützen zu wollen.

Ein Bild mit blinden Flecken. Über Werte und Einstellungen von Lehrerinnen und Lehrern – Eine Spurensuche“ ist der Titel des Beitrages von Jutta Roitsch. Klar wird herausgearbeitet, wie weit Einstellungen und Haltungen von Lehrkräften aus dem Blick öffentlicher Wahrnehmung geraten sind. Sie lagen zu lange außerhalb dessen, was im Rahmen von Bildungsberichterstattungen wichtig erschien und sie konfrontieren mit Brüchen, die auf eine uneingestandene „Erosion alter Schule“ (Hensel) hinzuweisen scheinen.

Marianne Demmer greift in „Presse und Partei – Vom Kampf um konservative Mythen und Gewissheiten in der Schulpolitik“ nachzeichnend Fragen der dogmenkritischen Wirkungen von Bildungsberichterstattung auf. Am Schluss wird kritisch hervorgehoben, dass die PISA-Debatten zu Ermüdungen geführt haben und der eigentlichen Herausforderung ausgewichen wird, nämlich dem Verhandeln des Paradoxons von Inklusion in einem selektiven Schulwesen.

Einem weiteren Paradoxon geht Gerd Köhler nach. In „Soziale Kohäsion – Europa erfahrbar machen. Über Bildungsexpansion und Jugendarbeitslosigkeit“ wird vor dem Hintergrund des europäischen Wissens- und Wirtschaftsraumes anhand ausgewählter Bildungsbereiche aufgezeigt, dass bisherige Formen der Bildungsexpansion mit Ausweitungen sozialer Exklusionsrisiken einher laufen.

Sabine Nehls plädiert in ihrem Beitrag „Gewerkschaftliche Medienpolitik – Interessenvertretung für demokratische Medien“ für eine stärkere demokratisch-partizipative Mitgestaltung in der Medienlandschaft.

Dietmar Muscheid und Matthias Anbuhl skizzieren in „Gewerkschaften und Bildungsjournalismus“ Risiken der Medienlandschaften und formulieren Orientierungspunkte für eine Aufklärung verpflichtete Medienkultur.

Die letzten beiden Beiträge werden sehr persönlich, gleiten aber nicht in Verkitschung ab.

Die Pädagogische Hochschule als Trainingsplatz für Partizipation und Bildungsjournalismus“ von Dietmar Bergmann nutzt dem Rahmen einer Hommage, um anhand von Beispielen aufzuzeigen, wie über (journalistische) Provokationen Erschütterungen in scheinbar ehernen und doch eigentlich fragilen Bildungslandschaften ausgelöst werden können: Rückblicke auf offene Feldexperimente, in denen das aufklärerische Prinzip der Katharsis auf Hochschule als Bühne inszeniert wurde.

Ulla Burchardt wagt abschließend in „Bergauf im Flachland: Bildungspolitik mit und ohne Kooperationsverbot“ eine Vision mit märchenhaften Zügen dessen, was aus ihrer Sicht im solidarischen Zusammenwirken möglich sein könnte, wenn eine konsequentere Nutzung der in den vorangegangenen Beiträgen thematisierten Ressourcen gewagt würde. Sie setzt hierbei große Hoffnungen in die Bildbarkeit so mancher Akteure, die in dieser Publikation nicht durch eigene Beiträge hervortraten.

Diskussion und Fazit

Die Publikation bietet ein ausgesprochen unterhaltsames, vielschichtiges und aufklärendes Zeitkolorit zur Phase der Entwicklungen von kultuspolitischen zu bildungspolitischen Denk- und Handlungsmustern. – wenngleich mit einer gewissen Parteilinie. Nicht wenig an den Darstellungen erweckt den Eindruck, als hätten alte kritische Geister aus dem Vormärz heimlich mitredigiert. Nach der Lektüre dieser etwas anders gehaltenen Schrift mit Elementen jenseits des Tenors nüchterner Betroffenheit segmentierender Detailanalysen dürfte wohl deutlich mehr haften bleiben und zum weiteren Reflektieren anstiften als nach üblichen volumenorientierten akademischen Lesearbeiten.

Wer eine Auseinandersetzung mit Bildung und ihren Logiken als spannende, fordernde und fördernde „Unterhaltung des Geistes“ (Kant) sucht, Elemente des Humors nicht vermissen möchte und bereit ist, sich auch selbstkritisch in den Szenarien gespiegelt zu sehen, dürfte unerwartete Gewinne im Selbstbilden durch Auseinandersetzung mit Bildung finden.

Ein unverschämter Vorschlag bliebe vielleicht noch: Eine Anreicherung mit einigen ausgewählten Dokumenten und Fotos, um heutigen Studierenden Zugänge zum Eindenken in die Themenkreise zu erleichtern.

Lesen wie einen (alten pädagogischen) Reisebericht – nach Interesse und Zeit in Abschnitten oder durchgehend – und darauf einstellen, dass einsetzende Nebenwirkungen des Reflektierens recht wahrscheinlich sind.

Rezension von
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
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Es gibt 31 Rezensionen von Dirk Plickat.

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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 16.12.2015 zu: Klaus Klemm, Jutta Roitsch (Hrsg.): Hauptsache Bildung. Wissenschaft, Politik, Medien und Gewerkschaften nach PISA. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2015. ISBN 978-3-8309-3210-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18404.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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