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Fabian Weiß: Wolfskinder [Jugendhilfe in Deutschland, Portraitfotos]

Cover Fabian Weiß: Wolfskinder [Jugendhilfe in Deutschland, Portraitfotos]. Edition Lammerhuber (Baden) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-901753-64-0.
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Thema

Über Heimerziehung wurde und wird vieles geschrieben. Es ist hilfreich, wenn die besonderen Erziehungsbedingungen Thema sind, die pädagogischen Fragestellungen eine zentrale Rolle spielen, Arbeitsbedingungen diskutiert und Friktionen verhandelt werden, die sich aus unsicheren Finanzierungsbedingungen und offenen Prozessen der Fachkräfteentwicklung und Nachwuchsgewinnung ergeben (vgl. z. B. Richard Günder: Praxis und Methoden der Heimerziehung, 5. Aufl. München 2015; siehe dazu die Rezension). Der unverstellte subjektive Blick der „heimerzogenen“ Kinder und Jugendlichen auf die Verhältnisse ihres Lebens in der stationären Kinder- und Jugendhilfe freilich findet dabei eher selten Aufmerksamkeit (vgl. z. B. Sabrina Isabell Bigos: Kinder und Jugendliche in heilpädagogischen Heimen, Weinheim und Basel 2014; siehe dazu die Rezension) - weniger als Problem des Desinteresses, mehr als ein Moment mangelnder Gelegenheit.

Fabian Weiß rückt diese Sicht der Kinder und Jugendlichen als Fotograf in den Fokus seines Bildbandes, den er „Wolfskinder“ nennt – ein Titel, wie Matthias D. Witte (Professor für Sozialpädagogik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) im Vorwort schreibt, „der irritieren mag. Als Wolfskinder wurden einst Kinder bezeichnet, die eine Zeit lang von Menschen isoliert bei Tieren aufgewachsen sein sollen. Anstelle der Eltern hätten sich Wölfe, Hunde oder Bären um sie gekümmert. Wolfskindern haftet etwas Wildes, vielleicht Bedrohliches, manchmal auch Heldenhaftes an. In jedem Fall aber sind sie durch ihre außergewöhnlichen Aufwachsbedingungen als etwas Besonderes markiert. Die Erziehungshilfe in Deutschland kennt und nutzt Programme, in denen Kinder und Jugendliche bewusst von ihren Eltern getrennt werden, zum Beispiel, weil sich die gewohnte Umgebung als problematisch oder als Ursache für die Probleme des jungen Menschen erweist. Die Metapher des Wolfskindes unterstreicht diese Trennung vom gewohnten Lebensumfeld, von den Eltern und Freunden.“

Autor

Fabian Weiß (Jahrgang 1986) ist – nach Fotografiestudium unter anderem in Wien und London – freischaffender Fotograf (www.fabianweiss.com/) und wurde bereits mit renommierten Preisen ausgezeichnet, zum Beispiel dem CNN Journalist Award, dem Getty Images Emerging Talent Award, dem Objektiv-Fotopreis (Österreich) und dem Förderpreis 2013 des Berufsverbandes Freie Fotografen und Filmgestalter. Seine Fotografien wurden z. B. in „Geo“, der „Zeit“, „Le Monde“ und dem „Sunday Times Magazine“ veröffentlicht. In seinen fotografischen Essays erforscht er die kulturellen Veränderungen unserer Zeit. Intime, filmische Bilder zeigen nuancierte, durch feinfühlige Betrachtung entstandene Portraits im Kontext der jeweiligen Kultur.

Aufbau und Inhalt

Es handelt sich um eine Bildersammlung: Kleinformatigere Bilder, Portraits einzelner Jugendlicher, wechseln mit großformatigen (doppelseitigen) Fotografien, z. B. ein Bild, das die über und über mit Grafittis verzierten, leeren hinteren Sitze eines Busses zeigt (S. 69/70), formatfüllend zwei Seiten Himmel (S. 74/75), eine Gruppenübung mit Slackline (S. 38/39) wird abgebildet, eine Gruppe im Paddelboot gezeigt (S. 64/65), eine Fotografie (S. 26/27) von fünf männlichen Jugendlichen, die eine Sanduhr, die mitten auf dem Tisch steht, beobachten – oder sollen sie miteinander sprechen? – oder ein dreiseitiger Liebensbrief, der vor den Tellern des Mittagessens ausgebreitet ist (S. 44/45).

Im Wechsel zeigt Fabian Weiß Bilder, die Jugendliche auf der Suche nach – auch körperlicher - Nähe zeigen (S. 84/85), Bilder mit Tieren, Jugendliche bei der Tierpflege (S. 93), aber auch die Katze, die plötzlich im wilden Durcheinander auf dem Boden verteilter Utensilien auftaucht, und zugleich auch wieder Portraits, die Abwehr erkennen lassen, Jugendliche mit verschränkten Armen, die Genervtheit vermitteln, Misstrauen und Zweifel. Die Leser/innen schauen in zweifelnde, traurige und trotzige Gesichter, die zugleich fragend und hoffend wirken.

Ergänzt werden die Fotografien durch Zeugnisse der Abgebildeten:

  • Patrick, 19: „Meine Eltern haben auch gesagt, wenn ich ihn kennenlernen will, soll ich´s ihnen sagen. Aber meine Eltern wollen halt nicht, dass ich allein mit dem Zug nach Würzburg fahr. Und dann haben sie halt gesagt: ‚Wir fahren nach Würzburg mal!‘ Nur, das verschieben sie jedes Jahr auf eines zurück, sodass ich meinen Vater jetzt nur über Facebook und einmal kurz an der Tankstelle gesehen hab. Entweder wir skypen oder wir schreiben, mehr können wir nicht machen“ (S. 56f).
  • Handschrift: „Ich vermisse meine Mama. Ich brauche Aufmerksamkeit – jetzt! Von dir!“ (S. 2f).
  • Kevin, 14: „Am Anfang war´s halt am schlimmsten, jetzt geht´s eigentlich wieder. Ich versuch mich anzustrengen. Ja, das war halt vor kurzem ein kleiner Aussetzer, da hab ich zwei Rote Karten bekommen. Als eigentlich eher eine vierte Gelbe, weil da hab ich den Gürtel in der Waschmaschine aus Versehen drin gehabt, obwohl man den raus tun sollte davor. Und davor war das Lachen am Tisch. Und sonst geht´s wieder aufwärts“ (S. 50f).
  • Vanessa, 15: „Früher habe ich immer gedacht, mich will niemand. Jetzt weiß ich, dass es einfach nicht geht. Also, dass mich schon jemand als Kind will, als Freundin oder sonst was, nur eben, dass es einfach nicht geht. Da niemand zu Hause war, mein Bruder sich um mehr kümmern musste, nie mich jemand gewollt hat, haben die gesagt: ‚Dann schicken wir dich vielleicht in die Psychiatrie, vielleicht bringt die das was‘“ (S. 8f).
  • Handschrift: „Gründe, um wieder nach Hause zu gehen. Weil … 1. ich vermisse sie alle. 2. ich weiß das sie sich geändert haben. 3. ich liebe sie egal was war. 4. ich eine Familie brauche. 5. mich der Gedanke zerstört keine Familie zu haben. 6. meine Mutter total traurig ist. 7. sie mich alle vermissen. 8. das niemand schlecht über meine Familie redet. 9. ich die wieder glücklich machen will. 10. ich ohne Probleme meine Ausbildung fertig machen kann. 11. ich meine Eltern stolz machen will. 12. ich dort meine Freunde wieder habe. 12. ich einfach egal was war ohne die nicht leben kann und will. Gründe um nicht nah Hause zu gehen: weil … 1. ich lesbisch bin“ (S. 79).

Die persönliche Fotografien und Stellungnahmen werden durch Zeichnungen, Skizzen, Texte, auch Auszüge aus amtlichen Dokumenten (Vernehmungsprotokoll, Gerichtsbeschluss) ergänzt. Reproduktionen aus mitgebrachten Fotoalben (S. 114f) deuten Erinnerungen an Früheres, an Besseres, an Gewünschtes an. Einige Erläuterungen und ergänzende Texte zu ausgewählten Bildern (S. 151 – 159) vervollständigen die Sammlung.

Zielgruppen

Das Buch kann als adressiert an Menschen gesehen und gelesen werden, die eine subjektive Perspektive (des Fotografen und der von ihm portraitierten Kinder und Jugendlichen) auf die Heimerziehung zur Kenntnis nehmen wollen und/oder Anregungen zur Auseinandersetzung mit stationärer Kinder- und Jugendhilfe suchen.

Diskussion

Nochmals Matthias D. Witte: „Fabian Weiß hat sich auf sensible Weise denjenigen Kindern und Jugendlichen genähert, die aufgrund ihres Hilfebedarfs ein Mehr an Aufmerksamkeit brauchen. Ihren Geschichten respektvoll, authentisch, einfühlsam und nicht voyeuristisch und moralisierend begegnen zu können, ist das Geschenk dieses Buches.“

Zweifellos zeigt das Buch viel Einsamkeit, Verlassenheit und Traurigkeit von Kindern und Jugendlichen in der „Maschine Heim“, ausgeliefert in Verhältnisse, die meist aus dem Verhalten anderer folgen und wenig Aufmerksamkeit finden. Fabian Weiß sagt dazu im Interview mit der „Zeit“ (Nr. 27 vom 7. Juli 2013) unter anderem: „Wenn ich einmal vor Ort war, habe ich fast immer recht schnell Zugang zu den Jugendlichen bekommen. Ich habe alle mindestens einen Tag, viele aber länger begleitet und einfach ihren Alltag geteilt. (…) Diesen Kindern fehlt es ja oft genau an dieser emotionalen Aufmerksamkeit. Sie haben in ihrem bisherigen Leben wenig Liebe und Zuneigung erfahren“ (siehe das vollsträndige Interview unter: www.zeit.de/2013/27/wolfskinder-portraet-fabian-weiss).

Die Fotografien verdeutlichen, wie sich Kinder und Jugendliche in der stationären Jugendhilfe ihrem Heimweh stellen, wie sie mit dem Alltag dort fertig werden (wollen). Ich kann dem Vorwortschreiber zustimmen, der sagt, dass der Fotoband „Einsichten in die Welt von Jugendlichen (gibt), die besondere Lebensgeschichten und Probleme haben und deshalb im Jugendhilfesystem unter ‚besonderen‘ Bedingungen aufwachsen“. Dabei präsentiere das Buch „die Protagonisten nicht als Sonderwesen, als wild oder bedrohlich“. Die Fotografien deuten an, welche besonderen Schwierigkeiten sich ihnen stellen, „Normalität“ außerhalb von Herkunft und Gewohntem (aus ihrer eigenen Perspektive und unserer, als den Betrachter/inne/n) zu gewinnen. Die Schlichtheit einzelner Bilder ist dabei zum Teil schwer zu decodieren, regt aber zum Nachdenken und zu Assoziationen an.

Hin und wieder überkommt mich dabei freilich der Eindruck, dass die Sammlung in Passagen auch inszeniert wirkt, also eine „Wirklichkeit“ abbildet, wie sie sich Fabian Weiß zurecht legt, konstruiert: Was sagt z. B. der Arm eines/einer Jugendlichen, der/die ein Fenster öffnet (S. 98/99), während der Begleittext (S. 157) davon berichtet, dass sich Max, 20, das Nägelkauen angewöhnt habe, weil er im Heim nervös wurde, sich kontrolliert fühlt („Die können ja einfach reinkommen. Und es wird nicht angeklopft. Kommen einfach die Leute rein“)?

Fazit

Ja, hier liegt ein ungewöhnliches, auch ein verstörendes Buch vor. Es liegt ein Band vor, den sich alle näher betrachten sollten, die sich ein Urteil über die Heimerziehung erlauben. Es kann als ein Buch auch für die Lehre begriffen werden, mit vielschichtigem Material für eine Einführung in die Soziale Arbeit allgemein oder in die Kinder- und Jugendhilfe im Besonderen. Es wird wütend, kritisch und eben auch nachdenklich machen, ohne ein vorschnelles und (zu) allgemeines Urteil über „die“ Heimerziehung zu forcieren. Fabian Weiß zeigt (bei aller Sympathie für sein Ansinnen, „Portraits im Kontext der jeweiligen Kultur“ zu zeigen [S. 161]) eben nur einen Teil dieser Heim-Alltäglichkeit, keineswegs repräsentativ, keinesfalls umfassend, diesen Teil aber bilder- und ausdrucksstark – insgesamt also eine sehens- und lesenswerte Veröffentlichung.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 28.05.2015 zu: Fabian Weiß: Wolfskinder [Jugendhilfe in Deutschland, Portraitfotos]. Edition Lammerhuber (Baden) 2013. ISBN 978-3-901753-64-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18408.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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