socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Steffen Mau, Nadine Schöneck (Hrsg.): (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten

Cover Steffen Mau, Nadine Schöneck (Hrsg.): (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 208 Seiten. ISBN 978-3-518-12684-4. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.

Edition Suhrkamp, Band 2684.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Ungleichheit = Ungerechtigkeit?

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. Mit dieser globalen Ethik, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Artikel 1 formuliert und in allen demokratischen Verfassungen übernommen wird, kommt zum Ausdruck, dass Ungleichheit ein Zustand ist, den es zu überwinden gilt. Es gibt freilich im soziologischen Diskurs kaum ein Thema, das umstrittener ist. Da ist zum einen die Forderung nach Durchsetzung dieses humanen Anspruchs, zum anderen die Beweisführung, dass absolute Gleichheit gar nicht möglich und von daher nicht zu erreichen ist. Das Dilemma tut sich nämlich an der Stelle auf, wo es darum geht, in den konkreten Lebenssituationen der Menschen und ihren Gesellschaften die Gleichheitsforderung auf allen Gebieten des menschlichen Daseins anzuwenden. Damit wird die hehre Forderung nach Gleichheit gemessen an den wirklichen, individuellen und gesellschaftlichen Situationen, was dazu führt, dass sich die Diskussion an materiellen und politischen Bedingungen orientiert und zu Vergleichen führt, die entweder ideologische, revolutionäre, oder ohnmächtige Gefühle und Einstellungen weckt. Sie münden schließlich in Feststellungen, dass, ökonomisch, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer, wie auch, dass sich die sowieso schon Mächtigen immer mächtiger gebärden und die Ohnmächtigen noch ohnmächtiger werden.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

So stellt sich die Situation dar: „Das Streben nach mehr Gleichheit ist ins Hintertreffen geraten und als politisches Ziel verblasst, zugleich flammt in nennenswerten Teilen der Bevölkerung auch Empörung über allzu große Ungleichheiten auf“, was ja wohl nichts anderes bedeutet, als dass die Vision einer individuellen und gesellschaftlichen Gleichheit der pragmatischen und scheinbar „einsichtigen“ Erkenntnis gewichen ist, dass es eine unbedingte Gleichheit der Menschen nicht geben könne; während gleichzeitig die materiellen Begehrlichkeiten und Machtanhäufungen der Gewinner in der Gesellschaft Verlierer produzieren. Da braucht es einer Begriffsbestimmung, die den Wert „Gleichheit“ unter gleichwertigen normativen und funktionalen Aspekten offen legt und erträgliche (Un-)Gleichheiten definiert. Stellt man zudem den (Un-)Gleichheitsgedanken unter die Prämisse der „Gerechtigkeit“, öffnet sich ein Horizont, der Fragen aufwirft wie: „Welche gesellschaftlichen Probleme ergeben sich durch die gegenwärtig beobachtbaren Ungleichheitsdynamiken?“ – „Wo schlägt Ungleichheit in Ungerechtigkeit um?“ – „Welche Ungleichheiten brauchen wir, welche sollten vehement bekämpft werden?“. Mögliche, akzeptable und gerechte Antworten kann, im wissenschaftlichen Diskurs, ein Fach wie die Soziologie allein nicht geben. Nur im interdisziplinären Diskurs mit Historikern, Politikwissenschaftlern, Philosophen, Ökonomen und Rechtswissenschaftlern können diskussionswürdige, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Lösungsansätze für eine Gleichsetzung der Formel: Gleichheit = Gerechtigkeit gesucht werden.

Der Soziologe von der Bremer Universität, Steffen Mau (dessen Analyse über „Lebenschancen“ wir bereits vorgestellt haben: Steffen Mau, Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht? 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13978.php) und die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie, Nadine M. Schöneck, geben den Sammelband heraus. Sie bringen 19 Autorinnen und Autoren zusammen, die ihre fachlichen, wissenschaftlichen Standpunkte und Sichtweisen zum Koordinatensystem (Un-)Gleichheit – (Un-)Gerechtigkeit vorbringen. Ein gemeinsames Verständnis der unterschiedlichen Beiträge besteht in dem Fragenpaar: „Inwiefern ist Ungleichheit dysfunktional, das heißt mit (hohen) individuellen und gesellschaftlichen Kosten verbunden?“ und „Inwiefern kann Ungleichheit funktional (bzw. zumindest akzeptabel) sein?“. Aber schon in dieser Festlegung wird die (vom Rezensenten formulierte) Feststellung virulent bleiben müssen: Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten sind unmenschlich. Sie können kein Maßstab für Menschlichkeit sein!

Aufbau und Inhalt

Die sozialwissenschaftlichen Grundlagen werden im ersten Teil des Sammelbandes gewissermaßen als Spannungsfelder der Thematik eingemessen. Der Soziologe von der Universität Kassel und vom Hamburger Institut für Sozialforschung, Heinz Bude, legt mit seinem Beitrag „Brennpunkte sozialer Spaltung“ eine Analyse zur Entwicklung der „sozialen Exklusion“ in der (deutschen) Gesellschaft vor. Er argumentiert, dass sich die vielfältigen Formen von sozialer Ungleichheit in „der extremer gewordenen Selektivität der Begünstigungen und Benachteiligungen innerhalb eines gemeinsamen gesellschaftlichen Bezugskosmos“ zeigen, also sich gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft artikulieren; gleichzeitig aber auch in den unteren Rängen des gesellschaftlichen Positionssystems ausbreiten, also existentiell bei den Angehörigen der „marktbezogenen Proletarität“ wirksam werden, wie auch im „Milieu der staatsbezogenen Prekarität“ der langzeitlich Quasi- und Nichtbeschäftigten. Das Dilemma dieses gesellschaftlichen Spaltungsprozesses bestehe darin, dass die Gewinner und Verlierer „keine Sprache für gemeinsame Ideen, Interessen und normative Ansprüche mehr finden können“.

Der Soziologe von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt, Hartmut Rosa, lässt mit seinem Beitrag „Verstrickt im Steigerungsspiel: Wie der Kampf gegen Ungleichheit diese reproduziert“ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die spätmodernen, kapitalistischen und neoliberalen Gesellschaften – und zwar weltweit – systematisch Gewinner und Verlierer erzeugt.Diese Erkenntnis freilich ist in der Welt noch nicht angekommen, hat beziehungsweise in einigen Bereichen lediglich zu kosmetischen, also zu keinem nachhaltigen und grundlegenden Bewusstseinswandel geführt. Eine notwendige Sozialkritik hat sich zwar ansatzweise und bisher eher peripher im wissenschaftlichen Diskurs entwickelt, doch: „Erst wenn die Sozialkritik die Frage nach der Entfremdung und ihrem Gegenteil, dem gelingenden Leben, zu ihrem ureigentlichen Thema macht, löst sie sich aus dem unheilvollen Pakt mit dem Neoliberalismus und zieht dessen selbstzerstörerischem Steigerungsspiel den Stecker.“

Steffen Mau geht in seinem Beitrag „Die halbierte Meritokratie“ davon aus, dass in modernen Gesellschaften „sich die soziale Position des Einzelnen weder der Abstammung noch statusbezogenen Vorrechten ( ), sondern einzig und allein der Verbindung von Leistungsbereitschaft und Talent mit sozialem Status (verdankt)“. Dieser Idealposition freilich stehen Mechanismen und Traditionen entgegen, die im gesellschaftlichen Bewusstsein so etwas wie „natürliche“ Gegebenheiten akzeptieren lassen, wie etwa die „unsichtbare Hand“ des Marktes oder hierarchisierte Ordnungen. Er verdeutlicht, dass die Ordnungen, wie sie dem Marktgeschehen zugeschrieben werden, nicht allein ökonomisch und marktethisch zu steuern und zu verändern sind, sondern nur als gesellschaftspolitischer Perspektivenwechsel zu leisten sind.

Gert G. Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung der TU Berlin behauptet: „Ungleichheit muss nicht ungerecht sein – sie ist aber oft unvernünftig“. Damit nimmt er die (Aus-)Rede auf, dass die Forderungen nach Gerechtigkeit im ökonomischen Sinne auf einer anderen (vernünftigen) Grundlage diskutiert werden sollten, als dies im philosophischen oder politischen Diskurs geschieht. Er sieht dabei drei Bezugsfelder. Da ist zum einen die „Chancengerechtigkeit“., die auf der Forderung nach Teilhabe an den Lebensmöglichkeiten für alle Menschen beruht, zum zweiten die „Leistungsgerechtigkeit“, die demjenigen, der sich anstrengt und mehr leistet als ein anderer, ein Mehr bietet; und zum dritten die „Bedarfsgerechtigkeit“, die jeden Menschen die Grundbedürfnisse ermöglicht. Eine ökonomische Leistung bemesse sich deshalb nicht, wie dies im Marxschen Sinne gefordert wird, am Aufwand, sondern „am Ergebnis und dem Preis, der für die ökonomische Leistung erzielt wird“. Der Autor kommt deshalb zu dem Ergebnis, „dass individuelle Freiheit (kursiv, JS) auch aus ökonomischer Sicht nicht schrankenlos sinnvoll“, jedoch „politische Freiheit“ essenziell für eine als gerecht empfundene Gesellschaft ist, was er mit dem Begriff „gerechte Teilhabe“ ausdrückt.

Der Soziologe von der Universität Bielefeld, André Kieserling, stellt in seinem Beitrag „Ungerecht, aber nützlich. Zur Verteilung der wissenschaftlichen Reputation“ fest, dass es bei einer real existierenden Ungerechtigkeit „keine Konvergenz des Gerechten und des Nützlichen (gibt)“. Diese Behauptung belegt er mit der evidenten Wirklichkeit ungleicher Verteilung, der wissenschaftlichen Reputation. Dem gewachsenen, puristischen Verständnis von Reputation setzt er das Spannungsverhältnis zwischen Funktion und System entgegen. Er diskutiert das Für und Wider von möglichen Lösungsansätzen, wie sie im wissenschaftlichen Diskurs auf dem Markt sind, nämlich der Veränderung der gegenwärtigen Binnendifferenzierung des Wissenschaftssystems: „An die Stelle der bisher praktizierten Differenzierung in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, von denen jede alle Funktionen des Gesamtsystems in sich selbst wiederholt, (müsste) eine funktionale Differenzierung treten“. Dabei allerdings kommt er zur Absage dieser „unifunktionalen Leitstruktur“ und sieht die Wissenschaftstheorie weiterhin in der Pflicht!

Im zweiten Teil werden in sieben Feldern besonders aktuelle Aspekte zur Ungleichheit mit jeweils zwei Beiträgen thematisiert: Bildung, Markt, Sozialstaat, Geschlechter, Erbschaften, Zuwanderung und Demokratie. Der Soziologe von der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, Richard Münch, stellt fest: „Mehr Bildung, größere Ungleichheit“. Er setzt sich mit dem Dilemma in der Aktivierungspolitik auseinander. Dabei malt er ein Szenario an die Wand, das die Intensivierungen der Bildungsexpansion in Frage stellt – „Das Setzen auf Bildung hat … den Zenit seiner integrativen Wirkung längst überschritten“ – und „dringend der Korrektur durch die Rückbesinnung auf die Unausweichlichkeit von marktkorrigierendem und nachmarktlichem sozialem Ausgleich“ bedürfe.

Diese allzu marktgläubige und neoliberale Positionierung bedarf es natürlich dringend der Korrektur. Die Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, Jutta Allmerdinger, leistet dies mit ihrem Beitrag „Mehr Bildung, größere Gleichheit“, indem sie feststellt: „Bildung ist mehr als eine Magd der Wirtschaft“. Sie widerspricht entschieden der Auffassung, dass Bildung zu mehr Ungleichheit führe. Die Versuche, Bildung auf „Erwerbszweck“ zu reduzieren, wäre ein riesiger Rückschritt. Sie zeigt auf, dass „die Bildungsexpansion in Deutschland ( ) gute Bildung nicht entwertet (hat)“; vielmehr bedürfe es der weiteren Anstrengungen, die vorhandenen Bildungsdefizite, die im deutschen Gesellschafts- und Bildungssystem noch allzu oft an der sozialen Herkunft und der sozialen Ungerechtigkeit festzumachen sind, aufzuheben durch mehr Bildung und damit auch mehr ökonomische und kulturelle, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Der Zürcher Volkswirtschaftler und Senior Professor für Politische Ökonomie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, Bruno S. Frey, widerlegt mit seinem Beitrag „Märkte, Gerechtigkeit und die Rolle von Vielfalt“ die gängige Auffassung, dass Ökonomen und Ökonominnen mit der Metapher „Gerechtigkeit“ wenig anzufangen wüsten, und die wissenschaftlichen Versuche, gesellschaftliche Ungleichheiten mit Begriffen wie Einkommens-, Bedarfs-, Leistungs-, Chancen- oder Generationengerechtigkeit zu fassen, die Ökonomik eher hilflos gegenüber stünde. An Beispielen jedoch zeigt er auf, dass sich „die Ökonomik ( ) indirekt … mit den entsprechenden Aspekten auseinander(setzt)“.

Der Frankfurter Soziologe Sighard Neckel setzt sich mit seinem Beitrag „Die Ungleichheit der Märkte“ mit den Positionen – der Markt solle gerecht sein, und der Markt produziere Ungerechtigkeit – auseinander. Er diskutiert die Phänomene, dass die Markt-Entwicklung hin zur Gewinnmaximierung eigentlich genuine Marktprozesse unterliefen. „Dieser Entmarktichung (kursiv, JS) der Privilegierten steht eine zunehmende Vermarktlichung (kursiv) der Lebenslage breiter Bevölkerungsgruppen und insbesondere der unteren Sozialschichten gegenüber“. Die sich daraus entwickelnden und verstärkenden Polarisierungen sozialer Lebenslagen führt zu „einer neuen oligarchischen Reichtumsklasse…, die sich von Gerechtigkeitsforderungen weitgehend abzuschirmen weiß“.

Der Ressortleiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Rainer Hank, beantwortet die Feststellung: „Warum der Sozialstaat in die Ellbogengesellschaft führt“. Mit der Paraphrase einer egalitären Utopie zeigt er das Dilemma auf, wie aus einem „Paradies der Gleichheit … eine Gesellschaft der Ungleichheit“ werden kann; Ungleichheit entstehe einfach durch den Marktakt eines freiwilligen Tauschs zwischen Anbietern und Nachfragern. Er legt den Fokus seiner Argumentation dabei auf die unterschiedlichen Grundlagen sozial- und rechtsstaatlichen Handelns: „Der Sozialstaat höhlt auf Dauer den Rechtsstaat aus“.

Der Münchner Soziologe Stephan Lessenich fragt, wie sich die „Umverteilung nach der Umverteilung“ gestaltet. Damit begibt er sich allerdings nicht auf den grundlegenden Perspektivenwechsel, wie er in der Kapitalismuskritik gefordert wird; vielmehr argumentiert er: „Warum der Kapitalismus den Sozialstaat braucht!“ Mit einem historischen Überblick zeigt er die Entwicklung des Sozialstaates auf und positioniert die interventionistischen Strukturen und Regelungen eines modernen Sozialstaates als Korrektiv gegen die ausufernde, kapitalistische Ökonomie.

Die Darmstädter Sozialwissenschaftlerin Cornelia Koppetsch bringt zum (Un-)Gleichheitsfeld „Geschlechter“ mit ihrer Frage „Gefühlte Gleichheit?“ ihre Forschungsergebnisse zu „Gerechtigkeit in Paarbeziehungen“ ein. Dabei zeigt sie auf, dass bei allen möglichen Erfolgen zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung die „Geschlechternormen ( ) keine äußeren Zwänge oder Machtapparate (sind), sondern tendenziell unbewusste Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, die tief im Selbstbild von Frauen und Männern verankert sind“. Gleichstellungspolitik dürfe sich nicht allein durch Diskriminierungsverbot darstellen, sondern müsse sich in positiven Maßnahmen zur Realisierung von Chancengleichheit zeigen, wie etwa Quotenregelungen, mütterfreundliche Rentenpolitik und Schaffung von Rahmenbedingungen zur Vereinbarung von Familie und Beruf.

Die Frankfurter Rechtswissenschaftlerin Ute Sacksofsky positioniert sich mit der Frage „Frauenquoten – Weg zur Gleichheit der Geschlechter oder ‚umgekehrte Diskriminierung‘ von Männern?“ zur aktuellen Auseinandersetzung um gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in beruflichen Positionen. Die Gegner der Quotenregelung verweisen mit dem Slogan „Chancengleichheit statt Ergebnisgleichheit“ darauf, dass die Sortierung von Menschen in zwei Gruppen – Männer und Frauen – der Rechtsauffassung von Gleichheit widerspricht. Die Autorin allerdings zeigt auf, dass „Frauenfördermaßnahmen ( nicht) das Recht tangieren, als Gleicher behandelt zu werden“; weil sie nicht dem Ausschluss von Männern, sondern den Einschluss von Frauen dienen.

In der aktuellen, gesellschaftlichen Diskussion um soziale und Vermögensungleichheit greift der Direktor des Max-Planck-Instituts für Geschlechterforschung, Jens Beckert, mit seiner Forderung ein: „Besteuert die Erben!“. Er verweist darauf, dass fast zwei Drittel des privaten Kapitals in Deutschland sich in Händen der obersten zehn Prozent der Bevölkerung befinden, und dem weltweiten Skandal, dass 85 Kapitaleigner genau so viel besitzen wie die ärmsten 3,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Er diskutiert die Argumente, zeigt die historische und kapitalistische Entwicklung auf und plädiert dafür, mit der „pietätvolle(n), weitgehende(n) Steuerbefreiung der Erben großer Vermögen ein Ende“ zu setzen.

Der Volkswirtschaftler von der Universität Hamburg, Thomas Straubhaar, sieht das radikal anders: „Hände weg vom Erbe“ ist seine Forderung. Er argumentiert: „Wer Erbschaft besteuert, enteignet Eigentum“. Und er stellt fest: „Wer Eigentum enteignet, zerrüttet die Fundamente einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung“; denn, und hier bleibt er seinem Credo treu: „Vererbung ist nichts anderes als die Übertragung von Eigentumsrechten von einer Generation zur nächsten“. Allerdings dürften sich die in seiner Argumentation herbeigeführten Begründungen, etwa, Enteignung und Enterbung führten dazu, dass in einer Gesellschaft weniger gespart und investiert würde, auf allzu dünnem Eis bewegen.

Das Feld „Globale Ungleichheit und Migration“ begeht die Professorin für Makrosoziologie und transnationale Prozesse von der Universität Duisburg-Essen, Anja Weiß, mit der Frage: „Wie nah ist die Ferne?“, indem sie über Gerechtigkeit in Zeiten der Globalisierung nachdenkt. Mit dem Maßstab des „nationalen Wohlfahrtsstaates“ verlängert sie die Frage nach einer globalen „relativen Gerechtigkeit“, indem sie, mit Amartya Sen, visioniert, „dass alles, was relativ besser ist als die aktuellen Zustände, gerechter sein könnte als die Suche nach den gerechtesten Verhältnissen und dazugehörigen Institutionen für die ganze Welt“. Wege dahin gäbe es genug, etwa das fair in Bangladesh produzierte T-Shirt, das Jugendliche hier erwerben, oder die Einführung der Besteuerung auf Finanztransaktionen.

Ludger Pries von der Ruhr-Universität Bochum greift mit seinem Beitrag „Transnationalisierung sozialer Ungleichheit und gerechte Migration“ die Frage auf, wie in der sich immer interdependenter und entgrenzender, sich mobiler entwickelnden Welt eine „gerechte Migration“ geschaffen werden kann. Sie berührt den berechtigten Wunsch von Menschen, anderswo ein gutes, gelingendes Leben führen zu können, und basiert auf der Notwendigkeit, sich in neue Lebensorte und -situationen integrieren zu können. Dies aber ist kein eindimensionaler, sondern ein „vieldimensionaler Prozess der ökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Teilhabe im Sinne der Mobilisierung von Fähigkeiten (kursiv, JS)“.

Zum Feld „Demokratie“ steuert der Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung beim Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, Wolfgang Merkel, seinen Text „Ungleichheit als Krankheit der Demokratie“ bei. Er geht mit den lokalen und globalen, gewachsenen, kapitalistischen, strukturellen Ungleichheiten ins Gericht und stellt fest, dass nicht die Krise des Kapitalismus die Demokratie bedrohe, sondern sein Triumph. Er zeigt auf, dass die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen, die sich insbesondere im Verlust von Teilhabe eines (prekären) Teils der Gesellschaft darstellen, in der „teils bewussten, teils fahrlässigen Preisgabe von staatlichen Regulierungs-, Steuer- und Korrekturkapazitäten gegenüber einer Ökonomie zu tun, die strukturell sozioökonomische Ungleichheiten produziert und das fundamentale Demokratieprinzip politischer Gleichheit schleift“.

Den Schlussbeitrag liefert der Historiker von der Berliner FU, Paul Nolte, indem er mit dem Text „Demokratie und Gleichheit“ das geschichtliche und aktuelle Spannungsverhältnis zwischen Freunden und Feinden des Volksherrschaftssystems diskutiert. Es sind im wesentlichen zwei Grundkonflikte, die sich dabei zeigen: Zum einen ist es der Kampf um gleiche Rechte, zum anderen der um soziale, materielle Gleichheit. Diese Auseinandersetzungen entwickeln sich in (lebendigen) Demokratien jedoch zu mehr als nur nach einer stabilen Etablierung der Regierungsform; vielmehr zum Willen nach einem way of life, also einer umfassenden, individuellen und gesellschaftlichen Lebensform., und damit zu Herausforderungen, wie soziale Teilhabe für alle Teile der Bevölkerung gleichberechtigt entstehen kann. Damit aber sind auch etablierte und gewohnte, demokratische Formen auf den gesellschaftlichen Prüfstand zu stellen und Veränderungsprozessen unterworfen.

Fazit

Mit dem in der edition suhrkamp publiziertem Büchlein „(Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten“ wird auf der Grundlage der soziologischen und ökonomischen Fragestellung nach dem Zusammenhang der humanen Werte Gerechtigkeit und Gleichheit ein wissenschaftlich-kontroverser, interdisziplinärer Diskurs geführt. Als Anlass für die Neuaufnahme der traditionellen Auseinandersetzungen werden die gesellschaftlichen Veränderungen genannt, also „dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Aufgehen der Einkommensschere, der sich zuspitzenden Vermögenskonzentration, der anhaltend engen Verkopplung von sozialer Herkunft und Lebenschancen, der stärkeren Sensibilisierung für globale Ungleichheiten und der Entstehung einer gesellschaftlichen Unterschicht am unteren und einer neuen Gruppe von ‚Obertanen‘ am oberen Ende der Sozialstruktur“ diagnostiziert.

Die einzelnen, kurzen und prägnant formulierten, wissenschaftlichen Meinungsäußerungen und Analysen sind ohne Zweifel geeignet, sie in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, und zwar sowohl für Studierende der Sozialwissenschaften, als auch für die Arbeit in der Erwachsenenbildung. Die Texte wollen weder Rezepte sein, noch Erzählungen; vielmehr sind sie auf „Teilhabe“ angelegt, der Voraussetzung dafür, dass politische und soziale Gerechtigkeit und Gleichheit wirksam werden kann.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1327 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.03.2015 zu: Steffen Mau, Nadine Schöneck (Hrsg.): (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-12684-4. Edition Suhrkamp, Band 2684. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18416.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung