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Karl Bühler, Achim Eschbach (Hrsg.): Sprache und Denken

Cover Karl Bühler, Achim Eschbach (Hrsg.): Sprache und Denken. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2015. 385 Seiten. ISBN 978-3-86962-096-1. D: 28,00 EUR, A: 28,70 EUR, CH: 47,10 sFr.
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„Eines Menschen Erfahrung ist nichts, wenn sie allein steht“

Mit dieser (pragmatisch-semiotischen) Contraposition des US-amerikanischen Philosophen und Logikers Charles Sanders Peirce (1839 – 1914) soll hingeführt werden zu einer Arbeit, die anlässlich eines wissenschaftlichen Symposiums entstand, die im Frühjahr 2014 in Wien stattfand und sich mit den denkpsychologischen Frühschriften von Karl Bühler (1879 – 1963) auseinander setzte. Sowohl für den psychologischen, als auch für den kommunikationswissenschaftlichen Diskurs sind die von Karl Bühler während seiner Würzburger Zeit („Würzburger Schule“ 1901 – 1909) entstandenen sprachpsychologischen Schriften von Bedeutung, zeigen das von Bühler in seiner Zeit meisterhaft geknüpfte wissenschaftliche Netzwerk der Denkstationen Würzburg, Bonn, München und Wien auf, vermitteln einen erkenntnisleitenden Eindruck von den Kontakten und Kontroversen der Bühlerschen Auseinandersetzungen in der Zeit von 1905 bis 1919 und verweisen auf die für die kybernetische Kommunikationstheorie bedeutsame Festlegung, dass „der Schluss von Materiellem auf Immaterielles ( ) schlichtweg unzulässig (ist)“. Diese „Phänomenologie des Denkens“ wurde u. a. von Wilhelm Wundt (1832 – 1920) heftig kritisiert, was sich in der so genannten „Bühler-Wundt-Kontroverse“ ausdrückte.

Herausgeber

Der Kommunikationswissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen, Achim Eschbach, leitete als Tagungspräsident das Wiener Kolloquium. Er legt mit dem Band „Karl Bühler: Sprache und Denken“ die dort diskutierten Frühschriften Bühlers vor. Darin wird auch offengelegt, dass die in der Rezeption der „Bühler-Schule“ benannte Würzburger „Külpe-Schule“ längst vor Bühlers Mentor Oswald Külpe entstand und mit den Philosophen und Psychologen Franz Brentano, Anton Marty, u.a. als „ Schule der Denkpsychologie“ wirkte. „Zu einem vertieften Verständnis des komplexen Bühler´schen Ansatzes (ist) eine Tieferlegung des Fundaments unverzichtbar ( )“.

Aufbau und Inhalt

Das Nachschlagewerk der Bühlerschen Frühschriften wird in zwei Kapiteln gegliedert und mit einem Nachtrag versehen. Das erste Kapitel ist in drei Teilen angeordnet.

Im ersten Teil werden Bühlers Studien über Henry Home aus seiner Straßburger Dissertation aus dem Jahr 2005 abgedruckt. Bühler setzte sich intensiv mit den Schriften des schottischen Juristen und Philosophen Henry Home, des späteren Lord Kames (1696 – 1782) auseinander. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage: „Ist der Mensch geschickt, in seinem Systeme eine passende Rolle zu spielen, d. h., ist er seinem Lebenszwecke entsprechend eingerichtet?“. Dieser praktische, philosophische Nachschau ist es, die auch Bühler umtreibt, und die ihm zu Home führte: „Der Mensch ist verpflichtet, die Zwecke, die ihm in der Einrichtung seiner Natur vorgezeichnet sind, zu erstreben“. Mit dieser „anthropocentrische(n) Teleologie“ verweist Bühler auf das fragmentarische Denkgebäude Homes, das sich in den Details seiner Natur- und Weltbeobachtungen zeigen.

Im zweiten Teil geht Bühler der „Psychologie Homes“ nach, die er als „Seelenlehre“ bezeichnet und sich in der Ideenfolge des Erkenntnis-, Gefühls- und Willensvermögens darstellt; denn „der Mensch ist nie rein receptiv, interesselos ins Erkennen versunken“. Vielmehr sind es die psychischen Prozesse, die das subjektive Interesse des Menschen beeinflussen: „Das einzelne Gefühl ist in seiner Existenz vollständig an die Wahrnehmung oder Vorstellung gebunden, durch die es hervorgerufen wurde, und ist mit ihr dem ständigen Wechsel des Entstehens und Vergehens im Bewusstsein unterworfen“. Im „Wollen“ gewinnt die Homes´sche Seelendeutung eine praktische, heute würde man sagen, weltdeuterische Bedeutung, auch – angedeutet – mit der Diskrepanz einer teleologisch-determinierten, also göttlichen Ordnung, oder einer anthropologischen Willensfreiheit des Menschen.

Im dritten Teil werden diese Widersprüche mit der Bühlerschen Auseinandersetzung zur „Erkenntnislehre Home´s“ thematisiert. Er lenkt dabei seine Aufmerksamkeit auf die zeitgeschichtliche Betrachtung der philosophischen Bemühungen, wie sie sich in David Humes sensualistischem Denkgebäude darstellen, um – durchaus skeptizistisch, wenn auch nicht revolutionär – seine realistische Weltanschauung entgegen zu setzen. Damit freilich schließt er spekulatives oder mystisches Denken aus: „Home ist eben ein Mensch, der zusammenschaut; er sieht viel leichter was ist, als was fehlt“. Damit findet Bühler auch den zweiten Anker im Homeschen Denken: „Home bekennt sich zu der Grundlehre des Positivismus, indem er den synthetischen Charakter des Kausalprinzips… anerkennt“.

Das zweite Kapitel gibt Bühlers Überlegungen zu „Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge“ wieder, die er in den Jahren von 1907/1908 in verschiedenen Publikationen veröffentlicht hat. Sie werden in drei Teilen gegliedert: „Über Gedanken“, „Über Gedankenzusammenhänge“ und „Über Gedankenerinnerungen“. Die in philosophischen und psychologischen Zusammenhängen immer wieder gestellte Frage: „Was erleben wir, wenn wir denken?“, wird von Bühler nicht theoretisch, sondern in psychologischen Versuchen beantwortet. In der Analyse filtert er verschiedene Gedankentypen heraus: Das „Regelbewusstsein“, als eine Form der kategorischen Anschauung, bei der, und hier bedient er sich der Phänomenologie Edmund Husserls (1859 – 1938), wenn er definiert: „Das Regelbewusstsein ist ein Gedanke, in dem bestimmte Gegenstände, die der Logiker als Gesetze bezeichnet adäquat gedacht werden“; und das „Beziehungsbewusstsein“, bei dem es darauf ankommt, „dass in ihm die Beziehung nicht schlicht gemeint (ist), sondern erlebt wird“. Die darauf folgenden analytischen und intentionalen Analysen darüber, „wie die Bestimmtheiten dessen, was wir meinen, im Bewusstsein gegeben sind“, bedürfen freilich größerer Denkanstrengungen, die Bühler mit den Fragen nach einer objektivierten Rechtfertigung beantwortet; und zwar, indem er die deskriptive Unterscheidung von Vorstellen (Empfinden) und Wissen vornimmt. Dabei bezieht er sich zum einen auf den Begriff der Apperzeption, wie er sich bei Wilhelm Wundt (1832 – 1920) artikuliert (und, das sei hier schon einmal angemerkt, in der späteren Kontroverse ausdrückt); zum anderen stellt er die Frage nach dem Ursprung unseres Wissens.

Im zweiten Teil des zweiten Kapitels beschäftigt sich Bühler mit er Frage, wie Gedanken zusammenhängen und aufgefasst werden können; denn, „das Wissen um eine bestehende Beziehung oder um das Bestehen einer Beziehung braucht keine bewusste Beziehung zu sein, ebenso wenig wie das Wissen um ein Urteil ein Urteil zu sein braucht“. Diese Phänomene beweist er mit einer Reihe von Kommunikations-, Dialog- und Argumentationsbeispielen.

Der dritte Teil befasst sich mit „Gedankenerinnerungen“, die sich als (nahes) Zurückgreifen auf Bekanntes und Erlebtes, wie auf (entferntes) Überliefertes beziehen können. Seine empirische Vorgehensweise wird hier wiederum deutlich: Er präsentiert Versuchsanordnungen, die er als „Gedankenpaarung“, als „Ergänzungsversuche“, als „Analogieversuche“ und als „Stichwortversuche“ darstellt und sich gewissermaßen als „Erinnerungspsychologie“ präsentiert.

Gewissermaßen als drittes Kapitel fügt der Herausgeber die „Antwort auf die von W. Wundt erhobenen Einwände gegen die Methode der Selbstbeobachtung an experimentell erzeugten Erlebnissen“ als Nachtrag an. Diese öffentliche Bühler-Wundt-Kontroverse (1907/1908) hat seinerzeit eine Aufmerksamkeit bewirkt, die darauf hindeutet, mit welcher Verve und welchem Engagement die psychologischen Auseinandersetzungen um theoriegestützte, praxisbezogene Methoden zur Erkenntnisgewinnung geführt wurden. Obwohl Bühler anfangs seiner Erwiderung auf Wundts Verriss seines Aufsatzes „Über Ausfrageexperimente und über Methoden zur Psychologie des Denkens“ beinahe beleidigt reagiert – „von einer Seite, der ich mehr Verständnis zugetraut hätte“ – geht er doch sehr dezidiert und ausführlich auf die Kritik ein; und zwar zum einen auf den Vorwurf, Bühler würde Wundts Theoriegebäude niederreißen wollen, worin er erst einmal ein Miss- und Fehlverständnis seiner (Bühlers) Denkens vermutet; zum anderen aber eben auch in einer kontroversen Auseinandersetzung über die Mutmaßungen und Apperzeptionen des menschlichen Denkens, verbunden mit der Bühlerschen Frage, „ob Wundt wohl diese Konsequenzen anerkennen und wie er sich mit unseren Fragen abfinden wird“.

Mitnichten! Wundt findet sich mit den Einwänden Bühlers nicht ab, sondern veröffentlicht seine „Kritische Nachlese zur Ausfragemethode“, in der er der Auffassung Bühlers widerspricht, Wundt würde die Bühlerschen Methoden ablehnen, ohne sie je selbst angewandt zu haben. Der erste Eindruck, der sich in dieser Rede und Gegenrede aufdrängt, dass hier zwei anerkannte und in ihrem wissenschaftlichen Selbstverständnis gefestigte (oder gar „festgelegte“?) und erfahrene Psychologen auf ihren Standpunkten bestehen, wird zwar durch die durchaus (auch) ernsthaften Versuche, die gegenseitigen wissenschaftlichen Auffassungen zu diskutieren, abgemildert; doch eine Annäherung oder auch eine Anerkennung entsteht dadurch nicht. Es ist letztlich Wundt, der sich mit seinem im Mai 1908 veröffentlichten Aufsatz dem weiteren Diskurs verweigert: „Nach den Aufschlüssen, die ich aus den seitherigen Ausfrageexperimenten geschöpft habe, werde ich mir die Lektüre künftiger Arbeiten dieser Gattung erlassen; ich glaube mich aber auch fernerer kritischer Erörterungen über diesen Gegenstand enthalten zu können“ – Peng! Auch wenn Bühler im Dezember 1908 noch einmal den Aufsatz „Zur Kritik der Denkexperimente“ veröffentlicht, in dem auf Einwände von anderen Autoren (von Aster und Dürr) eingeht, dabei anbietet, den Diskurs weiter zu führen und konzediert, dass es bei der Beurteilung des Erfassens von Beziehungen „keine Differenz unserer Auffassungen“ gebe, kommt es nicht dazu!

Erneut, 1919, schien sich eine fruchtbare, kontroverse Diskussion zwischen Bühler und Hans Henning zu entwickeln, die gewissermaßen auch als Abgrenzungs- und Positionsbestimmung von psychologischen Schulen und Denkrichtungen, der „Würzburger“, der „Göttinger“, der „Frankfurter“ Schule, zu verstehen sind. Aus diesem Diskurs werden zum einen in der Zeitschrift des psychologischen Instituts der Universität Frankfurt a

.M. zwei Aufsätze abgedruckt: „Eine Bemerkung zu der Diskussion über die Psychologie des Denkens“ (Karl Bühler) und „Assoziationslehre und neuere Denkpsychologie“ (Hans Henning). Die sich bereits in der Bühler-Wundt-Kontroverse gezeigte Unversöhnlichkeit der Denkschulen wird auch in der Bühler-Henning-Polemik deutlich. Bühler beschließt diese Auseinandersetzungen mit seiner „Replik“ vom 6. August 1919, indem er sich dahingehend positioniert: „Meine Blicke sind nicht nach Frankfurt sondern nach Göttingen gerichtet“.

Fazit

Die erstmalige Herausgabe der denkpsychologischen Frühschriften Karl Bühlers durch Achim Eschbach bieten Informationen über die Entwicklung wie Kontroversen im psychologisch-philosophischen Diskurs in den Jahren 1905 bis 1919 und verweisen gleichzeitig auf die denkpsychologischen Fundamente, auf denen die Kommunikationswissenschaft aufbaut. Dem Hinweis des Herausgebers lohnt in jedem Fall nachzugehen, dass die von Bühler genutzten und in sein Werk selbstverständlich eingebrachten Denkrichtungen sowohl der deutschen Denkschulen, wie auch die von europäischen und amerikanischen Wissenschaftlern formulierten Positionen als interdisziplinäre Anschlussmöglichkeiten für den denkpsychologischen Diskurs etwas energischer aufzugreifen und weiter zu entwickeln.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.02.2015 zu: Karl Bühler, Achim Eschbach (Hrsg.): Sprache und Denken. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2015. ISBN 978-3-86962-096-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18418.php, Datum des Zugriffs 30.03.2017.


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