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Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft? (Psychoanalyse im National­sozialismus)

Cover Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 2. Auflage. 640 Seiten. ISBN 978-3-8379-2097-0. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR, CH: 59,90 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8379-2637-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Im „Internationalen Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“ (künftig „Korrespondenzblatt“), zum Berichtzeitraum redigiert von der Zentralsekretärin Anna Freud ist im Bericht der Zweigvereinigung Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) für das zweite Quartal 1933 zu lesen: „6. Mai. Außerordentliche Generalversammlung. – Nach einer lebhaften Diskussion wird mit Stimmenmehrheit beschlossen, keine Änderungen in den Besetzungen der Ämter in der Gesellschaft und im Institut eintreten zu lassen.“ (www.psyalpha.net, S. 1232). Im Bericht über das vierte Quartal findet sich dann aber folgende Passage (a.a.O., S. 1242 ) im Referat über die am 18. 11.1933 abgehaltene Ordentliche Generalversammlung (Jahresversammlung): „Vor der Neuwahl des Vorstandes schlug Eitingon vor, den künftigen Vorstand auf die bisherigen Vorstandsmitglieder Dr. Boehm und Dr. Müller-Braunschweig zu beschränken. Die Wahlen erfolgten entsprechend dem Vorschlage Eitingons: einstimmig wurden gewählt die Kollegen Boehm und Müller-Braunschweig. Boehm übernimmt die Geschäfte des Vorsitzenden der D. P. G. und das Direktorium des Berliner Psychoanalytischen Institutes, Müller-Braunschweig übt wie bisher die Funktion des Kassenwarts und der Verwaltung des Lehrwesens aus und übernimmt dazu die Geschäfte des Schriftführers der Gesellschaft und den Vorsitz im Unterrichtsausschuß.“

Schon im Herbst also ist der Vorstand der DPG „judenfrei“ (zwei Jahre später die DGP insgesamt) und alle wichtigen Funktionen sind in den Händen von Ariern, die ihre Loyalität mit dem Nazi-Regime in der Folgezeit des Öfteren unter Beweis stellen werden. Der Jude Max Eitingon, von 1925 bis 1932 Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV), war im November 1933 allerdings nicht mehr in Berlin. Das „Korrespondenzblatt“ (a.a.O., S. 1243) vermerkt seinen Austritt aus der DGP, nicht weil er nun nichts mehr mit der Psychoanalyse hätte zu tun haben wollen – wohl aber nichts mehr mit Nazi-Deutschland. Er war nach Palästina ausgewandert und hatte schon im September 1933 die Chewra Psychoanalytith b´Erez Israel gegründet (a.a.O., S. 1235).

Mit beiden hier genannten Handlungen erweist sich Max Eitingon als kluger Mensch. Klug, indem er sich dem Zugriff des Nazi-Terror- und Vernichtungssystems entzog. Und klug auch mit seiner Empfehlung für eine „judenfreie“ Führerschaft der DGP – zumindest, wenn man als Kriterium für „Klugheit“ anerkennen will, dass das Fortdauern „der Sache“ erste Priorität hat. Nach allem, was wir wissen können und vermuten dürfen, hat Max Eitingon beide Schritte nicht ohne Kenntnis Sigmund Freuds und ohne dessen Billigung getan. Er hatte noch vor Karl Abraham, ja selbst noch vor Carl G. Jung von Zürich aus Kontakt zu Sigmund Freud aufgenommen und war als erster Burghölzli-Arzt bei ihm gewesen. In späteren Berliner Jahren pflegte er, damit Karl Abraham den Vorsitzenden der Berliner Psychoanalytischen Gesellschaft, mehr als einmal düpierend, eine Sonderbeziehung zu Sigmund Freud – vorbei nicht nur an den offiziellen Organisationsstrukturen der Psychoanalyse, sondern vorbei auch am „Geheimen Komitee“, dem engsten Kreis um Sigmund Freud (ausf. Zienert-Eilts, 2013).

Im Grunde hat das Buch zwei Themen, wie das auch in der Zweiheit von Haupt- und Untertitel anklingt. Unter einer ersten Perspektive ist das Buch zu sehen als Beitrag zu der seit der europäischen Aufklärung, namentlich dem englischen Empirismus (etwa David Hume) auf der Tagesordnung der wissenschaftstheoretischen Diskussion stehende These von oder der Forderung nach Wert(urteils)freiheit der Wissenschaft. In einer zweiten Perspektive ist das Buch ein Beitrag zur Geschichte der Psychoanalyse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zu deren Erhellung die „Bibliothek der Psychoanalyse“ seit Jahren erfolgreich beiträgt; verwiesen sei hier nur auf die in socialnet-Rezensionen besprochenen Darstellung zu Leben und Werk Karl Abrahams (www.socialnet.de/rezensionen/16718.php), Sándor Ferenczis (www.socialnet.de/rezensionen/16363.php) und Otto Ranks (www.socialnet.de/rezensionen/16563.php)

Wenn man sich die zur ersten Auflage des Buches erschienenen und vorwiegend aus psychoanalytischer / psychodynamischer Sicht verfassten Rezensionen ansieht, dann ist das Buch weniger unter einer wissenschaftstheoretischen als hauptsächlich unter einer historischen Perspektive gelesen worden. Das hat seine guten Gründe, die ich teile.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die 2., durchgesehene und korrigierte Auflage des erstmals 2013 im selben Verlag erschienenen Werkes. Dieses (in welcher Version wird nicht genannt) nahm die Medizinische Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin 2012 als Dissertation (eines Nicht-Mediziners) an. Die Charité hat damit ein Stück Erinnerungsarbeit geleistet, da auch sie sich mit dem Nazi-Regime gemein gemacht hat. Aus ihrer Mitte heraus wurde ein Jahr vor Kriegsende kritisiert, die im „Göring-Institut“ (offiziell: Deutsches oder Reichsinstitut für psychologische Forschung und Psychotherapie) der Götterdämmerung harrenden rein arischen Psychoanalytiker, ganz überwiegend „gleichgeschaltet“, seien noch immer jüdisch infiziert.

Max de Crinis, damals Direktor der Psychiatrischen Klinik beklagte 1944 gegenüber dem (Reichs-)Bevollmächtigten für das Sanitäts- und Gesundheitswesen: „Leider hat das Reichsinstitut für Psychologische Forschung und Psychotherapie die jüdische Richtung der Freundschen [sic] Psychoanalyse nicht aufgegeben, und die deutsche Psychiatrie wird in der nächsten Zeit wohl auch genötigt sein, gegen diese Entartungserscheinungen, die ein nationales Mäntelchen tragen, vorzugehen.“ (Quellenangabe auf S. 478 des vorliegenden Buches) Es geht offensichtlich immer noch ein wenig rechter als rechts. Oder wollte hier einfach die deutsche Psychiatrie angesichts des „unvermeidlichen Endsiegs“ des Großdeutschen Reiches endlich auch ihren schon Jahrzehnte zuvor begonnenen (Klein-)Krieg gegen die Psychoanalyse endlich mit einem Totalsieg krönen?

Autor

Mit o.g. Dissertation wurde der Autor 2013 zu einem Doktor der Medizinwissenschaften (Autor und Verlag geben als Kürzel „Dr. rer. med.“ an, die Promotionsordnung der Charité weist „Dr. rer. medic.“ aus) promoviert. Zum damaligen Zeitpunkt war Andreas Peglau, der 1981 an der Humboldt-Universität das Studium der Klinischen Psychologie abgeschlossen hatte, seit rund fünf Jahren als Psychologischer Psychotherapeut (Tiefenpsychologie und Psychoanalyse) tätig. Während der „Wendezeit“ war er Mitbegründer des Vereins „ich-e.V.“ (zunächst „Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse“), den er in den Folgejahren leitete. Als verantwortlicher Redakteur von „ICH – die Psychozeitung“ schrieb er zwischen 1990 und 1998 eine Vielzahl von Beiträgen (Weiteres unter http://andreas-peglau-psychoanalyse.de).

Aufbau und Inhalt

Das Buch lässt sich in drei Teile gliedern. Nach einem Vorwort von Helmut Dahmer folgt der Textteil des Autors mit einer Einleitung und fünf Kapiteln, dem sich ein umfangreicher Anhang anschließt.

Das Vorwort trägt die Überschrift „Wilhelm Reich, die Psychoanalyse und die Politik“ und ist als scharfsinnig gefertigte Horizonteröffnung zu lesen. Eine scharfzüngig verfasste zudem. Denn der emeritierte Soziologie-Professor Helmut Dahmer belässt es nicht bei einer Darstellung von Dort-und-Damals, sondern richtet den Blick auf das Hier-und-Jetzt. Etwa mit der Forderung, die Schriften Wilhelm Reichs ins psychoanalytische Curriculum aufzunehmen. Oder beispielsweise mit der These, eine der Spätfolgen dessen, was die deutsche Psychoanalyse im Dritten Reich gemacht habe, sei „der heute vorherrschende Typus des abstinenten, timiden Psychoanalytikers“ (S. 16). Das dürfte ihm Ärger eintragen, aber den ist er gewohnt.

Als er 1983, damals Leitender Redakteur und Mitherausgeber der „Psyche“, in dem bedeutendsten psychoanalytischen Organ deutscher Sprache den (ihm schon seit Längerem bekannten) Artikel „Psychoanalyse und Weltanschauung“ des Psychoanalytikers Carl Müller-Braunschweig, im Oktober1933 in „Der Reichswart“ veröffentlicht und dem Inhalte nach blanke Anbiederung an das NS-Regime, nachdruckte, sah er sich heftigster Kritik ausgesetzt und verlor durch die nachfolgenden Querelen auch seine Stellung als Leitender Redakteur. Müller-Braunschweigsche Sätze wie folgende wollte man einfach nicht mehr vor Augen geführt bekommen: „Dadurch leistet sie [die Psychoanalyse; H.-P. H.] eine hervorragende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt neu heraus gestellten Linien einer heroischen, realitätszugewandten, auf bauenden Lebensauffassung neu zu dienen.“ (zur Quellenangabe s. S. 427 des vorliegenden Buches). Wilhelm Reich notierte hierzu 1934: „eine Schande für die gesamte psychoanalytische Wissenschaft und Bewegung“ (zur Quellenangabe s. S. 428 des vorliegenden Buches).

Wie geschichtsvergessen (oder besser: realitätsverdrängend) die (west-)deutsche Psychoanalyse noch um 1980 war, illustriert Folgendes. Das Ansinnen der 1950 durch Carl Müller-Braunschweig (mit) begründeten Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV), den Kongress der IPV in Berlin für das Jahr 1981 auszurichten, wurde von der IPV 1977 in Jerusalem 1977 (ein trefflicher Ort für diese Entscheidung!) abgelehnt – mit dem Hinweis, man möge doch erst einmal die Verstrickung mit dem Nazi-Regime aufarbeiten. Erst nachdem dies auf den Weg gebracht worden war, konnte die DPV 1985 Gastgeber des 34. Kongresses der IPV in Hamburg sein.

Das Zentralstück des Buches wird eröffnet mit einer Einleitung, in der Andreas Peglau als seinen Ausgangspunkt die Frage markiert, ob denn die Psychoanalyse tatsächlich eine unpolitische Wissenschaft sei, den Forschungsstand referiert, Danksagungen ausspricht und seine

Herangehensweise erläutert: Gebrauch des „klassischen“ Werkzeugs eines Historikers, ohne ein solcher vom Fach her zu sein, ergänzt durch das Wissen eines Psychoanalytikers.

Der Titel von Kapitel 1 Vorspiele lässt die Vorstellung erwachsen, es handle sich hier lediglich um kurze Vorbemerkungen, denen dann das (lange) „Eigentliche“ bald folgen werde. Eine solche Vorstellung ist falsch. Mit über 120 Seiten haben wir es hier mit dem zweitlängsten Kapitel zu tun, das uns die Entwicklungsgeschichte des linken Psychoanalytikers Wilhelm Reich bis zum Vorabend des Nazi-Regimes zeigt: von seiner Herkunft aus Galizien und der Bukowina über seine Jahre als Medizinstudent und Psychoanalysenovize im Roten Wien der Nachkriegszeit bis zu seinen Jahren in dem anfangs der 1930er noch immer unglaublich innovativen Berlin.

Der psychoanalytisch (aus-)gebildete LinkeWilhelm Reich wird in Kapitel 2 Psychoanalytische Schriften und Wilhelm Reich in der Zeit des Nationalsozialismus (mit über 210 Seiten das längste Kapitel) sichtbar. Die Machtergreifung der Nazis oder besser: die Machtübertragung an die Nazis durch die konservativen Eliten ist der Prüfstein und Wendepunkt. Nicht nur für Wilhelm Reich, sondern auch für die deutsche Psychoanalyse – und die Beziehung der beiden zueinander. Was wir in diesem Kapitel sehen ist eine deutsche Psychoanalyse, die sich mit dem Nazi-Regime arrangiert und einen Wilhelm Reich, der von der Psychoanalyse verleugnet und von den Nazis, die den Linken ebenso fürchteten wie sie den Juden hassten, erst durch halb Europa und dann (1939) schließlich in die USA getrieben wurde.

In 3 Wilhelm Reich nach 1945 sind auf gut 20 Seiten zwei heterogene Elemente vereint: das Schicksal Wilhelm Reichs in den USA (ab 1938) bis zum Tod des nur 60-Jährigen im Gefängnis (1957) sowie die dortige Diskussion zu und über ihn einerseits und die Rezeptions- oder eben auch Nichtrezeptions- und Diffamierungsgeschichte seines Denkens in (West-)Deutschland von den Zeiten der 1968er-Bewegung bis heute.

In Kapitel 4 Einordnungen und Erklärungen werden auf gut 90 Seiten v. a. unterschiedliche relevante Kontexte der Psychoanalyse im Dritten Reich beleuchtet. Da wird etwa betrachtet, welches Verhältnis NS-Funktionäre (einschließlich Adolf Hitler) zur Psychoanalyse hatten (4.1), wie Sigmund Freud sich zum Nationalsozialismus äußerte (4.2), wie die deutsche Psychoanalyse „judenfrei“ gemacht wurde (4.7) oder weshalb die internationale psychoanalytische Community (allzu) lange nichts und später wenig Scharfes gegen den Nationalsozialismus vorgebracht hat.

In 5 Psychoanalyse: eine politische Wissenschaft. Bilanz (knapp 20 Seiten) entfaltet der Autor auf der Basis des bislang Vorgetragenen ein Plädoyer dafür, in der Psychoanalyse mehr und anderes zu sehen als eine bloße Behandlungsmethode. Ein solches Projekt einer gesellschaftskritischen Psychoanalyse sei nicht gebunden an die Betreibung oder auch nur Unterstützung durch die organisierte Psychoanalytikerzunft: „Gerade weil Freuds Schöpfung so viel mehr ist als eine Therapiemethode, ist sie für alle Menschen, die sich selbst und ihre Welt erkennen und konstruktiv verändern wollen, in vielen Punkten bedeutsam und anwendbar. Sie lässt sich auf ganz verschiedene Weise weiterentwickeln und weiterdenken.“ (S. 518)

Der Anhang von rund 120 Seiten, die größtenteils auf den ersten und dritten Abschnitt entfallen, enthält Dokumente und Abbildungen (eine Fundgrube für historisch Interessierte!), die wichtigsten Abkürzungen, Quellen und Literatur (sowie Standorte von Quellen), ein Personenregister, Vorschläge für Weiterführungen (der hier vorliegenden Arbeit) sowie Pressestimmen (Rezensionen) zur Erstauflage.

Diskussion

Das Buch enthält viel und vielfältiges Material, dessen Zusammenhang mal fester und mal loser ist; verschiedene Erzähl- und Argumentationsstränge werden entwickelt, oft verknüpft, laufen aber teilweise unverbunden neben einander her. Je nach Interessens- und Kenntnislage der Leser(innen) können diese unterschiedliche zentrale Themen oder Kernbotschaften ausmachen. Was für mich die zentrale Leistung des vorliegendes Buches ist, lässt sich in des Autors eigenen Worten so sagen:

„Die Rolle der Psychoanalyse im Nationalsozialismus auf die eines Opfers zu reduzieren, wäre falsch. Psychoanalytiker waren auch Mittäter, schweigende und beschönigende Zeugen und Opponenten des Faschismus. Das ist seit den 1980er Jahren wissenschaftlich dokumentiert…

Eine der wesentlichsten zusätzlichen Erkenntnisse, die sich aus meinen Recherchen ergeben, ist, dass Psychoanalyse, Psychoanalytiker und psychoanalytische Literatur weit stärker in das NS-System integriert waren, als von damaligen Psychoanalytikern im Nachhinein meist zugeben wurde bzw. heute zumeist angenommen wird. Die gegen die Psychoanalyse und ihre Schriften gerichteten Maßnahmen fielen dementsprechend weniger hart aus, als in zahlreichen – auch psychoanalysehistorischen – Arbeiten behauptet wird.

Die Psychoanalyse in ihrer Gesamtheit wurde keinesfalls vom Nationalsozialismus verfolgt. Wenn Psychoanalytiker zu Opfern des NS-Systems wurden, dann nie, weil sie Psychoanalytiker waren, sondern wegen ihrer jüdischen Herkunft oder widerständigen, insbesondere politisch ‚linken‘ Äußerungen.“ (S. 501 – 502)

Dies als zentrale Botschaft des vorliegenden Buches aufzufassen, ist die überwiegende Meinung der meist von der Psychoanalyse oder einer anderen psychodynamischen Schule nahe stehenden Rezensent(inn)en der erste Auflage des Buches. Ich zitiere zur Anschauung aus der Rezension, die 2014 in der „Psyche“, der bedeutendsten psychoanalytischen Zeitschrift deutscher Sprache, von Bernd Nitzschke, der zusammen mit Karl Fallend 1977 das Buch „Der ‚Fall‘ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik“ (Frankfurt a. M.: Suhrkamp) heraus gegeben hatte, vorgelegt wurde: „Aufgrund der umfassenden Berücksichtigung der bereits vorliegenden Arbeiten zur Geschichte der Psychoanalyse unter Hitler und durch die Einbeziehung bislang unveröffentlichter Dokumente ist es Peglau gelungen, eine Alternative zu der von Jones [in seiner Freud-Biographie; H.-P.H.] initiierten Basiserzählung zu formulieren. Auf diese Weise ist der Fabelgrund, auf dem sie ruht, endlich deutlich zu erkennen: Wunscherfüllung im Dienste von Schuld- und Schamabwehr. Die Verschränkung zwischen dem Schicksal der Psychoanalyse im NS-Staat und der Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Emigrantengeschichte Wilhelm Reichs, die Peglau minutiös rekonstruiert, ist Dreh- und Angelpunkt des Buches, das einen unverzichtbaren Referenzpunkt für jeden darstellt, der sich künftig ohne Scheuklappen mit der NS-Geschichte der Psychoanalytiker beschäftigen will.“ (Nitzschke, 2014; zitiert nach http://andreas-peglau-psychoanalyse.de).

Aber gibt es denn heutzutage überhaupt noch jemanden Ernstzunehmenden, dessen Erzählung auf genanntem „Fabelgrund“ basiert? Offensichtlich. Betrachten wir etwa die Geschichtsdarstellungen der beiden großen deutschen psychoanalytischen Verbände. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) lässt in ihrer Geschichtsdarstellung (www.dpg-psa.de/Zur_DPG-Geschichte.html) verlauten: „Die antisemitischen und totalitären Verordnungen der Nationalsozialisten führten in der DPG zur Ausgrenzung der jüdischen Analytiker und zu einer Anpassung der Psychoanalyse an die Vorgaben einer ‚Deutschen Seelenheilkunde‘.“

Anders klingt es bei der schon eingangs erwähnten Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV). Bei ihrer Darstellung zur Organisationsgeschichte ( www.dpv-psa.de/ueber-uns/geschichte) findet sich eine Notiz zu der Ausstellung, die 1985 im Zusammenhang mit dem o.g. Hamburger Kongress stattfand: „Eine Ausstellung zeigte Dokumente zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland und rekonstruierte die Blütezeit der Psychoanalyse, ihre Vernichtung im Dritten Reich und die von Widersprüchen und Rissen gekennzeichnete Zeit seit ihrer Gründung.“ Ist die DPV auch heute noch – denn so kann man den Text lesen – der Meinung, die Psychoanalyse sei damals „vernichtet“ worden? Wenn nicht, sollte sie den Text ändern. Im Übrigen: „Vernichtet“ – das war zu Nazi-Zeiten der „Fachbegriff“ für gezielte Tötung von Menschen – allen voran Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, „Lebensunwerte“, Zeugen Jehovas und politische Gegner. Man setzt den „vernichteten“ psychoanalytisch ausgebildeten und praktizierenden Juden kein Denkmal, indem man von einer „Vernichtung“ der Psychoanalyse spricht. Im Gegenteil: Man bedroht deren Würde.

Wenn es nicht unrecht ist, die zentrale Botschaft des Buches so aufzufassen, wie oben geschehen, wirft sich die Frage auf, die sich vielen möglichen Leser(inne)n des Buches stellen wird: Ist dann nicht Vieles „überflüssig“? Die Frage hat alle Berechtigung, aber ob sie alles Recht auf ihrer Seite hat, wird erst die weitere Rezeptionsgeschichte des Buches entscheiden. Denn es enthält Vieles und Verschiedenartiges, dessen Bedeutung wir im Moment wohl noch gar nicht so recht ab- und einschätzen können. Dass es so breit und mitunter ausufernd ist, rührt natürlich daher, dass ihm eine Dissertation zu Grunde liegt. Und gute oder sehr gute Dissertationen sind traditionellerweise Sammelorte reicher Lesefrüchte; hier wird zusammen getragen, was man über Jahre gesammelt hat und dem Auditorium und der Nachwelt als Wissens- und Bewahrenswertes weiter geben möchte.

Zur genannten „Üppigkeit“ gehören (natürlich) auch Fußnoten, jene allzu oft verkannten Orte der Gelehrsamkeit. Im vorliegenden Falle kann man die einfach beiseite lassen, ohne dass dies dem Verstehen abträglich wäre. Man kann die Anmerkungen aber auch eigens für sich lesen und dabei ihren großen und mitunter ungeheuren Reichtum erschließen. Ich mache dazu nur ein Beispiel. Da wird auf den Seiten 154 – 155 von einer Ende Januar1933 stattgefundenen Fraktionssitzung des Einheitsverbands für proletarische Sexualreform und Mutterschutz berichtet, in der Wilhelm Reich von linientreuen Kommunisten als „bourgois“, „unmarxistisch“ und „individualistisch“ kritisiert wurde. In der Fußnote 287 lesen wir dann vom Schicksal dieser Moskau-Hörigen: Leo Friedländer, 1933 vor den Nazis nach Moskau geflüchtet und dort 1937 als „Konterrevolutionär“ hingerichtet (ausf. www.bundesstiftung-aufarbeitung.de), Lothar Wolf 1933 vor den Nazis nach Moskau geflüchtet und dort 1938 als „Spion“ hingerichtet, Lothars Ehefrau Martha Ruben-Wolf zusammen mit ihrem Mann 1933 vor den Nazis nach Moskau geflüchtet, begeht dort 1939 Selbstmord, nachdem es ihr nicht gelang, das Schicksal ihrer Mannes aufzuklären und sie nach dessen Tod nicht mehr als Ärztin arbeiten durfte. Auf nur zwei Seiten wird eine ganze Tragödie entfaltet, die jenen Teil der linken Intelligenzjia ereilte, die Hitlers Häschern entronnen Stalins Schergen zum Opfer fielen.

Natürlich gäbe es zu dem Buch in formaler und inhaltlicher Hinsicht einiges Kritisches anzumerken. Aber all das schmälert sein Verdienst nicht. Explizit widersprechen - und das im Namen eben jener im Buch betriebenen Entmythologisierung der psychoanalytischen Geschichtsschreibung – möchte ich, einer im Buch zu findenden Bemerkung, die nicht vom Autor, sondern von Helmut Dahmer stammt. In seinem Vorwort notiert er: „im Zuge des ‚Aufschwungs‘ der ‚arisierten‘ Psychotherapie(n) in den Vorkriegs- und Kriegsjahren wurde die ‚Medizinalisierung‘ (Paul Parin) zum verschwiegenen Programm der Psychoanalytiker“ (S. 13-14) Dem ist zu widersprechen: Die „Medizinalisierung“ hatte schon vor und ohne die Nazis begonnen.

Die 1923 – da war die NSDAP im Wesentlichen noch eine Münchner Biertischtruppe – verabschiedeten Ausbildungsrichtlinien des Berliner Psychoanalytischen Instituts sahen vor, dass nur medizinisch vorgebildete Personen, die zudem eine psychiatrisch-neurologische Zusatzausbildung absolviert hatten, zur Ausbildung als Psychoanalytiker(in) zugelassen werden. Sigmund Freud hat sich gegen eine solche Zulassungsbestimmung ausgesprochen. Mit welcher Schärfe möge ein einziger Satz aus seiner (Streit-)Schrift „Die Frage der Laienanalyse“ von 1926 (einsehbar – ohne Seitenzählung – unter http://gutenberg.spiegel.de/buch/928/1) illustrieren: „Hier kommt in erster Linie in Betracht, daß der Arzt in der medizinischen Schule eine Ausbildung erfahren hat, die ungefähr das Gegenteil von dem ist, was er als Vorbereitung zur Psychoanalyse brauchen würde.“ Aber Sigmund Freud konnte sich in dieser Frage nicht durchsetzen, weder in Deutschland noch in den USA. Dort – und da gab es nie einen „Nazi-Druck“ – war es schon Ende der 1920er zunehmend schwerer und ab 1930 faktisch unmöglich, als Nicht-Mediziner Psychoanalytiker zu werden (Oberndorf, 1953).

Fazit

Wem ist das Buch zu empfehlen? Die schon erwähnten Rezensionen zur ersten Auflage empfehlen es (natürlich) all jenen Mitgliedern der psychoanalytischen und psychodynamischen Community, denen an einer sachgerechten Aufklärung ihrer eigenen Geschichte und einer haltbaren Sicherung ihrer historischen Identität gelegen ist. Aber sollten auch der Sozialen Arbeit als Disziplin und Profession Zugehörige das Buch lesen? Ja, zunächst einmal diejenigen, die sich hierzulande einer psychoanalytischen Sozialpädagogik (i. S. Jürgen Körners) oder einer psychoanalytischen Sozialarbeit (vgl. etwa Günter & Bruns, 2010) verpflichtet fühlen; sie könnten prüfen, ob und inwieweit sie der im vorliegenden Buch kritisierten idealisierenden psychoanalytischen Geschichtsschreibung aufsitzen. Ferner könnten an der Geschichte der Sozialen Arbeit Interessierte durch nachgängige Analyse heraus arbeiten, wie groß – das sage ich bewusst und damit eine Hypothese formulierend – die Gemeinsamkeit zwischen Psychoanalyse und Sozialer Arbeit im Dritten Reich war.

Zudem gilt es noch immer, den Theoretiker und Praktiker Wilhelm Reich in seiner Bedeutung als „Sozialer Arbeiter“ zu entdecken – und in vorliegendem Buch liegt reiches Informationsmaterial, gut aufbereitet, vor. Seine Analysen über den Zusammenhang von materieller Not und psychosexuellen Nöten sowie seine vielfältigen Bemühungen, beide Notlagen zugleich anzugehen, müssten in der Geschichtsschreibung der Sozialen Arbeit erst noch gewürdigt werden. Und schließlich: Es kann der Fortentwicklung der Sozialen Arbeit als Disziplin und Profession nicht schaden, wenn sie in ihrem Rahmen und mit ihren Möglichkeiten ihren spezifischen Beitrag zur Fortentwicklung einer gesellschaftskritischen Psychoanalyse leistet.

Literaturnachweis


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 05.05.2015 zu: Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 2. Auflage. ISBN 978-3-8379-2097-0.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8379-2637-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18421.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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