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Urte Finger-Trescher, Annelinde Eggert-Schmid Noerr u.a. (Hrsg.): Kindeswohl und Kindeswoh­lgefährdung

Rezensiert von Dipl.-Sozialpäd. Gerhard Klug, 30.07.2015

Cover Urte Finger-Trescher, Annelinde Eggert-Schmid Noerr u.a. (Hrsg.): Kindeswohl und Kindeswoh­lgefährdung ISBN 978-3-8379-2238-7

Urte Finger-Trescher, Annelinde Eggert-Schmid Noerr, Bernd Ahrbeck, Antonia Funder (Hrsg.): Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2015. 260 Seiten. ISBN 978-3-8379-2238-7. 24,90 EUR.
Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 22
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Thema

Band 22. aus der Reihe „Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik“ beschäftigt sich mit den Themen „Kindeswohl“ und „Kindeswohlgefährdung“ aus rechtlicher und - das soll das Charakteristische dieses Bandes sein – aus psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive.

AutorInnen

Bei den AutorInnen handelt es sich um überwiegend graduierte und promovierte SozialpädagInnen, Soziologinnen, Pädagoginnen, die im deutschen und österreichischen Raum im Hochschulbereich tätig sind und eine fundierte Expertise im Bereich der psychoanalytischen Pädagogik aufweisen.

Entstehungshintergrund

Das regelmäßig erscheinende Jahrbuch fokussiert in einem jeweils erscheinenden Band abwechselnd verschiedene Themen. Der hier vorliegende Band beschäftigt sich explizit mit dem Themenfeld der „Kindeswohlgefährdung“, da nach Ansicht der Redaktion sich die „Psychoanalyse und Psychoanalytische Pädagogik … bisher kaum“ (S. 15) mit dieser Thematik beschäftig haben, obwohl viele zahlreiche Veröffentlichungen zu Misshandlung und Missbrauch vorliegen.

Aufbau und Inhalt

Zehn Beiträge, mehrheitlich in alleiniger Autorenschaft, tragen dazu bei, dass der Themenschwerpunkt „Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung“ von verschiedenen Blickrichtungen aus der Praxis behandelt wird. Abgeschlossen wird der Band mit einer „Literaturumschau“ und einigen Rezensionen.

Zum Editorial

Zu Beginn und damit als Hinführung zum Thema durchstreift die Redaktion in einer essayartigen Darstellung erziehungs- und damit kindeswohldeterminierende Aspekte. Ausgehend von der „Entwicklungstatsache“, der Ausstattungsseite auf bzgl. der Eltern/des Familiensystems sowie der Vorstellung geeigneter Erziehungsziele beschreiben die Herausgeber das moderne Bild von Kind/Kindheit. Sie zeigen heutige Erziehungsmuster mit all den Risiken und Gefährdungsmomenten auf. Dabei spielen die „Eltern-Kind-Dynamiken“ (S. 11) und Beziehungsmuster in der Familie eine wesentliche Rolle bei der Bearbeitung und Bewältigung problematischer Entwicklungen.

Zu 1: „Rechtliche Aspekte des Kinderschutzes“, von Wolfgang Feuerhelm

Der erste Beitrag „Rechtliche Aspekte des Kinderschutzes“ wird von Wolfang Feuerhelm ausgeführt. Er leitet in die Thematik der Kindeswohlgefährdung ein, indem er rechtliche Standards erläutert und gesetzliche Neuerungen (Bundeskinderschutzgesetz) einbezieht. Inhaltlich durchstreift der Autor mehrere Bereiche: der verbesserte Kinderschutz und die leichtere Praktikabilität ausgehend von der Reform des § 1666 BGB, Kinderschutz als präventive Aufgabe der „Frühen Hilfen“ – mit kritischer Würdigung der Effekte durch den Autor –, das Gesetz zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellen Missbrauchs mit Einschränkungen für Opfer und Berater, Änderungen in den ärztlichen Mitteilungspflichten nach SGB V und eine Reflexion üben den Stellenwert der körperlichen Misshandlung neben der sexuellen und psychischen Misshandlung.

Zu 2: „Sequenzielle Traumatisierung bei Kindeswohlgefährdungen“, von David Zimmermann

Der Autor führt prägnant in das Themenfeld der Traumatisierung ein, hervorgerufen durch eine Kindeswohlgefährdung, und schneidet die Sichtweise der Psychoanalytischen Pädagogik auf traumatisierende Prozesse an. Nach Darstellung einer knappen Typologisierung von Traumata-Typen geht er auf das Kernthema, der Sequentiellen Traumatisierung, ein. Anhand von Fallvignetten wird die Konzeption erläutert, kritisch reflektiert und mithilfe des Szenischen Verstehens analysiert. Abschluss bildet eine kritische Analyse des Umgangs mit Kindeswohlgefährdung. Dabei zeigt der Autor das implizite Spannungsfeld auf, das entsteht und nicht ganz auflösbar ist, da sowohl eine notwendige Gefährdungsabwendung (bspw. durch eine Inobhutnahme oder das zur Anzeige-Bringen der Gefährdung) als auch eine Unterlassung komplexe traumatisierende oder re-traumatisierende Folgen nach sich ziehen.

Zu 3: „Kindeswohlgefährdung – professionelle Grenzerfahrungen? Beobachtungen zur ‚aufsuchenden Psychoanalyse‘ in Frühpräventionsprojekten für ‚children-at-risk‘“, von Marianne Leuzinger-Bohleber, Lorena Hartmann, Verena Neubert und Tamara Fischmann

Der dritte Beitrag beschäftigt sich mit erlebten Grenzerfahrungen von Fachkräften im Kontext von sexuellem Missbrauch. Die Autorinnen greifen hierbei auf Praxiserfahrungen aus den Frühpräventionsprojekten für „child-at-risk“ zurück. Im Kern des Beitrages geben die Autorinnen eine Definition über den sexuellen Missbrauch sowie über das damit verbundene psychische Traumata und behandeln aus psychoanalytischer Sicht die damit implizierten Themen von Gewalt, psychische Funktionsweise bei der Bewältigung des Trauma und Abwehrmechanismen beim Kind. Einen weiteren Einschub geben die Autorinnen mit einer Abhandlung über Faktoren, welche die „Qualität der Traumatisierung“ moderieren. Gewalt als sexueller Missbrauch vor einem kulturellen Hintergrund und Gewalt als jugendamtliches Handeln wird von den Autorinnen in einer Fallvignette dargestellt.

Zu 4: „Das Wohl des Kindes in der Erziehungsberatungsstelle“, von Urte Finger- Trescher

Der vierte Beitrag beleuchtet das Thema Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung aus der Perspektive der Erziehungsberatungsstelle. Die Autorin gibt hierbei einen kurzen Abriss über das Spektrum der Beratungsthemen, die sich in der Praxis widerfinden. Im Weiteren veranschaulicht sie mit Hilfe mehrerer Fallvignetten die psychoanalytische Perspektive, anhand derer sie versucht Kindeswohlgefährdung zu belegen und zu analysieren. Die Rolle und damit verbundenen Grenzen eines psychoanalytisch verstehenden Beraters („negativ capability“, S. 69) werden dazu von der Autorin aufgezeigt. Die Fallbeispiele geben verschiedene Formen von Gefährdungen wieder, die mal deutlicher mal verdeckter die Störungen der körperlichen oder seelischen Entwicklungsfähigkeit aus der zu Grunde gelegten Sichtweise zeigen. Abschließend plädiert die Autorin dafür, ebenfalls gestützt durch ein Fallbeispiel, Erziehungsberatung als präventiven Kinderschutz anzusehen. Dem psychoanalytisch-pädagogischen Zugang attestiert sie die Fähigkeit Kindeswohlgefährdung im konsensualen Einklang mit der normativen Rechtsprechung zu bearbeiten. Sie sieht jedoch eine darüber hinaus reichende Erfassung und Bewertung von gefährdenden Momenten, die aus juristischer Perspektive nur schwer erfassbar sind.

Zu 5: „Komplexe Dynamik verstehen. Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung in der Jugendhilfe im ASD“, von Magdalena Stemmer-Lück

Stemmer-Lück greift das Thema Kindeswohlgefährdung aus der Sicht des Jugendamtes auf. Sie attestiert der generalistisch handelnden Fachkraft im Jugendamt die Notwendigkeit einer „diagnostische(n) Kompetenz“, um gefährdende Situationen „wahrnehmen, bewerten und … entsprechend handeln“ (S. 83) zu können. Basis jugendamtlichen Handelns ist dabei die Beleuchtung des Interaktionsnetzes, in das sich Kindeswohlgefährdung bewegt. Im Zentrum steht dabei die Beachtung/Bearbeitung der diversen bewussten und unbewussten ablaufenden Dynamiken, auf welche die Autorin jeweils kurz eingeht. Das Herzstück von Stemmer-Lück´s Beitrag ist die theoriegeleitete Darstellung psychoanalytisch-pädagogischer Zugänge, um „unbewusste(n) Mitteilungen und Inszenierungen der Klienten und Klientinnen“ zu verstehen und diese richtig bewerten und entsprechend handeln zu können. Anschließend zeigt sie anhand von drei praxisnahen Fallbeispielen (Vernachlässigung, Misshandlung und sexueller Missbrauch) auf, welche bewussten/unbewussten Interaktions- und Beziehungsmuster zwischen den Akteuren ablaufen.

Zu 6: „‚Sag´ das dem Gericht!‘. Psychoanalytisch-pädagogische Perspektiven auf das Kindeswohl im Kontext von Trennung und Scheidung“, von Judit Barth-Richtarz

Dieser Beitrag widmet sich der Thematik Kindeswohl im Aufgabenspektrum der Trennung und Scheidung. Auch hier wird eine Fallvignette von der Autorin zu Beginn vorgelegt, um den Leser in die Thematik einzuführen um sich im Anschluss der Darstellung bzw. Herleitung einer psychoanalytisch-pädagogischen Perspektive zu widmen. Entlang der Fallvignette stellt die Autorin eine kontroverse Diskussion verschiedener Beteiligten vor zu der Frage, was Kinder in einer Trennungs- und Scheidungssituation aus der Kideswohlperspektive benötigen. Hierbei spannt sie den Bogen zwischen kindlichen Bedürfnissen im Trennungs- und Scheidungsverfahren einerseits und andererseits kindeswohlermöglichende Perspektiven und Haltungen Externer bei Sorgerechtsentscheidungen. Das Thema „Kindeswohl“ wird vertieft unter Hinzuziehung weiterer psychoanalytischer Perspektiven und historischer Linien (dabei bezieht die Autorin auch die Gesetzgebung in Österreich mit ein). Abgerundet wird der Beitrag durch Rezeption der Österreichischen Evaluationsstudie zum Kindschafts-Änderungsgesetz (KindRÄG 2001), die beispielhaft für eine psychoanalytisch-pädagogische Studie steht und aktuelle empirische Erkenntnisse hierzu liefert.

Zu 7: „Stationäre Einrichtungen als Orte zur (Wieder-)Herstellung des Wohlergehens von Kinder und Jugendlichen? Eine psychoanalytisch-pädagogische Perspektive“, von Margret Dörr

Die Autorin sucht mit diesem Beitrag eine Antwort auf die Frage, ob es der Praxis der stationären Jugendhilfeeinrichtung gelingen mag, „bereits verwundeten und gedemütigten Kindern und Jugendlichen“ (S. 138) eine gutes, gesundes, selbstbestimmendes und teilhabegeprägtes Leben zu ermöglichen. Dörr zeichnet hierbei Bedingungen auf, die ihrer Ansicht nach ein „gesundheitsförderndes Setting“ (ebd.) im Heim darstellen und weist sodann auf die Grenzen und Risiken der Heimerziehung hin. Dörr arbeitet aus der psychoanalytisch-pädagogischen Perspektive eine klinische Haltung aus, die sowohl die personale als auch struktruelle Ebene einbezieht. Sie zeigt auf, dass Fachkräfte in Heimen „affektgeladene Beziehungsmuster“ (S. 142) der Kinder verstehen möchten, da sich diese interpesonal und institutitonell niederschlagen können und „Defizite, Widersprüche und Spaltungen“ (ebd.) in den Institutionen sichtbar machen und vorantreiben können. Der Notwendigkeit der Elternarbeit widmet sie besondere Aufmerksamkeit.

Zu 8: „Häusliche Gewalt und Kindeswohlgefährdung“, von Margrit Brückner und Annelinde Eggert-Schmid Noerr

Mit zwei Bildern einer Fotoserie zur Häuslichen Gewalt setzen die Autorinnen den Einstieg in die Thematik und binden den Leser damit nicht nur rational an das Thema. Häusliche Gewalt, häufig verstanden als männliche Gewalt in einer Partnerschaft mit Auswirkungen auf das Kind, wird von den Autorinnen zunächst einführend behandelt. Der Zusammenprall professioneller Handlungslogik auf die „spiralförmige Beziehungslogik“ (S. 158) der Partnerschaft weist, laut den Autorinnen, ein noch weitgehend offenes Feld für die Praktiker, um angemessen auf die oft diffuse und ambivalente Realität einzugehen zu können. Durch das Aufzeigen verschiedener Arten von Gewaltdynamiken stellen die Autorinnen die Strukturen von gewaltbetonten Liebesbeziehungen dar. Die Auswirkungen dieser Beziehungen auf das Kindeswohl werden aus der Kinderperspektive und geschlechtsdifferenziert bearbeitet. Die dabei entstehende Traumatisierung durch (mind.) einen Elternteil wird als weitere Folge aus psychosozialer und psychoanalytischer Sicht diskutiert. Die in der Familie innewohnende Elternrepräsentanz wird dabei ebenso beleuchtet wie die transgenerationale Weitergabe von Gewalterfahrungen in der späteren Beziehungsgestaltung. Zum Abschluss werden Belastungen und Schwierigkeiten im Umgang mit Häuslicher Gewalt aufgezeigt bspw. durch institutionelle und damit oft auch rechtlich geregelte Rahmungen, Reibungsverluste bei den Fachkräften und emotionale Berührungen durch Aktualisierung eigener Erfahrungen aus der Herkunftsfamilie.

Zu 9: „Der Beitrag der Frühförderung zum Kindeswohl. Perspektiven ihrer Weiterentwicklung im Kontext der Frühen Hilfen“, von Hans Weiß und Bernd Ahrbeck.

Der präventive Kinderschutz als ein wichtiger Beitrag zur Sicherstellung des Kindeswohls durch „Interdisziplinäre Frühförderstellen (IFS)“ ist zentrales Thema in diesem Artikel. Einführend erläutern die Autoren zunächst die Zielsetzung und den konzeptionellen Rahmen der „Frühen Hilfen“, die mit den Interdisziplinären Frühförderstellen im vernetzten Verbund in der Lage sein können, Kindeswohlgefährdung einzudämmen. Die Interdisziplinären Frühförderstellen werden hinsichtlich ihrer Bedeutung und Rolle herausgearbeitet und im Weiteren kritisch in Bezug auf ihre Erreichbarkeit durch die Zielgruppen und ihrer konzeptionellen Entwicklung beleuchtet. Die Bedeutung und Rolle der IFS untermauern die Autoren durch Darstellung „statistischer Bedingungszusammenhänge“ (S. 183), die einen Zusammenhang zwischen der Prävalenz von Kindeswohlgefährdung und Kindern mit Behinderungen und/oder Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten aufzeigen. Die „Vernachlässigung“, als eine der am häufigsten anzutreffenden Form von Kindeswohlgefährdung, rücken die Autoren dabei in den Mittelpunkt und gehen unter psychoanalytischer-pädagogischer Perspektive darauf ein. Abschließend beschäftigen sich die Autoren mit Möglichkeiten die Effektivitätssteigerung der IFS etwa durch Elternbildungsprogramme oder Konzepte, welche die psychosoziale Situation, intrafamiliäre Kommunikation und Beziehung stärken sollen. Der psychoanalytischen Konflikttheorie wird großes Potential eingeräumt, um – ausgehend vom strukturellen Setting der IFS - konflikthafte und dysfunktionale Entwicklungsmuster zu erkennen und präventiv zu bearbeiten.

Zu 10: „Drohende oder vermutete Kindeswohlgefährdung? Elternschaft von Menschen mit einer geistigen Behinderung“, von Ursula Pforr.

Mit einem leicht provokanten Einstieg sensibilisiert Pforr den Leser einen inneren Bezug zum Thema Elternschaft bei Eltern mit geistiger Behinderung herzustellen. Gesellschaftliche und sozialpädagogische/jugendamtliche Skepsis sind, so die Autorin, nach wie vor anzutreffen, obwohl aus rechtlicher Sicht die Frage nach der strafrechtlichen Haftung längst ausgeräumt ist. Eine ausgedehnte Fallvignette stellt die Autorin bewusst und mit dem Hinweis nicht vor, da die Debatte um die Elternschaft bei von geistiger Behinderung betroffenen Eltern emotional, polarisierend und wenig differenziert erfolge. Dennoch zeigt sie anhand mehrerer kurzer Fallverläufe eine jugendamtliche Praxis auf, die mehrheitlich und überzogen Sorgerechtsentzüge und Fremdunterbringungen vorzuweisen hat. Die psychosozialen Krisen als Folge dieser familienzerstörenden Eingriffe spart Pforr dabei nicht aus. Um den thematischen Rahmen besser zu verstehen zeigt sie anhand mehrerer Exkurse auf, wie geistige Behinderung definitorisch und gesellschaftlich einzugrenzen ist, welchem Wandel das Menschenbild historisch unterlag und welche empirischen Erkenntnisse zur Elternschaft bei geistig behinderten Eltern vorliegen. All diese Ausführen wandern in eine differenzierte und sachliche Auseinandersetzung, ob bei all der notwendigen Sorge um das Kindeswohl, tatsächlich eine drohende oder eher eine vermutete Kindeswohlgefährdung vorliegt. Die Autorin plädiert abschließend dafür, „auch bei Eltern mit einer geistigen Behinderung sollte man daher immer zunächst in einem differenzierten Prozess Risiko- und Schutzfaktoren gegeneinander abwägen und im Bedarfsfall nach möglichen zusätzlichen Schutzfaktoren suchen, bevor“ (S. 215) eine Herausnahme erwogen wird

Diskussion

Der vorliegende Band ist wohlüberlegt und systematisch aufgebaut. Für den Praktiker stellt sich mit dem ersten Beitrag von Wolfang Feuerhelm ein Gewinn ein, indem er kritisch die Wirkung der länderweit eingeführten kinderärztlichen Untersuchungen hinterfragt und den Stellenwert der körperlichen Misshandlung herausarbeitet. Gerade bei Fachkräften aus der Praxis stellt sich die Frage, ob der Aufwand der Registrierung und Verfolgung von Fällen, bei denen Eltern ihre Kinder keiner kinderärztlichen (Früherkennungs-)Untersuchung unterzogen haben, verhältnismäßig ist und den gesetzlich intentionierten Zweck erfüllt. Eine gute und nachvollziehbare Bearbeitung aus psychoanalytischer Sicht erfährt dabei die Darstellung und Definition von sexuellen Missbrauch und den damit verbundenen Traumata. Die psychischen Funktionsmechanismen werden ausführlich genug behandelt, sodass auch psychoanalytisch ferne Diagnostiker das Konzept gut nachvollziehen können.

Weitere Spannungsfelder wie bspw. zwischen der normativen und der psychoanalytischen Perspektive werden aufgezeigt, wenn bspw. darüber nachgedacht werde, dass misshandelte Kinder keinen erneuten Kontakt zu den Eltern haben sollten, auch keine Rückführung, um eine Sequentielle Traumatisierung zu verhindern (vgl. S. 68). Oder wenn Kindeswohlgefährdung zu Überforderungführen bei Professionellen führen und ein fachliches und strukturell angemessenes Handeln erschweren.

Als praxisnah und äußerst gut gelungen darf die Darstellung/Bearbeitung bewusster/unbewusster Interaktions- und Beziehungsdynamiken in Stemmer-Lücks Beitrag genannt werden. Spätestens hier wird die Leserschaft feststellen, dass eine Kinderschutzfachkraft bzw. Fachkraft im Jugendamt über deutliche fachliche Kompetenzen verfügen muss, als dies in der Regel über ein basisqualifizierendes Studium vermittelt werden kann. Die psychoanalytisch-pädagogische Perspektive wird als Zugang zum Fallverständnis und zur Intervention im Jugendamt als schlüssiges und praxisnahes Konzept dargestellt und so bleibt zu wünschen, dass viele Kollegen sich dieses Wissen für die eigene Praxis zu Eigen machen.

Mit dem Beitrag von Judit Barth-Richtarz gelingt ein weiterer sehr praxisnaher Beitrag, der sowohl für BeraterInnen in Beratungsstellen und in Jugendämtern eine gute theoretische und empirisch fundierte Ausarbeitung bietet. Die kontroverse Sichtweise der zu Wort kommenden Protagonisten und deren Bewertung bereichern die Sichtweise und helfen dem Leser sich die kindeswohlorientierte Perspektive anzueignen. Die sorgsame und differenziert dargestellte Thematik im Spektrum Trennung und Scheidung als auch die in der stationären Jugendhilfe wirken fundiert und trennscharf, zeigen eine gute klinisch akzentuierte Haltung und geben handlungsorientierte Empfehlungen. Häusliche Gewalt wird ebenso gut und umfassend aufbereitet, sodass für den Leser keine offenen Punkte bleiben. Das Werk zeigt auf, wie ein sehr komplexes und schwer greifbares Feld der Häuslichen Gewalt verstehbar gemacht wird bzw. gemacht werden kann, wenn die inneren Logiken der Beteiligten (betroffene Frauen, beteiligte Fachkräfte und betroffene Kinder) verstanden werden und die emotionale Belastung in die professionelle Haltung als dazugehörig erlebt wird. Selbst ein in der Fachöffentlichkeit eher unterrepräsentiertes Thema der Elternschaft bei Eltern die von geistiger Behinderung betroffen sind, wird nicht ausgespart. Es wird weniger psychoanalytisch (was dem Thema jedoch nicht schadet) und mehr aus rechtlicher, psychosozialer und empirischer validierter Perspektive eine Lanze gebrochen für eine Elternschaft von Eltern mit geistiger Behinderung.

Fazit

Es ist kein leichtes Unterfangen, ein derart komplexes Themenspektrum, das zudem strukturell und institutionell verschiedenartig ausdifferenziert ist, zu bearbeiten. Das Werk erfüllt die Erwartungen, die es an sich gestellt hat, denn es schließt die Lücke in der Psychoanalytischen Pädagogik zu den Themen „Kindeswohl“ und „Kindeswohlgefährdung“ tatsächlich umfassend. Es besticht durch die gute theoretische Fundierung und den daraus initiierten und abgeleiteten Verstehensprozess. Kindeswohlgefährdung und Kindeswohl werden aus psychoanalytischer Sicht verständlich ausgeführt. Dabei werden verschiedene Blickwinkel beleuchtet und Kontroversen zwischen der normativen und psychoanalytischen Perspektive verdeutlicht. Einsteiger oder unerfahrene Fachkräfte ohne einen gewissen Grundstock an psychoanalytischem Verständnis werden sich mit diesem Werk zu Beginn überfordert fühlen.

Da die Beiträge in sich abgeschlossen sind, ist es ohne weiteres möglich sich die psychoanalytisch-pädagogische Perspektive und die an vielen Stellen angeführten psychoanalytischen Konzepte und Sichtweisen zu erschließen.

Besonders empfehlenswert ist dieses Werk für alle Fachkräfte aus der öffentlichen und freien Jugendhilfe, die dem Schutzkonzept des §8a SGB VIII verpflichtet sind. Das Werk trägt dazu bei Fallkonstellationen zu verstehen und hilft dem Praktiker sein Erklärungs- und Handlungswissen zu erweitern.

Rezension von
Dipl.-Sozialpäd. Gerhard Klug
Klinischer Sozialarbeiter, M.A., Sozialpädagoge im Referat 4, Stadt Augsburg
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Es gibt 9 Rezensionen von Gerhard Klug.

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Zitiervorschlag
Gerhard Klug. Rezension vom 30.07.2015 zu: Urte Finger-Trescher, Annelinde Eggert-Schmid Noerr, Bernd Ahrbeck, Antonia Funder (Hrsg.): Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2238-7. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 22. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18424.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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