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Karla Verlinden: Sexualität und Beziehungen bei den "68ern"

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Sielert, 25.06.2015

Cover Karla Verlinden: Sexualität und Beziehungen bei den "68ern" ISBN 978-3-8376-2974-3

Karla Verlinden: Sexualität und Beziehungen bei den "68ern". Erinnerungen ehemaliger Protagonisten und Protagonistinnen. transcript (Bielefeld) 2015. 465 Seiten. ISBN 978-3-8376-2974-3. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.

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Autorin

Karla Verlinden (Dr. phil.) ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie Erziehungswissenschaftlerin, lehrt und forscht an der Universität zu Köln. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Sexualität, Gender Studies sowie Diagnostik, Therapie und Förderung von Kindern und Jugendlichen.

Thema

Es ist nicht die allererste Studie zu Sexualitätskonzepten bei den 68ern (Herzog 2005, Frazier 2009) aber die erste, die das Thema um Beziehungskonzepte erweitert, mit Hilfe biografischer Interviews rekonstruiert und von einer Autorin stammt, die über keinerlei persönliche Beziehungen zur 68er Bewegung und daher über genügend Abstand verfügt. Die meisten anderen Untersuchungen zur „Chiffre 68“ stammen, wie Verlinden im Einleitungskapitel herausstellt, von Autorinnen und Autoren, die auf die eine oder andere Weise in die Bewegung verstrickt waren und die Zeit entweder idealisier en und als Bereicherung der politischen Kultur in Europa präsentieren oder abrechnend als misslungenen Revolutionsversuch inszenieren.

Inhalt

Viele stereotype Aussagen aus diesen Werken werden von Frau Verlinden aufgrund ihrer Methodologie der qualitativen Biografieforschung destruiert. Mit Hilfe von Einzelfallanalysen zu narrativen Interviews mit vier Akteurinnen und Akteuren gelingt es der Autorin beispielsweise die Vorstellung vom „sozialistischen Bumszwang“ und den Frauen als Opfern ihrer männlichen Bewegungschauvinisten zu widerlegen. Ihr theoretisches Sampling besteht aus zwei Frauen und zwei Männern jener Generation, die zur Bewegung kamen, als deren kognitive Konstruktion bereits abgeschlossen war. Sie stammten also nicht aus der heißen ideologiebildenden Phase der Bewegung sondern hatten genügend Interesse und Energie zur Verfügung, sich ausführlich mit für sie persönlich dringlicheren Themen der Beziehungsgestaltung zu beschäftigen.

In einem sorgfältig gearbeiteten Methodenkapitel beschreibt Frau Verlinden zunächst die Auswertungsmethode der Tiefenhermeneutischen Analyse (THA), mit deren Hilfe sie die subjektiven Erinnerungen nachvollziehbar macht, bewusste und sozial erwünschte von unbewussten Aussagen unterscheidet und die individuellen Retrospektiven mit weiterem Quellenmaterial kontextualisiert. Als zweite Analysemethode wird die hermeneutische Dialoganalyse (HDA) eingeführt, die eine Kontrolle der Interaktionsbeziehung zwischen ihr selbst als Interviewerin und den Interviewten ermöglicht.

Die inhaltliche Ergiebigkeit der Auswertung des Quellenmaterials ist der Tatsache geschuldet, dass Frau Verlinden mit umfangreicher theoretischer Kenntnis und Sensibilität die verschiedenen Dimensionen der biografischen Analyse, interne Widersprüche, familiäre Verstrickungen und den Bezug zum ideologischen Überbau der Bewegung sowie zur politischen „Zeitgestalt“ auszuleuchten weiß. Die vier sehr unterschiedlichen Zeitzeugen werden mit ihren Aussagen zu den drei Forschungsfragen präsentiert:

  1. Wie erinnern die Interviewten ihre Entwicklung zum/zur ‚68erIn‘?
  2. An welche Aspekte von Theorie und Praxis der Sexualitäts- und Beziehungskonstrukte der Bewegung erinnern sie sich?
  3. Wie stellt sich ihr Selbstbild im Kontext dieser Sexualitäts- und Beziehungskonstrukte dar?

Da ist von der heute 65-jährigen Miriam die Rede, die auf der Suche nach Alternativen zur katholischen Erziehung auf dem Lande Anschluss an die Studierendenbewegung fand, sich mit einem ambivalenten Verhältnis zum ideologischen Überbau arrangierte und bis heute die eine oder andere Facette des Sexualitätskonzepts zur Rationalisierung ihrer gegenwärtigen Beziehungssituation einsetzt. Brigitte, heute Professorin, betont ihr früh erworbenes Bedürfnis nach Autonomie, mit dem sie das Sexualitäts- und Beziehungskonzept der 68er an ihr eigenes Lebenskonzept angepasst hat. Noch heute rühmt sie ihre Selbstverwirklichung als „Geliebte eines Genies“ und empfiehlt sich als Beispiel für eine unabhängige, starke Frau auch ihren Studentinnen. Walter evaluierte nach einer sexualrepressiven Kindheit die 68er Thesen an sich selbst, kam zu einem negativen Ergebnis und landete in einer traditionellen monogamen Beziehung und Familiengründung. Thomas stellt seine sexuellen Erfahrungen in den Kontext von Abenteuer, Ritual und Selbstbestätigung. Das ist ihm bis heute als Quelle des Kompetenzerwerbs positiv in Erinnerung geblieben – einschließlich diverser Negativerfahrungen mit seiner polygamen Praxis.

Auch wenn sich diese biografischen Kurzfassungen nach stereotypen Sexualitäts- und Beziehungsmustern anhören, im Buch werden die Interviewten mit ihren komplexen Selbstdarstellungen, Kohärenzbedürfnissen ihren bewussten oder auch unfreiwillig aufscheinenden Rationalisierungen und Widersprüchen lebendig präsentiert.

Als durchgehend prägend erwiesen sich trotz aller Dekonstruktion herkömmlicher Beziehungsmuster in allen vier Fallstudien die bipolaren Geschlechtszuschreibungen als Subtext der Sexualitätskarrieren bis in die Gegenwart hinein. Gleichzeitig wird deutlich, wie sich das Ideal der besitzanspruchslosen Beziehung als Erprobungsmittel alternativer Geschlechterkonstruktionen anbot und sich als Möglichkeit erwies, sich individueller Bedürfnisse bewusst zu werden. Der in der kritischen Literatur hervorgehobene „Überbaudruck“ durch ideologische Verhaltensmuster ist in allen Sexualitätskarrieren spürbar, ohne dass die Frauen und Männer ihren je individuellen Eigensinn dabei verloren hätten.

Verlinden führt die Ergebnisse ihrer kritischen Fallanalysen im letzten Kapitel anhand zentraler Themenkomplexe zusammen: zeitgeschichtliche Sozialisationsmuster, repressive und emanzipative Sexualerziehung, Konsistenz oder Konflikthaftigkeit der erinnerten Theoriekonstrukte offene und heimliche Verhaltensnormen, Diskrepanzen zwischen Konzept und individuellen Bedürfnissen sowie Geschlecht als Parameter dieser Spannungsverhältnisse. Faktenreich und nachvollziehbar dokumentiert die Autorin, wie sich fast jedes Stereotyp zur 68er Bewegung durch ihre biografische Forschung relativieren lässt.

Kritisch sei lediglich angemerkt, dass die hermeneutische Dialoganalyse nach Harald Welzer offenbar nicht ganz den Vorteil aufwiegt, den ein kommunikatives Validieren der Interviews mit sich gebracht hätte. Zumindest die Auswertung des biografischen Materials zu Thomas weckt gelegentlich den Anschein, dass die Interviewerin bei ihrer stellenweise kritikasterhaften Interpretation die eigenen Emotionen wegen gelegentlicher Imponiergebärden ihres Gegenübers nicht ganz ausblenden konnte.

Das schmälert jedoch keineswegs den Gesamtwert der Studie, die jedem Zeitgeschichtler, Sexualwissenschaftler aber auch allen in den 1950er Jahren geborenen Frauen und Männern empfohlen werden kann, die ein Interesse daran haben, sich mit ihrer eigenen Sexualitäts- und Beziehungsgeschichte auseinander zu setzen.

Fazit

Karla Verlinden beleuchtet Sexualitäts- und Beziehungsmuster von Frauen und Männern der 1968er-Bewegung, die zwar nicht an der Konstruktion dieser Muster dominant beteiligt waren, sie aber dennoch mit ihrer persönlichen Biografie verbunden haben. Anhand von vier qualitativen Fallanalysen zeichnet sie ein differenziertes Bild des je unterschiedlich ‚eingensinnigen‘ Umgangs von zwei Frauen und zwei Männern der Bewegung mit den ideologischen Mustern und den Auswirkungen auf das aktuelle Sexual- und Beziehungsleben. Es handelt sich um ein stellenweise wie ein (sexueller) Bildungsroman zu lesendes Buch mit anspruchsvoller dekonstruktiver Theorieperspektive auf die „Chiffre 1968“.

Literatur

  • Frazier, Leslie Jo (Hrsg.): Gender and Sexuality in 1968. Transformative Politics in the cultural Imagination. New York.
  • Herzog, Dagmar (2005):Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, Göttingen.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Sielert
Uwe Sielert, arbeitete bis 2017 als Professor für Pädagogik mit den Schwerpunkten Sozial- und Sexualpädagogik an der Christian- Albrecht-Universität zu Kiel. Zurzeit als Dozent tätig an der Medical School Hamburg und Mitarbeit im Modellvorhaben der PKV und des WIR Bochum zur Implementation einer positiven Sexualkultur zur Förderung sexueller Gesundheit in Einrichtungen des Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitswesens.
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Es gibt 11 Rezensionen von Uwe Sielert.

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Zitiervorschlag
Uwe Sielert. Rezension vom 25.06.2015 zu: Karla Verlinden: Sexualität und Beziehungen bei den "68ern". Erinnerungen ehemaliger Protagonisten und Protagonistinnen. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2974-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18430.php, Datum des Zugriffs 24.06.2024.


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