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Tobias Marx: Zigeunerkulturen im Wandel

Cover Tobias Marx: Zigeunerkulturen im Wandel. Über Roma-/Zigeunereliten in Bulgarien und Mazedonien. transcript (Bielefeld) 2014. 386 Seiten. ISBN 978-3-8376-2937-8. D: 44,99 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 57,90 sFr.
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Thema

Etwa ein Zehntel der Bevölkerung Bulgariens sind Roma, in Makedonien sind es offiziell (nach der Volkszählung von 2012) 2,7%, nach Expertenschätzungen ca. 5%. Angesichts prekärer Lebenslagen und Diskriminierungen, aber auch einer Vielzahl von Förder- und Hilfsprogrammen stellt sich die Frage, wie sich deren Eliten herausbilden und verhalten.

Autor und Entstehungshintergrund

Tobias Marx wurde mit dieser Studie an der Universität Leipzig promoviert.

Aufbau

Nach dem Verzeichnis der Tabellen und Abkürzungen und einer kurzen Einführung präsentiert der Autor drei Teile, nämlich

  • im Teil I eine Skizze des Forschungsvorhabens,
  • mit dem zentralen Teil II (über 170 Seiten) einen kurzen historischen Abriss und die Ergebnisse der Interviews in Bulgarien und Makedonien,
  • sodann im Teil III Einschätzungen zu den Faktoren Prestige und Bildung. Im Anhang folgen Übersichten über die Interviewees, Begriffserklärungen (Erklärungen zu den diversen Roma-Gruppen) und die Übersicht über die Leitfragen.

Im Teil II wie im Teil III sind Exkurse enthalten, nämlich zum Zusammenhang von Macht/Prestige bzw. drei Fallskizzen aus Shuto Orizaro/Skopje.

Inhalt

Im Mittelpunkt dieser Studie stehen Gespräche, die der Autor 2008 bis 2010 mit zwölf bulgarischen Roma in Lom und Sofia geführt hat. In Makedonien waren es siebzehn Roma, je ein Rom in Tetovo und Kumanovo, alle andern in Skopje, und hier wiederum in Shuto Orizaro, gemeinhin als Shutka bezeichnet. Es handelt sich dabei um Personen, die als „Leader“ gelten können und sich auch selbst als Elite verstehen, konkret um Roma, die in Ministerien, NGOs, im Parlament, in kommunalen Ämtern oder in Religionsgemeinschaften tätig sind. Die Mehrzahl hat ein Hochschulstudium absolviert. Es sind jedoch auch Personen dabei, die „nur“ als Businessmen gelten und von anderen als „Analphabeten“ bezeichnet werden. Einige Befragte geben ausführlich ihre Auffassungen wieder, andere beschränken sich auf kurze Statements zwischen Tür und Angel. Die Gespräche sind teils auf Englisch, auch Deutsch geführt worden, teils (vermutlich mit Dolmetschern) in Romanes, Bulgarisch oder Makedonisch. Der Autor will vor allem diese, wie er sie nennt, Akteure zu Wort kommen lassen, was bedeutet, dass er ihre Aussagen kompakt zusammenfasst.

Im Wesentlichen geht es um die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass ein Rom oder eine Romni eine führende Rolle einnehmen. Die Forschungslage und die „Akteure“ selbst benennen hier in erster Linie das Prestige, das durch Reichtum und die Familie, aber auch konkrete Handlungen, eben als Repräsentant der Roma, erworben bzw. aufrecht erhalten wird. Mit Vertrauen kann vor allem rechnen, wer Vermögen hat, da dies auf Geschick verweist. Die Auffassung ist weitverbreitet, dass jemand der reich ist, nicht stiehlt.

Der zweite große Faktor ist nach Forschungslage wie nach Einschätzung der Akteure die Bildung. Dabei scheint es einen Unterschied auszumachen, ob die Kinder eine übliche, nicht-segregierte Schule besuchten und oft auch erst als Jugendliche oder Erwachsene ihre Identität als Roma fanden oder aus ihrer „Mahalla“ (Community) heraus die Schule und das Studium schafften: durchaus mit Unterstützung aller, die auf sie stolz waren und sind. Diese Roma fanden natürlich besondere Bestätigung dann, wenn sie in NGOs für die Sache der Roma einstehen. Unter den interviewten Eliten sind auch einige, die sich bewusst bemühen, den Konnex mit ihrer Mahalla nicht zu verlieren.

Diskussion

Die umfangreiche Studie überrascht durch eine eigenwillige Gliederung, im Wechsel zwischen römischen Zahlen, Paragrafen und amerikanischer Systematik (wie z.B. 2.4.1. ).

Die Statements der Befragten werden ausführlich in eigenen Kästen gekennzeichnet wiedergegeben. Der Ansatz einer „dichten Beschreibung“, in der die Betroffenen selbst zu Wort kommen, ist zu begrüßen – wenngleich der Leser tatsächlich „nur“ die Zusammenfassungen des Autors zu lesen bekommt.

Die auch im Titel ausgeführte Begrifflichkeit, insbesondere die durchgängige Doppelung Roma/Zigeuner wird nicht richtig begründet. Dass die terminologische Debatte schon verschiedentlich geführt wurde, ist kein Argument. Es mag ja sein, dass der Wortgebrauch nicht immer böswillig ist oder pejorativ gemeint bzw. empfunden wird, aber auch das spricht nicht für die Doppelung. Verdienstvoll ist das, was der Autor „narratives Glossar“ nennt, nämlich eine ausdifferenzierte Präsentation der Roma-Gruppen in beiden Ländern.

Auch wenn der Autor eine beachtliche Zahl von „Akteuren“ porträtieren kann, kann er deren Einsichten natürlich nicht generalisieren. Letztlich bleiben die Ergebnisse also beliebig. Die Frage ist ohnehin, weshalb sich der Autor einzelnen Protagonisten, nicht aber einer Mahalla, einer Gemeinschaft, einem Stadtteil widmet und die Prozesse nachzeichnet, die auch das Leben derjenigen „erklärt“, die nicht „Elite“ werden konnten. Drei kleine Beispiele von Feldstudien in Shutka (ca. 22.000 Einwohner, Dreiviertel davon Roma) reichen da nicht aus.

Dem Autor wie einigen Akteuren ist klar, dass Herkunft/Ethnie und Kultur nicht (mehr) für die Identitätsbildung moderner Roma ausreichen. Leider wird der Hinweis auf Transkulturalität nicht weiter ausgearbeitet.

Fazit

Aus der Studie sind einige Kenntnisse über Roma in Bulgarien und Makedonien herauszuziehen, insbesondere auch deren Differenzierung in Gruppen. Wer sich Einsichten in die kulturellen und politischen Prozesse oder Empfehlungen für die Arbeit der (internationalen) NGOs vor Ort erwartet, wird nicht zufriedengestellt.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 04.03.2015 zu: Tobias Marx: Zigeunerkulturen im Wandel. Über Roma-/Zigeunereliten in Bulgarien und Mazedonien. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2937-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18432.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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