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Markus Kaiser, Michael Schönhuth (Hrsg.): Zuhause? Fremd?

Rezensiert von Dr. Olga Frik, 29.09.2015

Cover Markus Kaiser, Michael Schönhuth (Hrsg.): Zuhause? Fremd? ISBN 978-3-8376-2926-2

Markus Kaiser, Michael Schönhuth (Hrsg.): Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien. transcript (Bielefeld) 2015. 458 Seiten. ISBN 978-3-8376-2926-2. 39,99 EUR.
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Thema

In den vergangenen Jahrzehnten siedelten mehrere Hunderttausende von Deutschstämmigen aus Osteuropa nach Deutschland aus. Besonders groß war der Zuzug der Aussiedler und Aussiedlerinnen aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks nach der Wende. Unter ihnen bilden die Aussiedler und Aussiedlerinnen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion die größte Gruppe. Die Integration der Russlanddeutschen in die bundesdeutsche Gesellschaft erweist sich als schwierig, was sowohl auf begrenzte Ressourcen auf der Seite der Russlanddeutschen als auch auf Restriktionen der deutschen Gesellschaft zurückzuführen ist. Die Vertreter dieser Gruppe befinden sich in einer Einwanderungssituation, die mit dem schwierigen Prozess der Identitätsfindung verbunden ist. Die unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen und Lebensbedingungen im Herkunftsland sowie die geringere Identifikation mit der deutschen Nationalität erschweren die Integration in die bundesrepublikanische Gesellschaft.

Bis jetzt wurde das Thema „Rückkehr“ fast ausschließlich nur in Bezug auf polnische Aussiedler thematisiert. Als Forschungsthema im engeren Sinne wurde diese „neue Realität“ (sui generis) erst vor einiger Zeit „entdeckt“. Es handelt sich um ein äußerst aktuelles gesellschaftliches und internationales (bilaterales deutsch-russisches) Phänomen, über das praktisch keine gesicherten wissenschaftlichen empirischen Ergebnisse und theoretisch interpretierten Erkenntnisse vorliegen. Dass die Thematik der Rückkehrer auch von gesellschafts- bzw. integrationspolitischer Relevanz oder gar Brisanz ist, liegt auf der Hand, geht es doch um nicht weniger als um Erkenntnisse über die „Inklusion“ (im Sinne von „dazu gehören“) und/ oder die „Exklusion“ („Des-Integration“) durch Gefühle des Nicht-Dazugehörens, der Stigmatisierung oder Diskriminierung) der russlanddeutschen Einwanderer sowie der Ursachen, Gründe und Motive für die bewusste Auswanderung aus Deutschland. Es existieren keine Statistiken, die die Rückkehr von Spätaussiedlern dokumentieren. Denn laut Grundgesetz sind die Spätaussiedler deutsche Staatsangehörige und werden in den Statistiken als Deutsche erfasst. Außerdem wie oben erwähnt ist das Phänomen der remigrierten Spätaussiedler relativ neu, so dass es dazu bisher keine umfassenden wissenschaftlichen Studien gibt.

Des Weiteren wird der Begriff „Transmigration“ heute in Bezug auf (Spät-) Aussiedler und Aussiedlerinnen verwendet. Transmigration bezeichnet das Pendeln von Migranten zwischen Wohnorten in unterschiedlichen Kulturen. An sich ist dieses Thema noch kaum erforscht. Im vorliegenden Sammelband wird auch dieses neue Phänomen bezüglich der Zielgruppe untersucht.

Übersicht

Die Beiträge dieses Sammelbandes widmen sich den neuen post-sozialistischen Migrationen, Remigrationen und Verortungen in Eurasien und den damit verbundenen Fragen der Zugehörigkeit und Beheimatung. Es werden sowohl die Herkunfts- als auch die Ankunftsorte einbezogen, was eine über reine Integrationsfragestellungen hinausgehende transnationale Perspektive ermöglicht, die insbesondere an der zahlenmäßig größten bundesdeutschen Einwanderergruppe der (Spät-) Aussiedlern und Aussiedlerinnen entwickelt wird.

Herausgeber

  • Markus Kaiser (Dr. rer. soc.) lehrt Soziologie an der Eurasischen Nationalen Universität in Astana, Kasachstan.
  • Michael Schönhuth (Dr. habil. phil.) lehrt Ethnologie an der Universität Trier, Deutschland.

Entstehungshintergrund

Im Jahr 2006 wurde die Anthologie Zuhause fremd - Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland (Ipsen-Peitzmeier/Kaiser 2006) auf der Basis einer Fachtagung des russisch-deutschen Zentrums für Deutschland und Europa-Studien an der Universität Bielefeld veröffentlicht. Zehn Jahre später wollen die Herausgeber des Sammelbandes an die Befunde von damals anknüpfen, und mit Kolleginnen und Kollegen, die sich aktuell mit dem Thema beschäftigen, eine weitere Bestandsaufnahme wagen.

Es werden folgende Fragen gestellt:

  • Welche Befunde von damals lassen sich bestätigen oder fortschreiben?
  • Welche neuen Trends oder unerwarteten Entwicklungen lassen sich erkennen?
  • Wie »besonders« ist die Situation von Russlanddeutschenn und migrationsrechtlich statusgleichen Gruppen?
  • Welche Auswirkungen hat dies auf Integrations- und Identifikationsformen, auf das Netzwerk- und Wanderungsverhalten sowie auf Beheimatungsstrategien zwischen hier und dort? (vgl. S.9-10)

Auf diese Fragen wollen die Herausgeber im vorliegenden Band von den Forschungsstandorten der beteiligten Autorinnen und Autoren aus Antworten finden. Die wissenschaftlichen Perspektiven betreffen dabei immer weniger reine Integrations-, dafür umso mehr Identitäts- und Hybriditätsfragen.

Aufbau und Inhalte

Die vorliegende Studie greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung der Lebenslage von Spätaussiedlern und Spätaussiedlerinnen und dem Potential transnationaler Lebenswege von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in drei thematische Blöcke:

Im ersten Teil „Lebensprojekte mit dem Fokus in und auf Deutschland“ spiegelt sich die Debatte der In- und Exklusionsprozesse in Bezug auf Deutschland wider. In diesem Teil werden verschiedene Themen erörtert (von Formen der brüchigen Zugehörigkeit (Ulrich 2011) über die hybride Existenz bis zum Scheitern oder zum Erfolg im Ankunftsland (Radenbach/Rosenthal, Kurilo, Kiel, Gredinger, Burgard, Sommer/Gamper).

Im zweiten Teil „Lebensprojekte mit dem Fokus „Rückkehr“ und Dagebliebensein“ wird die bisher wissenschaftlich noch wenig beleuchtete Perspektive der Rückkehr an den alten Heimatort beziehungsweise in den Herkunftskulturraum sowie die Reintegration am neuen (alten) Lebensort aufgenommen. Das Thema „Rückkehr“ hat in Bezug auf (Spät-) Aussiedler und Aussiedlerinnen erst in den letzten zehn Jahren vermehrte mediale und politische Aufmerksamkeit erhalten. Dabei ist es auch der Spiegel enttäuschter Hoffnungen und gemachter Erfahrungen für die Zielgruppe. Spätaussiedler stellen hier eine besondere Referenzgruppe dar (Tauschwitz, Mattock, Suppes, Fenicia, Schönhuth/Kaiser). Vergleichende Beiträge (von Savoskul generell zu Russischsprachigen, von Hornstein Tomic/Scholl-Schneider zu Tschechien/Kroatien) erweitern diesen Blick und zeigen darüber hinaus gemeinsame, für den post-sozialistischen eurasischen Kulturraum typische Muster auf.

Im letzten Teil „Transnationale Lebensprojekte: Geteilte Zugehörigkeit(en)“ sind Beiträge versammelt, die sich mit dem Thema der Transmigration und somit geteilten Zugehörigkeit(en) an multiplen Lebensorten und in transnationalen Lebensprojekten beschäftigen. Es werden u.a. Perspektiven des kulturellen Pendelns und der transnationalen Lebenswege erörtert (Sanders, Salnikova, Sienkiewicz, Savoskul, Schmitz).

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für Vertreter der Soziologie, Ethnologie, Europäischer Geschichte sowie Migrationsforschung und -beratung und (Spät-)Aussiedlerforschung und -beratung. Guten Gewissens kann die Anthologie sich aber auch an diejenigen Leser richten, die sich für die Thematik der Integration von Migranten aus der ehemaligen UdSSR interessieren, und könnte deshalb für einen breiten Leserkreis empfohlen werden.

Fazit

Der Band richtet den Blick auf eine der größten Zuwanderergruppen in Deutschland, die Spätaussiedler. Mein persönlicher Eindruck zum vorliegenden Sammelband ist sehr positiv. Mit ihrem Buch liefern die Autoren und Autorinnen einen wichtigen Beitrag zur Migrationsthematik. Zweifelsfrei ist es ihnen gelungen, das Thema in all seinen Facetten lebensnah, empirisch und theoretisch darzulegen.

Der vorliegende Band zeichnet sich nicht nur durch den aktuellen thematischen Bezug aus, sondern auch durch einen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken. Es soll gewürdigt werden, dass der bikulturelle Blick auf die Russlanddeutschen im vorliegenden Band neue Sichtweisen eröffnet. Der Band ist ein inhaltlich interessanter Beitrag zur gesellschaftskritischen Diskussion über Migration und Migrationsfolgen. Alles in allem ist es ein lesenswerter Beitrag zu Lebenslage von Migrantinnen und Migranten, der auch Hinweise auf die Notwendigkeit gibt, Migrationsverläufe und deren Auswirkungen differenzierter zu betrachten.

Rezension von
Dr. Olga Frik
Sibirisches Institut für Business und Informationstechnologien / Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Es gibt 41 Rezensionen von Olga Frik.

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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 29.09.2015 zu: Markus Kaiser, Michael Schönhuth (Hrsg.): Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2926-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18433.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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