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Alexander-Kenneth Nagel (Hrsg.): Religiöse Netzwerke

Cover Alexander-Kenneth Nagel (Hrsg.): Religiöse Netzwerke. Die zivilgesellschaftlichen Potentiale religiöser Migrantengemeinden. transcript (Bielefeld) 2015. 268 Seiten. ISBN 978-3-8376-2758-9. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

Auf der einen Seite erlebt die Öffentlichkeit in den letzten Monaten eine Zunahme an öffentlicher Reibung mit „quasi-religiösem“ Hintergrund (IS, Pegida, „religiöse Inseln“ im deutschen Alltag etc.), auf der anderen Seite bietet sich seit Jahrzehnten bereits eine zunehmende religiöse Vielfalt aufgrund stattfindender Migrationsprozesse, die eher im Hintergrund alltägliche Lebenswelten generieren.

Wie steht es um den Alltag dieser religiösen Migrationsgemeinden? Welche Netzwerke bestehen zwischen diesen religiösen Gruppen verschiedenster Coleur? Welche Bedeutung und welchen Einfluss hat dies auf das Leben in einer einerseits faktisch multireligiösen Gesellschaft, die andererseits tradierte, christliche Werte im Vordergrund (immer noch) betont? Und welche Motivationen und Angebote dieser religiöser Gruppen bilden „Teilmengen im Alltag“ unter diesen Gruppen und mit der umgebenden Zivilgesellschaft?

Die verschiedenen Autoren dieses Werkes nähern sich aus verschiedenen Blickwinkeln dieser Fragestellung an und gehen damit über eine reine „Kartierung“ religiöser Migrationsgemeinden hinaus. Ebenso, wie im Buch konstruktiv nach den gesellschaftlichen Potentialen dieser Gruppen gefragt wird.

Herausgeber

Alexander-Kenneth Nagel ist Professorfür Sozialwissenschaftliche Religionsforschung am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Universität Bochum und richtet sein Augenmerk seit längerer Zeit bereits auf die Untersuchung von „Parallelgesellschaften“ einerseits und auf die Vision der „Vernetzten Vielfalt“ andererseits.

Statt Parallelgesellschaften zu zementieren gilt seine Arbeit der Betrachtung, Vorbereitung und Schaffung interreligiöser Kontaktzonen.

Aufbau und Inhalt

Orientiert an der klaren Frage nach den zivilgesellschaftlichen Potentialen betrachten die verschiedenen Autoren ebenso verschiedene und voneinander teils rigide getrennte religiöse Gemeinschaften und legen so, einerseits allgemein formuliert in der Sicht auf die Gesamtheit der Vielfalt, andererseits konkret dargestellt im Blick auf einzelne religiöse Glaubensgemeinschaften, die Möglichkeiten von Vernetzungen (mitsamt etwaiger noch starker Hindernisse) und die ebenso möglichen konstruktiven Folgen solcher Vernetzungen vor die Augen des Lesers.

Von der bereits beobachtbaren Vernetzung auf interreligiöser Ebene mit ihren unterschiedlichen Motiven führt der Weg im Buch vom tamilischen Hindutempel über thailändisch-buddhistische Zentren hin zu koreanischen Freikirchen, der Lebenswelt der syrisch-orthodoxen Kirche, dem Alltag der yazidischen community, der Darstellung des zunehmenden (und ausbaubaren ) Einflusses von Moscheevereinen bis hin zur konkreten Betrachtung der Haltung neo-muslimischer Akteure.

Abschließend schließt das Buch den Kreis des Diskurses zum einen in einer sehr klaren Darlegung der konstruktiven Möglichkeiten interreligiöser Initiativen verschiedener Ausprägungen und einem ebenso klaren und verständlichen Vergleich jener zivilgesellschaftlichen Potentiale, die sich in interreligiösen Vernetzung bereits ergeben haben und noch ergeben könnten.

Diskussion

„Religiöse Migrantengemeinden sind keine abgekapselten kulturellen Enklaven“, (auch wenn es manche Gruppen gibt, die als solche tatsächlich existieren wollen und „Parallelgesellschaften“ aktiv „betreiben“), „sondern untereinander und mit anderen gesellschaftlichen Institutionen auf verschiedene Arten uns Weisen vernetzt“. Ein wichtiger, zur Sprache kommender, Fakt ist dabei alleine schon eine rein räumliche Dimension der Vernetzung. Denn eine ganze Reihe von religiösen Gemeinschaften nutzt Räume und Orte für religiöse Treffen, die nicht exklusiv nur der entsprechenden Gruppe zur Verfügung stehen. So wie der thailändische „Tempel“ in Dortmund mit einer serbisch-orthodoxen Gemeinde ein ehemaliges katholisches Kirchenareal für Treffen nutzt, so werden solche „Gastgemeinden“ fast im gesamten Bundesgebiet zu finden sein (was natürlich scharfe Trennungen in anderen Bereichen bei anderen Gruppen nicht ausschließt). Zeichen zumindest möglicher Vernetzungen (wie auch der christlich-jüdisch Dialog oder der Austausch zwischen christlichen und islamischen Gemeinde, im Rahmen dessen gerade aktuell in Köln eine erste, gemeinsame gottesdienstliche christlich-muslimische Gestaltung auf den Weg gebracht wurde).

Wichtig ist es allemal, dass die „Ressourcen der Zuwanderung“ nicht immer nur in einem „entweder – oder“ betrachtet werden (als „wirtschaftliche ‚Möglichkeit‘ oder als ‚religiöse und kulturelle Bedrohung‘“). So ist es ein wichtiges und im Vollzug sehr gelungenes Anliegen des Werkes, die Ressourcen und Potentiale gerade der religiös-kulturellen Ebene durch die Migrationsgemeinden überhaupt erst einmal zu sehen und vorsichtig auszudeuten. Gerade weil in den letzten Jahrzehnten Fakten entstanden sind, Migration in hohem Maße in Europa stattgefunden hat (und sich in den Zahlen weiterhin potenziell steigert) und damit die religiösen Verankerungen der Migranten in der Zivilgesellschaft Raum suchen und finden.

Gruppen, die bei Weitem keine „Parallelgesellschaft“ bilden, sondern zu einem hohen Anteil ihres alltäglichen Lebens Teil dieser Zivilgesellschaft sind. Und dennoch untereinander weder eine homogene Gruppe bilden, noch in ihrer religiösen Identität in der „neuen Gesellschaft“, im neuen Umfeld „einfach so“ ankommen.

Beides also gilt. Vielfache Integration im alltäglichen Leben (gerade ökonomisch), das Verharren in religiösen Nischen andererseits (auch gedrängt durch „das Außen“) und das Ringen um Identität im Umgang am „neuen Ort“ hüben wie drüben. Je mehr nun religiöse Kontaktflächen geschaffen werden, mögliche Netzwerke angegangen werden würden, desto mehr würde einer „Integration in Vielfalt“ zumindest ein möglicher Weg gebahnt werden können. In den vielfältigen konkreten Beispielen und Thesen im Buch finden sich hierzu konstruktive Modelle und Beispiele in Form eines „brückenbildenden Sozialpotentials“ religiöser Gemeinschaften – ein Potential, welches mit diesem Buch vielfach in den Blick der Diskussion gerückt wird.

Fazit

Ein wichtiges und drängendes gesellschaftliches Thema nimmt Nagel als Herausgeber mit diesem Buch auf, in dem die verschiedenen Autoren immer wieder den Kern der Potentiale religiöser Gemeinschaften von Migrantengruppen für die gesamte Zivilgesellschaft betonen und in Beispielen aufzeigen. Gegen die noch weit vorherrschende Haltung jenen religiösen Gemeinschaften gegenüber als „Rückzugsnischen für Migranten“ entwirft das Werk andere Umgangsweisen mit und gegenüber den verschiedenen religiösen Gruppen, die es wert sind, mit bedacht und erprobt zu werden, denn ein Verharren in zementierten Gedankenströmungen einer „Diaspora-Integration“ als „defizitorientiertes Denken“ wird die zunehmende Sprengkraft betonter Gegensätze nicht befrieden können weder als „zugestandener Schonraum“ für Menschen mit Migrationshintergrund noch als zu leistende „Assimilation“ jener Gruppen.

Der Autor stellt als Grundidee „interreligiöser Kontaktzonen“ als „brückenbildende Maßnahmen“ vor, die verständlich und überzeugend im Buch herausgearbeitet werden und deren Nutzen ebenso überzeugend betont wird.

So bildet dieses Werk, gerade weil es betont, keine einfachen „Stellschrauben“ oder „Gebrauchsanweisungen“ liefern zu können, einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Diskussion der religiösen Vielfalt in Europa und der je verschiedenen, sehr differenziert zu betrachtenden Möglichkeiten, die darin liegenden zivilgesellschaftlichen Potentiale zu nutzen (die vor allem in der Ausrichtung auf „soziale Unterstützung und Hilfe“ für die Mitglieder solcher Glaubensgemeinschaften zu sehen sind).


Rezensent
Pfarrer Michael Lehmann-Pape


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Zitiervorschlag
Michael Lehmann-Pape. Rezension vom 17.03.2015 zu: Alexander-Kenneth Nagel (Hrsg.): Religiöse Netzwerke. Die zivilgesellschaftlichen Potentiale religiöser Migrantengemeinden. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2758-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18434.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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