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Désirée Bender, Tina Hollstein u.a.: Auf den Spuren transnationaler Lebenswelten

Cover Désirée Bender, Tina Hollstein, Lena Huber, Cornelia Schweppe: Auf den Spuren transnationaler Lebenswelten. Ein wissenschaftliches Lesebuch ; Erzählungen - Analysen - Dialoge. transcript (Bielefeld) 2015. 204 Seiten. ISBN 978-3-8376-2901-9. 26,99 EUR.
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Thema

Im Zuge der Migration gestalten Menschen zwar ihr Leben in einer neuen „Welt“, sie halten aber auch in vielfältiger Weise über nationalstaatliche Grenzen hinweg die Verbindung zu Menschen in ihren Herkunftsländern, sie pflegen deren Traditionen und nutzen Objekte von dort.

Autorinnen

Die Autorinnen forschen und lehren am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Mainz. Sie schließen mit dieser Publikation an ihre zahlreichen Studien zu transnationalen Lebenswelten an.

Aufbau

Auf die kurze Einführung folgen zehn Kapitel, die in vier Bereiche eingeteilt werden, je nach Art der transnationalen Verbindung, d.h. ob sie mit finanziellen Transfers, sozialer Unterstützung und Kommunikation, deren Problemen und Grenzen oder mit Objekten aus der Heimat zu tun haben.

Das „Lesebuch“ beruht auf Interviews mit 14 Personen, die vor Jahren, ja auch Jahrzehnten, aus Ländern wie Irak, Iran, Äthiopien, Italien, Polen etc. nach Deutschland gekommen sind. Diese Migrantinnen und Migranten kommen ausführlich zu Wort, auch in Form von Transkriptionen der Interviews, überwiegend in schriftsprachlich korrekt formulierten Erzählungen, die auch mal als „Tagebuch“ bezeichnet werden. Das letzte Kapitel soll eine Expertendiskussion wiedergeben.

Grundsätzlich gehen die Autorinnen so vor, dass sie die Erzählungen einer Person oder auch mehrerer Personen in einem Kapitel dokumentieren und sodann ausführlich interpretieren und diskutieren. Jedes Kapitel behandelt einen Typus transnationaler Lebenswelten.

Inhalt

Transnationale Lebenswelten können sich in verschiedenen Formen manifestieren:

  • Ein Flüchtling aus Äthiopien kommt nach Deutschland und kann darauf vertrauen, dass Landsleute ihm weiterhelfen, ihm bei der Suche nach Unterkunft und Arbeitsstelle und im Asylverfahren beistehen.
  • Ein Türke, der als Kind nach Deutschland kam, fühlt sich verpflichtet, seine Verwandten, einschließlich der Schwiegereltern, in der Türkei finanziell zu unterstützen.
  • Ein junger Marokkaner, der selbst von der Grundsicherung für Arbeitssuchende lebt, steht seinem Bruder in Marokko dadurch bei, dass er einen Freund dort bittet, dem Bruder Geld zu geben, das er selbst später zurückzahlen wird (Innerhalb der Familie ist Rückzahlung nicht vorgesehen).
  • Ein Iraner, der in Deutschland selbst eine Familie gegründet hat, übergibt iranischen Bekannten und deren Familienangehörigen Geld, das diese zu seiner Herkunftsfamilie im Iran transportieren.
  • Eine junge Peruanerin, die in Deutschland studiert, ist über Skype jederzeit mit ihrem Bruder dort im Gespräch, der sie in allen Alltagsfragen berät.
  • Eine Polin, die in Deutschland arbeitet und alleinerziehend ist, kann davon ausgehen, dass eine Cousine und ihre eigene Mutter anreisen, wenn es für die Betreuung des Kindes erforderlich ist.

Die Erzählungen machen aber auch deutlich, dass die materiellen und ideellen Unterstützungen Probleme bereiten:

  • Die in Deutschland studierende Peruanerin möchte auf keinen Fall Geld von zu Hause annehmen, da der Auslandsaufenthalt ihre Entscheidung war; sie will von ihren Eltern unabhängig, auf eigenen Füßen stehen.
  • Die Tochter der Familie aus der Türkei hat darunter sehr gelitten, dass die Eltern sie so knapp hielten, ihr keine Markenklamotten kauften, sondern nur billige Kleider in der Türkei angeschafft wurden; die Unterstützung der Verwandtschaft in der Türkei und vor allem die regelmäßigen Fahrten ins Heimatdorf gingen vor.

Die Autorinnen gehen dann auf den Begriff „Heimat“ ein, der für manche Protagonisten von Bedeutung zu sein schien. In einer vertrauten Umgebung zu leben, sich zugehörig und anerkannt zu fühlen und Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten zu haben, sind dafür grundlegend. Heimat wird insofern mobil, als kulturelle Praktiken auch in Deutschland möglich sind. De Koreanerin erfreut sich an koreanischer Musik, der Äthiopier zelebriert Kaffeetrinken wie zuhause, der Senegalese trägt die in seinem Land üblichen bunten Kleider. Umgekehrt ist die Tatsache, dass der Italiener sein Elternhaus in Apulien gekauft und modernisiert hat, nicht anders zu bewerten als ein Versprechen, eines Tages zurückzukehren.

Diskussion

Das vorliegende „Lesebuch“ ist unterhaltsam, gut lesbar, auch wenn manche Passagen redundant sind, weil die Erzählungen der Protagonisten nochmals paraphrasiert und dann interpretiert werden.

Die Autorinnen erheben eingangs den Anspruch, eine Vielzahl von Darstellungsformen zu kreieren. Letztlich sind es – verständlicherweise – neben den Gesprächstranskriptionen doch nur durchgestylte Erzählungen, die kaum als „Tagebuch“ durchgehen, abgesehen von einer fingierten Expertendiskussion im Heimat-Teil.Manche Interviews scheinen schon vor einigen Jahren durchgeführt worden zu sein.

Diese Studie kommt einer Form des methodischen Nationalismus nicht aus. Was für sie zählt, sind Staaten und Grenzen. Es ist sicher interessant, grenzüberschreitende Mobilität zu betrachten, entscheidend ist jedoch immer der kulturelle Faktor. Es geht ja um die Regeln, wer sich wann zu materiellen oder ideellen Leistungen verpflichtet fühlt, wie der „Heimatkaffee“ zubereitet wird, wie sich das „Heimatkleid“ anfühlt, welche Traditionen und Rituale mit welcher Reichweite Geltung haben. Und hier sind die Bezugsgrößen ja auch die Region, der Stamm die Schicht, die Religion, die Sprache (Dialekt!). Mit dem Konzept von Interkulturalität könnte viel besser beschrieben werden, wieweit die Protagonisten sich in Deutschland vertraut machen konnten, wieweit sie fremd geblieben sind.

Fazit

Das „Lesebuch“ ist ein Gewinn für alle, die sich mit den Lebenswelten von Migrantinnen und Migrantinnen befassen und sehen wollen, in welchen Handlungszusammenhängen diese stehen, welche Optionen und welche Ressourcen sie haben. Es ist eine gute Anregung und Anleitung, empathisch darüber nachzudenken, was das Elternhaus im Herkunftsort, die jährliche Urlaubsreise „zur Familie“, der „Heimatkaffee“, das „Heimatkleid“ (statt Modeklamotten) bedeuten mögen. Obwohl es als „Lesebuch“ angekündigt ist, könnte man sich eine knappere, straffere Textgestaltung vorstellen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 03.03.2015 zu: Désirée Bender, Tina Hollstein, Lena Huber, Cornelia Schweppe: Auf den Spuren transnationaler Lebenswelten. Ein wissenschaftliches Lesebuch ; Erzählungen - Analysen - Dialoge. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2901-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18440.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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