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Markus Kaiser, Michael Schönhuth (Hrsg.): Zuhause? Fremd?

Cover Markus Kaiser, Michael Schönhuth (Hrsg.): Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien. transcript (Bielefeld) 2015. 458 Seiten. ISBN 978-3-8376-2926-2. 39,99 EUR.
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Thema

Zu Beginn der 1990er Jahre sind jedes Jahr 200.000 und mehr Menschen aus Russland, Kasachstan und anderen Nachfolgestaaten der sich auflösenden UdSSR nach Deutschland eingewandert, insgesamt bis heute mehr als 2,3 Millionen Aussiedler und Aussiedlerinnen (bzw. Spätaussiedler und Spätaussiedlerinnen), gemeinhin als „Russlanddeutsche“ bezeichnet. Probleme und Potentiale dieser besonderen transnationalen Mobilität werden hier vorgestellt.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Der Sammelband schließt an die Bielefelder Publikation „Zuhause fremd“ von 2006 an. Die meisten Beiträge sind in diesem Umfeld und im Sonderforschungsbereich „Fremdheit und Armut“ der Universität Tier entstanden, wo auch die beiden Herausgeber tätig sind.

Aufbau

Der Band vereinigt, einschließlich der Einführung, insgesamt 18 Aufsätze, von denen etliche auf Dissertationen zurückgehen. Die Beiträge sind lose in drei Bereiche eingeordnet, je nachdem, ob sie die Lebenslage von Immigranten in Deutschland, die Rückwanderung nach Russland bzw. Kasachstan oder das Pendeln zwischen beiden Ländern betreffen.

In der Regel beruhen die Beiträge auf intensiven Interviews, die die Autoren (auf Russisch oder Deutsch) mit den betreffenden Personen in Deutschland oder in Russland bzw. Kasachstan in den vergangenen drei, vier Jahren geführt haben.

Am Ende des Bandes gibt es für jeden Beitrag ein englischsprachiges Abstract und eine ausführliche Vorstellung der Autorinnen und Autoren.

Inhalt

Auch wenn erstaunlicherweise keine offiziellen Statistiken vorliegen, ist davon auszugehen, dass eine nicht unbeachtliche Zahl von „Russlanddeutschen“ nach Russland oder Kasachstan zurückgekehrt sind. Dafür sprechen auch die Berichte von Beratungsstellen, an die sich Rückkehrwillige gewendet haben. Folgt man den Zahlen von Schönhuth/Kaiser, errechnet sich über die gesamte Zeit hinweg freilich deutlich weniger als ein Prozent.

Die Remigration hat Gründe, die vielschichtig und zum Teil sehr spezifisch sind. Bekannt sind die Probleme auf dem Arbeitsmarkt, die Nichtanerkennung von Berufsabschlüssen, die Überforderung der „mitgenommenen“ Kinder und Jugendlichen. Olga Kurilo gibt zu bedenken, dass die deutschen Kolonisten und ihre Nachfahren sich anzupassen wussten und daher oft viel „russischer“ sind, als sie sich selbst bewusst waren, z.B. in Hinsicht auf Hausbau oder Feste, Gebrauch des Vaternamens etc. Erstaunlich ist freilich, dass zwar Russlanddeutsche typischerweise vor allem Lutheraner sind oder Freikirchen angehören, aber eben auch in beachtlichen Umfang orthodox sind (Gerald Gredinger). Porträtiert wird auch ein Russlanddeutscher, der in der Etagenwohnung einer deutschen Großstadt, ohne sein Haus, seinen Garten, die Jagd nicht leben kann; nicht nur in solchen Fällen läuft es darauf hinaus, dass sich die Ehefrauen schließlich dem Rückkehrwunsch fügen (Tatjana Fenicia). Manche Ältere ziehen zurück, weil sie bei den Enkeln in Russland bleiben oder einfach in der „Heimat“ sterben wollen. Zieht man die historischen Gründe mit in Betracht, so versteht man, weshalb sich gerade gläubige Aussiedler, etwa Mennoniten oder Baptisten, im „gottlosen“ Deutschland nicht wohl fühlen (Svetlana Kiel).

Bekanntlich leben in ehemaligen Sowjetrepubliken außerhalb Russlands über 20 Millionen Russen und Russinnen. Vera Mattock informiert über ein Regierungsprogramm, das diese dazu motivieren soll, ins russische Mutterland umzuziehen. Ob dies wirklich politisch so gewollt und wirksam ist, darf bezweifelt werden.

Niklas Radenbach und Gabriele Rosenthal machen auf einen Punkt aufmerksam, der bislang kaum beachtet wurde: Im Zuge des Angriffs auf die Sowjet-Union 1941 hatte offensichtlich die Wehrmacht auch von Deutschen besiedelte Gebiete besetzt. Haben sich die Großeltern, so fragen sich manche Jüngere, an deren Verbrechen beteiligt? Damals sind auch etliche Familien ins Reichsgebiet umgesiedelt worden, aber danach nach Sibirien deportiert worden.

Zwei Beiträge (Burgard, Sommer/Gamper) befassen sich mit den Möglichkeiten von Spätaussiedlern, ihre Zweisprachigkeit und Bikulturalität wirtschaftlich zu nutzen, nämlich als selbständige Unternehmer. Die Fakten sind, in Hinsicht auf Reisebüros speziell für deutsch-russische Reisen wie auch im Import/Export (Verkauf deutscher Autos) recht ernüchternd.

Schätzungsweise leben noch 400.000 deutschstämmige Personen in Russland. Yves-Oliver Tauschwitz fragt sich, weshalb diese nicht nach Deutschland ausgewandert sind. Die Interviews ergeben wiederum sehr unterschiedliche Gründe, vor allem familiäre Bindungen (Enkel vor Ort!) werden genannt, besonders auch, wenn ein Ehepartner Russe ist. Manche sind sich sicher, in Russland bessere Berufsaussichten zu haben. Speziell die Weite und Schönheit der Landschaft verbinden viele mit Kasachstan, selbst wenn sie in Deutschland (vorübergehend) eine zweite Heimat gefunden haben (Rita Sanders).

Maria Savoskul betrachtet Migrantinnen und Migranten aus Russland und der Ukraine, die in Frankfurt/Main beruflich/akademisch erfolgreich sind. Dabei handelt es sich neben Aussiedlern um Jüdische Zuwanderer (Kontingentflüchtlinge) und junge Frauen, die als Aupair nach Deutschland gekommen sind und ein Hochschulstudium angeschlossen haben. Rückkehr ist für sie keine Option. Demgegenüber porträtiert Anett Schmitz junge Männer aus Aussiedlerfamilien, die sich aus emotionaler Verbundenheit oder/und bei erfolgreicher Unternehmertätigkeit wieder nach Russland oder Kasachstan bewegen, ohne freilich ihren deutschen Pass zurückzugeben. Also doch der Anfang von Brain Circulation und transnationalem Brückenbau?

Diskussion

Der vorliegende Band versammelt durchgängig solide Beiträge, die auf anspruchsvolle qualitative Untersuchungen zurückgehen. Zwar wiederholen sich Einleitungen und Literaturangaben ab und an, doch ändert diese Redundanz nichts daran, dass sich die Lektüre allemal lohnt.

Fazit

Wer sich mit der Lebenslage von „Russlanddeutschen“ und dem Potential transnationaler Lebenswege vertraut machen möchte, wird keine andere Publikation finden, die so aktuell und sachkundig informiert.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 10.03.2015 zu: Markus Kaiser, Michael Schönhuth (Hrsg.): Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2926-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18441.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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