Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hans Bertram, Carolin Deufhard: Die überforderte Generation

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Helmert, 05.03.2015

Cover Hans Bertram, Carolin Deufhard: Die überforderte Generation ISBN 978-3-8474-0617-4

Hans Bertram, Carolin Deufhard: Die überforderte Generation. Arbeit und Familie in der Wissensgesellschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0617-4.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Während die Generation der Nachkriegszeit, die „skeptische Generation“ (Helmut Schelsky), teilweise ohne Kindheit gleich erwachsen werden musste, wird das Erwachsenwerden der heute 30- bis 40-Jährigen, die eine glückliche Kindheit und Jugend hatten, hinausgeschoben. Der Berufseinstieg erfolgt für diese Generation spät und oft auf unsicheren Wegen. Das Versprechen, dass die Gesellschaft für diese Generation eine Fülle von Optionen bereit hält, konnte nicht eingehalten werden. „Wenn dieses Buch dazu beitragen kann, dass trotz dieser Diskrepanz zwischen den vorgeblichen Möglichkeiten und den tatsächlichen Realisierungschancen eine sinnvolle Lebensführung möglich ist, die die Familien darin unterstützt, füreinander fürsorglich zu sein und dennoch Lebenspläne entwickeln und auch umsetzen zu können, die den eigenen Möglichkeiten entsprechen, dann hätten wir schon viel erreicht“ (Seite 20). Ein weiteres Anliegen des Buches ist es, den Nachweis zu erbringen, dass die Überforderung der jetzigen Elterngeneration auch daraus resultiert, dass es der Politik bisher nicht gelungen ist, angemessen auf den ökonomischen Strukturwandel zu reagieren.

Autor und Autorin

Prof. Dr. Hans Bertram ist Fellow am Internationalen Graduiertenkolleg Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive an der Humboldt-Universität Berlin.

Carolin Deufhard, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität Berlin

Aufbau

Das Buch ist in die folgenden fünf Kapitel gegliedert:

  1. Einleitung: Es kommt nicht nur auf den Anfang an (10 Seiten)
  2. Lebensläufe im Wandel (47 Seiten)
  3. Struktureller Individualismus und methodischer Nationalismus (9 Seiten)
  4. Industriegesellschaft, Wissensgesellschaft und Familie (83 Seiten)
  5. Familien, Lebensläufe und Familienpolitik (56 Seiten)

Im Anhang befindet sich das umfangreiche Literaturverzeichnis (15 Seiten) und Informationen zum Mikrozensus, der die zentrale Grundlage für die empirischen Analysen darstellt (4 Seiten).

Inhalt

In dem einleitenden Kapitel mit dem Titel „Es kommt nicht nur auf den Anfang an“ wird der Begriff „Rushhour des Lebens“ erläutert (Bertram 2007). Damit ist die Lebensphase zwischen dem 28. und 38. Lebensjahr gemeint, in der sich junge Erwachsene heute nach einer langen qualifizierenden Ausbildung im Berufsleben etablieren, sich um Partnerschaft und Familie bemühen, sich für oder gegen eigene Kinder entscheiden und auch noch möglicherweise ein völlig neues Wohnumfeld sowie neue soziale und nachbarschaftliche Beziehungen aufbauen. Diese neue Form des Erwachsenwerdens unterscheidet sich deutlich von dem früher vorherrschenden Muster in der Industriegesellschaft. Dieses war gekennzeichnet durch eine relative frühe Heirat und Familiengründung, weil die ökonomische Selbstständigkeit, zumeist nach einer Ausbildung zum Facharbeiter, schon früh erreicht werden konnte.

In Kapitel 2 wird dargestellt, wie sich die Lebensläufe und die Organisation der privaten Lebensführung in Deutschland und den USA seit den 1960er Jahren gewandelt haben. Der empirische Vergleich mit den USA zeigt, dass die zu Grunde liegenden Prozesse in zwei sozialpolitisch sehr unterschiedlich organisierten Ländern, nämlich dem als liberalen Wohlfahrtsstaat klassifizierten USA und dem als konservativen Wohlfahrtsstaat klassifizierten Deutschland überraschend ähnlich verlaufen sind. In beiden Ländern ist die klare Trennung von Jugend und Erwachsenenalter weitgehend verschwunden, und es hat sich stattdessen das „entwickelnde Erwachsenenalter“ durchgesetzt. Es existiert aber bisher kein klar strukturiertes Muster, das als Orientierungspunkt für die nachwachsende Generation gelten könnte. Deshalb erlebt die heutige Generation der 20-30-Jährigen eine strukturelle Überforderung. Die von der Arbeitswelt und der Politik so geschätzten Charakteristika des immer erreichbaren, mobilen und flexiblen Menschen und Arbeitnehmers (Sennet 1998) stehen in einem prinzipiellen Konflikt mit den individuellen Bedürfnissen hinsichtlich der privaten Organisation von räumlich und zeitlich aufeinander bezogenen Liebes- und Familienbeziehungen. Infolge des Strukturwandels der letzten 40 Jahre hat sich der Konflikt zwischen Berufs- und Privatleben deutlich verschärft (Hochschild 2012). Der ökonomische Erfolg und der Wachstum der Gesellschaft werden immer mehr zum Maßstab individuellen Handelns. Damit werden die individuelle Fürsorge für andere Bezugspersonen und der Aufbau personaler Beziehungen zu anderen diesem ökonomischen Primat untergeordnet. Die „skeptische Generation“ der Nachkriegszeit konnte durch die innerfamiliäre geschlechtsspezifische Arbeitsteilung die Fürsorge für die Familie weitgehend gewährleisten. Arlie Hochschild (1995) nennt dieses Modell „traditional-warm“. Das heutige Familienmodell dagegen sei „kalt-modern“, weil nicht die Frage im Mittelpunkt stehe, wie Fürsorglichkeit und soziale Beziehungen entwickelt werden können, sondern vor allem, wie sich die Bedürfnisse nach Fürsorge so „outscourcen“ lassen, dass dem ökonomischen Primat hochentwickelter Gesellschaften gefolgt werden kann.

Kapitel 3 widmet sich zunächst der Auseinandersetzung mir dem von Ulrich Beck (2008) entwickelten Modell der „strukturellen Individualisierung“. Der mit der strukturellen Individualisierung einhergehende Wertewandel hat aber keine Antwort darauf geben können, wie ein Familienmodell aussehen kann, das mit den neuen individuellen Ansprüchen und gesellschaftlichen Herausforderungen korrespondiert. Es bleibt offen, wie in solch einer Gesellschaft überhaupt ein Raum für Liebe und Fürsorge erhalten bleiben kann.

In Kapitel 4 werden die Konsequenzen der vorab beschriebenen strukturellen Wandlungsprozesse für die private Lebensführung für verschiedene soziale Gruppen dargestellt. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die „kreative Klasse“ gerichtet, weil es dieser neuen soziale Gruppe besonders schwerfällt, die private Fürsorge für Kinder und Familie zu organisieren. Die akademische Qualifizierung ist heute bei Weitem keine Garantie mehr für eine ökonomisch gut abgesicherte Existenz, weil der enge Zusammenhang zwischen Ausbildung und erreichten Berufsposition im Kontext der strukturellen Individualisierung aufgebrochen wurde.

In Kapitel 5 versuchen die Autoren, Elemente einer neuen Familienpolitik zu skizzieren. Als das zentrales Gütemaß für diese neue Familienpolitik wird das Wohlbefinden der Subjekte beziehungsweise das Wohlbefinden der Familien angesehen.

Im Anhang begründen die Autoren, warum der Mikrozensus als die wesentliche Datengrundlage für die empirischen Analysen verwendet wird. Es wurden die vom Statistischen Bundesamt bereitgestellten Scientific Use Files der Jahre 1973, 1976, 1982, 1991, 1995, 2000, 2004 und 2008 einbezogen. 2004 beinhaltete der Mikrozensus ca. 500000 Personen, 234000 Haushalte und 245000 Familien.

Diskussion

Eine der Hauptthesen des Buches besagt, dass durch die „Rushhour des Lebens“ im Alter von 28 bis 38 Jahren das Erwachsenwerden stark hinausgezögert wird. Dabei wird allerdings völlig aus dem Blickfeld gelassen, dass es heute einen großen Anteil an jungen Erwachsenen gibt, dem es bis zum 28. Lebensjahr nicht möglich war, einen Einstieg in einen existenzsichernden Berufseinstieg zu finden. Zu dieser Gruppe gehören insbesondere die „bildungsfernen Schichten“ und Menschen in prekären Lebenslagen. Die Überforderung für diese Gruppe junger Erwachsener unterscheidet sich grundlegend von denen der „überforderten Generation“ der „Klasse der Kreativen“, die eine lange und qualifizierte Schul- und Berufsausbildung genossen hat. In dem Buch wird auch nicht darauf eingegangen, dass der Prozess der strukturellen Individualisierung begleitet wird von dem Prozess einer zunehmenden Globalisierung. Im Hinblick auf die Verwendung des Mikrozensus als primäre Datenquelle für die empirischen Analysen muss erwähnt werden, dass der Mikrozensus nahezu ausschließlich objektiv fassbare Merkmale enthält. Die Einbeziehung wichtiger subjektiver und qualitativer Merkmale, die eine große Bedeutung bei der Erfassung von Lebenslagen und Lebensqualität haben, hätten die empirischen Analysen mit Sicherheit bereichert.

Zielgruppen

Zielgruppen für das Buch sind Lehrende, Forschende und Studierende in den Sozialwissenschaften, insbesondere mit den Schwerpunkten Sozialstrukturanalyse, Demografie, Bildung, Lebenslauf, sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Empfehlenswert ist das Buch darüber hinaus für Sozial- und Familienpolitiker und beruflich Tätige in diesem Themenfeld.

Fazit

Es ist den Autoren gelungen, eine fundierte wissenschaftliche theoretische und empirische Analyse zum Generationenwandel in Deutschland vorzulegen, die einen guten Ansatzpunkt für weitere Diskurse und Forschungsvorhaben bietet.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe

Es gibt 101 Rezensionen von Uwe Helmert.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 05.03.2015 zu: Hans Bertram, Carolin Deufhard: Die überforderte Generation. Arbeit und Familie in der Wissensgesellschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0617-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18450.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht