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Heinrich Bolz: Pflegeeinrichtungen erfolgreich führen

Cover Heinrich Bolz: Pflegeeinrichtungen erfolgreich führen. Organisationskultur zwischen Marktorientierung und Berufsethik. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. 200 Seiten. ISBN 978-3-658-05656-8. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Heinrich Bolz widmet sich in seinem Buch „Pflegeeinrichtungen erfolgreich führen. Organisationskultur zwischen Marktorientierung und Berufsethik“ den Themen Berufsethik und marktorientierte Unternehmenskultur für die Bereiche ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen.

Autor

Der Autor Heinrich Bolz ist Diplom-Kaufmann und hat Wirtschafts- und Organisationswissenschaften mit den Schwerpunkten Marketing und Organisationen studiert. Darüber hinaus ist Bolz in leitenden Positionen und Funktionen in Unternehmen der Medizin-, Dental- und Verlagsbranche tätig.

Aufbau

Das kartonierte und 219 Seiten starke Buch gliedert sich in sechs Kapitel, die wiederum mit zahlreichen Unterpunkten versehen sind:

  • Der Einleitung folgt der zweite Abschnitt, der den Gesundheitsmarkt als Handlungsrahmen für die erfolgreiche Führung von Pflegeeinrichtungen beleuchtet.
  • Teil drei stellt die Perspektiven der Organisationstheorie vor sowie die sich daraus ergebenden Folgerungen für die Bedeutung von Organisationskultur für Pflegeeinrichtungen.
  • Kapitel vier widmet sich der Erfassung von Pflegeeinrichtungen, der fünfte Teil beinhaltet die Marktorientierung von Pflegeeinrichtungen und damit verbunden eine Analyse der Organisationskultur durch Typologien.
  • Das sechste und letzte Kapitel behandelt schließlich die Gestaltung von Organisationskultur.

Inhalt

Bolz extrahiert aus dem öffentlichen und fachlichen Diskurs drei zentrale Diskussionsthemen:

  1. das Verhältnis der Pflege zur Marktwirtschaft,
  2. die Patientenorientierung im Rahmen integrierter Versorgung und
  3. Pflegequalität und Mitarbeitermotivation.

Aus diesen drei Themenkomplexen ergibt sich für Bolz die Ziel- bzw. Fragestellung der Publikation. Er möchte aufzeigen und begründen, dass eine marktorientierte Organisationskultur dazu beitragen kann, eine Pflegereinrichtung erfolgreich zu führen.

Zu Beginn seiner Ausführungen stellt Bolz den Gesundheitsmarkt als einen allgemeinen Handlungsrahmen dar, um den Leser in die marktorientierte Beschäftigung mit Pflegeeinrichtungen grundlegend einzuführen. In diesem Kapitel wird der Frage nachgegangen, inwieweit der Marktbegriff auf das Gesundheitswesen übertragen werden kann, und welche Bedeutung das ökonomische Prinzip sowie die Reflexion wirtschaftlicher und ethischer Fragestellungen für die Pflegepraxis und das Pflegemanagement haben. Bolz stellt die zu diskutierenden Positionen einander konträr gegenüber und kommt zu dem Schluss, dass trotz etwaiger Einschränkungen hinsichtlich der Marktbedingungen eine marktbezogene Betrachtung des Gesundheitswesens sinnvoll ist.

Im Rahmen des zweiten Kapitels stützt Bolz seine Reflexionen zu den Kernfragen zu Ethik und Moral in der Pflege überwiegend auf die von Lay verfasste Publikation „Ethik in der Pflege – Ein Lehrbuch für die Aus-, Fort und Weiterbildung“ [1] und ergänzt diese um Praxisbeispiele, um aufzuzeigen, dass eine ökonomische Perspektive moralische Prinzipien in der Pflege nicht ausschließt, sondern vielmehr ergänzt. Darüber hinaus setzt sich Bolz mit Anforderungen an die Pflegequalität, mit Patientensouveränität, behindernden Arbeitsfaktoren und Arbeitsbelastungen, Arbeitszufriedenheit, Integration und Zusammenarbeit im Setting ambulanter und stationärer Altenpflege auseinander.

Der Autor konstatiert, dass erfolgreiche Führung in Einrichtungen des Gesundheitswesens die Beschäftigung mit der eigenen Organisationskultur voraussetzt, um diese als Triebkraft für den Wandel zu nutzen. Diese Annahme nimmt Bolz zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zur Marktorientierung stationärer und ambulanter Pflegeeinrichtungen, die im Folgenden weiter ausgeführt werden. In einer Zusammenstellung präsentiert er wesentliche Merkmale einer marktorientierten Unternehmenskultur: Kundenorientierung, Wettbewerbsorientierung, offene Kommunikation und Information, abteilungsübergreifende Kooperationen, unternehmerisches Handeln und Vertrauen, Mitarbeiterorientierung, marktbezogene Anreizsysteme und Mitarbeiterentwicklung, Innovationsorientierung sowie Systematik und Flexibilität.

Im weiteren Verlauf klärt Kapitel drei unter anderem die Inhalte, die Bedeutung und die Gestaltung einer marktorientierten Unternehmenskultur und Führung von Pflegeinrichtung. Bolz legt erläuternd das Mehrebenenmodell der Organisationskultur einer Analyse von Grundannahmen, Werten, Einstellungen und Normen zugrunde. Er verweist diesbezüglich auf Unternehmenskultur als eine Schlüsselressource für die Erlangung und Erhaltung von Wettbewerbsvorteilen. Ein wesentliches Merkmal erfolgreicher Unternehmen, so Bolz, ist daher eine stimmige, kundenorientierte Firmenkultur. Der zentrale Ansatz erfolgreicher Unternehmensführung besteht infolgedessen in der Gestaltung wichtiger Prozesse. Bolz greift im Folgenden kurz die Qualitätsdebatte auf, klärt darüber auf, was unter einer bürokratischen Perspektive zu verstehen ist, und erläutert die Bedeutung von Organisationskultur und ihre möglichen Auswirkungen auf werterationales Verhalten und auf die Motivation für eigenverantwortliches und ethisch begründetes Handeln.

Kapitel vier gibt mit der Darlegung einiger theoretischer Ansätze Hilfestellung für eine systematische Erfassung von Unternehmenskulturen. Die Ausführungen sollen es ermöglichen, Ansätze für eine Erfassung von Unternehmenskulturen zu entwickeln sowie diese praktisch umzusetzen. Einführend konstatiert Bolz, dass eine kritische Selbstreflexion notwendig ist, um nicht sichtbare Kulturmerkmale einer Organisation wie Grundannahmen, Werte und Einstellungen zu erfassen. Neben der Möglichkeit der kritischen Reflexion wird ebenso auf die Option empirischer Verfahren wie die Dokumentenanalyse bzw. Beobachtung verwiesen.

Im Anschluss werden Typologien vorgestellt, die einen Ansatz und eine Orientierung bieten, um Grundannahmen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Personen zu interpretieren und zuzuordnen. Bolz bemerkt, dass typologische Reinformen die Ausnahme und Mischtypen hingegen die Regel darstellen. Ausgehend von einer Beschäftigung mit dem Begriff der Marktorientierung setzt sich Bolz mit Unternehmen im Hinblick auf Risikokultur, Lösungsorientierung, Pathologien und Menschenbild auseinander.

Das letzte Kapitel klärt die Bedeutung von Organisationskultur für den Erfolg von Veränderungen und geht auf die Funktionen von Unternehmenskulturen ein. Es werden Zusammenfassungen der bisher referierten Inhalte angeboten.

Diskussion

Das Buch ist mit 106 Gliederungspunkten für 219 Seiten deutlich überstrukuriert. Ein Großteil der angesprochenen Themen wird nur kurz aufgegriffen, anstatt diese vergleichs- und verhältnisbezogen zu diskutieren. Die Vielzahl der angerissenen Themen verhindert auf diese Weise eine detaillierte Auseinandersetzung und erschwert die Nachvollziehbarkeit einer Argumentationslinie. Zentrale Begriffe wie Erfolg, Ethik, Moral oder werterationales Verhalten werden zudem nicht definiert.

Bolz wirft gleich zu Beginn die Fragestellung auf, ob eine Pflegereinrichtung nach gleichen Grundsätzen geführt werden kann wie andere privatwirtschaftliche Unternehmen, was bedeuten würde, so Bolz weiter, dass Führungskräfte und Personal innerlich bereit und in der Lage sein müssten, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Es wird daher sehr schnell deutlich, dass Bolz im Klima einer einhellig anerkannten Herrschaft der Marktwirtschaft ein unternehmensorientiertes Buch für Leitungskräfte von Pflegeinrichtungen schreibt. Im Neoliberalismus ist jeder Einzelne, also auch die Pflegekraft, aufgefordert, ständig markt- und wettbewerbsfähig zu sein. So fordert Bolz im Sinn einer gouvernementalen Regierungspraxis die Bereitschaft zum selbstorganisierten und eigenverantwortlichen Handeln. Gleichzeitig klammert Bolz die daraus folgenden Effekte für das Einzelne Subjekt jedoch aus. Den Pflegenden bleibt z. B. nichts anderes übrig, als unternehmerisch aktiv zu werden und ihre Produktivität immer weiter zu steigern. Folglich nimmt der Dauerstress zu oder es droht Einkommensverlust.

Bolz fokussiert Marktprozesse und Unternehmertum und möchte eine Verbindung zwischen Marktorientierung als einem allgemein anerkannten Wert pflegerischer Berufsethik herstellen, ohne jedoch die Totalität bzw. den unverhandelbaren Charakter des Marktes infrage zu stellen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis zwischen Berufsethik und Marktorientierung ist nicht zu erkennen. Es hätte beispielsweise darauf hingewiesen werden können, dass monetäre Anreize für Mitarbeiter, ein von Bolz benanntes konstituierendes Merkmal marktorientierter Unternehmenskultur, bestehende Kulturen, Normen und Werte negativ beeinflussen.

Bolz spielt auf der Klaviatur des Neoliberalismus, fokussiert mit einer marktorientierten Unternehmensführung auf Wachstum, Fortschritt, Effizienz und Effektivität und oszilliert damit zwischen den Polen von Ökonomie und Sachzielorientierung zugunsten einer rein betriebswirtschaftlichen Betrachtung von Pflege. Jedoch tangiert die Problematik einer zunehmend an ökonomischen Kriterien ausgerichteten Pflege ihre Handlungsrationalitäten in umfassender Weise. [2] Im Gegensatz zu marktorientierter Unternehmensführung richten sachzielorientierte Managementansätze sämtliche Prozesse und Reflexionen darauf aus, dass die ureigenen Zwecke der Organisation eindeutig Priorität haben. [3] Inwieweit marktorientierte Unternehmenskultur in eine Berufsethik für Pflegende als erstrebenswerter Wert bzw. moralisch gut erachtete Eigenschaft übernommen werden soll, ist in der eigenen Profession unter der Maßgabe dieser Sachzielorientierung kritisch zu diskutieren. Das Pflegemanagement muss, wenn es nicht nur affirmativ die bestehenden Verhältnisse reproduzieren möchte, kritisch [4] und nicht marktorientiert konzipiert werden.

Die Ausprägungen des Neoliberalismus in der Form des reinen und vollkommenen Marktes, wie ihn Bolz auf die Pflege überträgt, erzeugen auch im Feld der Pflege gesellschaftliche Zustände grenzenloser Ausbeutung, die sich im Windschatten der theoretischen Ökonomie an einem ausschließlich an zweckrationalen Denkprozessen ausgerichteten Menschenbild orientieren, was u. a. zur Überforderung des Einzelnen und zur Erosion des Wohlfahrtstaates beiträgt. Aus Sorge, Solidarität, reziproker Gabeorientierung oder Nächstenliebe entstehen Handelsbeziehungen und Minutenpflege. Die Glücksversprechen des Kapitalismus erfüllen sich nicht – schon gar nicht im Feld der Pflege. Der ICN-Ethikkodex für Pflegende sieht die grundlegende berufliche Verantwortung der Pflegenden und des Pflegemanagements gegenüber dem pflegebedürftigen Menschen [5] und nicht gegenüber dem Markt.

Fazit

Bolz unternimmt den Versuch markorientierte Unternehmenskultur in die pflegerische Berufsethik zu integrieren. Dem Leser wird eine neoliberal imprägnierte Reise durch rahmenrechtliche Spielräume ambulanter und stationärer Pflege sowie Konzepten der Organisationstheorie und Ethik geboten. Die Annahme, dass Markmechanismen a priori allen anderen Formen der Steuerung überlegen sind, wird zum unterschütterbaren Glaubenssatz erklärt.

Neoliberale Steuerungsmechanismen wie Soziales Unternehmertum und Selbstorganisation werden herausgestellt, ohne jedoch daraus resultierende negative Aspekte wie z.B. totale Erschöpfung durch fortwährende Selbstoptimierungsprozesse ansatzweise zu hinterfragen.

In dem Maße wie sich Pflege von Medizin und Religion abnabelt, tritt sie zusehends in den Schatten der Ökonomie. Dieser Sachverhalt wird in dem Buch von Heinrich Bolz überaus deutlich.

Literatur

  • Bode, I. (2014). Prinzipien nachhaltigen Organisierens im Rahmen des Möglichen. In: H. Brandenburg, I. Bode & B. Werner, Soziales Management in der stationären Altenhilfe (S. 205-219). Bern: Huber.
  • Friesacher, H. (2009). Ethik und Ökonomie. Zur kritisch-normativen Grundlegung des Pflegemanagements und der Qualitätsentwicklung. Pflege und Gesellschaft. Zeitschrift für Pflegewissenschaft. 14. Jg., H. 1, S. 5-23.
  • Friesacher, H. (2008). Theorie und Praxis pflegerischen Handelns. Begründung und Entwurf einer kritischen Theorie der Pflegewissenschaft (Bd. 2). Osnabrück: V und R unipress – Universitätsverlag Osnabrück.
  • ICN (2012): ICN-Ethikkodex für Pflegeberufe. Genf: International Council of Nursing.
  • Lay, R. (2012). Ethik in der Pflege. Ein Lehrbuch für die Aus-, Fort- und Weiterbildung. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft.

[1] Vgl. Lay 2012.

[2] Vgl. Friesacher 2008, S. 94.

[3] Vgl. Bode 2014, S. 206.

[4] Vgl. Friesacher 2009, S. 7.

[5] Vgl. ICN-Ethikodex § 1.


Rezensent
Michael Krisch
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Zitiervorschlag
Michael Krisch. Rezension vom 28.08.2015 zu: Heinrich Bolz: Pflegeeinrichtungen erfolgreich führen. Organisationskultur zwischen Marktorientierung und Berufsethik. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-05656-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18452.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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