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Stefanie Hürtgen, Stephan Voswinkel: Nichtnormale Normalität?

Cover Stefanie Hürtgen, Stephan Voswinkel: Nichtnormale Normalität? Anspruchslogiken aus der Arbeitnehmermitte. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2014. 391 Seiten. ISBN 978-3-8360-8764-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Durch viele Untersuchungen ist belegt worden, dass Krisen- und Prekarisierungserfahrungen Arbeitnehmer in die Defensive drängen. Eigene Ansprüche an die Arbeit müssen zurückgenommen oder ganz aufgegeben werden, individuelle Lebensentwürfe müssen modifiziert und dabei zumeist eingeschränkt werden. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, ob dies auch für Arbeitnehmer zutrifft, die nicht in bedrohten oder prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Das ist das Thema des vorliegenden Buches. In ihrer breit angelegten qualitativ-empirischen Untersuchung finden die AutorInnen bei Angehörigen dieser Gruppe von „NormalarbeitnehmerInnen“ auf den ersten Blick kaum Verunsicherungen. Ansprüche an Arbeitsplatzsicherheit, hohes Einkommen, soziale Anerkennung und Zusammenhalt unter den Kollegen halten sie weiterhin für normal. Dies gilt auch für die individuelle Vorstellung, dass Respekt, Eigenständigkeit, Schutz vor Überbeanspruchung und ein erfülltes Leben jenseits der Arbeit normative Geltung haben sollten. Auf den zweiten Blick zeigt sich allerdings, dass viele Beschäftigte die selbst erlebte Normalität keineswegs mehr als gesellschaftsweit gültig wahrnehmen. Sie erleben sich in einer Sondersituation und hegen Zweifel, ob ihre eigenen Normalitätsvorstellungen die soziale und normative Mitte der Gesellschaft weiterhin repräsentieren.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Ansprüche an Arbeit und berufliche Entwicklung von NormalarbeitnehmerInnen“ vor. Das Projekt wurde von der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) gefördert und von den HBS-ForschungsreferentInnen Dr. Claudia Bogedan und Dr. Sebastian Brandl betreut.

Aufbau

Das Buch hat 390 Seiten und ist in die folgenden sieben Kapitel unterteilt:

  1. Einführung
  2. Konzeptuelle Schneisen: Selbstkonstitution und Normativität
  3. Anlage und Methode der Untersuchung
  4. Umgang mit Ansprüchen im Rahmen von Lebensorientierungen
  5. Ansprüche in einer normativ konzipierten Arbeitswelt
  6. Innere Sondersituation und äußere Unsicherheit: Ansprüche im Kontext von Prekarisierung und Wirtschaftskrise
  7. Resümee und Ausblick: Sondersituation als Gefahr der Privatisierung von Ansprüchen?

Anhang: Ein kurzer Blick auf die Forschungsliteratur über Anspruchshaltungen prekär Beschäftigter

Literatur

Inhalt

Einführung: In aktuellen gesellschaftlichen Zeitdiagnosen werden die unterschiedlichen Vorstellungen von Ansprüchen an die Arbeit auch diskutiert als Verunsicherung und Krise der gesellschaftlichen Mitte. Die Intensität dieser Debatte kann dabei selbst als eine Irritation des Selbstverständnisses der deutschen Gesellschaft verstanden werden, die sich lange Zeit als eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky 1953) angesehen hat. In der vorliegenden Untersuchung wird der Blick auf die „Arbeitnehmermitte“ gerichtet. Damit sind sie sogenannten NormalarbeitnehmerInnen gemeint: unbefristet Beschäftigte mittleren Alters mit mittlerer Qualifikation. Sie befinden sich in einer relativ sicheren Beschäftigungssituation und sehen sich aktuell nicht von einem Personalabbau bedroht. In dem Forschungsprojekt ging es nicht um die generellen Einstellungen zur Arbeit, die einfach abgefragt werden sollten. Vielmehr stehen im Mittelpunkt der gesamte Lebenszusammenhang von Arbeit, Familie und Privatleben. Die Studie will deutlich mehr sein als eine bloße Überprüfung vorab formulierter Hypothesen.

Kapitel 2: Die Methodik der Untersuchung ist angelehnt an die soziologische Biografieforschung. Anders als in der Arbeitssoziologie meistens üblich werden die Interviewten, oder besser GesprächspartnerInnen, nicht ausschließlich als ArbeitnehmerInnen wahrgenommen. Die AutorInnen gehen vielmehr davon aus, dass die GesprächspartnerInnen Beruf und Arbeit in einen Lebenszusammenhang vermitteln, der umgekehrt relevant ist für die Art und Weise, sich mit der Arbeitswelt auseinanderzusetzen und Ansprüche an die Arbeit zu artikulieren.

Kapitel 3: Die zentrale Methode der Untersuchung ist das leitfadengestützte biografisch angelegte Interview. Die Interviews fanden von Mitte 2010 bis Mitte 2011 statt. Sie dauerten in der Regel zwei bis drei Stunden und wurden ausschließlich von den AutorInnen durchgeführt. Das Sample setzt sich zusammen aus 42 Personen im Alter von 30 bis 45 Jahren aus insgesamt sieben Branchen. Natürlich kann ein solches Sample nicht repräsentativ sein. Aber nach Ansicht der AutorInnen ist das Sample durchaus angemessen für eine qualitativ-biografische Untersuchung, weil das Sample auf der einen Seite eine gewisse Diversität beinhaltet und auf der anderen Seite noch eine ausreichend solide Auswertung und Interpretation des Materials ermöglicht. Unter Verwendung der speziell für qualitative Interviews entwickelten Software MaxDATA wurden die transkribierten Interviews codiert und dann ausgewertet.

Kapitel 4: In diesem sehr ausführlichen Kapitel (100 Seiten) wird das Konzept der Lebensorientierungen erläutert und angewendet. Die AutorInnen stellen eine Typologie von Lebensorientierungen auf und gelangen zu den folgendenen fünf Typen und Untertypen: A: „Durchkommen im Leben“ (n=5), mit den Untertypen „Leben als Kampf und Risiko“ und „Ressourcenbegrenztes Leben“ B: „Aufstieg und Prestige“ (n=9) mit den Untertypen „Aufstieg auf dem Pfad von Geld und Prestige“, „Aufstieg als Kampf gegen Unsicherheit“ und „Streben nach Höherem“ C: „Selbstentwicklung und Balance im Leben“ (n=13) D: „Das Leben absichern“ (n=12) mit den Untertypen E: „Menschlich muss es stimmen“ (n=2).

Kapitel 5 präsentiert die Ansprüche an Arbeit im Hinblick darauf, in welcher Weise sich die GesprächspartnerInnen als legitime Träger von Ansprüchen verstehen, also in ihren eigenen Selbstauffassungen und Legitimitätsmustern.

Kapitel 6: Die interviewten „NormalarbeitnehmerInnen“ sehen sich in einer „Sondersituation“ in einer prekärer werdenden Umwelt, woraus sich eine Spannung zwischen ihren normativ legitimierten Ansprüchen und der Vorstellung ergibt, dass diese Normativität nicht mehr als sichere Normalität gelten kann.

Kapitel 7: Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst:

  1. Die NormalarbeitnehmerInnen bilden biografisch und arbeitsbezogen Anspruchslogiken aus. Dabei zeigt sich, dass sich der Umgang mit Ansprüchen nicht nur aus der Arbeitssphäre heraus verstehen lässt, sondern sich im Rahmen von übergreifenden Lebensorientierungen ausbildet.
  2. Von einer generellen Rücknahme oder Einschränkung von Ansprüchen kann bei den GesprächspartnerInnen insgesamt nicht die Rede sein. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Interviewten entwickelt in ihrem Lebenszusammenhang offensive Anspruchslogiken.
  3. Die Ergebnisse der Studie zeigen, auf welche Weise die aufgefundenen Anspruchslogiken entwickelt werden. Die GesprächspartnerInnen tun dies in dreifacher Weise: als Leistungskraft, als menschliches (leiblich-seelisches) Wesen und als Sozialwesen.
  4. InterviewpartnerInnen, die ihre Ansprüche in hohem Maße aufrechterhalten, gehen davon aus, dass sie normale und legitime Ansprüche stellen. Sie erfahren aber, dass dies von anderen nicht mehr als normal angesehen wird („Sondersituation“). Die GesprächspartnerInnen orientieren sich nach wie vor an den „Großen Unternehmen“ als Maßstab ihrer Normalitätsvorstellungen, aber zugleich nehmen sie wahr, dass diese den normalen Maßstäben nicht mehr gerecht werden.
  5. Gerade diese Doppelschichtigkeit ist ein wichtiges Ergebnis der Studie: Die Aufrechterhaltung als normal angesehener Ansprüche bei gleichzeitiger Verunsicherung über ihre verallgemeinerte Geltung. Viele InterviewpartnerInnen schwanken daher typischerweise zwischen der Darstellung ihrer Arbeits- und Lebensweise als „Normalität“ und „Privileg“.
  6. Sicherheit ist für die GesprächspartnerInnen sehr wichtig. Üblicherweise wird Sicherheit als Arbeitsplatzsicherheit verstanden und die wiederum an ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis gebunden. Die Befunde der Studie weisen drauf hin, dass sich Unsicherheit auch dann entwickelt, wenn zwar nicht die eigene Situation als unsicher gilt, aber das Umfeld, wenn die Welt „draußen“ keine Sicherheit bietet und deshalb auch die eigenen Optionen schwinden.

Die Verunsicherung der interviewten NormalarbeitnehmerInnen ist keine Kleinigkeit. Sie mündet darin, dass die Gewissheit verloren geht, in welcher normativen Ordnung wir eigentlich leben. Damit ist der vertikale Zusammenhang der Gesellschaft und das normative Selbstverständnis der Gesellschaft schlechthin thematisiert.

Diskussion

Das Buch zeigt sehr deutlich die Stärken qualitativer Sozial- und Biografieforschung. Insbesondere durch die gelungene mehrstufige Ergebnisinterpretation gelangen die AutorInnen zu belastbaren neuen Erkenntnissen. Auf der Basis ausschließlich quantitativer Forschung wäre es nicht möglich gewesen, zu derartig wichtigen Erkenntnisse zu gelangen.

Zielgruppen

Zielgruppen für das Buch sind Lehrende, Forschende und Studierende in den Sozialwissenschaften, insbesondere mit den Schwerpunkten Biografieforschung, qualitative Sozialforschung und Arbeitssoziologie.

Fazit

Es handelt sich um eine sehr gut konzipierte und sorgfältig durchgeführte qualitativ-biografische Studie zu einer sehr aktuellen Thematik. Während bei soziologischen Forschungsprojekten seit längerem die Neigung besteht, immer speziellere Subgruppen der Bevölkerung zu untersuchen, rückt das vorliegende Projekt gerade die Mitte der Gesellschaft in den Fokus. Durch die ausführlichen Dialoge der AutorInnen mit den InterviewpartnerInnen und eine qualifizierte Auswertung der Interviews gelingt es, wichtige neuere Erkenntnisse und Denkanstöße zutage zu fördern.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 15.04.2015 zu: Stefanie Hürtgen, Stephan Voswinkel: Nichtnormale Normalität? Anspruchslogiken aus der Arbeitnehmermitte. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2014. ISBN 978-3-8360-8764-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18453.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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