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Margherita Zander: Laut gegen Armut - leise für Resilienz

Cover Margherita Zander: Laut gegen Armut - leise für Resilienz. Was gegen Kinderarmut hilft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2981-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Laut und leise

Ernst Jandl hat 1966 einen Gedichtband unter dem Titel „Laut und Luise“ publiziert. Jandl scheint in diesem Titel zunächst nur mit der Assoziation an „Laut und leise“ zu spielen. Aber Luise – hat er viel später (1984) verraten – ist der Vorname seiner Mutter, die ihn früh ermutigt hatte, Gedichte zu schreiben, und die bereits verstarb, als er 14 Jahre alt war. Im Titel ist eine Hommage an die eigene Mutter versteckt, und so ist er ein Ausweis von Resilienz, Zeichen der Widerstandskraft, allem Entgegenstehenden zum Trotz einen scheinbar abseitigen Weg weiterzugehen, den seine Mutter ihm gewiesen hatte.

Autorin

Margherita Zander, Professorin für Politikwissenschaft und Sozialpolitik an den Fachhochschulen Jena (bis 1997) und Münster (em. 2012) liebt für gewöhnlich eher die leisen Töne. Mit langem Atem, unbeirrt und insgesamt unüberhörbar macht sie seit mehr als zwanzig Jahren strukturelle Aspekte von Kinderarmut transparent, stellt das Erleben von in Armut aufwachsenden Kindern dar und zeigt die Bedeutung von Resilienz für marginalisierte oder diskriminierte Kinder. Sie ist eine der führenden deutschsprachigen Forscherinnen in diesem Feld (vgl. die Liste ausgewählter Buchpublikationen im Anhang dieser Rezension). Ihr „Handbuch Resilienzförderung“ (2011) kann mittlerweile als Standardwerk gelten.

In zahlreichen einschlägigen Publikationen, Vorträgen, Presse- und Fernsehinterviews und natürlich auch in Vorlesungen, Seminaren und Projekten hat Margherita Zander für Armutsforschung und Resilienzförderung öffentliche Aufmerksamkeit eingefordert und geweckt. Ihrem Lebensthema, für das auch autobiografische Motive eine bedeutende Rolle spielen (vgl. die Vorbemerkung von C. W. Müller, S. 10 f.), weiß sie mit großer Beharrlichkeit Gehör zu verschaffen. In der wissenschaftlichen Begleitung von regionalen Modellprojekten zur Armutsprävention hat sie ganz konkret junge WissenschaftlerInnen und Studierende begleitet und angeleitet, an der Förderung von marginalisierten Kindern zu arbeiten. Mit der Fokussierung auf dieses Feld hat sie dem bis weit in die 90er Jahre hinein von der Wissenschaft stiefmütterlich behandelten Bereich der Forschung zu Kinderarmut und Resilienz mit zu dem ihm gebührenden Platz verholfen.

Aufbau und Inhalt

Der neue Band versammelt Vorträge und Aufsätze der Autorin aus fast 20 Jahren.

Zu Beginn (S. 13 ff.) stellt M. Zander den Zusammenhang dieser ursprünglich in ganz unterschiedlichen Kontexten publizierten Studien her, die sämtlich um die Themen Kinderarmut und Resilienz kreisen. Der Aufbau ihres Sammelbandes spiegelt, wie sie sagt, „die Etappen und die innere Logik“ ihrer eigenen Forschungsbiografie wieder: „Aus der gesellschaftlichen Analyse (Kap. 1) resultiert die empirische Forschung zur Kinderarmut (Kap. 2); theoretische Reflexionen zur Rolle der Sozialen Arbeit im Armutskontext und Erfahrungen aus eigenen Projekten (Kap. 3) legen Resilienzförderung als eine spezifische Form sekundärer Armutsprävention nahe (Kap. 4).“ (S. 182)

Zu Anfang eines jeden Kapitels wird der Forschungs- und Diskussionskontext erläutert, innerhalb dessen die jeweiligen Beiträge entstanden sind. Für den Leser bleibt so immer ein roter Faden sichtbar.

Kap. 1 diskutiert „Kinderarmut als gesellschaftliches Problem“ (S.13-62). Schon in einem Vortrag auf dem Evangelischen Kirchentag von 1997 fragt M. Zander: „Was sind menschliche Lebensbedingungen für Kinder und Familien im unserem Land?“ (S. 17 ff.) Hier und im folgenden Text: „Arme Kinder – reiches Land?“ (2001) prangert sie den Skandal der fortbestehenden und sich in den letzten Jahrzehnten sogar noch verschärfenden Kinderarmut in einem reichen Industrieland an. Sie nimmt sich des oft vernachlässigten Themas der „Auswirkungen von Armut – aus Sicht der Kinder“ (S. 50 ff.) an. Hierzu hat sie – zusammen mit Karl August Chassé und Konstanze Rasch – ein eigenes Buch vorgelegt: „Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen“ (4. Aufl. 2010). Dass es gilt, Kinder selbstbewusst(er) und widerstandsfähig(er) zu machen, ist generell das durchgehende Motiv ihrer Arbeit.

Kap. 2 thematisiert „Soziale Auswirkungen und Bewältigung von Armut“ (S. 63-131). Hier präsentiert M. Zander Ergebnisse ihrer empirischen Forschungen und ordnet diese in den Zusammenhang der Forschungslandschaft ein (vgl. S. 64 f.). Besonders wichtig ist ihr eine „Bündelung der Wissensbestände“ insbesondere von „Kindheitssoziologie, Kinderarmuts- und Resilienzforschung“ (S. 65, 118 ff.). Durch eine Zusammenführung dieser Forschungsperspektiven möchte sie vor allem „Anstöße für die praxisorientierte sozialpädagogische Arbeit“ gewinnen (S. 119). Zugleich lassen sich dadurch auch Blickverengungen korrigieren: „Weil die Kindheitssoziologie Kinder nur als soziale Gesamtgruppe […] betrachtet, vernachlässigt sie die sozialstrukturelle Binnendifferenzierung. Ohne sie aber lässt sich die Armutsproblematik nicht erfassen.“ (S. 129)

Um „Handlungsperspektiven für die Soziale Arbeit“ und deren politisches Engagement geht es in den Kapiteln 3 (S. 132-181) und 5 (S. 245-287). Die Profession könne in Bezug auf die Themenfelder Armut und Kinderarmut nicht einfach in einer bequemen Neutralität verharren, sie müsse „gesellschaftliche Gerechtigkeit“ einklagen (S. 137). Konkret werden u. a. zwei Saarbrücker Modell-Projekte vorgestellt, an denen M. Zander führend beteiligt war (S. 171 ff.).

Weitere Modelle der Resilienzförderung, z. B. bundesweit in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS Berlin) oder in Köln zusammen mit dem ROM e.V. und der von diesem getragenen Bildungseinrichtung „Amaro Kher“ für Roma-Kinder, finden sich in Kap. 4 (S. 182-244).

Das 5. Kap. richtet konkrete Anfragen und eine Reihe von Anforderungen an die Politik, die sich als Konsequenz aus Darstellung und Analysen ergeben. Dabei geht es Margherita Zander nicht zuerst um technokratische Reformen im Sinne einer effizienteren Vorbereitung der Kinder auf eine Welt der Globalisierung. Vielmehr müssen wir, wie sie sagt, „unseren Drang, Kinder als künftige Leistungsträger im globalen Wettbewerb zu trainieren, etwas zügeln“. Es geht – so ihr Schlusssatz – nicht zuletzt darum, „der Kindheit ein Stück unbefangenen Glücks zurückzugeben.“ (S. 287)

Diskussion

Es gibt eine Falle, in die manche Verfechter der Resilienz hineintappen: die Überzeugung, jeder sei halt doch im Grunde seines Glückes Schmied, gesellschaftliche Programme der Armutsbekämpfung seien daher weitgehend wirkungs- und sinnlos, und die Stärkung der Resilienz oder auch nur die rhetorische Berufung auf sie erübrige das Bemühen um ein Mehr an gerechten Lebenschancen für Kinder und Marginalisierte. Alte Konflikte zwischen Vertretern einer interventionsorientierten Sozialarbeit und einer auf Einzelfallhilfe und individuelle Ressourcenstärkung setzenden Sozialpädagogik scheinen hier wieder aufzuflammen. In diese Falle tappt Margherita Zander nicht hinein, im Gegenteil, sie thematisiert den möglichen Gegensatz von wohlfahrtsstaatlichen Strategien der Intervention bei Kinderarmut und sozialpädagogischen Strategien der Resilienzförderung. Das eine funktioniere nicht ohne das andere, so ihr Ergebnis, die Stärkung äußerer und innerer Ressourcen müsse Hand in Hand gehen. Und mit großer Klarheit stellt sie fest: Weil Resilienzförderung nicht alle Kinder gleichermaßen erreichen kann, „eignet sie sich nicht dafür, als Alibi für Untätigkeit von Politik und Gesellschaft herzuhalten“. (http://www.margherita-zander.de/index.php/wofuer-ich-stehe)

Zielgruppen und Fazit

Für Studierende und Lehrende der Sozialen Arbeit und darüber hinaus für alle, die zu Kinderarmut und Resilienzförderung forschen oder mit Betroffenen arbeiten, ist das Buch eine informative und gut strukturierte Einführung in die Thematik, die Perspektiven der einschlägigen Forschung klar und stringent umreißt und Hinweise auf Praxismodelle gibt. C. Wolfgang Müller rühmt an Margherita Zander drei Voraussetzungen ihres Lebenswerkes: „Sie hat nicht jedem von uns zugängliche Lebenslagen erlebt, sie hat sie erforscht und sie hat zwischen Leben und Forschen jene reflektierende Arbeit geschoben, die notwendig ist, um genügend Distanz zu schaffen, damit die Er-Fahrung zur Er-Kenntnis führen kann.“ (Vorbemerkung, S. 12) „Laut müssen wir gegen Armut werden“, diesen plakativen Titel gibt Karl August Chassé seinem Nachwort (S. 288 ff.). Er betont, dass es ein Leitmotiv im Werk von M. Zander sei, „die gesellschaftliche Praxis von Armutsbekämpfung generell und speziell von Kinderarmut voranzubringen.“ (S. 288)

Die Vernunft, heißt es, spricht manchmal mit leiser Stimme. Aber eine leise Stimme kann zuweilen mehr Gewicht haben und mehr bewirken als lautes Geschrei. Margherita Zander wird nie laut. Das hat eine Wissenschaftlerin nicht nötig, die argumentieren kann und die Argumente, die zählen, auf ihrer Seite weiß. Gehör verschafft sie sich auf lange Sicht durch deren „zwanglosen Zwang“ (Habermas).

Weitere einschlägige Buchpublikationen:

  • Ch. Butterwegge / K. Holm / M. Zander u.a.: Armut und Kindheit. Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich, VSA-Verlag: Hamburg ²2003. Dazu Rez. von P. Bünder: www.socialnet.de/rezensionen/885.php
  • K.A. Chassé / M. Zander / K. Rasch: „Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen“, Opladen 2003, 4. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2010. Dazu Rez. von A. Parpan-Blaser: www.socialnet.de/rezensionen/3141.php
  • K. A. Chassé / M. Zander: „Armut, Kinderarmut und Soziale Arbeit“. Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online, Beltz Juventa 2011 (www.erzwissonline.de).
  • M. Zander: „Armes Kind – starkes Kind? Die Chance der Resilienz“, VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden ³2010. Dazu Rez. von M. Liebel: www.socialnet.de/rezensionen/5530.php
  • M. Zander (Hg.): „Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis“, Wiesbaden ²2010. Dazu Rez. von S. Gerull: www.socialnet.de/rezensionen/2709.php
  • M. Zander / M. Roemer (Hg.): „Handbuch Resilienzförderung“, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2011. Dazu Rez. von A. Frindt: www.socialnet.de/rezensionen/10117.php

Rezensent
Prof. Dr. Norbert Rath
Professor für Sozialphilosophie an der Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Norbert Rath. Rezension vom 18.02.2015 zu: Margherita Zander: Laut gegen Armut - leise für Resilienz. Was gegen Kinderarmut hilft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2981-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18455.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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