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Klaus Bendel: Soziologie für die Soziale Arbeit

Cover Klaus Bendel: Soziologie für die Soziale Arbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 249 Seiten. ISBN 978-3-8487-0964-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema

Das Thema des Buches signalisiert bereits der Titel. Es handelt sich um das Vorhaben, soziologische Grundlagen und Themen für die Soziale Arbeit aufzubereiten.

Autor

Klaus Bendel kennt als Professor für Soziologie am Fachbereich Sozialwesen der Kath. Hochschule Nordrhein-Westfalen in Paderborn die Aufgabe, künftig in der Sozialen Arbeit tätige Personen mit Fragestellungen und Wissensbeständen aus der Soziologie vertraut zu machen, die für die Profession der Sozialen Arbeit relevant sind.

Entstehungshintergrund

Das Buch kann als erneuter Versuch angesehen werden, (angehende) SozialarbeiterInnen an eine mittlerweile zwar sprachlich halbwegs geläufige, jedoch eher wenig präzis gebrauchte Terminologie und an den Erkenntnisstand der wissenschaftlichen Soziologie heranzuführen. Dass bereits andere Einführungstexte in die Soziologie generell oder speziell für die Soziale Arbeit existieren (als willkürlich gewählte Beispiele seien die Monografien von Pries und Feldmann oder die Reader von Korte/Schäfers, Joas und Scherr genannt), verweist zum einen auf die Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens, die offenbar immer wieder zu neuen oder anderen Lösungen bzw. Lösungsversuchen motivieren. Zum anderen stellt sich für Bendels Buch zumindest implizit die Frage nach dem Mehrwert bzw. den Vorzügen gegenüber den aufgeführten, bereits vorliegenden Publikationen.

Aufbau

An die Einführung, in der die Bedeutung der Soziologie vornehmlich als Ressource für die Soziale Arbeit, als Lieferant grundbegrifflicher Präzisierungen und empirischer Daten verstanden wird, schließen sich vier Teile mit unterschiedlicher Zielrichtung und unterschiedlicher Länge an.

  1. Der erste Teil ist in zwei Kapitel untergliedert und widmet sich zwei soziologischen Grundbegriffen, (sinnhaftem) sozialem Handeln und systemhaften sozialen Beziehungen.
  2. Im zweiten Teil mit ebenfalls zwei Kapiteln werden spezielle soziale Aggregate (Gruppe, Netzwerke, Organisation) und die „Gesellschaft“ als übergreifendes Sozialsystem behandelt.
  3. Der dritte Teil beschäftigt sich mit Familie sowie mit am Lebensalter orientierten soziologischen bzw. sozialisationstheoretischen Themen (Kindheit, Jugend, Alter).
  4. In den zwei Kapiteln des vierten Teils werden theoretische Grundlagen und empirische Daten zur sozialen Ungleichheit und zur Armut dargestellt, die als ausgewähltes, für die Soziale Arbeit zweifellos relevantes soziales Problem gelten kann.

Inhalt

Der Zugang zum soziologischen Denken, der im ersten Teil eröffnet werden soll, erfolgt durch die Gegenüberstellung der Akteurperspektive in Form des sozialen Handelns und der Systemperspektive, die die Eigendynamik sozialer Strukturen und Beziehungen betont, die dem sozial Handelnden „als etwas vermeintlich objektiv Gegebenes … gegenübertreten“ (S.33). Die wechselseitige Abhängigkeit von Akteur- und Systemperspektive wird zur Erläuterung von Kultur, Institutionen, Werten, Normen und Rollen herangezogen, die einerseits zur Verstetigung sozialer Beziehungen führen, andererseits das Gelingen sozialen Handelns ermöglichen, indem sie die unvermeidliche doppelte Kontingenz abmildern, divergierende Situationsbewertungen von Akteur und Mitakteur vermeiden helfen. Um all die soziologische Begrifflichkeit und ihre Zusammenhänge zu verdeutlichen, genügen dem Autor knapp zwanzig Seiten.

Gegenstand des zweiten Teils des Buches sind soziale Aggregate, nämlich Gruppen, soziale Netzwerke und Organisationen. Ihre recht basale Beschreibung mündet in die Betrachtung der Gesamtheit der sozialen Beziehungen, der Gesellschaft: Es wird Entstehung und Veränderung der modernen Gesellschaft skizziert und ein Aufriss relevanter soziologischer Theorien der Gesellschaft gegeben. Auf anderthalb Seiten wird zunächst auf Theorien aufmerksam gemacht, die eine Dichotomie gesellschaftlicher Sphären annehmen, etwa Gemeinschaft und Gesellschaft oder System und Lebenswelt. Anschließend wird auf die kritisch hierzu positionierte Systemtheorie von Parsons und ihre Weiterentwicklung durch Luhmann eingegangen.

Der dritte, umfangreichste Teil des Buches beginnt mit einem Überblick über die Familiensoziologie. Aufgaben von Familie und deren Funktionswandel in der modernen Gesellschaft werden skizziert. Daran schließen sich Ausführungen zur Soziologie der Kindheit an. Es folgt danach ein Kapitel über Aspekte und Ergebnisse der Jugendsoziologie (unter anderem zu schulischen Entwicklungsaufgaben und Freizeitverhalten). In dem „Jugend-Kapitel“ bringt der Autor bemerkenswerterweise auch seine Ausführungen über abweichendes Verhalten und Kriminalität unter. Das letzte Kapitel des dritten Teils ist der Soziologie des Alters vorbehalten. Hier werden zentrale Daten zum demografischen Wandel sowie besondere Problemlagen im Alter vorgestellt und diskutiert.

Im vierten und letzten Teil des Buches wird zunächst auf das Thema „soziale Ungleichheit“ eingegangen. Relativ ausführlich werden soziale Schichtungs- und Milieumodelle sowie Modelle zur Bestimmung von Einkommensungleichheiten dargestellt und die dazugehörige Datenlage für Deutschland wiedergegeben. Im Kapitel über das soziale Problem der Armut werden zentrale Konzepte von Armut vorgestellt, diskutiert sowie mit einigen neueren Statistiken illustriert.

Diskussion

Sicherlich kann man dem Buch von Bendel nicht vorwerfen, dass es – wie andere Einführungen in die Soziologie auch – bestimmte Schwerpunkte setzt. Positiv hervorzuheben ist, dass das Buch – soweit es die Rezensentin beurteilen kann – in seiner inhaltlichen Darstellung sachlich korrekt ist und auch kaum sprachliche oder bibliografische Fehler aufweist. Zudem gelingt es dem Autor beispielsweise vergleichsweise gut, in wenigen Absätzen Fachtermini wie „doppelte Kontingenz“ auf eine wohl auch für soziologische Laien verständliche Weise zu erläutern. Für soziologische Lehrveranstaltungen gut verwendbar, wenngleich durch methodische Erläuterungen ergänzungsbedürftig, sind die beiden abschließenden Kapitel über soziale Ungleichheit und das soziale Problem der Armut. An diesen beiden Kapiteln überzeugt das zurückhaltende Grundkonzept des Buches, das die Soziologie auf die Funktion der Beobachtung und Beschreibung beschränkt, trotzdem einen reflektierten und kritischen Zugang zu Themen und Problemen dieser Profession ermöglicht.

Es bestehen allerdings Zweifel, ob die Publikation bei soziologischen Laien tatsächlich zur kritischen Aneignung soziologischen Denkens führt, wenn etwa symbolischer Interaktionismus und rational choice-Theorien (S.34) zwar angemessen unter akteurtheoretische Ansätze subsumiert werden, ihre fundamentalen Differenzen jedoch unerörtert bleiben. Skepsis ist auch angebracht, ob sich soziologische Laien hinreichend mit den Fachtermini Kultur, Institutionen, Werte, Normen und Rollen vertraut machen können, wenn diese lediglich auf zweieinhalb Seiten dargestellt werden (S. 27 ff.), vom Erwerb eines differenzierten Wissens ganz zu schweigen. Vielleicht hätte der Autor diese soziologisch relevanten Ausführungen gegenüber den Kapiteln über Familie, Kindheit oder Jugend stärker gewichten können, zumal zu diesen drei Themen anderweitige Einführungsliteratur existiert (auf die sich der Autor auch teilweise stützt).

Fazit

Die Veröffentlichung kann im Rahmen von soziologischen Lehrveranstaltungen für Studierende der Sozialen Arbeit verwendet werden. Als Lehrende/r in diesem Fachgebiet wird man jedoch je nach thematischer Ausrichtung der Lehrveranstaltung weitere Literatur heranziehen, um die Studierenden mit soziologischen Denkweisen vertraut zu machen. Es handelt sich mithin bei der Veröffentlichung nicht – wie der Titel verspricht – um die „Soziologie“ für die Soziale Arbeit, sondern um eine „Einführung in die Soziologie“, die wie andere Einführungen neben Stärken auch gewisse Schwächen aufweist.


Rezension von
Prof. Dr. Christel Walter
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Zitiervorschlag
Christel Walter. Rezension vom 06.10.2015 zu: Klaus Bendel: Soziologie für die Soziale Arbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-0964-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18458.php, Datum des Zugriffs 25.09.2021.


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