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Reinhard Neck (Hrsg.): Wirtschaftsethik nach der Wirtschafts- und Finanzkrise

Cover Reinhard Neck (Hrsg.): Wirtschaftsethik nach der Wirtschafts- und Finanzkrise. Duncker & Humblot (Berlin) 2015. 336 Seiten. ISBN 978-3-428-14457-0. D: 99,90 EUR, A: 102,70 EUR, CH: 135,00 sFr.

Wirtschaftsethische Perspektiven, Teil 10.
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Thema

Die Finanz- und darauf folgende Wirtschafts- und in Teilen sogar Staatskrise, die im Jahre 2007 ihren Anfang nahm, gehört zu jenen politischen Großereignissen, die dringend der Aufarbeitung bedürfen. Ökonomische Ansätzen dürfen hierbei nicht fehlen. Der hier anzuzeigende Band, vom Klagenfurter Volkswirt Reinhard Neck in der Schriftenreihe „Wirtschaftsethische Perspektiven“ des Vereins für Socialpolitik herausgegeben, macht durch seinen Titel neugierig: „Wirtschaftsethik nach der Finanz- und Wirtschaftskrise“. Zehn Beiträge von renommierten Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftsethik lassen erwarten, dass hier Erklärungen für die Ursachen und den Verlauf der Krise geliefert werden und – nicht zuletzt – was die akademischen Disziplinen aus dieser Krise gelernt haben.

Aufbau und Inhalte

Befindet sich die Welt tatsächlich schon nach der Krise und bedeutet dieses ‚Danach‘ nicht schon wieder ein ‚Davor‘? Hat der Kapitalismus als Basis polit-ökonomischer Theorien und Praxen sich selbst ad absurdum geführt, oder bedarf er vielmehr seiner Befreiung von staatlicher Einflussnahme? Es ist enttäuschend, dass diesen Frage gar nicht nachgegangen wird. Allein drei der hier versammelten Aufsätze thematisierten explizit die Finanz- und Wirtschaftskrise aus einer wirtschaftsethischen Perspektive; der Rest befasst sich mit „grundlegenden Fragen zur theoretischen Positionierung der Wirtschaftsethik im Spannungsfeld zwischen Ethik […] und Wirtschaftswissenschaften“ (S. 5f.) – das sind:

  • Peter Koller: „Ethik und Ökonomik – ein Begriffsrahmen“,
  • Karl Homann: „Theoriestrategien der Wirtschaftsethik“,
  • Harald Stelzer: „Moral und Wirtschaft als Problemlösungsprozesse“ und
  • Michael Schramm: „Die menschliche Natur ‚schubsen‘: Moralökonomisches Anreizmanagement in der Behavioral Business Ethics“ -

bzw. „Problemen der Ethik auf der Ebene des Betriebs und jener der Volkswirtschaft“ (S. 6) – das sind:

  • Michaela Haase: „Ethische Dimensionen von Marketingtheorien: Das Beispiel von Transaktionen und Beziehungen“,
  • Diana Grosse: „Die geschichtliche Entwicklung der Betriebsratsmitbestimmung“ und
  • Reinhard Neck: „‚Rationalisierung der Wirtschaftspolitik‘ oder rationale Begründung von Wirtschaftsethik?“.

Weder kann noch soll hier der Wert der einzelnen Beiträge in Frage gestellt werden, doch ist es als unglückliche Titelwahl zu werten, wenn zum annoncierten Thema so wenig Substanz zu verzeichnen ist. Im Folgenden werden vor allem die Beiträge ausführlicher besprochen, die sich mit der wirtschaftsethischen Betrachtung der Finanz- und Wirtschaftskrise beschäftigen, während die anderen eher kursorisch erwähnt werden. Zudem werden einige Probleme hervorgehoben, welche die Mehrzahl der Beiträge im Sinne wirtschaftsethischer Herausforderungen durchziehen.

Der 2012 überraschend verstorbene Wirtschaftsethiker Peter Koslowski liefert in seinem Beitrag „Finanzkrise und Finanzethik: Financial Overstretch und Hyperspekulation als wirtschaftsethisches Problem“ eine Analyse des Phänomens. Einen wesentlichen Grund sieht er im „Glauben“ vieler Ökonomen, die im Finanzmarkt einen nahezu vollständigen Markt erblicken, in dem der Verzicht auf Ethik und ethische Ökonomie möglich erscheine (S. 134). Hinzu komme ein unterbestimmtes Verständnis vom Medium Geld, was zu permanenter Abstraktion im Handeln führe und damit auch hinsichtlich der Verantwortung. Die Spekulation als wesentliches Handeln der Banken sei weniger durch die Gier Einzelner als vielmehr durch die Hybris der Organisationen immer weiter getrieben worden. Diese Hybris, „eine komplexe Verhaltens- und Einstellungskonstellation von überzogenem Stolz mit Verlust der realistischen Wahrnehmung der Außenwelt“ (S. 141), sei nicht zuletzt dadurch bestätigt worden, dass die Staaten die Banken über steuerfinanzierte Bailouts (Koslowski spricht von „Konkursverschleppung“, S. 139) gerettet hätten. Die Spekulation sei zum Hauptziel der Firma und ihres Managements geworden und eben diese Verschiebung müsse wirtschaftsethisch thematisiert werden, weil sie schädliche Folgen für Markt und Gesellschaft hätte.

Joachim Wiemeyer, Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Bochum, untersucht in seinem Beitrag die „Finanzmarktspekulation aus der Sicht der Christlichen Sozialethik“. In seiner Relektüre der kirchlichen Stellungnahmen und sozialethischen Forschungen kommt er zu dem Ergebnis, dass beide Seiten die Spekulation als ein wirtschaftsethisch vertretbares Phänomen ansähen, wo sie den Realmärkten dient (S. 163). Grundsätzlich offenbare die Spekulation allerdings ein ethisches Dilemma: Einerseits könnten Risiken so besser gestreut werden, andererseits könnte die Spekulation die Realmärkte destabilisieren. Eine global einheitliche Rahmung der Spekulation erweise sich als schwierig, da unterschiedliche Risikokulturen, etwa in den USA und in Europa, gemeinsame Vereinbarungen erschwere. Gegenwärtig hätten wir einen Zustand erreicht, der der Großen Depression von 1929 ähnele: Die Asymmetrie zwischen Markt und seinen Kontrollorganen sei enorm gewachsen, die Finanzmärkte hätten sich nahezu vollkommen von den Realmärkten entkoppelt. Zugleich aber hätten die Spekulationen massive realwirtschaftliche Auswirkungen, wie sich am Phänomen der Spekulation auf Nahrungsmittel oder beim Land-Grapping zeige (S. 174f.). Wiemeyer sieht in der jüngsten Finanzkrise das „anthropologisch-historische Wissen der katholischen Soziallehre bestätigt“ (S. 175). Wirtschaftsethisch wäre hier nach der Implementierung des als moralisch richtig Erkannten zu fragen – ein Punkt, den Karl Homann in seinen Arbeiten immer wieder herausstellt.

Helge Peukert, Professor für Finanzwissenschaften an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt, legt eine Analyse der Finanz und Staatsschuldenkrise in fünf Aspekten vor, die sich dem Thema am konsequentesten und pointiertesten nähert. Um eine Ethik der Finanzmärkte zu entwickelt, fragt er

  1. nach deren zugrunde liegenden Anthropologie,
  2. deren Paradigmen
  3. und Wirkungszusammenhängen,
  4. einer normativen Bestimmung des Sinns von Wirtschaften, und
  5. nach einer selbstaufgeklärten Regulationsethik.

Seine Lektüre von Insiderberichten von (ehemaligen) Investmentbankern und Hedgefond-Managern führen zu der These: „Wenn es um viel Geld geht, bedarf es einer Anthropologie der Worst Cases: Man rechnet mit den abträglichsten menschlichen Verhaltensweisen, um keine allzu bösen Überraschungen zu erleben“ (S. 186). Finanzmärkte gehörten zu der Welt, in der das Extreme gefordert und gefördert werde; die gesamten Strukturen beförderten eine exzessive Spekulation, die installierten Sicherheitsnetze und staatlichen Bailouts verstärkten diese Neigung und damit auch das Trittbrettfahren. Dem hält Peukert eine Gestaltung der Finanzmärkte unter der Voraussetzung einer Sozialen Marktwirtschaft und Demokratie entgegen. Unter den in diesem Band versammelten Beiträgen ist der von Peukert derjenige, der am eindringlichsten auf die demokratiegefährdenden Momente der viel zu schwach regulierten Finanzmärkte hinweist und die Politik zur Rückeroberung der eigenen Gestaltungsspielräume in der Geldpolitik auffordert. „Wirtschaftsethisch ist die Mischung aus opportunistischer Liebedienerei zugunsten der Finanzindustrie, Halbwahrheiten, theorielosen Meinungswechseln, Rechtsbeugungen, Zielaushöhlungen (EZB), Enteignung der (Klein-)Sparer, Bankensubventionen und vielen mehr eine […] als katastrophal zu bezeichnende Situation“ (S. 211), die schließlich zu „Moralverzehr“, „Abbau von Sozialkapital und einer Schwächung der Fundamente der Sozialen Marktwirtschaft und der repräsentativen Demokratie“ führe (S. 212). Peukert appelliert nicht, sondern argumentiert und zeigt realistische Handlungsalternativen auf.

Fazit

Betrachtet man den Band in seinen inneren Verweisungen, so lässt die Lektüre vier Kernpunkte erkennen.

  1. Erstens sind Stellung, Gegenstand und Methode der Wirtschaftsethik noch immer strittig, insbesondere das Verhältnis von eigennützigem Handel und moralischer Orientierung an den Anderen ist weitgehend unterbestimmt.
  2. Zweitens hat sich das homo oeconomicus Modell sowohl in seinen Voraussetzungen wie seiner Prognosefähigkeit als unbrauchbar erwiesen, was aber in Theorie und Praxis noch nicht zu umfassenden Revisionen geführt.
  3. Drittens verfügen weder Wirtschaftswissenschaften noch Wirtschaftsethik über ein realitätsgerechteres und leistungsfähigeres Modell. Hierfür wäre wohl aus normativer Perspektive anders als bei den Präferenzen anzusetzen.
  4. Dass offenbar viel Geld im Menschen vornehmlich irrationale Handlungsweisen hervorruft, ist ein viertes Thema, das systematischer untersucht werden sollte. Hier bedarf es eines robusteren Verständnisses des Geldes, das bereits in den Realmärkten, vor allem aber in digitalisierten Finanzmärkten in seiner Medialität neu bestimmt werden muss.

Rezensent
Prof. Dr. Arne Manzeschke
Homepage www.evhn.de
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Zitiervorschlag
Arne Manzeschke. Rezension vom 12.09.2016 zu: Reinhard Neck (Hrsg.): Wirtschaftsethik nach der Wirtschafts- und Finanzkrise. Duncker & Humblot (Berlin) 2015. ISBN 978-3-428-14457-0. Wirtschaftsethische Perspektiven, Teil 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18462.php, Datum des Zugriffs 01.05.2017.


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