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Andrea Schiff (Hrsg.): Familien in kritischen Situationen der klinischen Pflege

Rezensiert von Dr. phil. Bärbel Schümann, 02.03.2015

Cover Andrea Schiff (Hrsg.): Familien in kritischen Situationen der klinischen Pflege ISBN 978-3-8474-0163-6

Andrea Schiff (Hrsg.): Familien in kritischen Situationen der klinischen Pflege. Forschungsergebnisse und innovative Konzepte für die Pflegepraxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 207 Seiten. ISBN 978-3-8474-0163-6. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen (Köln): Schriften der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Band 20.

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Thema

Familien geraten mitunter in kritische Situationen, wenn schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen bei den Kindern auftreten, oder das Kind gar lebensbedrohlich erkrankt. Der vorliegende Band fokussiert empirische Untersuchungen verschiedener Situationen der klinischen Pflege und skizziert die Erwartungen der Familienmitgliedern und der Pflegenden, an die in gleichem Maße hohe Anforderungen gestellt werden. In neun qualitativen Forschungen werden unterschiedliche Krisensituationen pädiatrischer Intensivpflegesituationen dargestellt. Während ein Teil der Arbeiten den aktuellen Forschungsstand internationaler Studien prüft, werden in anderen Beiträgen die Ergebnisse eigener empirischer Untersuchungen vorgestellt, um darauf aufbauend neue innovative Pflegekonzepte (z.B. das Patiententagebuch als Kommunikationsmedium zwischen Pflege und Angehörigen) vorzustellen. Während sich beispielsweise eine Forschung mit Risikoschwangerschaften und vorgeburtlichen Krisensituationen beschäftigt, wird in einer anderen Studie die Pflege Frühgeborener untersucht. In einer weiteren Untersuchung wird die Eltern- Anwesenheit bei Reanimationen analysiert. Da bei jedem Familienmitglied Wünsche und Ängste differieren, richtet eine Forschung den Blick auf den Umgang mit Trauer bei Kindern (Kinder zeigen andere Trauerphasen als Erwachsene, S.110); ein weiterer Beitrag richtet sich an den Umgang mit sogenannten hirntoten Patienten.

An der Schnittstelle zwischen Pflegewissenschaft und Pädagogik werden verschiedene Methoden professioneller Pflege aufgezeigt, die bislang wenig beachtete Themen aufgreifen (z.B. die Bedeutung posttraumatischer Belastungsstörungen von Eltern mit Risikoschwangerschaften) und nehmen durch Themen, wie „Haltung“ und dem „Dilemma: Schützen wollen zwischen Fürsorge und Autonomie“, eine grundlegende Orientierung vor, die für beide Professionen bedeutsam sind.

In einer abschließenden Bewertung führt die Herausgeberin in beeindruckender Weise alle Beiträge zusammen und vertieft somit noch einmal die einzelnen Themenbereiche.

Herausgeberin, Mitautorinnen und Mitautoren und Entstehungshintergrund

Die Herausgeberin, Prof. Dr. Andrea Schiff und ihre zehn MitautorInnen verfügen über langjährige Erfahrungen in der Gesundheits- und Krankenpflege, insbesondere über Kompetenzen in der Intensiv- und Anästhesie- Pflege und somit über Kenntnisse kritischer Situationen der klinischen Pflege. Prof. Dr. Andrea Schiff hat eine Professur für Pflegewissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein- Westfalen, Abteilung Köln (KatHO NRW) inne und fokussiert in ihrer Forschung die Bereiche klinische und kritische Pflege, sowie Mobilität.

Im Rahmen des vorliegenden Bandes 20 der „Schriften der KatHO NRW“, werden neun ausgewählte pflegewissenschaftliche Qualifikationsarbeiten auf Bachelor- und Masterniveau vorgestellt. Die „Schriften der KatHO NRW“ sind eine Zusammenstellung von Monografien, Herausgeberbänden und Sammelwerken. Sie sind angelehnt an Veranstaltungen und Forschungsschwerpunkte der Fachbereiche Sozial- und Gesundheitswesen der Katholischen Hochschule Nordrhein- Westfalen, Abteilung Köln und erscheinen im Verlag Barbara Budrich. (vgl. www.katho-nrw.de/; http://www.budrich-verlag.de)

Zielgruppe

Primär richtet sich Band 20 mit den Forschungsergebnissen und innovativen Konzepten an Pflege-wissenschaftlerInnen und Pflegepersonen in der Pflegepraxis. Da jedoch gesundheitliche Beeinträchtigungen von Kindern und deren Familien in den Blick genommen werden, sind die Forschungsergebnisse ebenso für ErzieherInnen und Beschäftigte in Frühpädagogischen Bildungseinrichtungen relevant.

Aufbau

Der vorliegende Band ist in drei Teile untergliedert und richtet sich primär an PflegewissenschaftlerInnen und Pflegepraktiker.

  1. Geleitwort von Prof. Dr. Sabine Metzing der Fakultät für Gesundheit Universität Witten/ Herdecke (Department für Pflegewissenschaft, Schwerpunkt Kinder und Jugendliche) und ein einführendes Vorwort der Herausgeberin mit dem Hinweis, dass in fünf Beiträgen der thematische Zugang über Literatur erfolgt und vier der Beiträge Zusammenfassungen empirischer Untersuchungen des qualitativen Forschungsdesigns beinhaltet.
  2. Vorstellung der neun einzelnen Beiträge der MitautorInnen.
  3. Zusammenführung und Vertiefung aller vorgestellten Themenbereiche durch die Herausgeberin.

Zu Teil 1.

In ihrem Geleitwort konstatiert Frau Prof. Dr. Sabine Metzing, dass erfreulicherweise in den vergangenen Jahren ein zunehmendes Bewusstsein für die Relevanz einer familienorientierten Gesundheitsversorgung in Deutschland beobachtet werden kann. Sie wünscht dem Buch neben Verbreitung, dass es andere Studierende motiviert sich ebenso praxisrelevanten Fragestellungen zu widmen, um das Wissen über Familien in der Gesundheitsversorgung zu mehren. Die Herausgeberin stellt in ihrem einführenden Vorwort Methodik und Inhalte der einzelnen Forschungen vor.

Methodisch beginnen alle Beiträge mit einer Einleitung zu Hintergrund und Relevanz des Themas, gefolgt von der Entwicklung der Forschungsfragen. Je nach Vorgehen, wird der theoretische Rahmen, der für die Interpretation der Ergebnisse leitend ist, vorangestellt oder aus den Daten heraus entwickelt. Der Schwerpunkt der Beiträge liegt auf der Ergebnis- Darstellung und nach Absprache der MitautorInnen wurden die wichtigsten Ergebnisse ausgewählt. Die einzelnen Ergebniskategorien werden mit entsprechenden Ankerbeispielen ausführlich beschrieben. Im Anschluss an das Literaturverzeichnis wird in tabellarischer Form die Literaturrecherche, mit Rechercheart, Rechercheort, Suchbegriffen, relevanter Literatur, sowie Ein- und Ausschlusskriterien dargestellt.

Inhaltlich sind die Beiträge im Band so gewählt, dass sie mit kritischen Situationen um die Geburt beginnen und chronologisch nach Lebensalter geordnet sind: Frühgeborene, Kinder, Erwachsene.

Zu Teil 2.

Es schließen sich die neun Einzeldarstellungen der Untersuchungen an.

  1. Kerstin Bukowski: Väter und Mütter frühgeborener Kinder auf der neonatologischen Intensivstation
  2. Kerstin Bukowski:Die Beziehung zwischen Pflegenden und Eltern auf der neonatologischen Intensivstation
  3. Simone Kügler: Mitaufnahme von Eltern zur Unterstützung einer familienorientierten Pflege im Kinderintensivbereich- Die Perspektive von Eltern und Pflegenden
  4. Heike Baumeister: Elternanwesenheit während einer kardiopulmonalen Reanimation auf der Kinderintensivstation – Die Perspektive der Eltern
  5. Kremp Annette, Ralf Schmitz: Reanimation im Beisein von Angehörigen, insbesondere der Eltern- Die Perspektive der professionellen Helfer
  6. Tanja Helmes: Trauernde Geschwister in Kinder- und Jugendhospizen
  7. Tatjana Roos: Belastungen von Pflegenden in der Pflege von sogenannten hirntoten Patienten auf Intensivstation
  8. Janne Werner, Tanja Helmes: Präpartale Elternsprechstunden durch neonatologisches Pflegepersonal in der Betreuung Risikoschwangerer
  9. Claudia Groß: Patiententagebücher auf Intensivstation- Eine Betrachtung aus Sicht der Pflegenden

Beispielhaft sei auf die Beiträge von Kerstin Bukowski verwiesen, da hier der Biografiearbeit für den Frühpädagogischen Bereich eine neue Bedeutung zukommt (S.18ff). Es stellt sich die Frage, in wie weit die Umstände vor und während der Geburt im Aufnahmegespräch einer Kindertageseinrichtung kommuniziert werden. Beispielsweise Fragen, wie:

  • In welcher Situation befanden sich die Eltern (die Mutter) während der Schwangerschaft?
  • Wie verlief die Schwangerschaft / die Geburt? Gab es Komplikationen? Wenn Ja: Welche?
  • Wie haben die Eltern die Situation, die Komplikationen verkraftet?
  • In wie weit haben „posttraumatische Belastungsstörungen“ für die Eltern eine Rolle gespielt oder spielen (noch) eine Rolle?
  • Welche Auswirkungen hat die „Belastungsstörung“ auf die Beziehungs- und Bindungsgestaltung zwischen Eltern und Kind?

Zu Teil 3.

Im dritten Teil führt die Herausgeberin alle einzelnen Themen zusammen. Dabei weist sie darauf hin, dass an dieser Stelle keine Zusammenfassung vorgenommen werden soll und ebenso nicht alle Themen erneut aufgegriffen werden können, die sicherlich weitere Auseinandersetzung verdient hätten. Es ist vielmehr ihr Anliegen, die Themen zu vertiefen, die quer zu den Beiträgen liegen und aus ihrer Sicht weitere Bearbeitung, Konzeptionen und weiterer Forschung bedürfen (S.187). Diese Themen sind:

  • Krisensituationen
  • Situation der Familie
  • Da sein und schützen - Die Perspektive der Familie: Der Wunsch, da sein zu wollen und beteiligt zu werden – Die Perspektive der Pflegenden: Familienangehörige schützen wollen – Die Perspektive der Pflegenden: Ein krankes Familienmitglied schützen wollen – Das Dilemma: „Schützen wollen“ zwischen Fürsorge und Autonomie
  • Kommunikation: Die richtigen Worte finden
  • Beziehung zwischen Familien und Pflegenden: Nähe und Distanz
  • Wertschätzung und Anerkennung erfahren
  • Geeignete Rahmenbedingungen schaffen. Exemplarisch sei hier auf den Themenbereich: Das Dilemma: „Schützen wollen“ zwischen Fürsorge und Autonomie hingewiesen. So vermutet die Herausgeberin, dass sich hinter der „schützenden“ Haltung der Pflegenden möglicherweise ein grundlegender ethischer Konflikt verbirgt, der für das Berufsfeld zentral ist: Das Verhältnis zwischen pflegerischer Fürsorge und Wahrung der Autonomie von Patienten und ihren Angehörigen (vgl. Dallmann/Schiff, 2007, In: Schiff, 2014:194).

Dieses Spannungsfeld ist pädagogischen Fachkräften ebenfalls bekannt und die Erkenntnis kann möglicherweise auch für Beschäftigte in Frühpädagogischen Bildungseinrichtungen bedeutend und geltend sein.

Diskussion

Mit dem Titel „Familien in kritischen Situationen der klinischen Pflege“, den vorgestellten Forschungsergebnissen und innovativen Konzepten für die Pflegepraxis, wenden sich die Herausgeberin und die MitautorInnen primär an PflegepraktikerInnen und Pflegewissen-schaftlerInnen.

Aufgrund verstärkter Inanspruchnahme Frühpädagogischer Einrichtungen, werden auch ErzieherInnen zunehmend mit kritischen Situationen konfrontiert, in denen die zu betreuenden Kinder schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen durchstehen müssen und die Familienangehörigen zu begleiten sind.

Da die Beiträge im Band so gewählt sind, dass kritische Situationen um die Geburt beginnen und chronologisch nach Lebensalter geordnet sind (Frühgeborene, Kinder, Erwachsene), ist ein guter Nachvollzug in und für die bestimmten Lebensphasen möglich.

Des Weiteren leisten die vorgestellten Untersuchungen einen wesentlichen Beitrag für Studienzwecke. Im Bereich empirischer Sozialforschung mit Schwerpunkt „Qualitativer Forschung“ können die Suchstrategien und die Trefferaufbereitung beispielhaft dienen. Somit sind die Beiträge und Forschungsergebnisse gleichermaßen für Pflege, Pädagogik, Forschung und Lehre von Interesse.

Fazit

Die Forschungsergebnisse der Schriften KatHO NRW (Band 20) schlagen eine Brücke zwischen Pflegewissenschaft und Pädagogik. Im Hinblick auf die aktuelle epidemiologische Situation in Deutschland und möglicherweise traumatischen Erfahrungen frühgeborener Kinder, besteht verstärkter Informationsbedarf sowohl für Pädiatrie- Pflegefachkräfte als auch (Früh) – Pädagogische Fachkräfte.

In Bezug auf Aus- und Weiterbildung kann hier angesetzt werden, indem für pädiatrische Pflegefachkräfte verstärkt Schulungen zu Kommunikations- und Bewältigungsstrategien in kritischen Situationen klinischer Pflege angeboten werden. Die Veröffentlichung zeigt außerdem, dass für Frühpädagogische Fachkräfte verstärkter Informationsbedarf zu den Themen: Aufnahmegespräch hinsichtlich evtl. posttraumatischer Belastungsstörungen der Eltern und Beziehung/ Bindung zum Kind, sowie Übergangsgestaltung (Transition) von der Klinik in die Familie und/ oder in Kindertageseinrichtungen, bestehen kann. In der im Fazit von der Herausgeberin hergestellten Korrelation zwischen der Thematik kritischer Familiensituationen und der Theorie des systemischen Gleichgewichts nach Friedemann, fragt sie danach, ob im Sinne der Theorie das „Da- Sein“ von Angehörigen in Krisensituationen als Wachstumsform interpretiert werden könne (S.201). Damit schlägt die Herausgeberin den Bogen zum systemisch-konstruktivistischen Ansatz, der für beide Professionen bedeutsam ist.

Rezension von
Dr. phil. Bärbel Schümann
Diplom Pflegewirtin (FH), Entspannungs- und Suchtpädagogin (gemäß § 20 SGB V), Lehrbeauftragte Hochschule Koblenz.
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Es gibt 2 Rezensionen von Bärbel Schümann.

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ISSN 2190-9245