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Rolf Werning, Meltem Avci-Werning: Herausforderung Inklusion in Schule und Unterricht

Cover Rolf Werning, Meltem Avci-Werning: Herausforderung Inklusion in Schule und Unterricht. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2015. 190 Seiten. ISBN 978-3-7800-4820-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

In diesem Buch geht es darum, wie Inklusion in der Schule umgesetzt und weiter entwickelt werden kann. Die Autoren befürworten die Inklusion, legen aber dennoch Wert darauf, auch die Schwierigkeiten und Widersprüche zu benennen, ohne ihnen jedoch Vorrang einzuräumen. Sie möchten Entwicklungen und Forschungsergebnisse sowie konkrete Perspektiven aufzeigen. Das Buch richtet sich an Lehrkräfte und andere in der Schule tätige Personen.

Autor und Autorin

Dr. phil. Rolf Werning ist seit 1997 Professor für Pädagogik bei Lernbeeinträchtigung an der Universität Hannover.

Dr. rer.nat. Meltem Avci-Werning ist Diplompsychologin und psychologische Psychotherapeutin und seit 1998 als schulpsychologische Dezernentin an der Niedersächsischen Landesschulbehörde in Hannover tätig.

Inhalt

Im ersten Kapitel wird die Frage nach der Bedeutung der Inklusion gestellt. Es beginnt mit Anregungen zur Reflexion über die eigene Einstellung zur Inklusion. Anschließend wird die historische Entwicklung der Diskussion skizziert, von der Integration behinderter Kinder in allgemeine Schulen mit sonderpädagogischer Unterstützung hin zur Inklusion, bei der Heterogenität als Bereicherung gesehen wird und nicht nur Kinder mit Behinderung sondern auch Kinder mit anderen Benachteiligungen und/oder Entwicklungsrisiken berücksichtigt werden. Die Autoren verweisen auf die UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland 2009 in Kraft getreten ist, wobei Inklusion in verschiedenen nationalen und regionalen Kontexten eine unterschiedliche Bedeutung bekommen kann.

Im zweiten Kapitel geht es um „Heterogenität als schulische Herausforderung“. Im Gegensatz zur herkömmlichen Schule, in der möglichst weit gehende Homogenität in den Lerngruppen angestrebt wird, geht es bei der inklusiven Pädagogik darum, auf selektive Prozesse zu verzichten. Es gilt, einerseits die Verschiedenheit der Kinder zu respektieren und andererseits das Recht aller Kinder auf eine Gleichbehandlung zu beachten. „Dieser Widerspruch kann nicht aufgelöst, sondern nur pädagogisch bearbeitet werden.“

Die Autoren beschreiben die Problematik der frühen Homogenisierung von Lerngruppen auch im Hinblick auf die Manifestierung sozialer Ungleichheit. Im Gegensatz dazu stellen heterogene Lerngruppen zwar oft eine pädagogische Herausforderung dar, bergen aber auch die Chance auf die Entwicklung „reicher Persönlichkeiten“. Die Autoren stellen empirische Untersuchungen zu relevanten diesbezüglichen Fragestellungen vor und kommen zu dem Schluss, dass es „keine nachhaltigen und überzeugenden Argumente gegen Inklusion“ gibt, dass „mehr Heterogenität im Unterricht jedoch keineswegs automatisch zu einer Verbesserung der Lern- und Entwicklungsbedingungen für alle Kinder und Jugendlichen“ führt.

Bei der Inklusion geht es weniger um organisatorische Details, sondern vielmehr um ein Umdenken auch von „Beziehungskonstruktionen“ der Institution Schule zu den Schülern. Nicht das Kind soll sich der Schule anpassen, sondern die Schule soll sich auf die Individualität jedes Kindes einstellen. Diese Vision erfordert Unterstützung auf vielen Ebenen und ist als „Sparpaket“ nicht denkbar.

Im dritten Kapitel geht es um das ABC der interkulturellen Arbeit an der inklusiven Schule. Kulturelle Vielfalt und Offenheit gegenüber dem „Anderssein“ und der Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen ist in der heutigen Gesellschaft und in der Schule selbstverständlicher geworden, dennoch wird der Schulalltag nicht immer positiv davon beeinflusst. Bei der Beurteilung von diesbezüglichen Problemen und Fragestellungen gilt es eine Balance zu finden zwischen den Polen individueller Entwicklung und herkunftsbezogener Prägung. Auf der Grundlage sozialpsychologischer Gruppenforschung und arbeiten die Autoren drei grundsätzliche Säulen heraus: A: Integration statt Assimilation; B: Kooperation statt Konkurrenz; C: Interkulturelle Kompetenzen.

Im vierten Kapitel geht es um Schulentwicklung. Die Anforderungen an die Qualität der Bildung ändern sich im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen. Die Autoren setzen sich kritisch mit dem Begriff der Qualität in der Bildung auseinander und beziehen Position für einen Qualitätsbegriff, der auch die inklusive Orientierung einer Schule berücksichtigt. Um Perspektiven einer inklusiven Schulentwicklung darzustellen, gehen die Autoren zunächst der Frage „Was ist eine gute Schule?“ nach, bevor sie sich mit der „gute(n) inklusive(n) Schule“ auseinandersetzen. Schulentwicklungsprozesse setzen an „konkreten Problemstellungen im pädagogischen Alltag“ an, optimale äußere Bedingungen sind dennoch wünschenswert. Schulentwicklung beinhaltet Personalentwicklung, Unterrichtsentwicklung, Organisationsentwicklung und die Entwicklung der Beziehung der Schule zur Umwelt. Die Autoren stellen zwei Instrumente für den Umgang mit Heterogenität vor: den „Index für Inklusion“ und das „Bewertungsraster zu den schulischen Integrationsprozessen an der Aargauer und der Solothurner Volkshochschule“.

Im fünften Kapitel geht es um Unterrichtsentwicklung. Die Autoren vertreten die Ansicht, dass inklusiver Unterricht sich nicht grundsätzlich von herkömmlichem Unterricht unterscheidet, die erforderlichen Konzepte sind nicht grundsätzlich neu. Die Frage, wodurch guter Unterricht gekennzeichnet ist, ist nicht eindeutig zu beantworten, sie hängt auch von den angestrebten Zielen ab. Die Qualität ergibt sich auch aus weiteren Faktoren, so profitieren unterschiedliche Schüler von unterschiedlichen Methoden.

Die Autoren beschreiben theoriebasiert und praxisbezogen „Herausforderungen für guten Unterricht“, konkrete Maßnahmen für „Classroom Management/Klassenführung“, dem sie eine hohe Bedeutung beimessen, und ein Praxisbeispiel mit einer Beratung im Zusammenhang mit einem verhaltensauffälligen Kind, bei der das Classroom Management im Vordergrund steht.

Auf dieser Grundlage gehen die Autoren auf „Spezifische Anforderungen an Unterricht in inklusiven Lerngruppen“ ein, sowie auf besondere „Spannungsfelder inklusiven Unterrichts“.

Die Autoren untersuchen die häufig schwierigeren Bedingungen für „Inklusive(n) Unterricht in der Sekundarstufe I“ und beschreiben ausführlich ein Praxisbeispiel mit einer „Lernlandschaft“ für eine inklusive Lerngruppe dieser Altersstufe.

Der Abschnitt „Kooperatives Lernen im inklusiven Unterricht“ schließt das fünfte Kapitel ab. Die hohe Bedeutung des kooperativen Lernens wird begründet, empirische Befunde und konkrete praktische Hinweise werden vorgestellt.

Im sechsten Kapitel stellen die Autoren Kooperation in inklusiven Schulen als ein wesentliches Element gelingender Inklusion dar. Sie beschreiben Unterrichtsteams, die klassenübergreifend angelegt sind und nicht das ganze Kollegium umfassen, sowie verschiedene Formen der Kooperation zwischen gleichen und verschiedenen Professionen, auch im Unterricht, jeweils mit ihren Vorteilen und Risiken. Überlegungen zur „Kooperation der Lehrkräfte außerhalb des Unterrichts“ schließen dieses Kapitel ab. Hier wird zunächst ein Modell kooperativer Lernbegleitung vorgestellt, anschließend geht es um kollegiale Fallberatung.

Im siebten Kapitel geht es um die Einbindung von Eltern. Die Autoren beschreiben die häufig konfliktträchtige „Beziehung zwischen Elternhaus und Schule“ sowie „Perspektiven für die erfolgreiche Elterneinbindung“, die die unterschiedlichen Lebenswelten der Eltern berücksichtigen sollte. Praxisbeispiele folgen: die Entwicklung eines „niedrigschwellige(n) Elternaktivierungsangebots besonders für Hauptschulstandorte“, bei dem zu gemeinsamen Eltern-Kind-Aktionen eingeladen wurde; ein „Baukasten Familientraining“, in dem gemeinsam mit allen Betroffenen das Thema ausgewählt wurde und schließlich die Beschreibung einer „Zusammenarbeit mit Eltern in Familienzentren“, bei der die Pädagogen ihren Blick bewusst auf Ressourcen und Potentiale der Eltern-Kind-Beziehungen richten.

Die Autoren vertreten im achten Kapitel die Ansicht, dass professionelle, unter Umständen auch externe Beratung und Unterstützung für die Bewältigung der Veränderungen durch die Inklusion unerlässlich ist. Ein schulspezifisches, transparentes Beratungskonzept, das spezielle Themen umfasst, sollte unter Einbeziehung aller Lehrkräfte installiert werden. In Abgrenzung zur Psychotherapie werden die „Expertenberatung“ und die „Prozessberatung“ beschrieben, es folgen Möglichkeiten zur „Kooperation mit externen Einrichtungen“ und Ausführungen zu „videobasierte(r) Unterrichtsbeobachtung“, jeweils mit einem ausführlichen Praxisbeispiel.

Im neunten Kapitel, dem Fazit der Verfasser setzen die Autoren sich kritisch mit der gegenwärtigen Diskussion über Inklusion sowie mit deren Rahmenbedingungen auseinander und setzen sich dafür ein, dass Schulen ihre Situation analysieren und darauf aufbauend konkrete Schritte in Richtung von „Minimierung von Separation, von Ausgrenzung und von Diskriminierung“ planen und umsetzen.

Diskussion

Das Ziel der Autoren war es, sowohl theoretisch gut fundierte Grundlagen als auch „Anregungen und konkrete Handlungsperspektiven“ aufzuzeigen. Diesem Anspruch sind sie konsequent gefolgt. Die Autoren greifen Kritik an der Inklusion auf, der Schwerpunkt des Buches stellen aber Argumentation, empirische Überprüfung und Handlungsperspektiven im Sinne der Vision der Inklusion dar.

Zusammenarbeit im Team ist nach Ansicht der Autoren ein wesentlicher Faktor für das Gelingen der Inklusion, den sie ausführlich beschreiben. Sie stellen verschiedene Ebenen dieser Zusammenarbeit auf akademischer Ebene vor. In den letzten Jahren tauchen allerdings in den Schulen immer häufiger Integrationsassistenzen für einzelne Schülerinnen und Schüler mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen auf. Wünschenswert wäre daher eine ebenso fundierte Analyse der Zusammenarbeit der Lehrkräfte mit diesen Assistenzen.

Fazit

Theoretisch /empirisch fundierte Anregungen für die praktische Gestaltung der Inklusion machen die Stärke dieses Buches aus. Wer sich umfassend über den aktuellen Stand der Diskussion um Inklusion informieren möchte und an der konkreten Weiterentwicklung von Schule und Unterricht in Richtung Inklusion interessiert ist, ist mit diesem Buch gut bedient.


Rezensentin
Ortrud Aden
M.A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften, z. Z. Tätigkeit in einer Autismusambulanz
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Zitiervorschlag
Ortrud Aden. Rezension vom 04.05.2015 zu: Rolf Werning, Meltem Avci-Werning: Herausforderung Inklusion in Schule und Unterricht. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2015. ISBN 978-3-7800-4820-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18472.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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