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Walter Mischel: Der Marshmallow-Test

Cover Walter Mischel: Der Marshmallow-Test. Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit. Siedler Verlag (München) 2015. 400 Seiten. ISBN 978-3-8275-0043-4. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Ich will alles – und das sofort!

Dass der in Wien 1930 geborene und 1938 vor der nationalsozialistischen Rassenpolitik in die USA geflohene Psychologe Walter Mischel erst 2014 seine bemerkenswerten und für die Entwicklungs- und Lernpsychologie bedeutsamen Forschungsergebnisse veröffentlichte („The Marshmallow-Test“) und der Münchner, zur Verlagsgruppe Random House gehörende Siedlerverlag am 9. März 2015 die deutsche Ausgabe vorlegte, verwundert. Denn die Ergebnisse der Tests und Versuche, die der Psychologe in den 1960er / 1970er Jahren mit Kindern im Kindergarten- und Vorschulalter durchführte, hatten bald erheblichen Einfluss auf die Lern-, Verhaltens- und Persönlichkeitspsychologie und wurden in zahlreichen Variationen und unterschiedlichen Situationen auch von anderen Psychologen wiederholt und erforscht. Walter Mischel schloss aus den Ergebnissen des Tests, dass die bis dahin für die Einschätzung und Bewertung von Verhaltensweisen angewandten Theorien nicht ausreichten, weil sie die situativen Bedingungen nicht berücksichtigten. Aus den Ergebnissen des Marshmallow-Tests entwickelte Mischel das „kognitive Persönlichkeitsmodell“, mit dem nicht nur der aktuelle Entwicklungsstand eines Kindes ermittelt und Fähigkeiten wie Selbstvertrauen, Stressbewältigung und soziale Kompetenz beobachtet werden könnten, sondern sich auch Einschätzungen und Vorhersagen über die weiteren Entwicklungen und Fähigkeiten, etwa beim Lernen, treffen ließen und solche sich sogar bestätigten.

Kurz die Testanordnung: Ein Forscherteam zeigt Kindern im Alter von etwa vier/fünf Jahren Süßigkeiten und weist sie darauf hin, sie sollten, allein gelassen, entscheiden, ob sie den Marshmallow sofort essen wollten; dann sollten sie eine Glocke läuten und damit ihren Wunsch anzeigen; oder ob sie warten möchten, bis der Versuchsleiter wieder ins Zimmer käme, denn dann würden sie zwei Marshmallows bekommen. Das Forscherteam wertete die vielfältigen Verhaltensstrategien des sich unbeobachtet fühlenden Kindes durch das Spiegelfenster aus und entwickelte daraus das „Belohnungsaufschubs-Paradigma“.

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte hat Walter Michel die Phänomene weiter erforscht und dabei insbesondere die Frage zu beantworten versucht, ob die oben genannten Fähigkeiten und Kompetenzen genetisch veranlagt seien oder gelernt und erworben werden könnten. Dabei fand er etwa eine Reihe von Variablen, die darauf hindeuten, dass die Art und Weise, wie Kleinkinder mit solchen Situationen umgehen, Auswirkungen auf ihre spätere, schulische und berufliche Entwicklung haben: „Die Fähigkeit zum selbsterlegten Aufschub einer Belohnung ist ein wichtiger Teil der Reifung unserer Persönlichkeit“.

Diese Einschätzung ruft geradezu nach einer pädagogischen Antwort! Denn ist es nicht so, dass, sowohl in der familiären, als auch in der institutionalisierten Bildung und Erziehung sich Ohnmacht und Unfähigkeit zeigen, angesichts der durch ökonomischer und Konsummacht sich aufdrängenden Einstellungen: „Ich will (kann) alles, und das sofort!“, wie auch der suggerierten Auffassung, dass der Mensch all das, was er zu können glaube, auch machen dürfe? Diese Anfrage schreit nach einem Perspektivenwechsel: In der medialisierten „Allzeit-bereit“-Mentalität drohen verloren zu gehen, was für ein humanes Menschsein und dem Streben nach einem guten, gelingenden Leben (Aristoteles) unentbehrlich ist: Sozialität und lokale und globale Verantwortungsethik Damit hier nicht der Eindruck entsteht, dass in der (notwendigen) Wachstums-, Konsum- und Gesellschaftskritik eine fatalistische Duftmarke gesetzt werden soll, wird mit Walter Mischel darauf verwiesen, dass es keinen Automatismus und schon gar keine unbedingten Ja-Ja- und Nein-Nein-Antworten gebe, wie sie populistisch, ideologisch und in der Ratgeber-Literatur angepriesen werden: „Das Ergebnis beim Marshmallow-Test lässt nicht zwangsläufig darauf schließen, ob ein Kind später ein gutes Leben, Glück oder Erfolg haben wird… Aber die Chance, überhaupt eine stabile, zufriedene Persönlichkeit zu entwickeln, haben wir nur dann, wenn wir die Fähigkeit zur Selbstkontrolle lernen“. Auch hier ist natürlich zu beachten, dass Selbstdisziplin kein Selbst- oder gar Fremdzweck ist, sondern immer bezogen sein muss auf die individuellen und normativen gesellschaftlichen Bedingungen und Herausforderungen.

Aufbau und Inhalt

Das Faszinosum der Mischelschen erstmaligen in seiner Ganzheit veröffentlichten Darstellung seiner Forschungen, wie dem Phänomen „Willenskraft“ auf die Spur zu kommen sei und diese sich im Laufe von mehr als 40 Jahren weiter entwickelt haben, zeigt sich ja darin, dass der „Marshmallow-Test“ und die analysierten, interpretierten und sogar missbrauchten Ergebnisse und Vermutungen längst Eingang in den lernpsychologischen und curricularen, schulischen und Erwachsenenbildungs-Diskurs gefunden hat, bis hin in Strukturen der Werbe-Industrie, der Verhaltens- und Führungspsychologie, in Kindersendungen, wie etwa „Sesamstraße“, und sogar in die Politik und Diplomatie. Denn die „Willenskraft“ ist ein seltsamer Versucherling! Das zeigen immer wieder Situationen, Irrungen und Verwirrungen im menschlichen Leben, die die populäre Frage provozieren: „Der / die … ist doch klug und könnte eigentlich vorher die Folgen seines Tuns einschätzen… Warum macht er/sie so etwas?“. Sie machen deutlich, dass „Versuchungen“ nicht einfach rational erklärbar und damit steuerbar, vielmehr vielfältigen Einflüssen und Gegebenheiten ausgesetzt sind, die schließlich menschliches Leben nicht nur funktionieren und maximieren lassen, sondern auch gelingen können und lohnenswert machen. In diesen Spagat greift nun Mischel ein, indem er z. B. fragt: „Wie lässt sich die Fähigkeit zur Selbstkontrolle für ein erfülltes Leben nutzen? Wie können wir unsere Willenskraft mit immer weniger Aufwand immer besser automatisch mobilisieren, und dies sogar als befriedigend empfinden?“.

Das umfangreiche Buch gliedert der Autor in drei Teile.

  1. Im ersten Kapitel diskutiert er die Phänomene, die mit „Belohnungsaufschub und Selbstkontrolle“ zu tun haben;
  2. im zweiten zieht er Bilanz „Von Marshmallows im Kindergarten zur Altersvorsorge“;
  3. und im dritten Teil formuliert er Perspektiven „Vom Labor ins Leben“.

Überraschend – oder auch nicht – stellt sich dabei die Erkenntnis heraus, dass der Bericht und die Reflexionen über den „Marshmallow-Test“ nicht nur wissenschaftliche Abhandlung und interessante Forschungsergebnisse für Expertinnen und Experten im Bildungs- und Erziehungsfeld bereit halten, sondern mit Dir und Mir ganz konkret, im Alltags- und lokalen und globalen gesellschaftlichen Leben zu tun haben!

Im ersten Teil informiert Walter Mischel in anregendem Erzählton über seine Anfänge als junger Psychologie-Dozent an der Stanford University, als er sich mit dem Phänomen und auch seiner persönlichen Diskrepanz von Willensstärke und -schwäche, von Vorsatz und Versuchung, von Verlockung und Widerstand auseinander setzte und diese Dilemmata mit seinen Studenten zum Forschungsthema machte und mit dem sperrigen Titel auch in die anfangs durchaus zurückhaltende Akzeptanz in der wissenschaftlichen Community Eingang finden wollte: „Das Paradigma des selbst auferlegten Aufschubs sofortiger Befriedigung zugunsten verzögerter, aber höher geschätzter Belohnung bei Kindern im Vorschulalter“. Die anfängliche, wissenschaftliche Neugier über die Aussagewerte der Forschungsergebnisse im „Überraschungszimmer“ der Universität, weitete sich bald mit der Frage aus, ob die momentan und situativ gewonnenen Ergebnisse nicht auch eine Prognose für künftiges Denken und Handeln der Probanden erlauben könnten. Die Schilderungen über Experimentierverläufe, Um- und Irrwege bei den Versuchsanordnungen und Interpretationen vermitteln beim Lesen Eindrücke, selbst dabei gewesen zu sein und an den Gefühlen von Erfolg und Misserfolg, Bestätigung von bekannten Phänomenen und deren Widerlegung, von Triumph und Enttäuschung teilzuhaben. In diesem Informations- und Entdeckungsprozess werden Forschungsergebnisse herangezogen und erinnert, die wiederum zu neuen Erkenntnissen führten und so die bekannte Forschungsspirale von Wissen – Erkennen – Anwenden – Bewerten in Gang setzen. Dass dabei der wachsende und sich ständig erweiternde Schau- und Baukasten der Geheimnisse menschlichen Lebens bis zur Gen- und neuronalen Forschung auftut, ist kein Nebeneffekt der Mischelschen Forschungen, sondern deren Substanz. So räumt er nebenbei auch auf mit der bekannten Anlage-Umwelt-Kontroverse und kommt zu dem Ergebnis: „Unsere Gene beeinflussen, wie wir mit der Umwelt interagieren. Die Umwelt wiederum beeinflusst, welche Abschnitte unserer DANN zum Ausdruck gebracht und welche ignoriert werden“.

Mit dem zweiten Teil wird ein weiterer Schritt im Puzzle vom Können und Wollen, von Vor- und Nachsatz, also vom menschlichen Denken zum Handeln vollzogen. Die konsequenten Überlegungen, ob die konkret im Marshmallow-Test beobachteten und analysierten Verhaltensweisen von Kindern nur Momentaufnahmen sind oder Auswirkungen und Anlässe für Aktionen und Reaktionen im weiteren Leben der Probanden haben. Da kommen Phänomene ins Spiel, wie z. B. die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, zur Selbstbestätigung, Erfolgs- und Misserfolgskontrolle, (realistischen und/oder utopischen) Erwartungshaltungen, der Kompetenz, ein „zukünftiges Selbst“ zu entwickeln, also zur Frage, wie Identität entsteht. Dass dabei vielfältige Erlebnisse, Zuversichten und Irritationen eine Rolle spielen, braucht keiner experimentellen Untersuchungen, sondern ergibt sich zwangsläufig aus den Lebenserfahrungen. Eines der entscheidenden Instrumente zur Prognose, ob oder inwieweit Beobachtungen aus den Verhaltensstrategien des Marshmallow-Tests sich als Reaktionen bei Situationen im weiteren Leben niederschlagen oder gar als grundgelegte, evolutionäre dafür verantwortlich sind, verdeutlicht sich in der Frage nach dem psychischen Immunsystem; etwa der Bedeutung, wie Emotionen wirken, zugelassen und kontrolliert werden: „Das psychische Immunsystem schützt uns davor, dass wir uns nicht allzu schlecht fühlen, wenn unsere Vorhersagen nicht zutreffen, aber es kann uns auch an Überzeugungen festhalten lassen, obwohl diese fortlaufend widerlegt werden“. Mit dieser Feststellung wird sowohl die Bedeutung von Selbstvertrauen betont, wie gleichzeitig auch vor Überschätzungen und deren Folgen gewarnt. Einen Zugang zu dem Dilemma findet Mischel bei seinen psychologischen Forschungen durch Versuche, „Wenn-dann-Verhaltenssignaturen“ anzuwenden und so gewissermaßen Warnsignale (Hotspots) zu senden oder Erfolgs- und Belohnungsmuster zu erzeugen. Es überrascht nicht, dass die dabei beobachteten Aktionen und Reaktionen „beständig“, also längerfristig wirksam werden, und es bestätigt im übrigen die bekannte pädagogische Regel: „Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder sich strenge Maßstäbe der Selbstbelohnung zu eigen machen, dann sollten Sie ihnen diese Maßstäbe nicht nur beibringen, sondern sie auch in Ihrem eigenen Verhalten vorleben“.

Diese Einsicht führt hin zum Diskurs, wie er im dritten Kapitel „Vom Labor ins Leben“ geführt wird. Es sind die notwendigen Überlegungen und Strategien, individuelle Verhaltensdispositionen nicht nur individuell zu verändern, sondern sie auch fruchtbar für das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen, lokal und global, werden zu lassen. Wie es gelingen kann, Strategien der Selbstkontrolle in unterschiedlichen, als „aussichtslos“ bis „selbstgängig“ eingeschätzten Situationen zu entwickeln und anzuwenden, zeigt Walter Mischel in einer Reihe von Fallbeispielen auf. Diese beinahe „ratgeberhaftig“ formulierten Empfehlungen und Hinweise sind akzeptiert, weil sie sich mit ihren „Ratschlägen“ auf vorangegangene Informationen, Interpretationen und Analysen beziehen und so das Ergebnis bestätigen, das der Autor in Anlehnung an den berühmten Descartschen Spruch so formuliert: „Ich denke, daher kann ich verändern, was ich bin“; freilich nicht ohne auch darauf hinzuweisen, dass Lernen im Sinne von Verhaltensänderung auch individuell und kollektiv gewollt sein muss!

Die insgesamt 33 Seiten umfassenden Quellenhinweise im Literaturverzeichnis, die Angaben im Personen- und Sachregister verweisen auf die Fülle der benutzten und zitierten, wissenschaftlichen Werke.

Fazit

Ob das Buch von Walter Mischel „Der Marshmallow-Test“ als Lebens- oder Sachstandsbericht verstanden wird, hängt von den Leserinnen und Lesern ab. Die Mischung zwischen persönlichen Schilderungen und wissenschaftlichen Analysen bereichern das Werk; denn sie zeigen zum einen, dass psychologische Fragen zu den Phänomenen von Willensstärke, Selbstkontrolle und Selbstdisziplin der theoretischen Auseinandersetzungen bedürfen, zum anderen aber auch der Verankerung in die Lebenswirklichkeiten benötigen. Wenn der Autor in seiner Einleitung die Frage beantwortet, warum er das Buch (so spät?) geschrieben hat, wird der Gehalt dieser faszinierenden Arbeit deutlich: „Ich habe dieses Buch für all diejenigen geschrieben, die sich – genau wie ich – mit Selbstkontrolle immer schon schwer getan haben. Aber auch für alle, die genauer wissen möchten, wie unsere Psyche funktioniert“.

Deshalb bietet das Buch nicht nur angehenden und etablierten PsychologInnen Anregungen und Unterhaltung für ihr professionelles Tun, nicht nur Lehramtsstudierenden und tätigen PädagogInnen so manchen Fingerzeig für ihren Beruf; sie dürften auch nicht nur für SozialarbeiterInnen und ExpertInnen hilfreich sein, sondern allen, die sich mit Bildungs- und Erziehungsfragen auseinandersetzen, eine Reihe von Aha-Erlebnissen und Hau-Rucks ermöglichen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.03.2015 zu: Walter Mischel: Der Marshmallow-Test. Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit. Siedler Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-8275-0043-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18473.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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