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Fabian Karsch: Medizin zwischen Markt und Moral

Cover Fabian Karsch: Medizin zwischen Markt und Moral. Zur Kommerzialisierung ärztlicher Handlungsfelder. transcript (Bielefeld) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-8376-2890-6. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

Thema des Buches sind die Deutungskämpfe und Diskurse um die Identität des ärztlichen Berufsstandes. Diese zeigen, wie eine Profession um ihr Selbstbild, ihre Außenwirkung und ihre innere moralische Grundkonzeption kämpft. Mit der Ausweitung medizinischer Handlungsfelder steigen auch die Erwartungen an die Heilkunst. Gesundheit gilt heute als ein Megatrend und die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung wandelt sich zunehmend zum Gesundheitsmarkt und zur Gesundheitswirtschaft. Die fortschreitende Medikalisierung der Gesellschaft führt zu einem Konflikt zwischen Markt und Moral. Führt die Kommerzialisierung der Medizin dazu, dass der Zugang zu notwendigen medizinischen Leistungen immer mehr von der Zahlungsbereitschaft und der Zahlungsfähigkeit der Patienten bestimmt wird? Treibt die Lifestyle-Medizin die Medikalisierung der Gesellschaft voran?

Entstehungshintergrund und Autor

Bei dem Buch handelt es sich um die überarbeitete Promotionsarbeit von Dr. phil. Fabian Karsch an der philosophisch-sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg. Die Gutachter und Betreuer waren Prof. Dr. Christoph Lau und Prof. Dr. Reiner Keller (beide Universität Augsburg) und PD Dr. Peter Wehling (Universität Frankfurt). Der Autor ist Soziologe und arbeitet am Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Aufbau

Das Buch umfasst die folgenden neun Kapitel

  1. Einleitung
  2. Die diskursive Verhandlung normativer Ordnung
  3. Methodologie und Forschungsdesign der Studie
  4. Vergesellschaftung der Medizin – Medikalisierung der Gesellschaft
  5. Die Kommerzialisierung medizinischen Handlungsfelder im Diskurs
  6. Diskussion
  7. Reflexive Modernisierung der Medizin
  8. Fazit: Das Ende der „klassischen Medizin“?
  9. Literaturverzeichnis

Inhalt

In Kapitel 2 wird das Forschungsprogramm in mehreren Schritten systematisch entwickelt und theoretisch sowie methodologisch untermauert. Es folgt eine kurze Einführung in die Perspektive der hermeneutischen Wissenssoziologie mit ihren sozialkonstruktiven Grundannahmen.

Die Methodologie und das Forschungsdesign der Studie werden in Kapitel 3 ausführlich dargestellt und begründet. Dazu wird zunächst das Verhältnis der Wissenssoziologischen Diskursanalyse (WDA) zur Grounded Theory Methodologie (GTM) und zur Situationsanalyse ausgelotet. Daran anschließend folgt die Darstellung des Erhebungs- und Auswertungsdesigns. Der öffentliche Diskurs zur Kommerzialisierung der Medizin wird zu großen Teil über vorliegende Daten und Materialien erschlossen. Bei der Auswahl waren Dokumente wie Pressemitteilungen und andere Statements der Organe ärztlicher Interessenvertretungen ebenso von Interesse, wie stärker journalistische Erzeugnisse, wie Artikel des Deutschen Ärzteblattes und anderer medizinischer Fachzeitschriften. Der letztlich verwendete Datenkorpus besteht zum größten Teil aus etwa 100 Veröffentlichungen im Deutschen Ärzteblatt sowie einiger anderer regionaler Ärzteblätter. Außerdem wurden 10 qualitative, leitfadengestützte Interviews mit Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen und Tätigkeitsfelder durchgeführt. Verwendet wurden zudem verschiedene Mappingstrategien.

In Kapitel 4 werden zunächst die Kontextbedingungen des Kommerzialisierungsdiskurses erläutert. Danach geht der Autor auf die Entwicklung der Medizin ein und beschäftigt sich mit den historischen Bedingungen der Professionalisierung in der Medizin. Der Prozess der Medikalisierung der Gesellschaft wird anhand eines analytischen Dreischritts dargestellt: Etablierung, Expansion und Entgrenzung. Es folgt eine Skizzierung der grundlegenden Strukturen und der aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesens.

In Kapitel 5 wird die eigentliche Darstellung der Situations- und Diskursanalyse vorgenommen, und es wird die systematische Analyse der standespolitischen Debatte zur Kommerzialisierung in der ambulanten Versorgung dargestellt. Dies beinhaltet die unterschiedlichen Diskursstränge und Positionierungen der verschiedenen Akteure.

Die Ergebnisse werden in Kapitel 6 diskutiert. Es zeigt sich, dass die institutionelle Aushandlung der Grenzen legitimer Medizin nicht zuletzt auch der gesellschaftlichen Integration neuer und teilweise umstrittener Handlungsbereiche der Medizin dient, aber gleichzeitig auch zur Stabilisierung tradierter Wertemuster beiträgt. Während die Medizin weiterhin dem systematischen Zwang zur möglichst eindeutigen Zuweisung von Gesundheit und Krankheit unterliegt, zeigt sich dahinter eine hybride Praxis, die subjektorientiert ist, und sich an einem breiten Spektrum von Patientenbedürfnissen orientiert. Professionalität gilt weiterhin als Grundbedingung medizinischen Handelns, und bleibt auch im Rahmen von Kommerzialisierungstendenzen zentrale Grundlage der normativen Ordnung der Medizin.

In Kapitel 7 werden die Erkenntnisse der Analyse theoretisch verortet, indem die Veränderungen im medizinischen Feld als Prozesse einer reflexiven Modernisierung der Medizin interpretiert werden. Abschließend werden drei Aspekte benannt, die auf Ambivalenzen einer reflexiven Medikalisierung hinweisen. Erstens die potentielle Legitimationskrise der Medizin, zweitens die Möglichkeit zur De-Professionalisierung und drittens, die sich teilweise verstärkenden und teilweise gegeneinander wirkenden Dynamiken der Medikalisierung, Ökonomisierung und Kommerzialisierung.

Kapitel 8 enthält das Fazit und einen Ausblick. Im Hinblick auf die gegenwärtige Medizin ist eine paradox anmutende Situation entstanden: Die zunehmende Medikalisierung führt zu einer Entgrenzung von Medizin und Markt, aber allein die medizinische Professionalität als einem der Medikalisierung zugrunde liegendem Strukturmerkmal kann hier als Regulativ wirken. In einem Klima, in dem die ärztliche Praxis zunehmend begründungspflichtig wird, in dem einerseits eine Einschränkung des Leistungsumfangs der GKV und andererseits eine Übertherapeutisierung beklagt wird, trägt die Konstituierung eines kommerziellen zweiten Gesundheitsmarktes, der mit der Zunahme von Leistungen jenseits der evidenzbasierten Krankheitsbehandlung einhergeht, zu einem Glaubwürdigkeitsproblem der Medizin bei. Deshalb ist eine stabile professionelle Ethik gerade im Kontext einer patientenorientierten Medizin unabdingbar.

Diskussion

Wie auch in vielen anderen medizinsoziologischen Untersuchungen kommt in dem Buch der Hauptadressat der Medizin, der Patient, zu kurz. Hier wäre es wünschenswert gewesen, dass der Autor in der Debatte um „Medizin zwischen Markt und Moral“ genauer darstellt, wie die Rolle des Patienten genauer zu verorten ist, und wie es gelingen kann, die berechtigten und vielfältigen Patientenbedürfnisse besser zur Geltung zu bringen. Der Empirieteil der Studie fällt insgesamt etwas zu knapp aus. Er basiert im Wesentlichen nur auf etwa 100 Artikeln im Deutschen Ärzteblatt und 10 qualitativen Interviews mit Ärzten.

Zielgruppen

Zielgruppen für das Buch sind Forschende, Lehrende und Studierende der Sozial- und Gesundheitswissenschaften und Akteure aus dem Bereich der Ethik der Medizin.

Fazit

Ein empfehlenswertes Buch, dass insbesondere viele Denkanstöße zur aktuellen Diskurs über Medizin, Markt und Moral liefert.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 10.04.2015 zu: Fabian Karsch: Medizin zwischen Markt und Moral. Zur Kommerzialisierung ärztlicher Handlungsfelder. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2890-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18478.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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