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Annette Textor: Einführung in die Inklusionspädagogik

Cover Annette Textor: Einführung in die Inklusionspädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 219 Seiten. ISBN 978-3-8252-4340-1. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,00 sFr.

UTB 4340.
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Thema

Das Lehrbuch von Annette Textor greift die gegenwärtigen Fachdebatten um Inklusion auf und führt systematisch in die schulpädagogischen Aspekte ein, die sich draus ergeben. Dabei wird vor dem Hintergrund der neueren gesetzlichen Rahmenbedingungen, die insbesondere auf die ratifizierte UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) zurückgehen, ein pädagogischer Ansatz vertreten, der Unterschiede zum überkommenen Integrationsverständnis in Bezug auf schulische Bildung von Schüler/innen mit Behinderung herausarbeitet. In diesem Zusammenhang werden konsequenterweise die Kategorien Behinderung und Gesundheit in ihren vielschichtigen (sonder)pädagogischen und rechtlichen Bedeutungen reflektiert. Im Zentrum des Lehrbuchs stehen die inklusionstheoretischen Herausforderungen, die sich hinsichtlich der Organisation von Schule und Unterricht, der Didaktik und Schulentwicklung sowie im Übergang zu Ausbildung und Beruf stellen. Der Anspruch aufzuzeigen, wie eine inklusive Schule organisiert und Unterricht in inklusiven Lerngruppen gestaltet werden kann, verweist aber auch darauf, dass hier Inklusion als gewissermaßen curricular beschreibbares methodischen Instrumentarium bzw. als pädagogische Zusatzqualifikation entworfen wird, demgegenüber die menschenrechtlich begründete gesellschaftspolitische Dimension eines sich auf die UN-BRK berufenden Begriffsverständnisses von Inklusion in den Hintergrund gerät.

Aufbau und Inhalt

Dem Blick auf inklusive Praxis in der Schule setzt Annette Textor einen mit Grundlagen überschriebenen Abschnitt voran, in dem die relevanten Begrifflichkeiten Behinderung und Integration/Inklusion diskutiert werden sowie ein knapper historischer und bildungspolitischer Abriss erfolgt. In diesem Kontext unterscheidet die Autorin vier Begründungslinien für Inklusion: eine demokratieorientierte, eine menschenrechtsorientierte, eine bildungsökonomische und eine pädagogisch-psychologische Argumentationslinie, die jedoch nicht konsequent weiter verfolgt werden. Den Grundlagenabschnitt schließt ein Überblick über Forschungsergebnisse zu Effekten schulischer Inklusion ab. Dabei gelangt Annette Textor zur Feststellung, dass die rezipierten Foschungsergebnisse insgesamt als heterogen zu beschreiben und zu bewerten sind. Problematisch ist, dass dieses Fazit zum Forschungsstand unter der Frage der Machbarkeit von Inklusion verhandelt wird – sagen die empirischen Befunde doch eher etwas über die Bedingungen der Möglichkeit des Gelingens von Inklusion aus, als über deren Grenzen und Risiken.

Der Hauptteil des Lehrbuchs befasst sich mit schulischer Praxis, ausgehend vom Prinzip sonderpädagogischer Förderung und Diagnostik. Die Organisation von Schule und Unterricht wird anhand von Good- und Best-Practice-Modellen, auch unter Einbezug von internationalen europäischen Erfahrungen thematisiert. Diese Skizzierung der wichtigsten Organisationsformen gemeinsamen Unterrichts erscheinen dabei als unterschiedliche Konzepte für inklusive Schulen. In diesem Punkt wagt die Autorin kaum eine kritische Bemerkung gegenüber der Bandbreite an Formen, die in jüngster Zeit bildungspolitisch ohne weiteres als realisierte Inklusion propagiert werden.

Im Gegensatz dazu bezieht das Lehrbuch im Abschnitt zu Didaktiken dezidiert kritisch Stellung hinsichtlich des inklusionstheoretischen Potenzials und der Reichweite der jeweils vorgestellten Ansätze. Insofern ist in diesem Bereich auch der stärkste Mehrwert des Werkes zu sehen. In übersichtlicher und theoretisch reflektierter Weise werden hier grundlegende Instrumente inklusionsorientierter Didaktik von Prinzipien der inneren Differenzierung, über Methoden Offenen Unterrichts, Co-Teaching bis hin zu alternativen Leistungsbeurteilungen dargelegt.

Daran schließt sich ein Kapitel zur Schulentwicklung an, mit einführenden Bemerkungen zum Index for Inclusion, zu Schulentwicklungsprogrammen, zu Kooperation und Gemeinsamen Unterricht in einem vertikal gegliederten Schulsystem. Hier deuten sich grundlegende gesellschaftliche Widersprüche an zwischen einer geforderten Schulentwicklung innerhalb der vorgegebenen Rahmenbedingungen eines nicht an inklusiven Wertvorstellungen orientierten gewachsenen Bildungssystems.

Den Abschluss des Lehrbuchs bildet ein Kapitel, das sich dem Übergang bzw. dem Ausblick zu Ausbildung und Beruf widmet. Es wurde von Jessica Matis, Aukje Rüting und Hannah Zingler verfasst. Dieses Kapitel erweitert die Perspektive, unter der inklusionspädagogische Herausforderungen thematisiert werden, auf wertvolle Weise. Ebenso hätte man sich eine Kontextualisierung von Schule und vorschulische sowie außerschulische Bildung gewünscht.

Diskussion

Was die vorliegenden Einführung bei aller differenzierten Darstellung der Thematik weitgehend vermissen lässt, ist vor allem eine gesellschaftspolitische Einordnung des Inklusionsdiskurses und der gesamtgesellschaftlichen Herausforderung, die durch die veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen, insbesondere die ratifizierte UN-BRK, gegeben sind. So werden die vermutlich (sonder)pädagogisch ausgerichteten Nutzer/innen des Lehrbuchs zwar umfassende systematisch aufbereitete und insofern wertvolle Informationen über den Stand der inklusionspädagogischen Fachdiskussion erhalten, dürften sich jedoch hinsichtlich der weit über pädagogische Handlungsorientierungen hinausreichenden Aspekte in Bezug auf den Umgang der Gesellschaft mit Vielfalt und Differenz sowie auf das Recht auf gleichwürdige Teilhabe und Diskriminierungsfreiheit aller Menschen eher allein gelassen fühlen. Das aber wäre der Kontext, in dem inklusionspädagogische Qualifikation zu situieren wäre – über die unmittelbar praxisrelevante Umsetzbarkeit im Sinne inklusiver Employabiliy hinaus als kritisch-reflexive professionelle Haltungskompetenz, die auch der inflationären Inklusionsrhetorik, die Inklusion in Good Practice-Modellen immer schon verwirklicht sieht, wirksam entgegenzutreten vermag. So wäre etwa eine konsequent vermittelte Skepsis gegenüber einer real existierenden inklusiven Schule, insofern sie nicht nur als optimierte Fortsetzung von Integrationsbemühungen gesehen werden will, ein wesentliches Lernziel inklusionsorientierter Fort-, Aus- und Weiterbildung.

Auch ein ausführlicherer Fokus auf die kulturelle Bedeutung von Behinderung im Sinne des grundlegenden Verständnisses der UN-BRK, das über medizinische und soziale Modelle hinausreicht, wäre hier wünschenswert, um eine Perspektive zu vermitteln, der Inklusion nicht auf mehr (schulische) Integration von Menschen mit Behinderung reduziert. Angeboten hätte sich in diesem Zusammenhang, die eingangs vorgestellten vier inklusionstheoretischen Argumentationslinien demokratieorientiert, menschenrechtsorientiert, bildungsökonomisch und eine pädagogisch-psychologisch quasi als theoretischen Bezugsrahmen der vorliegenden Einführung zugrunde zu legen, um so die Basis zu schaffen für ein reflexiv-kritisches Verständnis von Inklusion, das sich gegenüber medialer und auch politischer inflationärer Inklusionsrhetorik zu behaupten weiß.

Dass der Hauptteil des Lehrbuchs, der sich mit schulischer Praxis befasst, sonderpädagogische Förderung und Diagnostik zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen macht, zeigt, dass die vorliegende Perspektive stark sonderpädagogisch ausgerichtet ist. Aus einer inklusionstheoretischen Sicht wäre ein Ansatzpunkt, der die allgemeine schulische Praxis mit ihren Leistungsbewertungsmechanismen und ihrer Selektionslogik kritisch in den Blick nimmt, womöglich angemessener, um den Perspektivenwechsel, der aus einem inklusionsorientierten Bildungsverständnis folgen müsste, deutlich werden zu lassen.

Fazit

Die kritischen Anmerkungen könnten in ähnlicher Form gegenüber einem Großteil der existierenden pädagogischen Lehrbücher eingewandt werden, die sich mit dem Stichwort Inklusion auseinander setzen. Sie ändern nichts an der Tatsache, dass es sich bei dem von Annette Textor vorgelegten Werk um eine übersichtliche, den aktuellen Stand der Forschung berücksichtigende, fundierte systematische Einführung in die Inklusionspädagogik handelt. Die jedes Kapitel abschließenden Fragen an die Leserschaft fordern zu eigenständiger Reflexion und vertiefender Beschäftigung mit den angesprochenen Punkten auf und bieten so die Chance, auch die in und durch die Darstellung in einem Lehrbuch impliziten Perspektiven sich kritisch anzueigenen.


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 05.08.2015 zu: Annette Textor: Einführung in die Inklusionspädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-8252-4340-1. UTB 4340. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18479.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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