Franz Petermann, Ulrike Petermann: Aggressionsdiagnostik
Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 16.04.2015
Franz Petermann, Ulrike Petermann: Aggressionsdiagnostik. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 2., vollst. überarbeitete Auflage. 114 Seiten. ISBN 978-3-8017-2655-3. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 32,90 sFr.
Thema
Den Gegenstand des Bandes bildet die standardisierte psychologische Diagnostik aggressiven Verhaltens und seiner persönlichkeitspsychologischen Grundlagen.
Autor und Autorin
Beide Autor/innen lehren und forschen seit mehr als 35 Jahren zu Fragen der Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, und sind Autor/in bzw. Herausgeber/in zahlreicher einschlägiger Fachveröffentlichungen. Franz Petermann ist Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Diagnostik an der Universität Bremen, Ulrike Petermann hat an der gleichen Universität den Lehrstuhl für Klinische Kinderpsychologie inne.
Entstehungshintergrund
Der Band ist Bestandteil der Reihe „Kompendien Psychologische Diagnostik“, die beansprucht, aktuelles Wissen über diagnostische Verfahren und Vorgehensweisen zu spezifischen Fragen bzw. Themenstellungen zu vermitteln. Die Bände sollen diagnostische Kompetenzen im Alltag vermitteln, welche Praktiker/innen dabei unterstützen, optimale Diagnosestrategien zu entwickeln, ihre Entscheidungen zu verbessern, Interventionen besser zu begründen und die Praxiskontrolle insgesamt zu optimieren.
Aufbau und Inhalt
Der Band umfasst sechs Kapitel und einen Anhang, der die Kürzel und Langnamen von 35 im Text vorgestellten standardisierten Erhebungsverfahren zur Aggressionsdiagnostik zusammenstellt.
Kapitel 1 (Aggression und verwandte Konzepte) spannt den begrifflich-konzeptuellen Rahmendes Bandes auf, definiert und differenziert den Gegenstand der Aggressionsdiagnostik. Unterschieden wird insbesondere zwischen proaktiver und reaktiver sowie direkter und direkter Aggression. Daneben wird auf das Problem der aggressiven Dysregulation der Stimmung sowie die Schwierigkeiten der differenzialdiagnostischen Abgrenzung von Aggression und Depression eingegangen. Als verwandte Konzepte werden Impulsivität und Sensation Seeking sowie „Psychopathy“ erläutert. Weitere Unterkapitel sind den Phänomenen „Mobbing“ und „Cyber-Mobbing“ sowie Aggression und Ärger im Straßenverkehr gewidmet.
Kapitel 2 (Diagnostik aggressiven Verhaltens) führt als relevante Datenquellen die Verhaltensbeobachtung sowie die Befragung mittels Selbst- bzw. Fremdeinschätzungsverfahren ein. Angesichts der zu erwartenden Verzerrungstendenzen wird die Notwendigkeit betont, verschiedene Informanten in die Diagnostik aggressiven Verhaltens einzubeziehen. Gleichwohl wird auch eingeräumt, dass bislang keine einheitlichen Vorgehensweisen vorliegen, die eine Integration von Informationen erlauben, welche mittels unterschiedlicher Methoden aus unterschiedlichen Quellen gewonnen wurden. Ergänzend werden Leitlinien zur multimethodalen Diagnostik aggressiven Verhaltens im Kindesalter vorgestellt. Mit Blick auf die klinische Diagnostik werden Versuche einer kategorialen und dimensionalen Klassifikation aggressiven Verhaltens präsentiert, die sich auf die Internationale Klassifikation Psychischer Störungen (ICD-10) bzw. Forschungsarbeiten von Achenbach stützen, und es werden Probleme der Diagnosevergabe kritisch diskutiert.
Kapitel 3 (Verfahren zur Erfassung aggressiven Verhaltens) beinhaltet eine Übersicht von Methoden zur Aggressionsdiagnostik, wobei der Schwerpunkt im Bereich des Kindes- und Jugendalters liegt. Die hier verwendeten Verfahren unterscheiden sich hinsichtlich ihres Zugangs (direkte Beobachtung vs. indirekte Verhaltens- oder Persönlichkeitsdiagnostik durch mündliche oder schriftliche Befragung), ihrer Erfassungsbreite (spezifische bzw. vielfältige Auffälligkeiten) und ihrer Strukturiertheit. In separaten Unterkapiteln werden projektive und semiprojektive Erhebungsverfahren beschrieben und zwei standardisierte Beobachtungsverfahren zur Aggressionsdiagnostik vorgestellt.
In den zwei folgenden Kapiteln 4 (Erhebungsverfahren für Kinder und Jugendliche) und 5 (Erhebungsverfahren für Erwachsene) werden ausgewählte Fragebögen zur Erfassung aggressiven Verhaltens in den beiden Altersgruppen dargestellt. Die sieben Instrumente für das Kindes- und Jugendalter schließen Selbst- wie auch Fremdbeurteilungsverfahren ein, während es sich bei den neun Verfahren für Erwachsene ausschließlich um Selbstbeurteilungsinstrumente handelt. Jeweils finden sich Informationen zu den theoretischen Grundlagen der Verfahren, zum Aufbau, zur psychometrischen Bewährung und zu den vorliegenden Normierungsdaten sowie eine sehr knappe zusammenfassende Bewertung.
In Kapitel 6 (Fallbeispiele) veranschaulichen jeweils ein Fallbeispiel zur Aggressionsdiagnostik bei Kindern bzw. Erwachsenen das mögliche diagnostische Vorgehen. Hier wird aufgezeigt, wie in der diagnostischen Informationssammlung Anamnese, Exploration, standardisierte Testdiagnostik und Verhaltensbeobachtungen kombiniert und interpretiert werden, um zu einer Diagnose und einer daraus abgeleiteten Interventionsstrategie zu gelangen.
Diskussion
Der Band gibt einen wissenschaftlich fundierten und aktuellen Überblick verfügbarer psychologischer Erhebungsverfahren, die im Bereich der Aggressionsdiagnostik Verwendung finden können. Er ist weniger als Einführung in die Aggressionsdiagnostik zu verstehen denn als Nachschlagewerk: Leser/innen, die mit den methodischen Konzepten der standardisierten psychometrischen Diagnostik vertraut sind, erhalten mit ihm eine wertvolle Orientierungshilfe und Unterstützung bei der Auswahl diagnostischer Instrumente. Kritisch anzumerken ist allerdings die starke Personzentrierung des diagnostischen Zugangs, die unerfahrene Diagnostiker/innen dazu verleiten könnten, die relativ einfach einsetzbaren standardisierten Tests bzw. Fragebögen unkritisch zu verwenden. Es bedarf jedoch umfangreicher klinischer Erfahrungen im Bereich der Exploration und der nicht-standardisierten Verhaltensbeobachtung, um das situative Bedingungsgefüge, in das aggressives Verhalten eingebettet ist, bei der Diagnosestellung und Entwicklung von Interventionsstrategien angemessen zu berücksichtigen.
Fazit
Für Psycholog/innen bzw. Personen mit einer vergleichbaren Ausbildung in psychometrisch fundierter Diagnostik stellt das Kompendium ein gut strukturiertes, übersichtliches Nachschlagewerk dar, das einen wertvollen Überblick des aktuell verfügbaren Instrumentariums zur Aggressionsdiagnostik gibt.
Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information
und Dokumentation (ZPID), Trier
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