socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ole Norhausen: Soziale Arbeit als Ort der Postwachstums­gesellschaft

Cover Ole Norhausen: Soziale Arbeit als Ort der Postwachstumsgesellschaft. Care, Commons und sozial-nachhaltige Ökonomie. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin (Berlin) 2015. 125 Seiten. ISBN 978-3-86573-836-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 31,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die leitenden Fragestellungen ergeben sich aus dem Blick auf die Postwachstumsgesellschaft. Entlang der Achsen – Vergemeinschaftung materieller und immaterieller Güter unter dem Begriff Common und der gesellschaftlichen Organisation der Sorge um menschliche Abhängigkeit und Verletzlichkeit unter dem Begriff Care – geht es darum, das Ökonomische "durch das Soziale widerständig herauszufordern" (10).

Autor

Einschlägige Veröffentlichungen: Norhausen, Ole/Rahe, Miriam/Welker, Luise (2012): Soziale Arbeit – zurück in die Zukunft! Der neue Gestaltungsanspruch von Bildung, Betreuung und Erziehung in der globalen Gesellschaft. Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit - Eine Einführung und Positionierung der Projektgruppe „Soziale Arbeit – Zurück in die Zukunft!“ (Lebenswelt und Natur) unveröffentlichter Projektbericht LeuphanaUniversität Lüneburg S. 91-98.

Aufbau und Inhalt

Im 1. Kapitel werden Commons und Care als soziale Praxen einer sozial-nachhaltigen Ökonomie bestimmt und die Grundlagen für die kritische Perspektiven der vorliegenden Arbeit in Anlehnung an Foucault und den poststrukturalistischen Ansatz ausgewiesen.

Das 2. Kapitel stellt den Zusammenhang einer sozialen Perspektive auf gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit entlang der Themen soziale Nachhaltigkeit und nachhaltige Ökonomie her. Im Mittelpunkt stehen die Diskurse um Wachstum, Postwachstum und Postwachstumsgesellschaft. Dabei stellt der Autor fest, dass "…die Soziale Dimension von Nachhaltigkeit weitgehend nicht ausdifferenziert wird, bzw. soziale Themen isoliert von vernetzten Überlegungen zu Nachhaltigkeit verhandelt werden" (35). Norhausen bietet u.a. eine Analyse der Wachstumskritik und stellt als Merkmale einer Postwachstumsgesellschaft heraus: 1. keine weitere poltische Förderung von Wachstum, 2. Umbau von Sektoren und Institutionen damit diese unabhängig von Wachstum funktionieren, 3. Reduktion des Energie- und Ressourcenverbrauchs auf nachhaltiges Niveau (52).

Im Kapitel 2.6. wird auf 3 Seiten eine Brücke zwischen der Sozialen Arbeit und dem Forschungsprogramm der DFG "Kolleg Postwachstumsgesellschaften" entworfen, das an den gesellschaftlichen Umbruchs- und Krisenphänomenen ansetzt.

Die nächsten Kapitel (3 und 4) laufen unter Alternative Praxis und beziehen sich auf Commons (Allmenden, Gemeingüter) und auf Care (Care-Ökonomie). Commons sind nicht „einfach da“ sondern entstehen aus einer sozialen Praxis. Besonders interessant ist hier der Verweis auf neu entstehende digitale Räume und Netze. Die Care-Debatte umfasst alle Fragen des gesellschaftlichen Wahrnehmens und Arrangierens unseres gesellschaftlichen Seins als Mensch-in-Beziehungen. Die Auseinandersetzungen sind eng mit feministischer Theoriebildung verbunden (76).

5. Kapitel. Die Überlegungen münden in theoretischen Skizzen zu sozial-nachhaltiger Ökonomie ein. Aktuelle Tendenzen sieht der Autor dahin gehend, dass profitable Aufgaben über Märkte organisiert werden und notwendige, aber nicht vermarktbare Arbeit in die Bereiche Haushalt, Ehrenamt und zivilgesellschaftlichem Engagement verwiesen werden. Mit Hilfe von Commons und Care sollen verantwortliches Handeln gegenüber Mensch und Mitwelt gestärkt und emanzipatorisches Potenzial frei werden. Der utopische Charakter dieser Forderung wird diskutiert und mit dem Hinweis versehen, dass Gemeinsames entstünde, wenn Menschen bereit wären, ihr Leben und ihre Reproduktion nicht auf dem Leiden anderer zu gründen (93).

Im 6. Kapitel wird eine Illustration emanzipatorisch gesellschaftlicher Dimensionen zur Zukunftsfähigkeit unter Einschluss von Commons und Care geboten.

In dem sehr kurzen Abschnitt 7 (Perspektiven) wird das Anliegen des Buches noch mal auf den Punkt gebracht: "… die Möglichkeiten und Prozesse einer "anderen" sozialeren Ökonomie, die sich an den Sphären Commons und Care orientiert, sichtbar zu machen" (103).

Diskussion

Das Buch skizziert auf knapp 100 Seiten mögliche Bezugspunkte für Soziale Arbeit in Gesellschaftsformen, die weniger auf Wachstum setzen. Da muss Vieles vage bleiben. Aber die Fragen, wie soziale Integration unabhängiger von Transferleistungen und Wachstumshoffnungen gestaltet werden kann, hätten härter formuliert werden können.

Der Text macht Mut, weil er hilft sich von gängigen kapitalistisch/antikapitalistisch formatierten Diskursen zu lösen. Seine Stärken sind zuerst im Perspektivenwechsel zu sehen, nämlich das Ökonomische vom Sozialen her zu sehen und nicht der üblichen "Herrschaft der Wahrheit" zu folgen. Eine weitere Stärke liegt in der perspektivischen Verschränkungen von sozialen Dimensionen, Care, Commons, Ökologie, Kultur und Ökonomie. Die Ausführungen bleiben zwar sehr allgemein, aber die Spuren zum Entdecken von Möglichkeiten sind erkennbar. Als 3. Stärke sehe ich die konsequente Zukunftsorientierung an.

Norhausen legt eine Soziale Arbeit zu Grunde, die sich an der Idee der sozialen Gerechtigkeit ausrichtet und die Fragen der Geschlechtergerechtigkeit ernst nimmt. Bezüge zum Verhältnis Soziale Arbeit und Demokratie werden nicht systematisch hergestellt, aber der Sozialen Arbeit wird über das politische Mandat hinaus eine zweifache Aufgabenstellung zugeordnet: zu grundlegender Gesellschaftsanalyse beizutragen und das Unabgeschlossene im Sozialen zu analysieren (und produktiv zu wenden). Soziale Arbeit wird in den Ausführungen als Anwendungsfeld für das Nachdenken über eine Postwachstumsgesellschaft genutzt, die sich vom Wohlstandsversprechen der politischen Ökonomie des Kapitalismus unabhängiger machen will.

Fazit

Das Buch ist empfehlenswert, weil es:

  • mit Hilfe einer theoretisch ausgewiesenen Perspektive die tonangebenden politischen und sozialen Diskurse in ihren immanenten Strukturen beobachtbar macht und Alternativen ins Spiel bringt
  • immer wieder darauf hinweist, nicht in nostalgische Gemeinschaftsverklärung zu verfallen oder alternative Ökonomie als gegenhegemoniales Projekt zu sozialen Problemen zu glorifizieren
  • in den Debatten um Nachhaltigkeit, Green Economy und sozial-nachhaltiger Ökonomie der Sozialen Arbeit eine grundlegende und produktive Position zuerkennt.

Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
E-Mail Mailformular


Alle 19 Rezensionen von Wilfried Hosemann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 29.06.2015 zu: Ole Norhausen: Soziale Arbeit als Ort der Postwachstumsgesellschaft. Care, Commons und sozial-nachhaltige Ökonomie. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin (Berlin) 2015. ISBN 978-3-86573-836-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18485.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung