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Friedrich Schorb: Die Adipositas-Epidemie als politisches Problem

Cover Friedrich Schorb: Die Adipositas-Epidemie als politisches Problem. Gesellschaftliche Wahrnehmung und staatliche Intervention. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 348 Seiten. ISBN 978-3-658-06613-0. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Die Adipositas-Epidemie gilt als eine der der größten gesundheitlichen Herausforderungen der Gegenwart. In dem Buch wird der Prozess der Etablierung dieser wirkmächtigen Wahrheit über dicke Körper untersucht und in ihren gesellschaftspolitischen Kontext eingeordnet. Außerdem geht es um Gegendeutungen wie etwa die Forderung, dicke Körper als gleichberechtigten Teil gesellschaftlicher Vielfalt anzuerkennen. Es wird analysiert, wie sich politische Maßnahmen gegen die Adipositas-Epidemie in Deutschland, den USA, Großbritannien und der Europäischen Union in den Paradigmenwechsel vom fürsorgenden zum aktivierenden Sozialstaat einfügen.

Im Einzelnen werden die folgenden Fragestellungen untersucht:

  1. Wie konnte die Adipositas-Epidemie zu einem gesellschaftlich fraglos anerkannten Problem werden, was waren ihre Erfolgsbedingungen und wer war mit welchen Strategien und Motiven an der Problemkarriere beteiligt?
  2. Welche diskursiven Alternativen zur Problemwahrnehmung Adipositas-Epidemie existieren und wie ist ihr jeweiliger Stand in der öffentlichen Debatte?
  3. Welche staatlichen Maßnahmen gegen die Adipositas-Epidemie sind in den Nationalen Aktionsplänen vorgesehen?
  4. In welchem Verhältnis steht die im Fachdiskurs dominierende Problemwahrnehmung zu den in den Nationalen Aktionsplänen vorgeschlagenen Maßnahmen?
  5. Mit welchen Methoden versucht die Regierung das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger dahingehend zu beeinflussen, dass sie die gesundheitspolitischen Imperative im Hinblick auf Essverhalten, Bewegungsverhalten und Körpergewicht erfüllen können und wollen?
  6. Wie verhalten sich die Vorschläge in den Nationalen Aktionsplänen zu den realpolitisch umgesetzten Interventionen?

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um die Promotionsarbeit von Dr. phil. Friedrich Schorb. Die Gutachter waren Prof. Dr. Henning Schmidt-Semisch (Bremen) und Prof. Dr. Lotte Rose (Frankfurt).

Aufbau

Das Buch umfasst die folgenden vier Kapitel

  1. Einleitung (14 Seiten)
  2. Gesellschaftliche Wissensbestände um Adipositas (64 Seiten)
  3. Die „Adipositas-Epidemie“ und ihre wichtigsten Alternativ- und Gegendeutung (142 Seiten)
  4. Staatliche Interventionen gegen die „Adipositas-Epidemie“ (78 Seiten)

Inhalt

In der Einleitung werden das Forschungsziel und die theoretischen Grundannahmen erläutert.

Im Einzelnen geht es um die folgenden Fragestellungen:

  1. Wie konnte die Adipositas-Epidemie zu einem gesellschaftlich fraglos anerkannten Problem werden, was waren ihre Erfolgsbedingungen und wer war mit welchen Strategien und Motiven an der Problemkarriere beteiligt?
  2. Welche diskursiven Alternativen zur Problemwahrnehmung Adipositas-Epidemie existieren und wie ist ihr jeweiliger Stand in der öffentlichen Debatte? vorgesehen?
  3. In welchem Verhältnis steht die im Fachdiskurs dominierende Problemwahrnehmung zu den in den Nationalen Aktionsplänen vorgeschlagenen Maßnahmen?
  4. Mit welchen Methoden versucht die Regierung das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger dahingehend zu beeinflussen, dass sie die gesundheitspolitischen Imperative im Hinblick auf Essverhalten, Bewegungsverhalten und Körpergewicht erfüllen können und wollen?
  5. Wie verhalten sich die Vorschläge in den Nationalen Aktionsplänen zu den realpolitisch umgesetzten Interventionen?

In Kapitel 2 wird zunächst die historische Entwicklung der Wissensbestände zur Adipositas nachgezeichnet. Danach geht es um die Debatte der heutigen Definitionen von Übergewicht und Adipositas, sowie um die Ätiologie und Therapiemodelle der Disziplinen, die sich an der Debatte um die Pathologisierung eines zu hohen Körpergewichts beteiligen.

Kapitel 3 widmet sich zunächst der Karriere der Problemwahrnehmung der Adipositas-Epidemie. Im Folgenden wird ausführlich auf die „Fat-Acceptance-Bewegung“ eingegangen, die vornehmlich in den USA beheimatet ist.

Gegenstand von Kapitel 4 sind die staatlichen Maßnahmen gegen die Adipositas-Epidemie. Im Mittelpunkt steht dabei, welche Argumente der hegemonialen Problemdeutungen in den staatlichen Aktionsplänen zu finden sind. Es wird unter anderem Bezug genommen auf Regierungserklärungen, Parlamentsberichte und die Nationalen Aktionspläne aus Deutschland, Großbritannien, den USA und der Europäischen Union. Danach wird die Verortung der dort durchexerzierten Problemwahrnehmung in Theorie und Praxis von Public Health und des Aktivierenden Sozialstaats analysiert. Abschließend wird die Frage behandelt, wie sich die realpolitische Problembearbeitung von den in den Nationalen Aktionsplänen und Regierungserklärungen vorgeschlagenen Maßnahmen unterscheidet.

Das abschließende Fazit greift die beiden zentralen Fragestellungen auf: a) die Frage nach den Erfolgsbedingungen der Problemkarriere der Adipositas-Epidemie sowie nach dem diskursiven Stand der Gegendeutungen, und b) die Frage, wie die diskursiv einmal etablierte Problemwahrnehmung staatlich bearbeitet wird.

Hier noch die Schlussbemerkung des Autors: „Meine Arbeit ist Teil von Fat Studies, weil sie dicke Körper nicht a priori problematisiert, sondern die Perspektive umdreht und fragt: Warum werden dicke Körper gesellschaftlich problematisiert? Sie soll als ein Instrument für zukünftige Interventionen in den Diskurs um die gesellschaftliche Wahrnehmung von Dickleibigkeit dienen. Die konstruktivistische Analyse verstehe ich nicht als geschlossenes Weltbild, sondern als ein Werkzeug, mit dessen Hilfe Auseinandersetzungen um soziale Probleme besser verstanden werden können, um so anderen als den hegemonialen Problemdeutungen im Diskurs Gehör zu verschaffen. Ein Werkzeug, das ganz konkret dazu beitragen soll, dicke Körper nicht länger als Belastung und Bedrohung, sondern als Teil gesellschaftlicher Vielfalt wahrzunehmen.“(Seite 326)

Diskussion

Nach dem Lesen des Buches drängt sich natürlich die Frage auf, was die verschieden Nationalen Aktionsprogramme in Europa und den USA letztlich tatsächlich bewirkt haben.Wurde ernsthaft geplant, diese Programme wissenschaftlich zu evaluieren, oder blieb dieser wichtige Programmteil – wie so oft – auf der Strecke?

Zielgruppen

Zielgruppenfür das Buch sind Lehrende, Forschende und Studierende in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften, sowie Sozialarbeiter, Mediziner und Ernährungswissenschaftler.

Fazit

Das Buch hebt sich wohltuend von der literarischen Epidemie zum Themenbereich Übergewicht ab und wird daher allen Lesern nachdrücklich empfohlen, die sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzen wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 10.04.2015 zu: Friedrich Schorb: Die Adipositas-Epidemie als politisches Problem. Gesellschaftliche Wahrnehmung und staatliche Intervention. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-06613-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18493.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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