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Frank Eger (Hrsg.): Lösungsorientierte Soziale Arbeit

Cover Frank Eger (Hrsg.): Lösungsorientierte Soziale Arbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. 256 Seiten. ISBN 978-3-8497-0019-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Muss in einer Beratung zunächst das Problem professionell analysiert werden, um dann eine Lösung entwickeln zu können? Der lösungsfokussierte Ansatz des ‚Brief Family Therapy Center‘ (BFTC) hat diese Frage verneint. Die Arbeit des BFTC, das zwischen 1978 bis 2007 in Milwaukee beheimatet war, ist im deutschsprachigen Raum vor allem bekannt geworden durch die Schriften von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg sowie durch die Integration dieses Ansatzes in systemisch-lösungsorientierten Fortbildungsangeboten – dort oft weniger ‚fokussiert‘, d.h. in weniger radikalen Versionen. Dieser lösungsorientierte Ansatz trifft mittlerweile auch in der Sozialen Arbeit auf Resonanz. Vor diesem Hintergrund gewährt „Lösungsorientierte Soziale Arbeit“ als erster deutschsprachiger Sammelband zu diesem Thema einen breit gefächerten Einblick, wie sich Soziale Arbeit und Sozialarbeitswissenschaft lösungsorientiert denken lässt statt problem- und defizitorientiert.

Herausgeber

Frank Eger, Prof. Dr. phil., Dipl.-Päd., Dipl.-Soz.-Arb.; Professor für Kinder- und Jugendhilfe an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel. Arbeitsschwerpunkte: Jugendämter, Lösungsorientierte Kinder- und Jugendhilfe, Qualitative Verfahren in der Sozialen Arbeit.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort durch Heiko Kleve und einer Einführung durch den Herausgeber Frank Eger in drei Teile:

  1. Theoretische Verortung (Kapitel 1)
  2. Bestimmungen und Standpunkte (Kapitel 2- 5)
  3. Handlungsfeldbezug Kinder- und Jugendhilfe (Kapitel 6-9)

Der Sammelband endet mit einem 15-seitigen Literaturverzeichnis und einer beruflichen Kurzdarstellung der Autor*innen. Bis auf die theoretische Verortung im ersten Teil durch den Herausgeber Frank Eger, nehmen die anderen Beiträge keinen Bezug aufeinander. Deshalb lädt der Herausgeber ausdrücklich dazu ein, entlang der eigenen Interessen eine Auswahl der Artikel vorzunehmen.

Zu Teil I: Theoretische Verortung (Kapitel 1)

In seinem Beitrag „Zukunft, die wir uns wünschen -Lösungsorientierte Soziale Arbeit“ befragt Frank Eger das Selbstverständnis und die Funktion der Sozialen Arbeit als Disziplin. Egner wirbt für eine „Handlungstheorie lösungsorientierter Sozialer Arbeit“ und wendet sich gegen die Vorstellung, dass „sich ein »Problem« umso eher lösen lässt, je intensiver sich Soziale Arbeit damit beschäftige“. Eine solche problemorientierte Soziale Arbeit laufe nicht nur Gefahr, die Probleme, die es zu lösen gilt, selbst zu konstruieren. Mit ihrer zum Teil pathologisierenden Diagnostik entstünden sogar nachteilige Effekte für die Akteure und Adressaten der Sozialen Arbeit. Zudem ist eine problemorientierte Soziale Arbeit quasi per definitionem daran gebunden, erst aktiv werden zu können, wenn es ein Problem gibt.
Anknüpfend an den lösungsfokussierten Beratungsansatz des BFTC in Milwaukee erkundet Egner deshalb die Potenziale einer lösungsorientierten Sozialen Arbeit. Gleichzeitig betont Eger, dass sich der interpersonale Ansatz des BFTC nicht einfach auf die Soziale Arbeit übertragen lasse, wenn man der Therapeutisierung und der Individualisierung sozialer Probleme keinen Vorschub leisten möchte. Lösungsorientierte Soziale Arbeit sollte deshalb statt Probleme „die Entwicklung personaler und sozialer Systeme“ zum Gegenstand Sozialer Arbeit erheben. Und auf der handlungstheoretischen Ebene rücken dadurch die vier Begriffe Ziele, Ressourcen, Lösungen sowie der Nutzen für die Adressaten in den Vordergrund.

Zu Teil II: Bestimmungen und Standpunkte (Kapitel 2- 5)

Dem methodischen Erfolg der Lösungsorientierung in der Gesprächsführung mit Klienten zustimmend, beschäftigt sich Wilfried Hoseman in seinem Beitrag „Soziale Gerechtigkeit zuerst! – Lösungsorientierte Soziale Arbeit als gesellschaftliches Handeln“ mit der Frage, inwieweit die Lösungsorientierung konzeptionell als Ansatz für die Soziale Arbeit geeignet sein könnte. Wenn Lösungsorientierung mehr sein soll als ein Methodenset für eine erfolgreiche Gesprächsführung, muss sie eine theoretisch begründete Antwort darauf geben können, wie sie Lösungen für soziale, nicht bloß individuelle Problemlagen anbietet und welchen Beitrag sie zur Reflexion und gerechtigkeitsorientierten Transformation institutioneller Begebenheiten leisten kann. Ansonsten bleibt sie dem Vorwurf ausgesetzt, Konflikte zwischen individuellen Lösungen und strukturellen Problemen und Ungerechtigkeiten zu kaschieren, wenn nicht gar zu befördern. Attraktiv an der Lösungsorientierung ist für Hosemann die Wahrnehmung der Klienten als Experten und die Kreativität, Lösungen zu entwickeln. Um jedoch ein ernstzunehmender Ansatz der Sozialen Arbeit zu werden, müsste ein lösungsorientierte Ansatz in drei Richtungen Anschlüsse suchen: 1) einen Bezug auf ein normatives Gerechtigkeitskonzept, 2) eine theoretische Verankerung in eine Systemtheorie Luhmannscher Prägung und daraus folgernd 3) letztlich auch die Erweiterung des Lösungsbegriffs um ‚Nicht-Lösungen‘ bzw. Probleme.

Tobias Kosellek wirbt in seinem Beitrag „Familie im Bild – Beziehungsbilder als Medium lösungsorientierter systemischer Beratung“ für den zirkulären Einsatz von Beziehungsbildern in systemischen und lösungsorientierten Beratungen. Aus der Sicht der Luhmanschen Systemtheorie sieht Kosellek Ähnlichkeiten zwischen dem Funktionssystem der Kunst und dem sozialen System der Familie. Da Familie als System sich und ihre Umwelt innerhalb des Familiensystems thematisiert, ja thematisieren muss, und zudem Kunst geradezu prädestiniert ist, Horizonte zu erweitern oder Bekanntes einzureißen, erscheint die Kunst bzw. erscheinen Bilder eine attraktive Möglichkeit, um der Familie alternative Umwelten als Gesprächsgegenstand anzubieten. Mit dem Einsatz von Bildern gelingt es, sowohl Komplexität zu reduzieren als auch Problem zu externalisieren. Schließlich können Bilder Kommunikationen eröffnen, selbst wenn die Probleme und möglichen Lösungen (noch) nicht formulierbar sind. Verbunden mit zirkulären Fragetypen ermöglicht deshalb die Kommunikation mit (digitalisierten) Bildern, dass sich die Familie auf andere Weise beobachten und damit verändern kann. Im Sinne der Lösungsorientierung würde sich damit auch die Expertenrolle verschieben. Nicht die Gewinnung von Informationen und die Analysen und Deutungen durch den Berater stünden im Zentrum. Stattdessen würde den Klienten in einer solchen Beratung die Möglichkeit gegeben, sich selbst zu informieren und zu verändern.

Stefan Bestmanns Beitrag „Die Haltung des Nichtwissens und der sozialraumorientierte Ansatz“ beschäftigt sich mit der Integration von Lösungs- und Sozialraumorientierung. Bestmann startet mit einem Praxisbeispiel aus der Sozialen Arbeit und bewertet kritisch dessen Umfang an Partizipation. Hernach schildert er den lösungsfokussierten Ansatz nach de Shazer/Berg und erläutert anschließend ausführlicher das Fachkonzept Sozialraumorientierung nach Hinte/Treeß sowie die gegenwärtige Rezeption des Begriffs „Sozialraum“. Das Ganze mündet abschließend in der Darstellung einer „lösungsorientierten-einzelfallunspezifischen Arbeit im Sozialraum“. Ähnlich wie Egner und Hosemann beschäftigt sich Bestmann auch mit der Frage wie ein Lösungsorientierter Beratungsansatz über den Einzelfallbezug hinaus in die Soziale Arbeit überführt werden kann. Die Gefahren der Individualisierung von sozialen Problemen und einer einzelfallspezifischen Verkürzung kann die Lösungsorientierung dann vermeiden, wenn diese sich auf die Integration mit dem Fachkonzept der Sozialraumorientierung einlässt. Umgekehrt gewinnt die Sozialraumorientierung und ihre Ausrichtung am Willen der Bevölkerung, wenn sie sich das Selbstverständnis der Lösungsorientierung zu eigen macht – insbesondere das lösungsfokussierte Prinzip des Nicht-Wissens.

Katharina Gerber beschäftigt sich in „Den Auftrag aushandeln – Lösungsorientierung im Zwangskontext“ mit den Möglichkeiten der Lösungsorientierung in angeordneten Gesprächen innerhalb der Sozialberatung einer Arbeitsbehörde. Zuerst beschreibt sie die Voraussetzungen für eine lösungsorientierte Beratung und schlägt vor, sich am Konzept von „Pflicht und Kür“ nach Kähler zu orientieren und auf das Interaktionsmodell „Kunde, Klagende, Besucher“ zurückzugreifen, das am BFTC entwickelt wurde. Denn erst, wenn eine Kundenbeziehung bestünde, sei eine lösungsorientierte Beratung im engeren Sinne möglich.

Anschließend erläutert sie den kniffeligen Weg zu einem Arbeitsbündnis, das sowohl dem Anliegen des Klienten als auch dem Auftrag des Arbeitsamtes gerecht werden muss. Damit es gelingt, in diesem Kontext den ‚Klienten in die Verantwortung für ihre eigenes Leben zu holen‘ ist Transparenz seitens der Beraterin unerlässlich und eine Klarheit über die Rollen, in denen sie agiert:

  1. Als Beraterin unterstützt sie lösungsorientiert den Klienten darin, dessen Wünsche in Ziele zu konkretisieren und umzusetzen.
  2. Als Expertin stellt sie Ihr Fachwissen zur Verfügung und bietet Trainingssituation an.
  3. Als Beauftragte der Behörde hat sie eine Kontrollfunktion und ist gegenüber ihrem Auftraggeber berichtspflichtig.

In dem zweiten Teil des Artikels veranschaulicht Gerber anhand eines Fallbeispiels, wie sich ihre Sichtweise in einem konkreten Beratungsprozess widerspiegelt. Dazu gibt sie zahlreiche Hinweise, wo und wann sie welche Rollen einnimmt und welche (teilweise lösungsorientierten) Methoden eingesetzt werden können. Dies alles stets unter der Grundannahme, dass man niemanden Veränderung aufzwingen kann.

Der Artikel endet mit einer erneuten Reflexion des Zwangskontextes. Darin gibt Gerber Hinweise, weshalb sie angeordnete Gespräche nicht nur als Einschränkung erlebt, sondern auch als Chance, um Hürden zu überwinden, vor denen manche Klienten ansonsten kapitulieren würden.

In „Einfach, aber nicht leicht – Lösungsorientierte Hilfeplanung bei den Hilfen zur Erziehung“ kritisieren Benjamin Landes und Hans-Georg Weigel die gegenwärtige problemorientierte Umsetzung des Hilfeplanverfahrens und unterbreiten einen Vorschlag wie dieses Verfahren lösungsorientiert verändert werden könnte. Trotz des Unterschieds zwischen Therapie und Soziale Arbeit kann aus der Sicht der beiden Autoren der lösungsfokussierte Ansatz des BFTC dazu beitragen, die Fachkräfte in der Hilfeplanung mit einer klaren Haltung und mit einem sicheren, methodischen Handeln auszustatten. Auch sehen die Autoren in diesem Ansatz Anregungen, wie man zum Nutzen der Fachkräfte eine zeitliche und finanzielle Entlastung fördern kann und gleichzeitig zum Nutzen der Klienten deren Selbstbestimmungsrechte stärkt. Damit wird auch der Partizipationsgrad des Verfahrens erhöht.

Zu Beginn skizzieren Landes und Weigel die rechtlichen Voraussetzungen des Hilfeplanverfahrens in der Bundesrepublik Deutschland und schlagen für ihre weiteren Ausführungen den Begriff der ‚relativen Freiwilligkeit‘ bzw. des Arbeitsbündnisses vor. Denn letztlich sei ein autonom bestimmter Auftrag seitens der Klienten notwendig für jede, nicht nur lösungsorientierte Beratung.

Danach wird das gegenwärtige Hilfeplanverfahren in der Bundesrepublik skizziert und die Autoren liefern Gründe, weshalb insbesondere im Falleingang und in der Fallerkundung die derzeit vorherrschende Ausrichtung an Problemen und an sozialpädagogischer Diagnostik sowie an falsch verstandenen SMARTen Zielformulierungen fragwürdig ist. Lösungsorientierung hieße hier, gepaart mit der Haltung des Nichtwissens, stärker die Kompetenzen der Klienten zu würdigen. Und statt expertokratisch erst im Nachhinein Ziele zu formulieren, würde die gemeinsame Erkundung der Ziele der Klienten die Grundlage der Hilfeplanung. Neben weiteren ausgeführten Merkmalen würde Lösungsorientierung zum Beispiel auch heißen, in der Phase der Hilfeumsetzung nur dann neue Interventionsfelder zu eröffnen, wenn die Klienten selbst sich dies wünschen.

Hauptbestandteil des Artikels ist die Verknüpfung eines lösungsorientierten Beratungsmodell mit dem gegenwärtigen Hilfeplanverfahren. Dieses Modell nach Bamberger hat ebenfalls fünf Phasen die mit

  1. Synchronisation,
  2. Lösungsvision,
  3. Lösungsverschreibung,
  4. Lösungsbegleitung/-evaluation und
  5. Lösungssicherung bezeichnet sind.

Entlang dieses Modells werden die Potenziale der Lösungsorientierung für die einzelnen Verfahrensschritte im Hilfeplanverfahren erörtert und auch kurze Erläuterungen von hilfreichen, lösungsorientierten Gesprächstechniken geliefert.

„Unerreichbare erreichen – Lösungsorientierte Individualpädagogik mit traumatisierten Jugendlichen“. Damit beschäftigt sich Frauke Mangels und wirbt für passgenaue, individuelle statt „herkömmliche“ stationäre und störungsorientierte Angebote. Entlang eines Beispiels und in Abgrenzung zu einer problemorientierten Fallbeschreibung betont sie die lösungsorientierte Haltung, dass jeder Mensch die Möglichkeit eines gelingenden Lebens in sich trägt.
Zu Beginn setzt sie sich mit der Haltung im lösungsorientierten Arbeiten auseinander und verdeutlicht, weshalb für Sie zuerst eine Basis geschaffen werden muss, um lösungsorientiert arbeiten zu können und folgerichtig, wie man ‚Unerreichbare‘ überhaupt erreicht. Anhand des Begriffs der „Systemsprenger“ macht sie dabei deutlich wie bereits die Sprache unsere Sicht auf die Adressaten widerspiegelt. Danach erfolgt eine ausführlichere Beschreibung dessen, was sie unter passgenaue, flexible Angebote der Individualpädagogik versteht und hebt dabei die verlässliche, dauerhafte Beziehung zwischen Fachkraft und traumatisierten Kindern bzw. Jugendlichen hervor. Anschließend verknüpft sie Individualpädagogik mit dem Ansatz der Traumpädagogik und Erkenntnissen der Traumaforschung. Anhand eines zweiseitigen Fallbeispiels erhält man einen Einblick in die praktische Umsetzung der vorherigen Überlegungen.
In den letzten beiden Abschnitten reflektiert die Autorin, was die Individualpädagogik als Voraussetzung für lösungsorientiertes Arbeiten mit traumatisierten Jugendlichen anbieten kann (Sicherer Ort, verlässliche Beziehungen, Selbstwirksamkeit und Schaffung von Lösungskompetenz) und wie umgekehrt die Lösungsorientierung Impulse für die Individualpädagogik setzt.
Lösungsorientierung ist in diesem Setting für Frauke Mangels auf mehren Ebenen möglich, vielleicht sogar unerlässlich. Eine lösungsorientierte Haltung gilt es nicht nur gegenüber den Jugendlichen, sondern auch gegenüber anderen Fachkräften und sich selbst einzunehmen.

In „Neues Verhalten lernen – Lösungsorientiertes Denken und Handeln in der stationären Jugendhilfe“ schildern Marianne und Kaspar Baeschlin die Einführung des lösungsorientiertes Ansatzes in einem Schulheim (Werkschule Grundhof) in Winterthur. Für die beiden Autor*innen bedeutet Lösungsorientierung eine grundlegende Änderung des Denken über die sozialpädagogischen Kernaufgabe, nämlich dass Kinder und Jugendliche neue – für sie und ihr Umfeld nützliche Verhaltensweisen – lernen können. Statt rückwärtsgewandt die Defizite zu erkunden und statt Zwang und Strafe gilt es, in die Zukunft schauend, alternative Verhaltensweisen zu sondieren, so dass es Kindern und Jugendlichen nach der Intervention wieder möglich ist, in der heutigen Gesellschaft zu leben. Damit wird eine lösungsorientierte Alternative beschrieben mit „klaren Regeln, transparenten Forderungen und viel Unterstützung“.

Beginnend mit einer kurzen Beschreibung der stationären Einrichtung, wird im Hauptteil entlang eines Fallbeispiels detailreich und anschaulich der Ablauf eines stationären Aufenthalts im Schulheim beschrieben. Schließlich tragen die immer wieder eingebauten Gesprächsausschnitte zur Bildhaftigkeit dessen bei, was Lösungsorientierung für die beiden Autor*innen im Arbeitsalltag bedeutet.

Zuerst wird das strukturierte und verhältnismäßig lange Aufnahmeverfahren geschildert. Von Anfang an wird auf Kooperation und Wahlfreiheit für die Jugendlichen und Eltern gesetzt. Und bereits in dieser Eingangsphase mit Erstbesuch, Bedenkzeit, Schnupperwoche und einem verständlichen, gemeinsam entwickelten Aufnahmevertrag wird auf Gespräche über Defizite verzichtet. Stattdessen wird auf das fokussiert, was sich aus Sicht des Jugendlichen, der Eltern und des Jugendamtes verbessern müsste.

In der Beschreibung des Aufenthalts des Jugendlichen in der Einrichtung wird gezeigt, wie sich im Denken und Handeln der Fachkräfte unterschiedliche Elemente der Lösungsorientierung im Alltag oder in wertschätzenden Feedbackgesprächen manifestieren. Der strukturierte, lösungsorientierte Umgang mit Fehlverhalten und Krisen durch Klärungsgespräche wird ebenfalls anschaulich durch einen Extraabschnitt mit Dialogsequenzen verdeutlicht. Als weitere Besonderheit werden die regelmäßigen ‚Oasengesprächen‘ genannt, die die früheren, nur punktuellen Gespräche bei negativen Vorfällen ersetzen. Der Grundsatz, nicht über, sondern mit den Jugendlichen und Familien zu sprechen, hat auch organisatorische Konsequenzen. So wird beispielsweise auf Fallbesprechungen verzichtet, in denen die Fachkräfte allein unter sich über Entwicklungspläne oder Ziele der Jugendlichen oder Eltern sprechen. Zielerarbeitung mit den Klienten hat stattdessen einen festen Platz in den gemeinsamen vierteljährlichen Hilfeplangesprächen.

In ihrem Schlusswort ermuntern beide Autor*innen dazu, nicht zu früh bei der Entwicklung von eigenen Zielen der Jugendlichen aufzugeben. Denn als Jugendlicher oder als Familie nicht zu wissen, was das eigene Ziel ist, bedeute noch lange nicht, keine Veränderung zu wollen.

In seinem Beitrag „Vom Profil zur Unabhängigkeit – Rahmung für systemisch-lösungsorientierte Schulsozialarbeit“ schildert Karl-Heinz Gröpler wie systemisch-lösungsorientierte Sozialarbeit die Weiterentwicklung des Systems Schule im Sinne von Empowerment fördern kann.

Zu Anfang skizziert der Beitrag die Grundfunktion des Bildungssystems und welche Auswirkungen dies auf die Soziale Arbeit hat. Danach stellt Gröpler drei Konzepte der Schulsozialarbeit vor und umreißt die aktuelle Situation der Sozialen Arbeit im Praxisfeld Schule.

Es folgt eine kurze Darstellung der Grundsätze des lösungsfokussierten Ansatzes des BFTC. Demnach stehen statt detaillierter Problemdiagnosen die Grundsätze des Nichtwissens, des Empowerments und der wohlformulierten Ziele im Vordergrund.

Nach Ansicht Gröplers vermag eine systemisch-lösungsorientierte Schulsozialarbeit zwar die vorhandene Ambiguität im System Schule nicht aufzulösen. Er traut Ihr aber grundsätzlich zu, eine ‚Verstörung‘ einzuleiten, die dann im Sinne von Empowerment eine Veränderung des Systems Schule herbeiführen kann.

Anhand der Erfahrungen im Schulzentrum Westhagen in Wolfsburg macht er deutlich, dass eine so verstandene Schulsozialarbeit weit über den Verzicht auf problem- und diagnoseorientierte Einzelberatungen hinausgeht. Er betont die partizipative Zusammenarbeit mit den Lehrer*innen, den Schüler*innen sowie den Eltern und die Netzwerkarbeit sowohl in als auch außerhalb der Schule. Daraus leitet er sieben Kennzeichen einer systemisch-lösungsorientierten Schulsozialarbeit ab.

Die praktische Umsetzung wird in den zwei letzten Abschnitten verdeutlicht. Zum einen anhand der Schilderung des im Schulzentrum Westhagen durchgeführten „buddY-Programms“, das auf Empowerment mittels Peergroup-Education setzt. Zum anderen anhand der Darstellung einer partizipativen Gremienarbeit, die sich mittlerweile in der Schule etabliert hat.

Im Fazit hebt Gröpler noch einmal das Prinzip der kleinen Schritte hervor – nicht nur in der direkten Arbeit mit Adressaten der Sozialen Arbeit, sondern bereits in der Schaffung eines Rahmens für systemisch-lösungsorientierte Schulsozialarbeit.

Diskussion

Bereits der Aufbau des Buches macht deutlich, das dieses Buch nicht ‚aus einem Guss‘ ist. Zwar finden sich in fast allen Beiträgen Verweise zu den Standardwerken des lösungsfokussierten Beratungsansatzes – insbesondere aus den Büchern von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg. Doch bereits die dem lösungsfokussierten Beratungsansatz zugesprochene Aussage, dass ein Problem nicht notwendig mit der Lösung zusammenhänge, bietet offenbar viel Interpretationsspielraum. Das Spektrum reicht von keiner Problemanalyse, über ein ‚nicht im Detail‘ bis hin zu einem ‚sowohl als auch‘. Ähnlich verhält es sich mit den Begriffen wie Ziel, Ressource oder Wertschätzung. Denn beim vergleichenden Lesen wird deutlich, dass die Verwendung dieser Worte bestenfalls ‚familienähnlich‘ ist. Das lässt sich allerdings auch als Erkenntnisgewinn sehen zur gegenwärtigen Situation ‚lösungsorientierter Sozialer Arbeit‘. Anders formuliert: die Anschlussfähigkeit des lösungsfokussierten Ansatzes ist in der Rezeption und in der Praxis beeindruckend vielfältig.

Insgesamt viel Raum nimmt die Verknüpfung mit humanwissenschaftlichen Theorien und anderen Fachansätzen ein; sei es um erst die Voraussetzung für Lösungsorientierte Soziale Arbeit zu schaffen (Eger, Hosemann, Mangels), sei es, um die Lösungsfokussierung in andere Ansätze zu integrieren oder diese zu erweitern (Kosellek, Bestmann, Gerber), sei es um überhaupt erst die Strukturen des besprochenen Handlungsfeldes zu beschreiben (Landes/Weigel, Gröpler). Das hat jeweils gute Gründe und ist dem Thema des Sammelbandes selbst geschuldet – nämlich einen Beratungsansatz auf das Handlungsfeld Soziale Arbeit zu übertragen. Gleichzeitig erschwert es mir an manchen Stellen, ein anschauliches Bild davon zu bekommen, was genau in der Praxis mit lösungsorientiertem Handeln und Denken gemeint sein soll. Die Genauigkeit der Instrumente und die Erzeugung sehr konkreter Bilder der Zukunft sind jedoch das, was den lösungsfokussierten Beratungsansatz auszeichnet – gerade wegen seiner Einfachheit und Flexibilität. Vorbildlich gelingt das Baeschlin/Baeschlin in ihrem Aufsatz. ‚Pur‘, schnörkellos und sehr plastisch beschreiben sie ihre Sicht auf Lösungsorientierung und deren Umsetzung in ihrer Einrichtung.

Für einen Folgeband zum gleichen Thema wären sicher Dokumentationen empirischer Belege hilfreich, die den Nutzen einer lösungsorientierten Sozialen Arbeit besser nachvollziehbar machen. Das würde auch dem ursprünglichen Geist der Entwickler des Ansatzes entsprechen. Gerade weil das BFTC, insbesondere de Shazer in seinen späteren Arbeiten, ‚der Theorie‘ eine Absage erteilt hat, waren systematische Studien zur Zufriedenheit der Klienten ein wesentlicher Bestandteil in der lösungsfokussierten Arbeit und Haltung am BFTC.

Zielgruppe und Fazit

Wer eine klar umrissene Definition, Methodik oder gar fertige Handlungstheorie einer Lösungsorientierten Sozialen Arbeit sucht, wird diese nicht finden. Leser*innen, die sich hingegen einen Einblick verschaffen möchten, was zur Zeit theoretisch und praktisch unter Lösungsorientierung in der Sozialen Arbeit verstanden wird, finden ein facettenreiches Buch vor. Dabei werden auch divergierende Einschätzungen und Positionen deutlich. Interessant ist das Buch auch für Leser*innen, die der Lösungsorientierung eher skeptisch gegenüber stehen und neugierig sind auf die praktische Umsetzung der Behauptung, dass in der Sozialen Arbeit für das Entwickeln von Lösungen die professionelle Analyse der sozialen Problemlagen nicht nötig sei.

So gesehen erfüllt der Sammelband die im Vorwort und der Einleitung genannten Absichten – nämlich die Möglichkeiten und Grenzen der Lösungsorientierung bezüglich Sozialarbeitspraxis und -wissenschaft auszuloten und vielfältige Anregungen für eine Entwicklung lösungsorientierter Sozialer Arbeit anzubieten.


Rezensent
Matthias Brandl
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Zitiervorschlag
Matthias Brandl. Rezension vom 22.01.2016 zu: Frank Eger (Hrsg.): Lösungsorientierte Soziale Arbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. ISBN 978-3-8497-0019-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18495.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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