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Irvin D. Yalom: Existenzielle Psychotherapie

Cover Irvin D. Yalom: Existenzielle Psychotherapie. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2010. 5., korr. Auflage. 639 Seiten. ISBN 978-3-926176-19-6. 40,00 EUR.
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Thema

Über die Jahrzehnte ist ein breiter „Fächer“ psychotherapeutischer Schulen entstanden. In diesem Reigen ist immer wieder auch von existenzialistischen Ausrichtungen die Rede. Es gibt Ansätze, die eine solche Ausrichtung mehr oder weniger in den Vordergrund stellen, aber diese sowie die Ausrichtung selbst stehen nach wie vor eher am Rand der Diskussion. Dabei sind die Anlässe und Themen, mit denen Menschen in Psychotherapie gehen, grundsätzlich „existenziell“ – insofern macht eine solche Fokussierung erheblichen Sinn.

Autor

Irvin D. Yalom, Jahrgang 1931, braucht hier möglicherweise kaum vorgestellt zu werden. Er ist als Bestsellerautor belletristischer Texte wie „Als Nietzsche weinte“ und verschiedener weiterer sowie auch von populärliterarischen Ratgebern weithin bekannt geworden. Irvin Yalom ist Emeritus für Psychiatrie an der School of Medicine der Stanford University, USA – und gilt als einer der bedeutendsten Psychotherapeuten; er ist Träger des internationalen Sigmund-Freud-Preises für Psychotherapie, verliehen 2009.

Das hier vorgelegte Buch, ein Fachbuch, dürfte weniger bekannt sein – der Autor selbst bezeichnet es laut Klappentext allerdings als sein liebstes Buch – „die Mutter all meiner Romane und Geschichten“ (Umschlagseite 4 sowie S. 11).

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage dieses Buches wurde im Original 1980 als „Existential Psychotherapy“ vorgelegt. Yalom schrieb über mehrere Jahre daran und konzentrierte hier seine Sicht auf Psychotherapie.

Die 2010 vorgelegte fünfte, korrigierte deutschsprachige Auflage wurde durch einen vierseitigen zusätzlichen Text des Autors selbst aus dem Jahr 2005 zur 25jährigen Jubiläumsausgabe des Buches sowie um ein gut zweiseitiges Interview von Ulrich Geuter mit Irvin Yalom, erstveröffentlicht 2003, ergänzt. Grundsätzlich wurde die vorliegende Übersetzung aus dem Amerikanischen für diese Auflage überarbeitet.

Das Buch umfasst in der hier vorgelegten fünften deutschsprachigen Auflage über 600 Seiten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in seiner Grundstruktur in vier Teilen von der Behandlung zentraler existenzieller Fragen und Themen geprägt: Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit. Hinzu kommen eine Einführung sowie ein Epilog.

  • In einer Einleitung wird zunächst „Existenzielle Therapie“ als dynamische Psychotherapie bestimmt, näher umrissen und in das Feld der Psychotherapie sowie der existenziellen Psychotherapieansätze insgesamt eingeordnet. Die „Bewusstheit der letzten Angelegenheit“ wird dabei, in Anlehnung an und zugleich Abgrenzung zu Freuds Angsttheorien, als Urgrund menschlicher Angst und Triebkraft für Psychopathologie beschrieben. Existenzielle Ansätze in verschiedenen Psychotherapieformen werden ebenso herausgearbeitet wie das Besondere Existenzieller Therapie als solcher. In diesem Kapitel geht es Yalom auch um Fragen der akademischen Verortung.
  • Das erste Hauptkapitel setzt sich mit der existenziellen Frage des Todes auseinander. Es besteht aus vier Unterkapiteln: „Leben, Tod und Angst“, „Der Todesbegriff bei Kindern“, „Tod und Psychopathologie“ sowie „Tod und Psychotherapie“. Es geht um die Zusammenhänge von Tod, Furcht und Angst sowie Todesangst in ihrer existenziellen Bedeutung. Hierzu arbeitet Yalom auch die wissenschaftliche Forschung ein, so etwa zum Sterblichkeits- und Todesbewusstsein bei Kindern. Er setzt sich dezidiert und kritisch mit einschlägigen theoretischen Entwürfen, etwa demjenigen von Freud, auseinander; es werden unterschiedlichste theoretische Konzepte mit eingebunden.
  • Im zweiten Hauptkapitel wird das Thema Freiheit fokussiert. Yalom weist darauf hin, dass dieses kaum in einschlägigen Psychotherapielexika zu finden sei, aber durchweg in der Therapie eine bedeutende Rolle einnehme. Das Kapitel besteht aus zwei Unterkapiteln: „Verantwortung“ sowie „Wollen“. Damit kreist die Diskussion um zwei Ankerpunkte menschlicher Freiheit; der erste ist ein „Klassiker“ der existenzialistischen Sicht, das zweite, auch als „Volition“, ein wichtiges psychologisches Konzept für die Erörterung der Gesamtthematik. Im Hinblick auf Verantwortung geht es um Aspekte wie Vermeidung, Kontrollverlust und entsprechende Ängste, Hier-und-Jetzt (auch unter engem Bezug auf Fritz Perls und die Gestalttherapie); Grenzen von Verantwortung sowie existenzielle Schuld. Forschungsbefunde zu Verantwortung und Psychotherapie werden eingebunden. Wollen und Willen werden auch im Rückbezug auf Verantwortung sowie menschliches Handeln untersucht. Drei klinische Auffassungen von Willen werden diskutiert: diejenigen von Otto Rank, Leslie Farber sowie Rollo May. Yalom setzt sich mit den Bezügen von Wollen zum Fühlen und Wünschen auseinander. Aspekte wie Einsicht, Wahl und Entscheidung werden in ihrer therapeutischen Relevanz betrachtet.
  • Isolation“ ist der Fokus des dritten Hauptkapitels. Auch dieses ist zweifach untergliedert: „Existenzielle Isolation“ sowie „Existenzielle Isolation und Psychotherapie“. Insofern geht es zunächst um Isolation als solche und als existenzielle Grunderfahrung: im Hinblick auf den Menschen, im Hinblick auf Beziehungsaspekte – und schließlich im Hinblick auf psychopathologische Erscheinungsformen. Nachfolgend wird dieses Thema dann für die Psychotherapie fruchtbar gemacht, zum einen in Form der Frage der Konfrontation von Klienten (bei Yalom in dieser Übersetzung „Patienten“) mit Isolation und ihrer Erfahrung, zum anderen orientiert auf die Beziehungsebene zwischen Klient und Psychotherapeut, insbesondere deren „heilende“ Momente.
  • Das vierte Hauptkapitel zentriert sich auf „Sinnlosigkeit“. Der grundlegende Aufbau in zwei Unterkapitel folgt analog demjenigen des dritten Hauptkapitels: „Sinnlosigkeit“ sowie „Sinnlosigkeit und Psychotherapie“. Zunächst werden – positiv – verschiedene Aspekte und Ebenen von Sinn herausgearbeitet, unter anderem in der Auseinandersetzung mit Viktor Frankl. Yalom fokussiert auch die gesellschaftliche Ebene und fragt nach Sinn in unserer heutigen Kultur. Auch hier werden wissenschaftliche Befunde mit eingearbeitet, etwa die klinische Forschung zu Lebenssinn, Sinnerleben, Sinnproblemen und dem Erfahren von Sinnlosigkeit. Das letzte Unterkapitel gibt verschiedene Hinweise auf den therapeutischen Umgang mit Fragen des Sinnerlebens und der Sinnlosigkeit.
  • Ein knapper, gut einseitiger „Epilog“ beschließt das Buch; er verweist auf die grundsätzliche Verwobenheit der vier in den Hauptkapiteln betrachteten Grundfragen.
  • Es folgt das erwähnte, gut zweiseitige Interview mit dem Autoren.

Diskussion

Irvin D. Yalom legt hier ein beeindruckendes Werk vor, das auch 35 Jahre nach seinem Ersterscheinen die Psychotherapie zu bereichern und vielfältige Anregungen zu liefern vermag. Existenzielle Psychotherapie wird als ein „Paradigma“ bezeichnet und im Grunde „quer“ zu den bestehenden „Schulen“ von Psychotherapie entwickelt, zum einen im Hinblick auf existenzielle Anteile in verschiedenen bestehenden solcher „Schulen“ – und zum anderen als existenzielle Grundlegung und Anregung für alle Ausprägungsformen von Psychotherapie überhaupt. Mit seinen vier Grundthematiken Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit gelingt es Yalom treffend, die Urgründe einer existenziellen Sicht und entsprechenden therapeutischen Wirkens herauszuarbeiten. Dabei bindet er durchweg verschiedene Quellen mit ein: erstens das Bereichernde der grundgelegten existenziellen Sicht auf den Menschen, das Leben und die Psychotherapie, zweitens einen enormen Erfahrungsfundus als Psychotherapeut, konkretisiert in einer Fülle von beeindruckenden Fallbeispielen und Praxisbezügen, drittens die konzeptionelle Kenntnis, kritische Einbindung und Analyse psychologischer Theorien und Konzepte und therapeutischer Ansätze – sowie viertens, an verschiedenen Stellen, gezielte Darstellungen und Diskussionen einschlägiger Forschungsergebnisse und des Forschungsstandes.

Es bleiben zwei kritische Aspekte:

  1. Bereichernd wäre eine aktuellere Überarbeitung gewesen. Yalom thematisiert dies selbst und liefert Begründungen, warum er es nicht getan hat. Gerade auch bezogen auf die vielfältigen Einarbeitungen wissenschaftlicher Forschung hätte eine Überarbeitung das Buch nichtsdestotrotz aufgewertet. Dies schmälert allerdings nicht den Gesamtwert des Buches, denn die thematisierten Grundfragen als solche sind, da sei Yalom beigepflichtet, zeitlos.
  2. Etwas überraschend wirkt angesichts des Umfanges des Werkes das recht abrupte Ende nach Abarbeitung der vierten Hauptthematik „Sinnlosigkeit“. In dem folgenden knappen Epilog werden die Teile und Themen zwar gedanklich in ihrem Gesamtzusammenhang angesprochen. Dies wäre allerdings umfassender abschließbar. Letztlich – das muss betont werden – erfolgt dieser „große Wurf“ zu Beginn des Buches, aber eine vertieftere Aufnahme einer solchen Integration der von Yalom beleuchteten Themen hätte diesen Gesamtentwurf noch einmal deutlicher machen können.

Wie schon angedeutet, werden beide Kritikpunkte letztlich wiederum aufgefangen, und sie vermögen in keinem Falle den Gesamteindruck zu beeinträchtigen: dass es sich hier um eine wissenschaftliche Ausarbeitung mit großer Weisheit, Fachkundigkeit, Breite und zugleich Tiefe handelt.

Fazit

Yaloms erklärte Zielgruppen sind Psychotherapeuten sowie Studierende (vermutlich der Psychologie, der Psychiatrie). Die grundsätzliche Zielgruppe darf man allerdings deutlich weiter fassen. Zwar haben es Psychotherapeuten sicher leichter, dieses Buch zu lesen, aber es ist grundsätzlich wohl auch lesbar für alle weiteren, die sich mit dem Leben, dem Universum und dem Rest beschäftigen möchten und an existenziellen Fragen interessiert sind – denn es findet sich hier so viel Lebensweisheit eines zutiefst erfahrenen Therapeuten versammelt, dass das Buch für all diese Menschen reichhaltige Anregungen zu bieten vermag. Beides sei jeweils als solches betont: zum einen die Lebensweisheit eines reifen Menschen, zum anderen die über Jahrzehnte angesammelte therapeutische Erfahrung. Hinzu kommt der Blick eines Wissenschaftlers, der es zugleich vermag, wissenschaftliche Erkenntnisse im Hinblick auf Theorien und empirische Forschung transparent und gut nachvollziehbar in eine Diskussion einzubinden.

Für die Kern-Zielgruppen Yaloms, Psychotherapeuten und Studierende in einschlägigen Studiengängen, bleibt natürlich auch diese Anregungsvielfalt erst recht unbenommen. Aber auch allen anderen sei dieses Buch ohne Abstriche sehr empfohlen.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 17.09.2015 zu: Irvin D. Yalom: Existenzielle Psychotherapie. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2010. 5., korr. Auflage. ISBN 978-3-926176-19-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18507.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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