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Georg Marckmann (Hrsg.): Praxisbuch Ethik in der Medizin

Cover Georg Marckmann (Hrsg.): Praxisbuch Ethik in der Medizin. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2015. 350 Seiten. ISBN 978-3-95466-117-6. D: 49,95 EUR, A: 51,45 EUR, CH: 60,00 sFr.
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Thema

In diesem sehr dicht geschriebenen medizinethischen Arbeitsbuch für die Praxisanwendung geht es nicht wie sonst üblich um die professionelle Theorie, sondern um konkrete Anwendungsfragen im medizinischen Alltag im Gesundheitswesen zwischen therapeutischer Machbarkeit und Bezahlbarkeit, um ethische Probleme der Patienten-Versorgung, um das Verhältnis von Ärzten und Pflegenden, sowie um die Aus-, Fort- und Weiterbildung des Pflegepersonals sowie um Praxistipps und praxisnahe Lektüre.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Über den Aufbau des Buchs informiert die das auf der Verlagsseite verfügbare Inhaltsverzeichnis.

Neben einer knappen Klärung der ethischen Grundlagen wird die Frage erörtert nach dem, was sein soll. Ethik bemüht sich um Orientierung und Begründung. Dabei werden pluralistische Vorstellungen des Seinsollenden im Bereich des Gesundheitswesens, Typen ethischen Argumentierens wie Formen deontologischer Ethik, des Konsequentialismus und Tugendethiken (S. 6-8) mit der Frage verbunden, was im Einzelfall ethisch gut begründet entschieden werden soll (S. 15). Hinzu kommt eine prinzipienorientierte Falldiskussion und die Bewertung von Fällen gegen über dem Patienten, Dritten, Ärzten und Pflegepersonal (S. 16-19).

Ethik-Beratung und Ethikkomitees werden als Instrumente der Entscheidung berücksichtigt. Im Zentrum aber steht die Ethikfall-Beratung (S. 26). Die Glaubwürdigkeit der Entscheidung hängt ab von der Methode, wobei vom Verstehen zum Einverständnis zwischen Arzt und Patient vorangeschritten werden soll (S. 28). Patientenautonomie und Informed Consent verweisen aufeinander (S. 35). Gemeinsame Entscheidungen zwischen den Betreuungsteams werden gesucht (S. 43).

Ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung ist die vorausschauende Behandlungsplanung (S. 53). Ergänzt wird diese durch Patientenverfügungen, wodurch der rechtliche Rahmen der Arzt-Patienten abgesteckt wird. Hinzu kommt die evidenzbasierte Medizin in der Praxis (S. 79). Patientenpräferenzen und die ärztlichen Fähigkeiten ergeben den Grundstock hierfür. Die ethische Herausforderung fliege wird ernst genommen (S. 89). Es geht um begründete Abwägungen und Entscheidungen.

Im zweiten Kapitel werden ethische Entscheidungssituationen umschrieben. Einer der behandelnden Fälle sind unnötige Maßnahmen, die gelegentlich von Patienten gefordert werden (S. 105). Ein weiteres Konfliktfeld entsteht zwischen dem Wohlergehen und der Selbstbestimmung der einwilligungsfähigen Patienten (S. 111). Auch die Rolle des Überbringers schlechter Nachrichten wird thematisiert (S. 119). Ein weiterer wichtiger Bereich von Fallentscheidung betreffen entscheidungsunfähige Patienten (125), lebensverlängernde Maßnahmen (S. 133), die Begleitung Schwerkranker und Sterbender (S. 141), Fragen der Ernährung und der Flüssigkeitsversorgung (S. 151), der Verzicht auf Wiederbelebung (S. 159), und der Umgang mit Suizidwünschen. Bei medizinethischen Entscheidungen bedarf der kulturelle Kontext Berücksichtigung (S. 173). Die Behandlung von Patienten in klinischen Studien (S. 181) und medizinische Entscheidungen unter Knappheitsbedingungen (S. 191), der Umgang mit Behandlungsfehlern, schweren Komplikationen und belastenden Verläufen (S. 201) und bei Interessenkonflikten (S. 215) sowie im Umgang mit finanziellen Anreizen (S. 223) nicht zuletzt im Transplantationssystem stellen Fragen einer Organisations-Ethik (S. 233). Nicht zu vernachlässigen sind grundsätzliche die Frage nach der Qualität von Einrichtungen des Gesundheitswesen (S. 245). Hinzu kommen Fragen der Ethik als Führungs- und Managements-Aufgabe (S. 257).

Im dritten Kapitel geht es um ethische Herausforderungen in speziellen Praxisfeldern wie der assistierten Reproduktion (S. 267), der Präimplantationsdiagnostik (S. 279), dem Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik (S. 289), dem Schwangerschaftsabbruch bei zu erwartender Überlebensfähigkeit des Kindes (S. 295). Darüber hinaus geht es um die postnatale genetische Diagnostik (S. 303), die Ethik in der Kinderheilkunde und Jugendmedizin (S. 313).

Auch Fragen besonderer ethischer Herausforderungen in der Intensivmedizin werden erörtert (S. 327). Die Behandlung von Patienten mit chronischen Bewusstseins-Störungen (S. 337) ist ebenfalls zu erörtern. Abgeschlossen werden die Praxisfelder durch ethische Fragen der Organtransplantation (S. 347), durch die Diskussion des ethischen Umgangs mit psychischen Erkrankungen (S. 357), der Krebsfrüherkennung (S. 367) und der wunscherfüllenden Medizin (S. 377).

Fazit

Das Buch ist selbstverständlich nicht dafür vorgesehen, von vorn bis hinten durchgelesen zu werden, sondern Leser sollten im fortgesetzten Gebrauch über Jahre hinweg sich mit den einzelnen Kapiteln auseinandersetzen, die auch gut als Diskussionsvorlagen für ein gemeinsames Gespräch herangezogen werden können. Diese Praxisanleitung ersetzt kein herkömmliches medizinethisches Lehrbuch, ergänzt aber in wirklich brauchbarer Weise die praktische Anwendung – und diese ist für die Praxis oft wichtiger.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang
Der Rezensent lehrte Technikphilosophie und angewandte Ethik an der TU Dresden
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Zitiervorschlag
Bernhard Irrgang. Rezension vom 06.10.2016 zu: Georg Marckmann (Hrsg.): Praxisbuch Ethik in der Medizin. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2015. ISBN 978-3-95466-117-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18510.php, Datum des Zugriffs 31.10.2020.


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