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Georg Theunissen, Wolfram Kulig u.a. (Hrsg.): Handlexikon Autismus-Spektrum

Cover Georg Theunissen, Wolfram Kulig, Vico Leuchte, Henriette Paetz (Hrsg.): Handlexikon Autismus-Spektrum. Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 429 Seiten. ISBN 978-3-17-023431-4. 54,99 EUR.
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Thema

Zum Thema Autismus gibt es interdisziplinäre Diskussionen, die kontrovers sind. Zunehmend steht Kritik an der Pathologisierung autistischen Verhaltens im Fokus. Folge dieser Entwicklung ist, dass sich eine Vielzahl neuer Fach- und Schlüsselbegriffe entwickelt haben. Bestehende Begriffe wurden neu interpretiert. Das Buch greift wesentliche Schlüsselbegriffe (in praktischer und theoretischer Hinsicht) auf. Entstanden ist eine solide wissenschaftliche Orientierungshilfe.

Herausgeberkreis

Herausgeber ist Professor Dr. Georg Theunissen. Er hat den Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik und Pädagogik bei Autismus am Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle-Wittenberg. Die weiteren Herausgeber sind wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen am Lehrstuhl.

Mitgewirkt haben darüber hinaus über 70 Fachmenschen für Autismus, die am Ende des Buches vorgestellt werden.

Aufbau …

Das Buch ist als gebundene Ausgabe aufgelegt. Es umfasst 429 Seiten. Die Begriffe sind alphabetisch geordnet. Die einzelnen Buchstaben sind am Schnitt des Buches farblich hervorgehoben, sodass ein schneller Zugriff möglich wird. Das Übersichtsverzeichnis besteht aus sieben Seiten mit den zentralen Schlüsselbegriffen rund um das Thema Autismus Spektrum. Das Buch schließt mit der Vorstellung aller 77 Autoren sowie einem Sachwortverzeichnis und Begriffsverweisen, die unter inhaltlichen Gesichtspunkten den Schlüsselbegriffen zugeordnet sind und nicht in das allgemeine alphabetische Verzeichnis eingeordnet wurden. So findet man unter dem Stichwort „Arbeit“ verschiedene Arbeitsmöglichkeiten vom Arbeitsangeboten in geschützten Förderbereichen bis zu Betrieben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und Firmengründungen und unter dem Stichwort „Ursachen“ 37 Unterstichworte. Das Stichwort „Interventionen/Interventionsmethoden“ gliedert sich in neun (I-IX) Unterkapitel. Am Ende der einzelnen Stichworte sind die jeweiligen Autorinnen und Autoren namentlich benannt. Zudem findet man hier auch Literaturhinweise.

… und ausgewählte Stichwörter

Fragen zum Stichwort Intelligenz werden unter verschiedenen Stichworten diskutiert. Man kann „Intelligenz“ (S. 178-182) direkt nachschlagen, Informationen zum Stichwort „Intelligenztests“ findet man auf den Seiten 182-186, Erläuterungen zum Intelligenzbegriff findet man auch beim Stichwort „Geistige Behinderung“. Hier wird diskutiert, dass die wissenschaftlich-empirisch nie nachgewiesene Behauptung, dass 60-75% aller Autisten eine geistige Behinderung hätten, nicht mehr vertretbar ist. Es gibt eine große Unsicherheit in Bezug auf die Einschätzung der Intelligenz bei Autismus (S.159). Forschergruppen fordern, dass auf sprachbasierte Tests zugunsten sprachfreier Verfahren wie z.B. dem Raven Matrizen Test verzichtet werden sollte. Insgesamt wird diskutiert, dass die Intelligenz von sog. frühkindlichen autistischen Personen unterschätzt wird. Die Erkenntnis sollte vor allem auch in Bezug auf Personen mit non-verbalen Kommunikationsfähigkeiten reflektiert werden. Wer sich dafür interessiert wird auf den Seiten 119-122 unter dem Stichwort „Enhanced Perceptional Functioning (EPF)“ fündig, womit „wesentliche Unterschiede in der Wahrnehmungsverarbeitung nicht sozialer Reize bei autistischen und nicht-autistischen Personen“(S. 119) gemeint sind. EPF wird in Kanada diskutiert. Es werden acht Prinzipien genannt. EPF gilt als eines der Leitkonzepte, um Normabweichungen bei nicht-sozialen Informationsverarbeitungsprozessen bei Autisten zu erklären“ (a.a.O. S. 121). Neben dem EPF gelten die „Monotropismus-Hypothese“ (S. 263) und die „Intense World Theory“ (S. 186-187) zu den modernen wahrnehmungsbasierten Erklärungshypothesen von Autismus.

Anders als in anderen landläufigen Publikationen werden die Stichworte Empathie (S. 116- 117) und die sog. Theory of Mind (S. 367-369) voneinander unterschieden. Unter dem Stichwort Empathie findet man die Erklärung von Hajo Seng (Promovend zum Thema Autismus, beschäftigt bei autWorker e.V. in Hamburg), dass es ein Missverständnis ist, autistische Menschen hätten wenig bis keine Empathie. Aus seiner Sicht ist nicht ein zu wenig von Empathie vorhanden, sondern ein zu viel vom Mitfühlen oder wie er sagt „Mitwahrnehmen“. Das weiß Hajo Seng aus eigener Anschauung zu berichten, denn er verfügt oft über ein Mehr an Empathie  - mehr als er verarbeiten kann (S.116). Ein weiteres Gegenargument formuliert er wie folgt: autistische Menschen untereinander haben keine Probleme. Daraus zieht er sein Resümee, dass die autistische Sozialisation und Kommunikation so verstanden lediglich vor bestimmten sozialen Hintergründen als behindert erscheint. „Vor anderen Hintergründen können sie durchaus auch als Befähigung erscheinen“ (S. 117)

Unter dem Stichwort Theory of mind (verfasst von Kai Vogeley, Oberarzt an der Medizinischen Fakultät, Klinik für Psychiatrie in Köln) findet der Leser folgende Erläuterung: Der Begriff Theory of mind (ToM) ist nicht unumstritten. Vogeley zieht den Begriff „Mentalisieren“ verstanden als „sich hineinversetzen“ vor, was mit dem „intuitiven präreflexiven Erfassen der Verfassung anderer“ zusammenfällt. Vogeley erläutert: „diese Fähigkeit des Sichhineinversetzens in andere oder die ToM Fähigkeiten in einem weiteren Wortsinn hat auch einen direkten Bezug zu autistischen Kernstörungen, nämlich zu Störungen der Interaktion und Kommunikation. Baren Cohen spricht in diesem Zusammenhang von ‚Mindblindness‘“.

Diskussion

Das Thema Autismus ist zurzeit sehr virulent. Georg Theunissen hat in den letzten Jahren eine Reihe von Büchern zum Thema Autismus Spektrum geschrieben, zu denen auch Rezensionen von mir vorliegen:

Es ist Theunisssen dabei ein großes Anliegen, Experten in eigener Sache zu Wort kommen zu lassen, was sich auch in diesem Buch widerspiegelt. Seitdem Betroffene sich zunehmend an der Aufklärung beteiligen werden bestehende Begriffe neu interpretiert und es haben sich neue Sichtweisen entwickelt. Lange Zeit herrschte eine pathologische Sichtweise vor, die die Defizite in den Fokus nahm. Mit der Aufnahme des Rechts auf Inklusion in der Behindertenkonvention der Vereinten Nationen veränderte sich das Bild von Behinderung. Nicht mehr das Defizit, das Nicht-Können und der Mangel stehen im Fokus, sondern die Erkenntnis, dass Behinderung in Interaktion zwischen Personen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht. Diese Abkehr von der Defizitorientierung führt zum Empowerment behinderter Menschen. Diese Haltung eröffnete neue Blickwinkel: Autismus wird nicht mehr als Krankheit verstanden, sondern als neurologische Variante des menschlichen Seins, die bei 1% der Bevölkerung in Erscheinung tritt. Priorität hat nicht das medizinisch- psychiatrische Leitmodell, sondern das sozialpädagogische, das die Stärken und Fähigkeiten in den Mittelpunkt rückt.

Das hier vorgestellte Handbuch Autismus Spektrum ist eine Sammlung von Schlüsselbegriffen aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. Die Auswahl der Schlüsselbegriffe sowie der Autoren ist gelungen.

Der Begriff „Autismus-Spektrum“ vertritt eine Sichtweise, die Autismus in seiner Ganzheit als menschliche Form des Seins begreift. Er stammt aus der Rechtebewegung aus den USA und macht deutlich, dass es eine Reihe von Eigenschaften, also eine Vielfalt, gibt, die in ihrer Ausprägung aber unterschiedlich und somit individuell zu betrachten sind.

Alle autistischen Personen sind – wie alle anderen Menschen auch – einzigartig. Autistische Menschen teilen einige gemeinsame Charakteristika, die funktional bedeutsam sein können. Die Autistin D. Raymaker hat ein Konzept vorgelegt, das durch Theunissen weiterentwickelt wurde. Darin werden sieben Charakteristika benannt:

  1. Unterschiedliche sensorische Erfahrungen,
  2. Unübliches Lernverhalten und Problemlösungsverhalten,
  3. Fokussiertes Denken und Spezialinteressen,
  4. Atypische, manchmal repetitive Verhaltensmuster,
  5. Bedürfnis für Beständigkeit, Routine und Ordnung,
  6. Schwierigkeiten, Sprache zu verstehen und sich sprachlich auszudrücken, wie es üblicherweise in Kommunikationssituationen (Gesprächen) erwartet wird, und
  7. Schwierigkeiten typische soziale Interaktionen zu verstehen und mit anderen Personen zu interagieren (S.42-43).

Mit diesem Ansatz gelang es, die defizitorientierte Betrachtungsweise von Autismus zu überwinden. Leider ist das Konzept nicht operationalisiert worden. Zudem besteht die Gefahr, dass real existierende Probleme ausgeblendet werden und dadurch notwendige Unterstützungsbedarfe nicht erkannt werden.

In interdisziplinären Diskussionen bildet sich ein Spannungsfeld ab, in dem beide Perspektiven (Defizitorientierung und Ressourcenorientierung) nebeneinander stehen und mir drängt sich die Frage auf, wie es gelingen kann, im Zeitalter der Inklusion Abschied vom Denken in Normen zu nehmen, die Vielfalt des Menschseins in den Mittelpunkt zu stellen und ein Umfeld zu schaffen, in dem Lernen und Entwicklung möglich ist.

Fazit

Zum Thema Autismus gibt es interdisziplinäre Diskussionen, die kontrovers sind. Zunehmend steht Kritik an der Pathologisierung autistischen Verhaltens im Fokus. Folge dieser Entwicklung ist, dass sich eine Vielzahl neuer Fach- und Schlüsselbegriffe entwickelt haben. Bestehende Begriffe wurden neu interpretiert. Das Buch greift wesentliche Schlüsselbegriffe (in praktischer und theoretischer Hinsicht) auf. Entstanden ist eine solide wissenschaftliche Orientierungshilfe.

Angestoßen durch die Empowermentbewegung wird autistisches Verhalten zunehmend als funktional, also subjektiv bedeutsam, anerkannt. Das ebnet einer wertschätzenden verstehenden Perspektive den Weg und eröffnet eine Praxis, die nicht allein die Veränderung der Person zum Ziel hat, sondern auf das Person-Umwelt-Verhältnis fokussiert. Das Buch nimmt diese Haltung auf.

Mir ist kein weiteres Buch dieser Art im Fachgebiet Autismus Spektrum bekannt. Diese Lücke wurde nun erfolgreich geschlossen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 03.08.2015 zu: Georg Theunissen, Wolfram Kulig, Vico Leuchte, Henriette Paetz (Hrsg.): Handlexikon Autismus-Spektrum. Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-023431-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18512.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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