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Vera Bernard-Opitz: Kinder mit Autismus-Spektrum-­Störungen (ASS)

Cover Vera Bernard-Opitz: Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Ein Praxishandbuch für Therapeuten, Eltern und Lehrer. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 296 Seiten. ISBN 978-3-17-022465-0. 39,99 EUR.
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Autismus

Autismus wird von dem griechischen Wort „autos“ abgeleitet und bedeutet „selbst, eigen…“. Insofern wird mit dem Begriff die wesentlichste Beeinträchtigung autistischer Menschen, „die Selbstbezogenheit“, beschrieben.

Autismus-Spektrum-Störungen sind bereits im frühen Kindesalter einsetzende, tief greifende Entwicklungsstörungen, die die kindliche Entwicklung beeinflussen. „Autismus“ bezeichnet ein Syndrom, d. h. ein Zusammentreffen verschiedener Symptome. Es handelt sich i. d. R. um mehrfache Beeinträchtigungen, gehäuft mit vielfältigen Syndromen (ca. 30 sind bekannt). Die spezifische Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung wird gestellt, wenn von den verschiedenen möglichen Ausprägungen bestimmter auffälliger Verhaltensweisen oder Entwicklungsstörungen eine genau definierte Anzahl über eine festgelegte Zeit beobachtbar gewesen ist. Über die Ursächlichkeit der autistischen Störung ist damit zunächst noch nichts gesagt. Das Erscheinungsbild und die Intensität des Autismus variieren erheblich.

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist eine komplexe und vielgestaltige Entwicklungsstörung. Zentralproblem ist die Wechselwirkung zwischen Wahrnehmungs-/Denkstörungen und Beziehungsstörungen. Sie werden in den Veröffentlichungen verschieden dargestellt. Auch bei den Ausprägungen der ASS gibt es in der medizinischen Diagnostik unterschiedliche Einschätzungen. Nach den beiden Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV wird nach frühkindlichem Autismus, Rett-Syndrom, Desintegrativer Störung im Kindesalter (Heller-Syndrom) und Asperger-Syndrom unterschieden. Autismus ist eine Entwicklungsstörung und nicht grundsätzlich mit einer geistigen Behinderung einhergehend. Häufig werden die Begriffe „Autismus“ und „geistige Behinderung“ gleichgesetzt. Es ist notwendig, diese Begriffe sowie die Autismus-Spektrum-Störungen von anderen Erkrankungen abzugrenzen. Autismus ist keine geistige Behinderung, sondern eine Entwicklungsstörung. Es gibt allerdings eine sehr hohe Komorbiditätsrate (d. h. gemeinsames Vorliegen mehrerer Erkrankungen) von Autismus einerseits und geistiger Behinderung sowie Anfallsleiden andererseits. Insofern gibt es also Autismus mit geistiger Behinderung und den Autismus ohne geistige Behinderung, ebenso wie es auch seltener das Zusammentreffen von Autismus und Hochbegabung gibt. Die Besonderheit der Symptomatik der Autismus-Spektrum-Störungen macht es häufig schwer, hier angemessen zu unterscheiden.

Autorin

Dr. Vera Bernard-Opitz ist Klinische Psychologin und approbierte Psychologische Psychotherapeutin, die sich seit vielen Jahren auf Kinder und Jugendliche mit Autismus sowie Entwicklungs- und Verhaltensstörungen spezialisiert hat.

Sie hat ein amerikanisches Zertifikat als BCBA-D (Board Certified Behavior Analyst-Doctorate) und war mehrere Jahre Supervisorin einer amerikanischen ABA Firma.

Vera Bernard-Opitz hat als Professorin an der National University of Singapore gearbeitet und dort 15 Jahre lang ein Zentrum für Kinder mit Autismus koordiniert. Sie ist Herausgeberin mehrerer Bücher sowie einer neuen Praxisserie und gibt Workshops und Vorträge speziell zu Verhaltensproblemen, Aufbau von Kommunikation und Sozialverhalten sowie Visuellen Hilfen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)“ setzt sich auch zehn Kapiteln zusammen:

1. Was sind Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) umfassen ein Kontinuum an Verhaltensauffälligkeiten, die sich in Ausprägung, Schweregrad und Prognose erheblich unterscheiden. Die Diagnose einer autistischen Störung erfolgt durch Fragebogenerhebung und Beobachtung. Wichtig für die Prognose und Therapieplanung ist das Verständnis von Verhaltensauffälligkeiten und das Erstellen eines Intelligenz- und Fähigkeitsprofil. Frühkindlicher Autismus geht in vielen Fällen mit anderen Problemen einher, wie z.B. Aufmerksamkeits-, Wahrnehmungs-, Organisations- oder Schlafstörungen. Eine medikamentöse Behandlung kann in einigen Fällen zusätzlich zu strukturierten und sensomotorischen Therapien sinnvoll sein. Einen günstigen Einfluss auf die Prognose hat auch eine positive Einstellung der Eltern zu ihrem Kind.

2. Welche Therapieansätze gibt es? Im Vergleich zu ganzheitlichen Therapieansätzen haben Strukturierte Therapien eine empirische Basis und stehen in direktem Bezug zu den Problemen autistischer Kinder. Aus den Anfängen traditionellen diskreten Lernens hat sich eine Vielzahl von Methoden entwickelt. Das natürliche, erfahrungsorientierte Lernen, das Training von Schlüsselverhaltensweisen und visuelle Programme werden im Buch dargestellt. Sie sind im STeP-Programm, dem Strukturierten- und erfahrungsorientierten Trainingsprogramm integriert.

3. Das Therapiespektrum von Autismus-Spektrum-Störungen. Neben der traditionellen Verhaltenstherapie und dem Präzisionslernen umfasst Strukturiertes Lernen das Natürliche Sprachparadigma, erfahrungsorientierte Interventionen sowie visuelle Ansätze wie Handzeichen, bebilderte Handlungspläne, PECS und TEACCH-Methoden. Obgleich die jeweiligen strukturierten Therapiemethoden zwar ihre Wirksamkeit wiederholt dokumentiert haben, gibt es jedoch bislang wenige Verhaltensuntersuchungen. Daher hängen derzeit die Wahl und der Einsatz einer bestimmten Methode vom jeweiligen Kind sowie dem Therapieziel ab.

4. Wie geht man mit Verhaltensproblemen um? Eine wichtige Grundannahme verhaltenstherapeutischer Interventionen besteht darin, dass jedes Problemverhalten eine bestimmte Funktion. Mittels einer Verhaltensanalyse werden mögliche Auslöser und verstärkende Konsequenzen festgestellt. Häufigste Funktion von Verhaltensproblemen sind dabei der Wunsch nach Aufmerksamkeit, die Vermeidung von Anforderungen, der Zugang zu materiellen Vorteilen oder auch zwanghaftes oder selbststimulatives Verhalten. Die spezifische Intervention muss wie ein Schlüssel zum Schloss passen, das heißt, sie muss auf der jeweiligen Funktion des Verhaltens aufbauen.

5. Wie kann Verhalten aufgebaut werden? Der Aufbau von angemessenem Verhalten ist im Wesentlichen von der richtigen Wahl von Verstärkern abhängig. Auf der Basis einer zunächst erfolgten Verhaltensbeobachtung und Befragung von Bezugspersonen können effektive Konsequenzen aus einer Hierarchie ausgewählt werden. Diese umfasst unter anderem materieller Verstärker wie beliebtes Spielzeug, symbolische Verstärker wie Münzverstärker und soziale Verstärker wie Lob und Körperkontakte. Verstärker sollten nach Möglichkeit funktional und natürlich sein, so dass ein zu vermeidendes Verhalten ausgeblendet und ein wünschenswertes Verhalten verstärkt werden kann.

6. Wie ist die konkrete Therapie zu gestalten? Die verschiedenen Therapiemethoden unterscheiden sich in ihrem Vorgehen, aber auch im äußeren Rahmen wie dem Ort der Therapie, der Sitzhaltung und Materialdarbietung. Während die Arbeit am Tisch im diskreten Lernformat, beim Präzisionslernen und im TEACCH-Programm Vorrang hat, findet erfahrungsorientiertes Lernen und das Natürliche Lernen bevorzugt in Spiel- oder Alltagssituationen statt. Für das einzelne Kind ist entscheidend, dass die Interventionen zu seinen individuellen Merkmalen und den Umgebungsvariablen, aber auch zu den jeweiligen Therapiezielen passen.

7. STeP-Curriculum: Trainingsaufgaben für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Im folgenden Curriculum werden Trainingsaufgaben vorgestellt, die wesentliche Behandlungsziele für Kinder mit autistischem Verhalten angehen. Die betroffenen Kinder müssen unter anderem lernen, aufmerksam zu sein, Personen anzusehen, nachzuahmen, Konzepte zu entwickeln, Sprache zu verstehen und zu kommunizieren, angemessen mit anderen Menschen umzugehen, zu spielen und selbstständig zu werden. Für jedes dieser Ziele werden vier zentrale Therapiemethoden aufgezeigt. Wichtig für Eltern, Therapeuten und Lehrer ist dabei, dass Diskrete Lernen, Präzisionslernen, das Natürliche und Erfahrungsorientierte Lernen und Visuelle Systeme nicht als starr voneinander getrennte Ansätze, sondern als ein Kontinuum von Methoden zu verstehen, die sich in der Arbeit mit Kindern mit ASS bewährt haben. Das STeP-Curriculum kombiniert Strukturiertes Training mit erfahrungsorientierten Programmen sowie visuellen Methoden.

8. Wie stellt man ein häusliches Therapieprogramm auf? Der Einbezug von Eltern, Geschwistern und erweiterter Familie in die Therapie ist besonders bei Kindern mit ASS wichtig, um sicherzustellen, dass die Behandlungsziele einen Bezug zu der jeweils spezifischen Lebenssituation des Kindes haben und auf den Alltag übertragen werden. Das Kind verbringt in der Regel die meiste Zeit mit seiner Familie, die oft auch hoch motiviert ist, sein Verhalten so schnell wie möglich zu verbessern. Auch sind Eltern im Allgemeinen diejenigen Personen, die über die besten Verstärker verfügen. Während einige Eltern die Anwesenheit von jungen, dynamischen Co-Therapeuten in ihrem Zuhause sehr begrüßen, kann das für andere eine zusätzliche Belastung sein. Auch hier muss im Einzelfall entschieden werden, was dem Kind und seiner Familie am meisten hilft.

9. Entwicklungsstörungen. Neben Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung, gibt es spezielle Entwicklungsstörungen, die verschiedene Bereiche schulischer Fähigkeiten sowie Sprache und Motorik betreffen. Daneben gibt es kognitive Entwicklungsstörungen, die im Allgemeinen nach der Höhe des Intelligenzquotienten eingeteilt werden. Während es zahlreiche empirisch untersuchte Förderprogramme für Kinder mit ASS gibt, besteht bei Kindern mit speziellen Entwicklungsstörungen ein Mangel an evidenzbasierten Programmen.

10. Teleberatung. Teleberatung ist eine Möglichkeit, über den Computer in Bild und Ton beraten zu werden. Vergleichbar zu zugeschalteten Interviews im Fernsehen, finden Gespräche statt, bei denen der professionelle Berater die beteiligten Kinder, Eltern, Lehrer und Fachkräfte über Skype in Echtzeit sieht und hört, wobei auch er für sie am Computer sichtbar wird. Durch Teleberatung bekommen Eltern professionelle Hilfe beim Erstellen von Lernaufgaben, Verbessern von Motivation sowie beim Umgang mit Verhaltensproblemen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Fachleute, die mit der Zielgruppe arbeiten. Es kann ebenso für fitte Eltern und Cotherapeuten/-innen hilfreich sein.

Fazit

Frühkindlicher Autismus ist ein Krankheitsbild, das in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen hat. Es wird kontrovers diskutiert, ob die beobachtete Zunahme durch eine Verbesserung und Ausweitung der Diagnose bedingt ist oder ob es sich um eine tatsächliche Erhöhung autistischer Störungen handelt. Therapieansätze, die Kindern mit autistischem Verhalten nachgewiesenermaßen helfen, werden verglichen. An Beispielen werden neue verhaltenstherapeutische Methoden, Präzisionslernen, erfahrungsorientiertes Lernen, visuelle Strategien wie das Handzeichentraining, das Bildaustauschprogramm PECL, das TEACCH-Training sowie bebilderte Handlungspläne dargestellt. Dieses Buch hilft Eltern und Therapeuten, durch Beispiele von Aufgabenabfolgen Trainingsprogramme zu planen und in strukturierter Weise durchzuführen. Dabei werden konkrete Hilfen für eine intensive Förderung zu Hause gegeben.


Rezensentin
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
Homepage www.oleimeulen.info


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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 10.08.2015 zu: Vera Bernard-Opitz: Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Ein Praxishandbuch für Therapeuten, Eltern und Lehrer. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-022465-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18513.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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